Stadio Ettore Giardiniero di Via del Mare, 21.740 Zuschauer, Serie A
Lecce liegt weit südlich im Salento, dem Stiefelabsatz des italienischen Festlandes. Die Sportvereinigung Lecce ist nach mehreren Jahren in die Serie A zurückgekehrt. Aufgrund der Beteiligung an Spielmanipulationen wurde der Verein vor einigen Jahren in die Serie C strafversetzt. Nach dem Aufstieg in die Serie B im vergangenen Jahr rauschte der Club durch dieselbe und meldete sich nun wieder im Oberhaus zurück. Auf Lecce hatte ich schon in den vergangenen Jahren immer mal ein Auge geworfen, nun sollte ein Besuch also endlich verwirklicht werden. Stadio Ettore Giardiniero di Via del Mare heißt der Heimspielort von US Lecce mit vollem Namen. Ein ansehnliches, schon etwas ergrautes Mehrzweck-Rund mit einem aktuellen Fassungsvermögen von knapp 32.000. Wenn man sich die nagelneuen Sitzschalen, die der weitläufigen Spielstätte ein frisches Aussehen verleihen, wegdenkt, könnte man diese so auch auf dem afrikanischen Kontinent vermuten. Der Verein genießt breiten Rückhalt im ganzen Salento, wie einige Banner verrieten. Die Curva Nord gab mit einem Fahnenmeer in Rot und Gelb ein gutes Bild ab. Auch akustisch hat es mir gut gefallen. Hohe Mitmachquote und gute Lautstärke, was unter Berücksichtigung eines fehlenden Daches höher zu bewerten ist. Ist ja nicht so einfach, einen guten Sound zu entwickeln, wenn kein Dach für den Widerhall vorhanden ist. Aus Ligurien waren knapp 200 Genovesi angereist. Hut ab, über 1.000 Kilometer liegen beide Städte auseinander. Die Genoa-Tifosi hatten drei Schwenker im Gepäck und supporteten ihr Team nach Kräften. Die Gäste zeigten sich in den ersten 20 Minuten bärenstark, so dass man sich fragen musste, warum das Team auf einem Abstiegsrang steht. Lecce, das bis dato ordentliche Saison spielt und sich beharrlich über dem Strich hält, kam gar nicht zur Entfaltung und hatte viele Fehlpässe und einfache Ballverluste zu beklagen. So kam das Führungstor auch nicht sehr überraschend. Was für ein irrer Treffer – der Schlussmann der Leccesi musste den Strafraum verlassen, um einen Konter in höchster Not zu klären. Der Befreiungsschlag geriet aber viel zu kurz und ein Gästespieler beförderte die Kirsche aus über 40 Metern volley ins Netz. Die Gastgeber konnten sich danach befreien, aber mit dem Halbzeitpfiff fiel das zweite Tor für die Ligurier durch einen wohl zweifelhaften Foulelfmeter. Komfortable Halbzeit-Führung, das sah nicht gut aus für die Giallo-Rossi, die auch nach dem Seitenwechsel ihren Rhythmus nicht fanden. Es bedurfte einer Initialzündung und die kam auch in Form des unerwarteten Anschlusstreffers aus dem Nichts nach einer guten Stunde Spielzeit. Zehn Minuten danach wurde ein Genovesi mit der Ampelkarte des Feldes verwiesen und der Mann war noch nicht in der Kabine angekommen, als auch schon der Ausgleich fiel. Zehn vor dem regulären Ende gab es einen weiteren Platzverweis gegen einen Gäste-Akteur und das war das endgültige Signal zur Schlussoffensive. Die Unione Sportiva schnürte das Gäste-Team nun in deren Hälfte ein. In den Schlussminuten gab es gefühlte dreißig Ecken für die Heim-Mannschaft, aber ein Treffer wollte nicht mehr fallen. Das wäre des Guten auch zu viel gewesen, denn der Genoa Cricket and Footballclub, ältester noch existierender italienischer Fußballclub, von englischen Zuwanderern gegründet, verdiente sich den Punkt mit einer insgesamt couragierten Leistung. Sechs Remis hat US Lecce nun in dieser Saison bisher gespielt, davon vier mal ein 2:2 – scheint sich zum bevorzugten Resultat zu entwickeln. Mir ist der Club recht sympathisch und ich wünsche ihm den Klassenerhalt in einer Region, die wirtschaftlich und sportlich sonst nicht sehr verwöhnt wird.
Stadio Erasmo Iacovone, 1.200 Zuschauer, Serie D Girone H
Quer durch die wunderschöne Basilikata strebten wir Richtung Golfo die Taranto. Eigentlich war ich für heute von einem Off-Day ausgegangen, hatte am Mittwoch noch die Ansetzungen ab Serie D abwärts geprüft. Zu früh, wie sich in einer Message-Kommunikation mit RWE-Kumpel Marco herausstellte, der mich auf die entsprechende Verlegung des Spiels in Taranto hinwies. Noch mal heißen Dank dafür. Die Dankbarkeit der Dame hielt sich dagegen in Grenzen, da der Trip aber klar als Fußball-Tour deklariert war, fügte sie sich wohlwollend. In Taranto steht mit dem Stadio Erasmo Iacovone ein recht imposanter Ground. Benannt ist die Spielstätte nach einem ehemaligen Spieler, der in den 70ern bei einem Autounfall verstarb. Über 27.000 Leute passen hinein – ein schönes Brett, das Ding. Der Taranto FC 1927 hat eine bewegte Geschichte mit Insolvenzen und mehreren Umbenennungen hinter sich. Typisch italienischer Club-Werdegang möchte man sagen. Die letzten Jahre verbrachte man überwiegend in der Serie D. Nach drei zweiten Plätzen und Ausscheiden in den Aufstieg-Playoffs in Folge, wurde der Club vor drei Jahren aber dennoch in die Serie C versetzt, da die Liga aufgrund Lizenzverweigerungen aufgefüllt wurde. Taranto stieg jedoch sang- und klanglos wieder ab und schied in den folgenden beiden Saisons erneut in den Aufstieg-Playoffs wieder aus. Aktuell ist die Situation etwas eskaliert, da die wenigen verbliebenen Fans auf Konfrontationskurs gegen Präsidium und Mannschaft auf die Barrikaden gegangen sind. Nach ordentlichem Saisonstart droht der Absturz ins Mittelmaß. Die Situation erinnerte mich etwas an den RWE der letzten Jahre. Ein Spruchband, welches im Oberrang hing, tat deutlich die Meinung der Ultras kund. Nocerina ist ein Club aus Nocera Inferiore, nahe Salerno in Kampanien. Gute 75 Tifosi hatten den Weg auf sich genommen und lieferten eine ganz ordentliche Vorstellung ab. Und sie wurden für ihre Mühe belohnt, denn ihr Team, das dringend Punkte gegen den Abstieg benötigt, fügte den Gastgebern die dritte Niederlage in Folge zu. Das brachte die Taranto-Tifosi noch mehr auf die Barrikaden, die ihr Team nach dem Abpfiff übelst bepöbelten.
Als im Anflug auf Bari der Sinkflug unterbrochen wurde und wir beinahe im Gleitflug zwischen zwei Wolkenschichten umher schwebten, wurde der geschätzten Gattin und mir schon klar, dass bald darauf Improvisation gefragt war. In Bari zeigte sich die Lage nämlich zu nebulös für einen Landeversuch. Man mag vermuten, dass die Wetterlage an den relativ nahe zu Bari liegenden Flughäfen Brindisi und Taranto nicht besser war, anders ist die Entscheidung, den über 300 Kilometer von Bari entfernten Flughafen in Pescara anzusteuern, nicht nachzuvollziehen. Absurderweise waren wir dadurch näher an unser Tagesziel heran gerückt, zumindest die reine Entfernung betreffend. Die Mietwagenbuchung in Bari war natürlich hin, die Option auf die von der Airline angekündigten Busse zu warten, verbot sich aber – das Chaos brauchten wir nun wirklich nicht. Die Neubuchung schlug eine ordentliche Kerbe ins Budget, aber davon wollten wir uns das lange Wochenende auf dem Stiefel nicht versauen lassen. Durch die südlichen Ausläufer des Apennin, dem Gebirge, das quasi die Wirbelsäule Italiens darstellt, steuerten wir Benevento an. Das Stadio Ciro Vigorito ist ein reines rundherum geschlossenes Fußballstadion mit kleinem Unter- und größerem, überhängenden Oberrang. Italien-like verfügt lediglich die Tribuna Centrale über ein Dach. Auch in Benevento war es meteorologisch eine ziemlich trübe Angelegenheit, zeitweise war die Gegenseite kaum noch zu erkennen. Das Stadion liegt liegt direkt am Flüsschen Sabato und der Nebel zog von dort in dicken Schwaden ins Stadion. In der Serie B empfing der souveräne Tabellenführer die sizilianischen Gäste aus Trapani, die erst im Sommer den Aufstieg feierten, nun aber akute Abstiegssorgen haben. Erwartungsgemäß hatten die Gastgeber dann auch alles im Griff. Die Curva Sud trällerte solide vor sich hin, hatte auch ein paar gute Phasen, das ließ sich schon ganz gut anhören. Aufgrund der hervorragenden sportlichen Situation, hatte ich aber hinsichtlich Support und Zuschauerzuspruch doch noch etwas mehr erwartet. Die 17 Anhänger der Gäste hatten natürlich trotzdem einen schweren Stand. Mein Respekt gebührte ihnen trotzdem. Zwar sind es nur 400 Kilometer Luftlinie, aber die Anreise vom westlichen Zipfel Siziliens ist sicherlich mit hohem Aufwand verbunden. Trainer in Benevento ist übrigens kein geringerer als Filippo Inzaghi, der ja früher für Juve und Milan ordentlich die Netze gebeult hat. Mit Oliver Kragl stand bei den Gastgebern auch ein Deutscher im Team, von dem ich vorher noch nie gehört hatte.
Die Witterung macht es nicht einfacher. Eigentlich hatte ich mich mit dem Thomas auf den Besuch der Kreisliga-Partie in Altena im Märkischen geeinigt, ein kleines aber feines Stadion mit Kunstrasen-Feld. Letzteres ist bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ja immer ein wichtiger Aspekt, aber das Spiel wurde dennoch wegen Reif-Glätte abgesagt. Alder, jetzt knicken sogar schon die Plastik-Spielfelder vor dem Winter ein! Also wurde die ursprüngliche, allerdings nicht sehr überzeugt anvisierte Partie wieder aktuell – das kleine Velberter Oberliga-Derby zwischen dem SC und dem TVD. Sportlich sicher nicht so verkehrt und auch mit der nötigen Brisanz durch Lokalkolorit und den Umstand, dass beide fett im Abstiegskampf stecken. Aber die Anlage kann halt irgendwie gar nix. Kunstrasen, zum Teil mit Laufbahn ausgestattet, ein Clubheim, Ausbau negativ. Glücklicherweise rannte ich direkt am Eingang MSV-Fan Tim in die Arme, der gleichzeitig ein Arbeitskollege aus früheren Tagen ist, und der die gleiche schlechte Idee hatte. So wurde die Spielbeobachtung von kurzweiligem Palaver begleitet. Arschkalt war es. Verdammt, gerade mal um null Grad und schon spürt man die Füße irgendwann nicht mehr. Irgendwie war ich früher widerstandsfähiger. 500 Zuschauer bildeten einen einigermaßen würdigen Derby-Rahmen. Der Kick fand lange auf Augenhöhe statt, aber im Gegensatz zum gastgebenden Sportclub konnte der TVD einige Torchancen kreieren, von denen im zweiten Durchgang drei genutzt wurden. Dadurch fuhren die Gäste, die einige Jugend-Ultras am Start hatten, einen zu deutlichen Sieg ein, der etwas Luft im Abstiegskampf verschafft.
Fath Union Sport de Rabat vs RC Athletic Zemamra 1:1
Stade Prince Moulay Abdallah, 500 Zuschauer, Botola Pro
Nun hatten wir etwas Zeit, um zurück nach Rabat zu fahren, wo um 19:00 Uhr das zweite Spiel des Tages über die Bühne gehen sollte. Wir setzten uns auf einen Kaffee in eine Bar und dann checkte ich noch einmal die Ansetzungen auf der Seite des marokkanischen Fußballverbands. Und da leuchtete mir doch nun tatsächlich das Stade Prince Moulay Abdallah als Spielort entgegen, statt dem eigenen kleinen Stade de FUS. Das Spiel ging also im großen 50.000er über die Bühne, in dem der deutlich besser supportete Stadtrivale FAR seine Heimspiele austrägt. Völliger Unsinn, da die FUS-Spiele meist nur von einigen hundert Leuten besucht werden. Und absurderweise war es ärgerlich obendrein. Eigentlich ja skurril. Da wird ein Spiel statt in einem schlichten kleinen Ground in einer richtig sehenswerten Hütte angesetzt und man ärgert sich drüber. Normal wär es ja anders herum, aber das Stade Prince Moulay Abdallah sollte irgendwann mal mit einer vernünftigen Partie fallen. Nun gut – spricht ja nix dagegen auch ein zweites Mal dort aufzuschlagen. So richtig endglücklich waren wir mit dem heutigen Tag eh nicht, aber mit der Prämisse, möglichst wenig Aufwand zu betreiben, war das die optimale Lösung. Die Alternative wäre ein Zweitliga-Kick weit im Norden des Landes gewesen. Dieser zwar mit knapp 3.000 Zuschauern und mehr oder weniger überzeugendem Heim- wie Gäste-Support, aber dafür sieben Stunden Fahrt oder mehr für die einfache Strecke? War es uns nicht wert. Jedenfalls hatten wir nun noch mehr Zeit, da die Bude nur wenige Kilometer von unserem Standort entfernt lag. Ich nutzte den gewonnenen Freiraum erst einmal um zum Barber gegenüber zu schlurfen und mir die Gräten aus dem Gesicht schneiden zu lassen. Das mache ich in den arabischen Ländern ja immer ganz gern und finde es immer wieder faszinierend, wie die Klingenkünstler mir mit scharfer Schneide die gewünschte Struktur in die Stoppeln schnibbeln, ohne mir dabei das halbe Gesicht aufzuschneiden. Ein Taxi war nun gefragt, leider durfte uns der Blechritter unseres Vertrauens nicht direkt zum Stadion fahren. In Marokko werden die Taxi-Dienstleistungen in Petit-Taxi und Grand-Taxi unterschieden. Die kleinen Taxi-Jünger dürfen die Grenzen ihrer Kommune nicht verlassen, während die großen Jungs nur überregional on Tour gehen. Damit sich kein Petit-Taxi unerlaubtes Terrain zu eigen macht, hat jede Stadt zwecks Unterscheidung ihre eigene Taxi-Farbe. So war trotz lediglich sieben Kilometern Entfernung ein Umstieg erforderlich.
An der am großen Stadion vorbei laufenden Schnellstraße wurden wir entsorgt. Den offiziellen Ticketverkauf haben wir wohl übersehen, da dieser aufgrund des großen Andrangs im Arabian Style abseits der Ticketschalter lief und Tickets aus der Plastiktüte heraus verkauf wurden. Am Haupteingang angekommen wurden wir dann halt für lau ins Rund gebeten. Da ich aber für eine bessere Foto-Perspektive unbedingt in die Kurve wollte, war plötzlich ein kleines Bestechungsgeld für einen Ordner fällig, der sich einfach nicht abschütteln ließ. Habe ich dann reumütig für uns beide übernommen. Wahrscheinlich hätte man den Typen auch einfach dumm stehen lassen können – hab ich versaut die Nummer. Das wirft einen Schatten auf die Karriere. Aber was soll’s?! Wenn ich irgendwann tatsächlich mal Privat-Insolvenz anmelden muss, wird es nicht an diesen paar Dirham gelegen haben. Erwartungsgemäß war die Hölle los – etwa 500 Leute verloren sich im weiten schönen Rund. Stadionauslastung also ein Prozent, das macht Sinn! Die Bude ist dafür ein absolutes Brett! Warum mich das Ding so anmacht, ist schwer zu sagen, denn es ist einfach nur ein riesiger, aus einem Rang bestehender Kessel mit einer überdachten Haupttribüne. Hingucker ist natürlich das monströse Stahlgerüst, welches sich über die komplette Gegenseite ausbreitet und einen Teil der Beleuchtung trägt. Das Stadion fungiert auch als Nationalstadion des Landes. In die Schalensitze der Gegentribüne ist daher das grüne Pentagramm aus der Nationalflagge farblich eingebettet. Zum Spiel kann ich gar nicht viel sagen, da ich ein wenig umher lief und mich mehr am Stadion als am Gekicke erfreute. Irgendwann gingen die Hausherren in Führung und die Gäste egalisierten kurz vor dem Ende. Möglicherweise war es verdient, vielleicht auch unverdient, was weiß ich, interessiert mich auch nicht wirklich. Hier gehörte dem Stadion die Aufmerksamkeit. FUS wurde von zwei oder drei Dutzend Leuten ab und an supportet, viel war da nicht zu hören. Erst recht nicht von der Hand voll Gästefans aus dem 270 Kilometer entfernten Zemamra.
Zurück in der Stadt futterten wir uns noch durch einen Hähnchen-Grill und dann schlich jeder in seine Unterkunft. Der Abreisetag bot noch ausreichend Zeit, sich Rabat anzusehen. Eigentlich eine ganz angenehme Stadt, denn auf der Touri-Skala steht diese nicht so weit oben und ist nicht überlaufen. Es ist die Hauptstadt Marokkos und Sitz der Regierung und des Königs. Zunächst latschten wir zum Hassan-Turm, einem Wahrzeichen der Stadt. Dabei handelt es sich um das unvollendete Minarett einer Moschee aus dem 12. Jahrhundert. Auf dem sich anschließenden Freigelände stehen mehrere hundert Säulenstümpfe. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich, dass es sich um die tragenden Säulen der bei einem Erdbeben eingestürzten Moschee handelt. Unmittelbar daneben befindet sich das prunkvolle Mausoleum in dem Mohammed V, der Großvater des aktuellen Königs Mohammed VI, bestattet wurde. Östlich der Medina liefen wir am Fluss Bou-Regreg, der Rabat von der Nachbarstadt Salé trennt, entlang zur Kasbah des Oudaias, einem weitläufigen an der Flussmündung gelegenen Festungsbaus. Der Besuch der Andalusischen Gärten scheiterte daran, dass sich uns ein Guide aufzwingen wollte. Wird man manchmal echt nicht los, die Mokel, also Rückzug. Vom großen Platz der Kasbah hat man einen schönen Blick auf den Atlantik. Zeit, sich noch mal zu trennen. Nobbi nahm wieder Kurs auf die Medina und ich nahm mir das direkt an der Küstenlinie gelegene Fort Rottembourg zum Ziel, wo ich aber wegen ausgiebiger Trödelei nie ankam.
Also abgebogen Richtung Medina, um noch einen Mittagssnack zu nehmen und dann mussten die Brocken aus der Unterkunft geholt werden. Kurze Schreckminute als ich den Laden dunkel, verriegelt und verrammelt vorfand. Als ich die Telefon-Nummer auf der Bestätigung ins Handy zimmern wollte, fiel mir auf, dass eine Schweizer Vorwahl angegeben war. Aufkommende Ratlosigkeit wischte eine junge Dame weg, die aus einer benachbarten Tür trat. Ihr trug ich mein Problem vor und sie klopfte zielstrebig an eine weitere Tür aus der ein Typ trat, den ich noch nie vorher gesehen hatte, der aber ohne weitere Nachfrage genau wusste, was zu tun war. Dann schnell ab zum Bahnhof, dem vereinbarten Treffpunkt, von wo der Airport-Bus fahren sollte, der aber zur recherchierten Zeit eben nicht fuhr. Blieb nur die Taxi-Mafia. Überpünktlich ging es dann nach Weeze, so dass wir sogar noch den letzten Linienbus bekamen und um ein weiteres Taxi herum kamen. Marokko hat mir gut gefallen, da gibt es noch einiges zu entdecken. Für einen kleinen Urlaub mit der Dame taugt das sicherlich auch, daher komme ich bestimmt wieder. Inshallah!
Das Frühstück am nächsten Morgen war wenig berauschend, aber umso faszinierender war dafür der Arbeitsstil der Servicekräfte. Allahu akbar – was für eine Chaos-Crew. Gegen halb elf bestiegen wir den Zug nach Rabat. Für die letzte Nacht hatten wir getrennte Unterkünfte gebucht. Der Wunsch nach etwas Privatsphäre trieb uns auseinander und da in keiner Unterkunft im Zentrum Rabats zwei Einzelzimmer zu haben waren, buchten wir getrennte Etablissements. Ich landete in einem Riad am Rande der Medina. Sehr schön orientalisch eingerichtet, sehr freundliche Gastgeber, zufrieden war ich dennoch nicht. Der Raum verfügte nicht über Glasfenster zum Lichthof, sondern lediglich über Fensterläden mit offenen Lamellen und über der Tür waren stylische Zier-Löcher im Mauerwerk, daher kam die gewünschte Privatsphäre etwas zu kurz. War alles etwas hellhörig und man konnte jedes Wort, dass im öffentlichen Bereich gesprochen wurde, bestens verstehen. Nobbi traf es noch härter. Seine gebuchte Unterkunft existierte mal einfach gar nicht mehr, so dass er improvisieren musste und sich zielsicher ein Etablissement der Kategorie Absteige aussuchte. Gegen 13:00 Uhr trafen wir uns am Bahnhof und wir fuhren ins benachbarte Temara. 45 Minuten ging es dann per pedes quer durch die Stadt und ein Viertelstündchen vor dem Kick-off trudelten wir am Stade Yacoub El Mansour ein, wo Widad Temara die Gäste von Racing Casablanca empfing. Etwa 200 Leute hatten sich schon im kleinen Ground versammelt, bis zur Mitte der ersten Spielhälfte verdoppelte sich die Zuschauerzahl immerhin noch. Mit Racing reiste der aktuelle Tabellenführer an, während Widad auf dem vorletzten Tabellenplatz rumkrebste und ganz andere Sorgen hatte. Ein spielerischer Unterschied zwischen den Teams war aber kaum zu erkennen – es war einfach nur mies. Kaum mehr als zwei Pässe in Folge fanden die Mitspieler. Torchancen gab es wenige und diese wurden meist kläglich versemmelt. Der einzige Treffer des Spiels fiel nach einer guten halben Stunde durch einen direkt verwandelten Freistoß aus eigentlich unmöglicher Position. Bezeichnend für das Dargebotene.
Stade Mohammed V, 55.000 Zuschauer, Arab Club Champions Cup
Als ich mich mit Nobbi aus Mönchengladbach über die nächsten Aktivitäten austauschte, fiel auf, dass für dieses Wochenende in seinem wie in meinem Plan noch ein Fragezeichen stand. Als er das Stichwort Marokko fallen ließ, fiel mir ein, dass ja das Casablanca-Derby im Rückspiel des Arab Club Champions Cup für das Wochenende angesetzt war. Und nach Marokko hatte es mich bisher auch noch nicht verschlagen. Immer wenn das mal auf dem Plan stand, Flüge waren sogar schon mal gebucht, kamen mir unverschuldete Ereignisse dazwischen. Mit Spielansetzungen in Marokko ist es auch so eine Sache. Termin-Treue ist im Maghreb ein Fremdwort. Und gerade die Ansetzungen des Casablanca-Derby sind in der Regel noch wackeliger als die Vier-Minuten-Meisterschaft von Gesindelkirchen Null-Vier. Dass sich diese Paarung nun in einem Länder-übergreifenden Wettbewerb ergab – es war überhaupt das erste mal, dass Wydad und Raja außerhalb nationaler Wettbewerbe aufeinander trafen – machte die Geschichte überraschend planbar. Der Arab Club Champions Cup ist ein Wettbewerb der UAFA. Hört sich wegen der Ähnlichkeit zum UEFA-Kürzel wie ein Jux-Verband an, ist aber der Fußballverband der zur Arabischen Liga gehörigen Staaten und bringt die arabisch geprägten Länder Asiens und Afrikas zueinander. Man könnte nun meinen, der besagte Wettbewerb sei eine Art Kirmes-Pokal und ohne Bedeutung, aber das Ding wird seit fast 40 Jahren ausgespielt und von den teilnehmenden Teams absolut ernst genommen. Kurzerhand wurde die Verbindung von Weeze nach Rabat mit Hinflug am Freitag und Return am Montag drei Wochen vor dem Spiel für einen noch erstaunlich schmalen Taler beim Billig-Iren gebucht. Parken in Weeze ist auch so ein Un-Thema. Auf den offiziellen Parkplätzen in Terminal-Nähe ist das Abstellen des Autos nahezu unbezahlbar und Passagier-feindlich. Und dann wundert sich die Betreiber-Gesellschaft, dass die Passagierzahlen schrumpfen. Ryanair hat in den letzten Jahren immer mehr Verbindungen gestrichen, natürlich weil eben auch immer weniger Leute von Weeze fliegen wollen. Wenn man mit seinem Airport irgendwo in der Provinz liegt, also schon einem Wettbewerbs-Nachteil aufgrund mangelhafter Anbindung an den ÖPNV unterliegt, sollte man doch die Attraktivität steigern, eben zum Beispiel mit günstigem Parkraum. Stattdessen schreckt man die Leute noch zusätzlich zu den horrenden Parkgebühren mit einer unverschämten Gebühr in Höhe von drei Euro ab, die zwingend zu entrichten sind, wenn man das Flughafen-Gelände befahren will. Ganz ehrlich, mach zu das Dingen, dann kommt man gar nicht mehr in die Versuchung, sich dorthin zu verirren. Drecks-Flughafen! Wir stellten die Fahrzeuge in Weeze ab und fuhren mit dem Linien-Bus zum Flughafen. Flug unspektakulär und pünktlich um halb acht landeten wir auf dem Airport Rabat-Salé. Kurze Verhandlung mit nem Taxi-Mokel, unerwartet harmlos, und dann ab nach Salé zum vorab gebuchten Riad. Zu viel mehr als einem Abendessen reichte es dann nicht mehr. Dankbarer Weise verkaufte unser Gastgeber Dosenbier, was ja in Marokko schon einem Sechser im Lotto gleich kommt. Allerdings schien der er selber hart am Glas zu sein, wie sein Atem unmissverständlich verriet… am Ende saufen Sie eben doch alle!
Das Frühstück am nächsten Morgen gab es in einem beduinischen Zelt auf der Dachterrasse im orientalischen Stil. Die marokkanische Bahn brachte uns in etwas mehr als einer Stunde zum Bahnhof Casablanca-Voyage. Die eigenen unteren Extremitäten brachten uns die knappen zwei Kilometer zum Campanile Hotel, wo wir zur Mittagszeit schon einchecken durften. Meine latente Gewohnheits-Abhängigkeit machte es mir zur Aufgabe, ein paar Biere für den Abend zu besorgen. Wie gesagt, nicht so einfach in Marokko. In der nahen Filiale des Carrefour-Supermarkt, wo es gelegentlich Alkohol-Abteile geben soll, schlug der Versuch schon mal fehl. Die Nachfrage bei einem Mitarbeiter öffnete ein Kapitel aus der Reihe „Jeder will helfen, aber keiner weiß was“ und ich wurde von einem Ort zum anderen geschickt. Eine etwa 40minütige Odyssee später war ich mit leeren Händen im Hotel zurück. Nun blieb noch ein wenig Zeit für Sightseeing, also fuhren wir mit der Bahn Richtung Medina und durchquerten diese in Richtung der Moschee Hassan II, welche direkt an der Atlantikküste erbaut wurde. Diese Moschee, benannt nach dem Vater des amtierenden Königs Marokkos, ist wahrlich beeindruckend groß. Sie ist eine der größten Moscheen weltweit und ihr Minarett war bis in dieses Frühjahr, als in Algier die neue Moschee fertiggestellt wurde, mit 210 Metern das höchste der Welt. Mit dem Taxi fuhren wir zurück zum Hotel und machten unterwegs einen letzten Versuch ein paar Biere zu erwerben. Was auch gelang und tatsächlich war ein sogenannter Liquor Store nur 200 Meter von dem Punkt entfernt zu finden, an dem ich mittags aufgegeben hatte.
Ein weiteres Taxi brachte ins zum Stade Mohammed V. Der Zugang zum Stadion ist stark gesichert. Zwei Kontrollringe und schließlich das Drehkreuz mit dem Ticket-Scanner wollen überwunden werden, wenn man ins weite Rund gelangen will. Die Ticket-Frage war erstaunlich einfach zu klären. Ein marokkanisch-stämmiger Mitarbeiter in der Antwerpener Niederlassung meines Arbeitgebers war so freundlich sich zu kümmern und schoss zwei Tickets im Online-Vorverkauf, der drei Tage vor dem Spiel startete. Dann mal rein in die gute Stube. Das Stadion ist ein – ich würde fast sagen Afrika-typisches – großes Mehrzweck-Oval mit Laufbahn. Die Haupttribüne ist komplett überdacht. 55000 Zuschauer passen hinein und die sollten sich auch einfinden. Klar, das Derby zieht auch in der 141. Auflage die Massen. Gute 90 Minuten vor dem Kick-off waren wir nun drin und das war eigentlich schon zu spät, denn wir fanden nur noch Plätze am Rande der Haupttribüne. Die Kurven waren auch schon gut gefüllt und die ersten Gesänge schallerten durch den Kessel, aber vom Warm-Up hatte ich insgesamt irgendwie mehr erwartet, denn die Stimmung flachte bis zum Anstoß wieder deutlich ab. Das, was noch folgen sollte, entschädigte aber für die etwas laue Aufwärmphase. Wie immer zeigten beide Kurven aufwendige, mehrteilige Choreographien, deren Hintergrund uns sich nur zum Teil erschloss. Wahnsinn, was da für eine Mühe reingesteckt wird. Die Kurven battelten sich damit, wer seine Show länger zurückhalten kann. Den Raja-Anhang übermannte die Ungeduld zuerst und die Wydad-Kurve hatte damit eine erste Schlacht gewonnen. Nachdem die Choreos erledigt waren, wurde in beiden Kurven massiv Pyro gezündet. Krasses Kurvenbild, was die Aktiven nicht daran hinderte das Spielgeschehen zu fortzusetzen. Man stelle sich diese Nummer in Deutschland vor – der Referee hätte die Mannschaften unter Schnappatmung in die Kabinen gebeten, sich im Schrank der Schiri-Kabine eingeschlossen und das SEK gerufen.
Wie schon erwähnt handelte es sich um das Rückspiel der zweiten Runde. Wydad genoss Heimrecht, das Stadion ist aber die Heimat beider Clubs. Das Hinspiel hatte 1:1 geendet. Die Partie nahm dann recht schnell Fahrt auf und es dauerte keine Viertelstunde bis Wydad durch einen wohl berechtigten Foulelfmeter in Führung ging. Raja war das aktivere Team und hatte mehr vom Spiel, wurde aber schlussendlich zunächst nicht gefährlich. So ging es mit der knappen Führung für den WAC in die Pause. Die Atmosphäre kann durchweg als stark bezeichnet werden. Die Kurven waren immer in Aktion mit einer fast hundertprozentigen Mitmachquote. Eine ganze Reihe große Schwenker wurden ohne Unterlass bewegt, sah schon gut aus, schönes Kurvenbild. Da steckte schon eine gute Energie drin, starke Sache. Nach dem Seitenwechsel richteten beide Seiten erneut Choreographien her. Da Raja den Spielstand aber schnell per Elfmeter egalisierte und Wydad dieses nur wenig später mit einem Doppelschlag zur 3:1-Führung beantwortete, gingen die Choreos beinahe unter, denn das weite Runde verwandelte sich in ein Tollhaus und es wurden in Folge der Tore wieder Unmengen an Pyro gezündet. Die Wydad-Kurve war nach den beiden Treffern binnen zwei Minuten natürlich auf Wolke Sieben. Als zwanzig Minuten vor Schluss Treffer Nummer Vier für Wydad fiel, war die Geschichte natürlich gegessen. Dachten sicherlich alle, denn drei Tore Vorsprung sind im marokkanischen Fußball sicherer als die dickste Tresortür. Der Treffer zum 2:4 aus Sicht von Raja wenig später wurde daher auch eher als Ergebniskosmetik betrachtet. Zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit wurde es dann aber noch mal interessant, denn Raja konnte mit einem weiteren Strafstoß den Anschluss herstellen. Es folgten ein wütender Sturmlauf in der Nachspielzeit, ein letzter Freistoß nahe der Eckfahne und ein Kopfball in den linken oberen Torwinkel! Ausgleich in der vierten Minute der Nachspielzeit, der Raja aufgrund des Hinspiel-Resultat von 1:1 in die nächste Runde beförderte. Unfassbar! Das war dann auch der einzige kurze Moment in dem es auf Wydad-Seite so mucksmäuschenstill wurde, als hätte Mohammed persönlich zum Gebet gerufen. Um uns herum schauten wir in versteinerte, entgeisterte, geschockte Gesichter und einige ließen ihren Tränen freien Lauf. Raja feierte, als hätten sie den Cup schon gewonnen. Es wurde noch mal kurz angepfiffen, dann war es amtlich.
Einige Raja-Leute enterten nun den Innenraum, um ihre Helden für diese Wahnsinns-Leistung zu feiern und in diesem Zuge fanden es zwei oder drei Verirrte eine gute Idee, in Richtung der Wydad-Kurve zu laufen und zu provozieren. Das befreite die WAC-Jungs aus der Lethargie und ein gut hundert Mann starker Mob setzte sich in Bewegung. Die Staatsmacht konnte größere Folgen und intensiven Kontakt zwischen den Parteien aber unter Einsatz der Migränestäbchen schnell unterbinden. Was für ein Spiel – schwer in Worte zu fassen und das hier Wiedergegebene wird dem Live-Erlebnis natürlich in keinster Weise gerecht. 140 Mal waren Wydad und Raja vorher aufeinander getroffen und es waren maximal sechs Tore in einem Spiel gefallen und das auch nur ein einziges Mal. Es gab sogar schon eine Serie von fünf torlosen Remis in Folge. Und nun ein 4:4. Jackpot! Hauptgewinn! Dieser Kick landet definitiv in meiner persönlichen Top Fünf oder Top Drei der gesehenen Spiele. Man muss auch mal Glück haben. Wir machten uns langsam auf zum Hotel. Ein Taxi in Stadionnähe zu ergattern war unmöglich, also liefern wir mal los. Irgendwann Aufregung hinter uns. Mehrere Polizei-Wannen kamen mit Blaulicht angefahren und ein bestimmt dreihundert Leute starker Wydad-Mob rannte an uns vorbei. Es soll in der Stadt auch noch Kämpfe gegeben haben, aber wir hatten genug gesehen und freuten uns darauf, das Erlebte bei ein paar Bieren Revue passieren zu lassen.
Nach über zehn Jahren verschlug es mich nach Schermbeck ins Waldstadion, das mittlerweile nach einem Geldinstitut benannt ist. Als Schönwetter-Zuschauer war es mir bei Temperaturen knapp über dem Nullpunkt zwar prinzipiell zu kalt, aber ich musste ja meine Wanner unterstützen. Schon das dritte Spiel dieses Saison, allesamt Pokalspiele – nicht dass ich noch zum DSC-Pokal-Allesfahrer mutiere. Im Viertelfinale des Westfalenpokals bestritt der SVS ein Auswärtsspiel zu Hause, denn die gut 100 mitgereisten Gäste machten für Ihre Verhältnisse ordentliche Stimmung. Da ein durchschnittlicher Oberligist gegen ein Spitzenteam der Verbandsliga antrat, war es beinahe ein Duell auf Augenhöhe. Die frühe Schermbecker Führung beantwortete der DSC wenig später mit einem Traumtor ins obere linke Toreck. Noch vor der Halbzeit stellten die Gastgeber den Endstand her, der aufgrund einer kontrolliert geführten zweiten Spielhälfte auch verdient war. Der Gäste-Anhang – schöner Ruhrpott-Pöbel übrigens – ließ mit dem Schlusspfiff noch eine Rauchwolke in den Nachthimmel aufsteigen. Mit Sascha und Björn traf ich unvermittelt zwei weitere Getriebene, da wurde es in der Kälte auch nicht zu öde. Leider hatte ich meine Kamera daheim vergessen und das Smartphone stößt in Dunkelheit in Sachen Bildqualität doch gewaltig an seine Grenzen.