Essen – Sa., 09.05.2026, 14:00

Rot-Weiss Essen vs SC Verl 1:0

Stadion an der Hafenstraße, 19.517 Zuschauer, 3.Liga
Es galt, den letzten Strohhalm zu ergreifen und dass sich für diese Aufgabe der SC Verl an der legendären Hafenstrasse vorstellte, war keine besonders günstige Ausgangslage. Nicht nur, dass es ich um einen absoluten Angstgegner handelte, sondern auch dass es für die Ostwestfalen noch um etwas ging, verlieh der Partie eine Bedeutung für beide Teams. Mit einem Auswärtssieg in Essen-Bergeborbeck, für den Sportclub in den letzten Jahren beinahe Routine, wäre dieser am glorreichen RWE auf Platz vier und damit in die direkte Qualifikation für den DFB-Pokal vorbeigezogen. Der Gästeblock erstrahlte heute in den schönsten Farben der Welt. Die RWE-Führung hatte sich mit den Verantwortlichen aus Verl geeinigt, dass diese nur den Gäste-Sitzplatzbereich zur Verfügung gestellt bekommen. Dabei kam es zwar wohl zu einem Missverständnis beim Sportclub, denn die aktive Szene glänzte nun mit Abwesenheit, da diese gerne den üblichen Platz im Steh-Sektor eingenommen hätte. Natürlich reichte die Kapazität des Sitzplatzbereiches für den aus etwa nicht einmal 700 Köpfen bestehenden Gästeanhang aber mehr als aus. Der Heimbereich war dagegen erneut restlos ausverkauft. Der RWE ging auf fünf Position verändert ins Spiel. Die Defensive wurde dabei komplett umgebaut, nur Rios Alonso blieb aus dem Verbund der Vorwoche übrig.
Die Gäste versuchten in der Anfangsphase das Tempo der Partie extrem niedrig zu halten, wollten dem RWE keinen druckvollen Beginn ermöglichen. SCV-Schlussmann trieb es auf die Spitze, als er eine halbe Minute den Ball am Fuß hielt ohne eine Anspielstation finden zu wollen und ernannte sich damit früh zur Hassfigur. Dass die RWE-Stürmer nicht angriffen war eine andere Geschichte, aber zu früh durfte das Risiko einer Überzahl des Gegners in der eigenen Spielhälfte und damit ein möglicher Gegentreffer nicht in Kauf genommen werden. Ein Rückstand hätte die Sache stark verkompliziert. So entwickelte sich eine Art Abnutzungskampf ohne große Torchance. Brumme und Safi hatten die einzigen beiden guten Abschluss-Chancen für die Roten, die Gäste fanden einmal in Golz ihren Meister. Die Verler zeigten sich etwas abgeklärter und versuchten die Partie immer wieder zu beruhigen, während der RWE es mit mutigen und schnellen Vorstößen versuchte. Das junge Eigengewächs Swajkowski, ebenfalls neu in der Stratelf, sah früh die gelbe Karte. Eine zu harte Entscheidung des durch die rot-weisse Brille betrachtet, insgesamt anstrengend pfeifenden, aber den RWE auch nicht maßgeblich benachteiligenden Referees, die für Entrüstung im aufgeheizten Publikum sorgte. Aber es war mir zu wenig Aufruhr. Es ist einfach nicht mehr die alte Hafenstraße. Früher hätte danach kein Schiedsrichter mehr auch nur irgendwas gegen den RWE entschieden.
Torlos ging es in den zweiten Durchgang. Auch in diesem zeigten sich die Westfalen selbstbewusst und ballsicher, mit der Absicht sich aus Drucksituationen in der Defensive immer spielerisch zu befreien. Dauerhaft spielerische Lösungen finden zu wollen ist aber ein Risiko. Swajkowski erkannte das fünf Minuten nach dem Wiederanpfiff, war einen Schritt schneller als ein Gäste-Akteur, fackelte nicht lange und jagte die Murmel von der Strafraumgrenze ins rot-weisse Glück. Das Gesicht des Spiels änderte sich dadurch aber nicht maßgeblich. Der Sportclub wirkte etwas sicherer, gelang aber kaum mal in die Gefahrenzone. Erst in der Schlussviertelstunde war das der Fall, als die Gäste das Risiko erhöhten, aber eigentlich wurde es nur einmal richtig brenzlig, als Taz vom Sechzehner abzog und Golz den minimal abgefälschten Ball mit einer Glanztat an den Pfosten lenkte. Die Roten vergaben dagegen jede Konterchance leichtfertig und überhastet. Die Offensive war heute kein Trumpf. Potocnik, der für Jansen ins Team gerutscht war, konnte keine Akzente setzen, ebenso wenig wie die später eingewechselten Schmidt und Obuz. Dass die Führung bis zum Ende bestand hatte, war eine defensive Willensleistung, denn dort wurde Schwerstarbeit geleistet, kein Ball aufgegeben, beinahe jeder Angriff der Gäste aufopferungsvoll wegverteidigt. Der RWE lebt noch, hat es aber weiter nicht in der eigenen Hand. Der Glaube an ein Wunder fehlt mir weiterhin, die Hoffnung ist aber da. Next and last Stop Ulm am kommenden Wochenende!

Großaspach – Sa., 02.05.2026, 16:30

VfB Stuttgart U21 vs Rot-Weiss Essen 6:1

Sportpark Fautenhau, 3.350 Zuschauer, 3.Liga
Es gab keine Ausreden mehr, heute musste alles rein in die Waagschale wenn die Chance, den Aufstieg aus eigener Kraft zu erreichen nicht aus der Hand gegeben werden sollte. Aber wenn man glaubt, man hat mit dem Verein seines Herzens schon alles erlebt, wird man von Zeit zu Zeit doch noch eines Besseren belehrt. Auf alle Eventualitäten eingestellt, übertraf dieses Spiel alle Szenarien, die so im Kopf herumgeisterten – eigentlich war ich auf alles Denkbare vorbereitet. Eine recht schwache Saison der Schwaben konnte mich nicht täuschen, die Mannschaft ist durchaus stark besetzt. Die Roten übernahmen dann aber sofort die Spielkontrolle, ließen den Ball sicher laufen. Im gegnerischen Sechzehner fehlte aber die Präsenz, weil die VfB-Reserve konzentriert verteidigte und die Räume clever eng machte. Die nominellen Gastgeber in ihrem selbst gewählten Exil in Andrea Bergs Heimat, dem Stadion der SG Sonnenhof,  versuchten über schnelle Konter gefährlich zu werden, erste Warnschüsse wurden aber geblockt oder verfehlten das Ziel. Die wenigen Versuche des RWE waren allesamt zu ungestüm und ungenau. Mitte der ersten Hälfte nahm das Schicksal dann seinen Lauf. Der für den (wieder mal) gelbgesperrten Gjasula agierende Reisig brachte Sessa knapp an der Strafraumgrenze, aber eben innerhalb dessen dämlich und ungestüm zu Fall. Der Gefoulte trat selber an. Golz, der ja eigentlich nie auch nur ansatzweise suggeriert, mal einen Elfer zu halten, war dann am gut geschossenen Ball dran, konnte den Einschlag aber nicht verhindern.
Das machte sichtbar etwas mit der Mannschaft, die Verunsicherung war nun greifbar. Mizuta hatte zwar die Chance zum Ausgleich, der VfB-Schlussmann hielt aber stark. Es war zu spüren, dass die Elf in Rot und Weiss nun gehemmt agierte, auch wenn das Bemühen sicherlich nicht abzusprechen war. Dem Team ist durch die jüngste Ergebnis-Entwicklung aber jegliches Selbstvertrauen abhanden gekommen. Das größte Manko ist jedoch, dass die Truppe einfach nicht aus ihrer Haut kommt. Ein Spitzenteam ist in der Lage – und die aktuellen Kontrahenten aus Cottbus und Duisburg können das – in ausweglosen Situationen, jegliche taktische Ausrichtung und alle guten Manieren abzulegen und mit dem Herz in der Hand einfach Gas zu geben und den Instinkten zu folgen. Diese aktuelle RWE-Mannschaft kann das nicht. Es sind sicherlich alles gute Fußballer, aber es fehlt Wut und Feuer, in scheinbar ausweglosen Lagen mit dem Rücken zur Wand ums Überleben zu kämpfen. Das ist auch der entscheidende Faktor, warum es am Ende wahrscheinlich nicht reichen wird. Dabei blieb der RWE das aktivere Team, aber eben völlig ineffizient. Dem Gegner wurde dagegen kurz vor der Halbzeitpause noch mal zu viel Raum gewährt und Sessa dankte es mit seinem zweiten Treffer, indem er die Kirsche aus über zwanzig Metern ins lange Eck zirkelte. Nichts zu halten für Golz, aber zu dieser Situation darf es ja gar nicht erst kommen!
Interessant übrigens, dass die VfB-Spieler bei den Toren kaum Freude zeigten, als ob es sich um ein Trainingsspiel handelte. Mitleid mit den Roten wird es kaum gewesen sein, da kann man schon eher glauben, dass es den Profi-Reserven eh scheißegal ist, ob sie siegen oder verlieren, es geht ja auch irgendwie um nix für diese überflüssigen Liga-Teilnehmer. Nun hingen die Trauben natürlich umso höher. Vermutlich wird sich Coach Uwe für Durchgang Zwei auch irgendwas überlegt haben, zu sehen war davon aber nichts. Blutleer ergaben sich die Roten in ihr Schicksal, welches nun zum völligen Debakel geriet. Spätestens mit dem dritten Gegentor zehn Minuten nach Wiederanpfiff war die Nummer endgültig durch. Sämtliche vier Gegentore des zweiten Durchgangs ähnelten sich, die RWE-Defensive war den schnellen Kontern durch fehlendes Stellungsspiel überhaupt nicht gewachsen und wirkte wie festgebunden. Golz war die ärmste Sau, sah sich vier Mal allein einem heranrauschenden Stürmer gegenüber. Arevalo, ein junger technisch starker Spanier, der perspektivisch für die erste Mannschaft verpflichtet wurde, netzte gleich drei Mal ein. Einmal wurde dieser brillant unterstützt durch einen verheerenden Rückpass von Kapitän Schulz, der sich seiner Aufgabe in den vergangenen Spielen nicht mehr gewachsen zeigt. Der einzige RWE-Treffer von Potocnik in der Nachspielzeit war natürlich nicht mehr interessant.
Es war auf eine Art beeindruckend, wie die Mannschaft in so einem wichtigen Spiel in sich zusammenfallen konnte. Die Abwehr war quasi nicht mehr existent, es ist schwer nachzuvollziehen, was da passiert ist. Knapp 3.000 mitgereiste Fans stellten die Unterstützung dann nach dem vierten Treffer ein. Unmut wurde geäußert, Beleidigungen blieben aus, vereinzelt wurden Sinnlos-Gesänge angestimmt, eine nachvollziehbare Reaktion mancher enttäuschter Anhänger. Das Team kam nach dem Schlusspfiff schweren Schrittes und durchaus nicht angstbefreit in die Kurve, die Szene zeigte aber eine gute Reaktion und versuchte die Truppe etwas aufzubauen. Der Capo holte die völlig zerstörten und recht weit vor dem Block stehenden Spieler an den Zaun und beschwor den Zusammenhalt für die verbleibenden Partien. Alles anderes wäre auch der finale Todesstoß gewesen. Wenn noch irgendwie das Wunder – und das wäre es ja nun – geschafft werden soll, geht es nur gemeinsam. Der Glaube ist nicht mehr da, aber es ist erst vorbei wenn es vorbei ist. 

Nümbrecht – Mi., 29.04.2026, 19:30

SSV Homburg-Nümbrecht vs FV Wiehl 2000 1:0 n.V.

Schul- und Sportzentrum, 500 Zuschauer, Kreispokal Berg Viertelfinale
Ein kleiner Ausflug ins Oberbergische führte mich nach Nümbrecht, wo der gastgebende SSV den FV Wiehl zum Kreispokal-Derby zweier Landesligisten empfing. In Nümbrecht ist eine Art Aufbruchstimmung zu spüren, eine richtig fette neue Tribüne wurde an die Plastikwiese gezimmert. Der ehemalige völlig harmlose Schulsportplatz befindet sich in einer Sanierungsphase, auch sämtliche Leichtathletik-Anlagen werden erneuert, beizeiten soll auch auf der Gegenseite noch eine Tribüne entstehen. Hat man hier was vor? Der Umbau der Anlage wurde zwar durch Bund und Gemeinde möglich gemacht, dennoch ist ein lokal verankertes aber weltweit operierendes Labor- und Medizintechnik-Unternehmen omnipräsent. Elversberg reloaded? So groß wird es aber vermutlich nicht werden. Der SSV war leicht favorisiert, aber was heißt das schon in einem Derby. Beide Clubs hatten die Werbetrommel gerührt und so fanden sich etwa 500 Leute auf der sicherlich bald schmucken Anlage ein, wenn beide Clubs in der Liga die Wege kreuzen, kommen oft gar noch mehr Zuschauer. Im ersten Durchgang setzte der SSV die Favoritenstellung in Feldüberlegenheit um, ohne aber vor dem Tor gefährlich zu werden. Das Blatt wendete sich in Durchgang zwei, der Rivale aus dem Nachbarort wurde mutiger und hatte auch zwei, drei Möglichkeiten zur Führung, insgesamt blieb der Kick aber eine lahme Sache und es ging in die Zugabe. Zu Beginn der zweiten Hälfte der Verlängerung gingen die Gastgeber dann etwas glücklich in Führung, der FV Wiehl vergab die große Ausgleichs-Chance, die sich per Elfmeter bot und so fand das Spiel doch den erwarteten Sieger.

Essen – So., 26.04.2026, 16:30

Rot-Weiss Essen vs 1.FC Saarbrücken 1:2

Stadion an der Hafenstraße, 17.617 Zuschauer, 3.Liga
Mit den Saarländern stellte sich eine ziemliche Wundertüte an der Hafenstraße vor. Mit deutlich mehr Qualität ausgestattet, als es der Tabellenplatz hergibt, war der FCS noch immer nicht von den letzten Abstiegssorgen befreit. Nach der Niederlage des glorreichen RWE beim Topspiel in Cottbus in der Vorwoche, stellte sich zudem die Frage, ob die Art und Weise wie diese zustande kam, etwas mit den Köpfen der Rot-Weissen machte. Trotz der Niederlage blieb der Euphorie-Pegel allerdings am Anschlag. Die davor errungenen sieben Siege in Folge haben natürlich eine Erwartungshaltung entstehen lassen, die selbst mich mit meiner vorsichtigen Einstellung endgültig an die Truppe glauben ließ. Unabhängig davon durfte nicht ausgeblendet werden, dass es dabei Spiele gab, die auf der Kippe standen und das Pendel dabei etwas glücklich auf die rot-weisse Seite ausschlug. Ich war zwar durchaus optimistisch, dass die Roten den deutlichen Dämpfer der Vorwoche gut weggesteckt hatten, irgendetwas in mir bereitete mir aber ein schlechtes Gefühl. Vorrangig lag das wohl am Gesetz der Serie. Der RWE hatte seit fast einem halben Jahr daheim nicht mehr verloren, während die Gäste noch länger auswärts nicht mehr gewonnen hatten. Serien reißen irgendwann, genau das ließ in mir die Alarmglocke schrillen. Feld-Moderator ‚Ruthe‘, der vor dem Spiel auf dem Rasen die Aufstellung verliest und dabei ein paar vermeintlich lustige, schlaue Sprüche vom Stapel lässt, schoss deutlich über das Ziel hinaus, als er die Gäste abfällig als ‚Möchtegern-Franzosen‘ diskreditierte. Das war mindestens genauso überflüssig und peinlich, wie die darauf folgenden „Ost-Ost-Ostfrankreich“-Rufe aus dem mit gut 800 Saarländern gefüllten Away-Sektor, die aber eine beinahe natürliche Reaktion auf diese geschmacklose Provokation waren. Nach meiner Meinung braucht es den Clown auf dem Rasen eh nicht. Die Kurve ist schon selbst in der Lage, sich anzuzünden. Kann weg.
Die Roten kamen gut in die Partie und erzielten mit einer traumhaften Kombination die frühe Führung. Nicht zum ersten Mal wurde dann aber mit dem die trügerische Sicherheit verleihenden Gefühl eben jener Führung das Tempo herausgenommen, anstelle die Verunsicherung des Gegners zu weiteren Angriffsbemühungen zu nutzen. Fünf Gäste-Ecken in Serie kurz nach dem Führungstor, von denen zwei schon ins Tor guckten, hätten eigentlich eine Warnung sein müssen. Stattdessen wurde den Blau-Schwarzen, die in der ersten Spielhälfte gefühlte 80% Ballbesitz hatten, nun das Spielgerät überlassen. Ballbesitz ist ja nicht nur wichtig, um das eigene Tor zu verteidigen, denn ohne Ball kann der Gegner Dir nicht weh tun. Ballbesitz taugt auch ganz gut, um selbst gefährlich zu werden und genau das versuchten die Gäste zunehmend, vorrangig über die linke Angriffsseite, wo der sonst starke RWE-Leihverteidiger Hofmann viel Mühe mit dem schnellen, quirligen Pick hatte. Zudem schaltete sich Linksverteidiger Bretschneider immer wieder offensiv mit ein und Abiama auf der rechten Essener Angriffsseite schien etwas überfordert damit, genau das einzudämmen und defensive Aufgaben zu übernehmen. Die Roten gaben den Gästen dann zu viel Raum, waren nicht eng genug am Mann, es fehlte irgendwie das Leben in der Mannschaft, eine klare Körpersprache sieht anders aus.
Das ermöglichte den Ausgleich nach einer halben Stunde, als sich ein Saarbrücker in den Essener Strafraum dribbelte und überlegt abschloss. Golz stand dabei auch nicht optimal und gab die rechte Torhälfte frei. Ein mögliches Foul an Janssen in der Entstehung bleibt diskutabel, ich bin aber eher ein Freund von großzügiger Auslegung. Großzügig blieben auch die Mannen in den roten Trikots, die kurz vor dem Pausenpfiff den Gästen erneut beim Kicken zuschauten, bis die Kirsche endlich im Tor lag. Auch bei diesem Treffer hätte Golz beim Torschuss besser stehen können, den aus spitzem Winkel abgesendeten Ball konnte er nicht entscheidend abwehren, Brünker staubte dankbar ab. Zur Wahrheit gehört aber, dass die Defensive es erst gar nicht so weit kommen lassen durfte. Die eh schon schwere Aufgabe wurde also noch schwieriger. Aber der RWE schüttelte sich und spätestens nach eine Stunde Spielzeit ging es nur noch auf das Tor des heute ganz starken FCS-Schlussmannes Menzel. Die Roten nahmen nun das Herz in die Hand und zeigten auch endlich die letzte Bereitschaft sich zu quälen. Warum nicht von Beginn an? Kopfsache. Natürlich! Abgesehen von der defensiven Schwäche, die durch eine starke Offensive oft kompensiert wird, ist nach meiner Meinung das größte Manko im Team das Fehlen von echten Mentalitätsspielern. Es fehlen einfach zwei, drei Leute im Team, die konsequent vorangehen, die ihre Mitspieler mitreißen.
Das zuletzt oft bemühte Glück war heute auch nicht auf der rot-weissen Seite des Spiels. Angriff auf Angriff rollte auf das Tor des Gegners, echte Torgefahr konnte man aber an einer Hand abzählen. Der Pfosten stand auch im Weg und Menzel hielt den Sieg kurz vor dem Ende mit einem ‚big save‘ fest. Dass Abstiegsgespenst Baumann kurz nach seiner Einwechslung mit dunkelrotem Karton wieder vom Feld geschickt wurde, fiel nicht mehr groß ins Gewicht und wenig später gab es lange Gesichter. Nun wird es hart, aber Aufgeben ist keine Option. Es gilt das Haupt zu heben, die Krone zu richten und zur Attacke zu blasen. Die Stimmungslage ist aber mal wieder schwierig, denn im Essener Norden gibt es ja nur gut oder schlecht, kein ‚dazwischen‘. Die wenigsten RWE-Anhänger können oder wollen Situationen sachlich einordnen. Ich persönlich befinde mich weiter in einer Luxus-Problemlage, denn ich sehe den Aufstieg weiterhin nicht als Muss an, auch wenn ich mich diesem nicht verweigern würde. Die Konstellation der restlichen drei Spieltage lässt alles offen, macht alles möglich. Doch geht es erst einmal darum den dritten Platz zu sichern. Platz vier wäre der Trostpreis und mein persönliches Minimum, das erreicht werden sollte. Berechtigt dieser Tabellenplatz doch zumindest zur Teilnahme am DFB-Pokal, würde sich aber nach der Zwischenbilanz der letzten Wochen wohl dennoch eher wie eine Niederlage anfühlen.

Dortmund – Sa., 25.04.2026, 18:00

ASC 09 Dortmund vs SV Lippstadt 1:0

Waldstadion Aplerbeck, 800 Zuschauer, Oberliga Westfalen
Körperlich nicht ganz auf der Höhe, wollte ich trotzdem nicht den ganzen Tag bei schönem Wetter in den eigenen vier Wänden vergammeln, daher machte ich mich auf zum Topspiel der Oberliga Westfalen im Waldstadion zu Dortmund-Aplerbeck. Zu Gast war der SV Lippstadt, was letztlich auch ausschlaggebender Faktor für diesen Spielbesuch war, denn der Verein darf sich über die Unterstützung einer lebendigen Ultra-Szene freuen. Diese war auch weitestgehend vollständig angereist und positionierte sich auf der überdachten Sitztribüne, die sich in diesem kleinen beengten Stadion ja aus Platzgründen etwas skurril hinter dem Tor befindet. Um den Traum vom Regionalliga-Aufstieg zu wahren brauchten die Gäste einen Sieg. Auf dem schwer zu bespielenden Rasen hatten aber beide Mannschaften Mühe, ein vernünftiges Kombinationsspiel aufzuziehen. Torchancen kam kaum zustande, wenn dann hatten diese allerdings die Gastgeber zu verzeichnen. Diese erzielten auch einigermaßen folgerichtig nach einer guten Stunde mit einem 30-Meter-Freistoß-Flatterball, welcher dem SVL-Schnapper über die Finger rutschte, die Führung. Die Gäste verkrampften etwas bei ihren Ausgleichsbemühungen, in der Box wurde es einfach nicht gefährlich. Da der ASC die sich bietenden Konterchancen aber auch nicht zu nutzen wusste, blieb es beim kleinstmöglichen Sieg-Resultat. Für die Westfalen wird es nun sehr schwer, bei mindestens fünf Punkten Rückstand, einem schlechteren Torverhältnis und nur noch fünf ausstehenden Spielen, das Ziel zu realisieren. Sollte der ASC aufsteigen wird dieser mangels Regionalliga-Tauglichkeit der eigenen Spielstätte übrigens ins ‚Ischelandstadion‘ in Hagen ausweichen. Für meinen Geschmack einigermaßen sinnlos, an solchen Geschichten sind Vereine schon oft genug gescheitert. Eventuell wäre es besser, gesetzte Grenzen zu erkennen.

Shenzhen – So., 12.04.2026, 20:00

Shenzhen Xinpengcheng FC vs Yunnan Yukun FC 3:4

Shenzhen Stadium, 16.354 Zuschauer, Chinese Super League
Auf dem Weg nach Shenzhen lag dieser Kick wie auf dem Silbertablett, war aber eben nur ein Zwischenstopp. Nur eine Station mit der Metro war es nun bis zum ‚Lo Wu Border Crossing Point‘. Wenn man von dem ganzen Gewusel vieler Menschen absieht, war der Grenzübertritt noch einfacher als erwartet. Die Ausreise war nur Formsache und bei der Einreise, für die man an einem Automaten seinen Pass scannt und dann fehlende Angaben ergänzt, stand eine freundliche chinesische Beamtin zur Unterstützung bereit. Top Service! Wenn ich daran denke, was es mit Visa-Antrag und Grenz-Prozedere vor Jahren noch für ein Aufwand war, das Reich der Mitte zu bereisen, ist die heutige Abwicklung kaum zu fassen. Ein paar chinesische Yuan wollten getauscht werden und per Metro, die sich null von der in Hongkong unterscheidet, fuhren wir in Richtung Stadion. Die Ticketbeschaffung hatte einer der chinesischen Lieferanten meines Arbeitgebers übernommen, da diese für Nicht-Chinesen ein paar Hürden in den Weg stellt. Die Zutrittsermächtigungen kamen letztlich sogar als Geschenk daher. Heißen Dank dafür, auch wenn der Kollege das Geschmirgel hier nicht lesen kann und wird. Im Vergleich zu meinem ersten Besuch in Onkel Xi’s Riesen-Reich hatte ich nun den Eindruck, dass alles noch strukturierter und organisierter abläuft, als damals. Auch die Überwachung wurde freilich perfektioniert. Das war später bei der Ausreise zu erkennen, als ich den Posten vor meinem Mitfahrer passierte und auf den Bildschirm des Grenzbeamten schielen konnte. Fotos in diversen Situationen auf den Straßen waren von ihm auf einem Splitscreen zu sehen. Die Gesichtserkennung der omnipräsenten Überwachungskameras, die überall auf den Straßen installiert sind, scheint gut zu funktionieren. Big Brother is watching you – der Staatsapparat scheint den Roman ‚1984‘ von George Orwell aufmerksam studiert zu haben.
An seinem heutigen Standort ist der Shenzhen Peng City FC oder Shenzhen Xinpengcheng FC, wie der Club aus dem Mandarin in lateinische Schriftzeichen übertragen heißt, ein echter Traditionsverein. Schon seit 2024 ist der Verein in Shenzhen beheimatet. Ursprünglich hieß der Club Sichuan FC und erlebte einige Namensänderungen, Auflösungen und Neugründungen und wurde schließlich 1.350 Kilometer Luftlinie nach Shenzhen verlegt. Der Club gehört zur ‚City Football Group‘ aus Abu Dhabi die weltweit einige ‚Citys‘ und auch weitere Vereine aus allen Teilen der Welt unter ihrer Kontrolle weiß. Zugpferd der Gruppe ist Manchester City. Das 1993 erbaute ‚Shenzhen Stadium‘ wurde von 2020 bis 2025 offiziell renoviert, de facto aber komplett neu erbaut. Aus einem Stadion mit Laufbahn wurde ein hochmodernes reines Fußballstadion, welches von außen aussieht, als wäre ein UFO gelandet. 16.354 Zuschauer sahen ein wildes Spiel. Die ihren chinesischen Mitspielern überlegenen Ausländer geizten nicht mit Arroganz und Exzentrik, machten aber halt auch den Unterschied aus. Bis auf ein Tor wurden auch sämtliche Treffer von diesen erzielt. Nach ausgeglichenem, aber wildem Start gingen die Gäste im ersten Durchgang mit 3:0 in Führung. Das freute die etwa 400 Gäste-Fans natürlich. Wie viele davon tatsächlich die Reise aus dem über 1.000 km entfernten Yuxi in der südchinesischen Provinz Yunnan auf sich genommen hatten, bleibt fraglich. Auch der Gastverein trieft vor Tradition, wurde dieser doch schon 2021 gegründet.
Die heimische ‚Curva Sud‘ belegte den ganzen Unterrang eben jener Tribüne und bot optisch und auch akustisch einen ordentlichen Auftritt. Das Liedgut beider Szenen orientierte sich in den Melodien schon stark an europäischem Material, während das Einsingen hinter der Kurve und der folgende Einmarsch an Südamerika erinnerte, wie auch die tiefe Basstrommel, die von Snare drums begleitet wurde. Etwas künstlich wirkte das Fahnen- und Zaunbanner-Equipment, kein Wunder, wenn der Verein erst seit zwei Jahren in der Stadt spielt. Da dürfte Temu ganze Arbeit geleistet haben. Das in der ersten halben Stunde äußerst effektive Gäste-Team war dann drauf und dran, den komfortablen Vorsprung zu verspielen. Noch vor dem Seitenwechsel durfte der erste Treffer der Gastgeber bejubelt werden, die unmittelbar nach der Pause auch den schnellen Anschluss herstellten. Die etwas krampfhaften Versuche, den Ausgleich zu erzielen, wurden jedoch nicht belohnt und die Gäste konterten eine Viertelstunde vor dem Ende zum Sieg. Der erneute Anschluss per Elfer in der Nachspielzeit kam zu spät. Mit dem Abpfiff verließen wir das Stadion, fuhren mit der Metro zur Grenze und nach einem kurzen Snack war der China-Exkurs eine knappe Stunde nach dem Spielende auch schon wieder vorbei. Eine weitere Stunde dauerte es, bis wir schließlich in den Hotel-Federn lagen.

Hongkong – So., 12.04.2026, 15:00

Golik North District FC vs Lee Man FC 3:3

North District Sports Ground, 559 Zuschauer, Hongkong Premier League
Der Wecker wurde eigentlich nur für den Notfall gestellt, aber dennoch benötigt. Es fehlte Schlaf. Weiterhin. Aber so läuft das nun mal. Nach dem Erwerb eines neuen Cap nutzten wir die Fähre von Tsim Sha Tsui über den Victoria Harbour zum Central Ferry Pier. Von dort startet Buslinie 15, der sogenannte ‚Peak Explorer‘, denn sie führt über eine kurvenreiche Straße mit vielen Ausblicken auf den ‚Victoria Peak‘. Eine andere Möglichkeit auf den Peak zu kommen ist die Standseilbahn. Mit dieser geht es schneller – sofern man nicht ewig anstehen muss – aber auch mit deutlich höherem monetären Einsatz. Der ÖPNV in Hongkong ist übrigens top! Die Metro fährt in Stoßzeiten sogar im Zwei-Minuten-Takt, Doppelstock-Busse und kleinere Light-Busse fahren ständig irgendwo hin und günstig ist es obendrein. Einen besseren Nahverkehr habe ich möglicherweise noch nirgendwo erlebt. Der ‚Victoria Peak‘ ist sozusagen der Aussichtsturm von Hongkong, denn von dort hat man einen wunderbaren Blick über Central und Tsim Sha Tsui und die dahinter liegenden Stadtteile auf der anderen Seite des Victoria Harbour. Man kann die Aussichtsplattform des auf den Hügel gesetzten Einkaufskomplexes ‚Peak Tower‘ für viel Geld oder einfach kostenlos den unterhalb gelegenen ‚Lions Pavillon‘ für die Aussicht nutzen.
Nun ging es weit in den Norden Hongkongs, wo sich im ‚Northern Districts Sports Ground‘ ein Spiel der Premier League strategisch günstig aufdrängte. Es war dann eigentlich eine ziemlich trostlose Veranstaltung in einem trostlosen Stadion, aber die dramatische Schlussphase riss es mehr als raus. Lange führten die Gäste nach einem Treffer aus der ersten Hälfte. Zwölf Minuten vor dem Ende fiel der Ausgleich und in der zweiten Minute der Nachspielzeit erzielten die Gastgeber gar den Führungstreffer. Aufgrund diverser Schauspieleinlagen wurde die Nachspielzeit länger und länger und schon elf Minuten waren zusätzlich absolviert, als die Lee Man durch einen Strafstoß nach VAR-Entscheid – ja auch hier gibt es diesen unsäglichen Mist – wieder auf Remis stellte. Doch damit noch lange nicht genug, es ging weiter im Minutentakt. Nur eine Minute später drehte das Gäste-Team die Partie wieder komplett. Aber wieder nur eine Zeigerumdrehung weiter setzten die Nördlichen mit dem erneuten Ausgleich den Schlusspunkt unter das Gegurke und die Wett-Mafia wird um einen Haufen Kohle reicher geworden sein.

Hongkong – Sa., 11.04.2026, 18:00

Eastern SC vs Hongkong FC 5:0

Mong Kok Stadium, 454 Zuschauer, Hongkong Premier League
Mit Bus und Metro klappte es so gerade eben, die Strecke bis Mong Kok rechtzeitig abzuspulen. Vor diesem Spiel wäre es auch möglich gewesen, anstelle des Spieles in Chai Wan ein Spiel in Macao zu besuchen. Das hätte aber einerseits den Po Toi-Ausflug unmöglich gemacht und zum anderen fanden an diesem Wochenende die Spiele der ‚Liga de Elite‘ Liga auf dem alten ‚Lin Fong Sports Ground‘ statt, der sich aktuell im Umbau befindet und beinahe komplett mit grünen Bau-Netzen abgehängt ist. Da es nicht meine Philosophie von diesem Hobby ist, auf Biegen und Brechen irgendwelche Spiele und Länder abzuhaken, wurde daher auf den Trip nach Macau verzichtet. Sonst wäre ich ja auch ein elender Groundhopper, aber tatsächlich bin ich ja ein entspannter Fußballtourist 🙂 . Als wir uns dem Eingang des hübschen ‚Mong Kok Stadium‘ und damit der Taschenkontrolle näherten, dachte ich noch, das Trikot des Typen ein paar Positionen vor mir, sieht einem RWE Trikot aber verdammt ähnlich. Spätestens als er sein Beutel mit dem Logo des glorreichen Deutschen Meisters von 1955 vorzeigen musste, war alles klar. Die Welt ist klein. Es blieb aber bei gegenseitigem Erstaunen und Shake Hands, man muss sich ja nicht gleich heiraten.
Das ‚Mong Kok Stadium‘ ist ein reines Fußballstadion mit vier separaten Tribünen, der Stadionform, die mir meist am besten gefällt. Die Tribünen auf den Geraden wurden mit Zeltdach-Konstruktionen überdacht und von der Hintertor-Tribüne aus bietet die Skyline von Mong Kok eine tolle Kulisse. Die Gastgeber wurden von gut zwei Dutzend Leuten unterstützt, die ordentlich angeflaggt hatten. Jeder Verein in Hongkong weiß ein paar aktive Anhänger hinter sich. Mal mehr, wie hier beim Eastern Sports Club, mal weniger, wie vorher bei dem ähnlich lautenden Club Eastern District, wo nur ein Tünnes auf eine Trommel eindrosch und sein Team verbal anfeuerte und selten von zwei, drei anderen gelangweilten Sinnesgenossen dabei unterstützt wurde. Der Tabellenletzte war zu Gast und völlig chancenlos. Es hätten auch mehr als die fünf Kirschen hinter dem überlangen Schnapper einschlagen können. Mit der Metro ging es nach Tsim Sha Tsui zu einem eher mittelmäßigen Abendessen. Kneipen sucht man vergebens, daher wurde das Verlangen nach Bier durch einen anschließenden überteuerten Irish Pub befriedigt und wieder ging es zu spät ins Bett.