Auch wenn das Duell mit den Gummi-Adlern natürlich kein Derby ist, liegt seit jeher eine gewisse Brisanz in diesen Spielen. Die Preußen sortiere ich direkt hinter den echten Erzrivalen aus dem direkten Rhein-Ruhr-Umfeld ein. Oder anders ausgedrückt – man mag sich absolut nicht. Die Gastgeber waren nicht ganz so gut in die Saison gestartet wie erhofft und vor allem nicht, wie vom westfälischen Umfeld erwartet, denn durch den steilen Aufstieg in der jüngeren Zeit ist die Erwartungshaltung in Münster ordentlich gewachsen. Auch die Art und Weise wie die eher durchschnittliche Punktzahl erreicht worden war, schmeckte dem Großteil der Preußen-Fans nicht. So war die Stimmung dort etwas angespannt und ein latenter Druck auf der Mannschaft nicht von der Hand zu weisen, was für den glorreichen RWE in der Theorie von Vorteil hätte sein sollen. Nachdem sich der Pyro-Nebel auf der Baustelle Preußen-Stadion verzogen hatte, den beide Seiten reichlich produzierten, die rot-weisse Ultra-Szene exzessiver als die Anhänger der Adler-Träger, durfte ich erkennen, dass die Roten die Kontrolle übernahmen. Eine von Marvin Obuz kläglich vergebene Abschlussmöglichkeit nahmen die Gastgeber dann nach zehn Spielminuten nicht nur zum Anlass aktiv am Geschehen teilzunehmen, sondern die Spielgestaltung direkt ganz an sich zu reißen. Von Verunsicherung nix mehr zu sehen, stattdessen trugen die Preußen einen mustergültigen Angriff vor, der mit einem absoluten Traumtor abgeschlossen wurde. Auch danach spielten nur die Hausherren, vom RWE war nichts mehr zu sehen.
Einige Minuten vor dem Seitenwechsel bekam die rot-weisse Abwehr einen langen Einwurf nicht geklärt, der Ball flog erneut in den Strafraum und Alonso war es vorbehalten, die Führung der Gastgeber mit einem unglücklichen Eigentor zu verdoppeln. Damit hingen die Trauben im zweiten Durchgang natürlich hoch. Warum dennoch mit unverändertem System und Personal in diesen gestartet wurde, war nicht nur mir ein Rätsel. Worauf hofft ein Trainer in so einer Situation eigentlich, auf ein Wunder? Denn die Westfalen machten weiter, wo sie aufgehört hatten, die Roten vermittelten nicht eine Sekunde lang, eine Wende herbeiführen zu können. Und doch kam diese. Witzigerweise in dem Moment, als endlich zwei rot-weisse Akteure zur Einwechslung bereitstanden, erkämpfte sich Celebi den Ball, flankte butterweich in den Sechzehner und Janssen köpfte die Kirsche nach exakt einer Stunde Spielzeit wuchtig zum Anschluss in die Preußen-Maschen. Danach passierte eine Viertelstunde lang wenig, auch wenn der glorreiche RWE nun überlegen agierte. Doch dann eröffneten sich den Münsteranern direkt nacheinander zwei Konterchancen, die von Golz beide stark entschärft wurden. Im Eins-gegen-Eins ist der Mann einfach eine Maschine! Kurz darauf flog nach einem abgewehrten rot-weissen Eckball eine zweite Flanke in den Preußen-Strafraum, die den Kopf von Alonso fand, der seinen Fauxpas nun wettmachte und auf Remis stellte. Ein schon verloren geglaubtes Spiel war nun wieder völlig offen.
Doch der Wahnsinn ging noch weiter, denn nur zwei Minuten später zeigte sich der Schlussmann der Gastgeber unsortiert, kam bei einem langen Ball zu spät und faustete anstelle des Spielgerätes Janssens Rübe weg. Das wurde ergo mit einem Strafstoß für den RWE belohnt, den Telalovic vor dem Gästeblock zur Führung verwandelte und diesen im Freudentaumel versinken ließ. Auf diesen Wahnsinn folgte allerdings noch mehr Wahnsinn. Zunächst war Koschinat wahnsinnig genug, den defensiven Reisig für Janssen einzuwechseln. Was sollte das? Der Mannschaft damit das Zeichen zu geben, in einem Spiel, in dem Polen gerade offen war, nun ordentlich Beton anzurühren, erschien wenig sinnhaft. Zudem konnte sich nun auch die Preußen-Defensive in die wütenden Angriffe einschalten, denn hinten gab es ja nichts mehr zu tun. Ich bin absolut kein Uwe-Gegner, aber mit seiner Wechsel-Philosophie werde ich nicht warm. Nun wurde es also wieder ungemütlich vor dem Essener Tor und bei einem langen Einwurf war die Zuordnung wahnsinnig mies, so dass ein Münsteraner Stürmer gar nicht mehr anders konnte, als die Murmel mit seiner Murmel zum Ausgleich zu versenken. Nun ging es noch ein bisschen hin und her, das Ergebnis zeigte sich nun jedoch haltbar. So stand abschließend die Wahnsinns-Frage im Raum, ob man sich nun über den gewonnenen Punkt freuen oder über die beiden verlorenen ärgern sollte. Die Antwort lautete eindeutig „Ja!“.
Stadion Hexenkessel, 50 Zuschauer, Kreisliga A Rhein/Erft
Der Sportplatz von Rot-Weiß Berrendorf ist zwar nicht unansehnlich, hebt sich aber auch nicht sonderlich von anderen Amateur-Sportanlagen ab. Besonders ist aber die Lage, denn das Spielfeld liegt nicht einmal eine ganze Platzlänge von der Abbruchkante des Braunkohle-Tagebau Hambach entfernt, der größten Braunkohle-Grube auf dem europäischen Kontinent. Das ist von der Anlage aus visuell allerdings nicht wahrnehmbar, jedoch befindet sich in unmittelbarer Nähe der Aussichtspunkt ‚Terra Nova‘ der einen interessanten Einblick in dieses riesige Loch gewährt, dessen Sohle der tiefste Punkt von Nordrhein-Westfalen ist. Nach dem geplanten Ausstieg aus dem Braunkohle-Abbau im Jahr 2030 soll die Grube mit Rheinwasser durch eine eigens installierte, knapp 50 Kilometer lange Pipeline zu einem künstlichen See befüllt werden, der dann vom Inhaltsvolumen der zweitgrößte in Deutschlands nach dem Bodensee sein wird. Kurz hatte ich noch überlegt, mich im benachbarten Hambacher Forst an einen Baum zu ketten, als mir gerade noch rechtzeitig einfiel, dass dieser ja vor ein paar Monaten schon unter Schutz gestellt wurde und Rodungspläne damit vom Tisch sind. Die Berrendorfer Rot-Weißen waren dem Tabellenzweiten in allen Belangen unterlegen, was sich im Endresultat auch deutlich wiederspiegelte.
Stadion Grabri, 100 Zuschauer, 1. zupanijska nogometna liga Istarska
Am Vormittag fuhr ich mit dem Bus nach Pula. Die Strecke führte einen Großteil an der Ostküste Istriens entlang, ein schöner Flecken. In Pula hatte ich Zeit für einen ausgiebigen Rundgang durch das Stadtzentrum. Ihre römische Vergangenheit kann die Stadt nicht verbergen, aber es gibt auch eine große Festung, die unter venezianischer Herrschaft in der Neuzeit errichtet wurde.
Am Nachmittag fuhr ich dann mal Richtung Flughafen, denn der Spielplan gönnte mir noch ein Spiel auf siebtklassiger Ebene keine drei Kilometer vom Airport entfernt. Öffentlicher Nahverkehr findet sonntags außerhalb von Pula in dieser Region nicht statt, es gibt nicht einmal eine Verbindung zum Flughafen. So musste Uber aushelfen, um mich halbwegs günstig in die Peripherie zu bringen. Auf der kleinen Anlage wurde dann fröhlich um Punkte gebolzt, welche die Gastgeber mit der letzten Aktion des Spiels auf der Habenseite verbuchen konnten. Der kleine Ort scheint seinen Verein zu leben, denn ständig kam und ging wer und nutzte den Bierausschank. Der Billig-Ire brachte mich am Abend dann unspektakulär wieder in heimische Breiten.
2013 reiste ich für ein Wochenende nach Kroatien, um ein Spiel im traumhaft gelegenen ‚Stadion Kantrida‘, benannt nach dem gleichnamigen Stadtteil von Rijeka, und am Folgetag den kroatischen Clasico zwischen Hajduk und Dinamo zu besuchen. Bei strahlendem Sonnenschein gelandet, kippte schnell das Wetter. Während in Split aufgrund sintflutartiger Regenfälle an Fußball letztlich überhaupt nicht zu denken war, wurde in Rijeka am Vorabend noch angestoßen. Allerdings hatte es begonnen zu schneien, was vermutlich viele potentielle Stadiongänger abhielt und der Szenerie die Atmosphäre raubte. Letztlich sah ich einen traurigen Kick gegen einen uninteressanten Gegner vor knapp 1.000 Zuschauern im Schneetreiben. Dass es dabei nicht bleiben konnte war klar. Also nahm ich mir eine Rückkehr vor, aber 2015 verließ der HNK Rijeka dann Kantrida und zog um nach Rujevica. Das sollte eigentlich eine Übergangslösung sein, um in Kantrida einen Um- oder Neubau des in die Jahre gekommenen Stadions zu ermöglichen. Der Leser ahnt es schon – passiert ist in Kantrida seitdem überhaupt gar nichts. Das Stadion wird aktuell durch den Zweitligisten aus dem benachbarten Opatija genutzt, der nur wenige Anhänger dorthin locken kann. Der HNK Rijeka ist dort schon lange nicht mehr aufgelaufen.
Zufällig schnappte ich vor ein paar Wochen auf, dass Union Berlin in der Länderspielpause nach Rijeka reisen würde, um dem Karriere-Ende von Damir Kreilach, einem verdienten Spieler, der für beide Clubs lange Jahre aufgelaufen ist, einen würdigen Rahmen zu verleihen. Als Spielort wurde das Stadion Kantrida auserkoren, so dass der HNK Rijeka zum ersten Mal seit gut sechs Jahren wieder dort antreten sollte, was vom Publikum natürlich gut angenommen wurde. Das Stadion gibt es – natürlich nicht in der heutigen Bauweise – an dieser Stelle schon weit über 100 Jahre. Erbaut wurde es in einem alten Steinbruch direkt an die Felswand angelehnt. Nicht weit hinter der Haupttribüne auf der anderen Seite brandet die Adria an die kroatische Küstenlinie. Die Organisation dieser Veranstaltung oblag übrigens der ‚Armada‘, der großen Ultra-Gruppierung des Vereins, welche den Anstoß auf die ungewöhnliche Uhrzeit 19:17 Uhr festlegte. Kreilach, bei beiden Vereinen zeitweise Team-Kapitän, hatte bei Union die Rückennummer 19 und in Rijeka die Nummer 17 inne. Die Spielzeit wurde auf 87 Minuten festgesetzt, angelehnt an das Gründungsjahr 1987 der Armada. Die Gäste hatten ihr Kontingent von 850 Karten ausverkauft, weitere Unioner hatten sich mit Tickets für die Haupttribüne eingedeckt. Die flache Gegentribüne war der einzige Bereich, der nicht geöffnet wurde, ansonsten füllte sich das Stadion ordentlich.
Nach dem offiziellen Teil, in dem die Führungsmitglieder der Ultra-Gruppen beider Teams Geschenke an Kreilach überreichten, gehörte das Intro zunächst den Berlinern. Am Zaun prangte ein dickes ‚Eisern Union‘-Banner mit der ergänzenden Aufschrift in Kreilachs Muttersprache „Und vergiss niemals…“, darunter wurde der Hauptprotagonist dieses Abends als Fußballgott gefeiert. Der Block zeigte eine Zettel-Choreo, wobei die einzelnen Zettel Kreilachs Rückennummer 19 zeigten. Schließlich wurde eine Blockfahne hochgezogen, welche Kreilachs Konterfei im Union-Trikot zeigte. Das Zünden von einigen Fackeln rundete die Aktion ab. Die Armada ließ sich eine Viertelstunde Zeit und legte dann umso heftiger los. Zunächst wurde die Kurve mittels Zettel-Choreo in Blau getaucht. Dann wurde eine Blockfahne hochgezogen, die jubelnde Fans hinter einem vermummten ‚Armadisten‘ zeigte, und dazu Pyrotechnik in allen Variationen abgebrannt. Blauer und weißer Rauch stieg in den Himmel, weiße und rote Fackeln wurden gezündet, Blinker erleuchteten die Dunkelheit. Und auf der Tartanbahn gingen unfassbar fette Böller hoch, die explodierten wie Silvesterraketen. Krank. Damit war dann auch alles erlaubt, ständig brannte es rechts oder links, und in der Heimkurve rumste auch noch ab und an wieder mal ein Böller. Vom Spiel bekam ich kaum was mit.
Aber das war ja auch nicht der primäre Grund der Anreise, der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Union durch ein frühes Tor mit dem kleinstmöglichen Sieg-Resultat gewann. Die wenigen Phasen in denen ich aufs Spiel achtete, erweckten auch nicht den Eindruck eine rassige Angelegenheit zu verpassen. Mitte der ersten Hälfte zeigte der Gästeblock Spruchbänder mit der Aufschrift „Samo je jedno mjesto vas dom – povrotak na Kantridu“, was so viel heißt wie „Es gibt nur einen Ort der Deine Heimat ist – Rückkehr nach Kantrida“. Schöne Aktion, die vom kroatischen Publikum natürlich mit Applaus bedacht wurde. Nach dem Abpfiff ließ sich Kreilach noch von den beiden Kurven feiern. Der erste Gang führte zur Armada und vermutlich jeder außerhalb der Kurve dachte wohl: „Bitte keine Kracher mehr einsetzen!“. Ein solcher explodierte dann aber mitten in der Kurve und durch den Schreck, möglicherweise auch die Druckwelle, flogen die unmittelbar dort stehenden Leute durcheinander. Aber auf dem Balkan gehen die Pyro-Uhren anders, wirklich aufgeregt hat es keinen, für meinen Geschmack ist es das klare Überschreiten einer Linie, das geht gar nicht, zumal sich auch viele Kinder in der Kurve aufhielten. Zurück in der City verzog ich mich mit einer 2-Liter-Granate ‚Ozujsko‘ ins Apartment und ließ die feurige Nummer Revue passieren.
Stadion igraliste na Podvurmicana Robert Komen, 80 Zuschauer, 1. zupanijska nogometna liga Primorsko-goranska
Das Wochenende führte mich nach Rijeka. Aus Gründen. Mangels bezahlbarer direkter Verbindungen ist das Ziel etwas umständlich zu bereisen, aber da die Wege innerhalb des recht kleinen Landes meist erträglich bleiben, war das kein Beinbruch. Über Zagreb flog ich ein, der Bus brachte mich dann an die Adria. Nachdem Check-in ins gebuchte Apartment steuerte ich das ‚Stadion Robert Komen‘ an. In der sechsten Liga wurde dort munter vor den Ball getreten. Das war natürlich nicht, was den Reiz dieses Spielbesuches ausmachte, sondern die Spielstätte selbst. Zum einen weist diese mit ihrem vielstufigen, dreiseitigen Ausbau eine durchaus respektable Größe vor. Zum anderen sind Lage und Kulisse besonders. Um das Stadion herum zeigt sich eine interessante Szenerie aus Wohnklötzen und die nicht ausgebaute, der Adria zugewandte Seite bietet einen guten Blick auf das Container-Terminal mit den beeindruckenden Ladekränen. Ein Eintrittspreis wurde ebenso wenig verlangt, wie kulinarische Versorgung angeboten wurde. Dieses Manko konnte durch einen benachbarten Minimarkt ausgeglichen werden. Da aufgrund der folgenden Abendveranstaltung weitere Angehörige ‚der Bewegung‘ beim Spiel weilten und sich darunter bekannte Gesichter fanden, wurde der Kick mal wieder angemessen verquatscht.
Sportanlage am Wasserturm, 400 Zuschauer, Niederrheinpokal 2.Runde
Die Adler vom schönsten Wasserturm der Welt hatten den starken Oberligisten aus dem Bergischen zu Gast, für mich Grund genug, mal wieder beim alten Verein vorbeizuschauen. Die Raubvögel waren ja im Sommer erneut aus der Oberliga abgestiegen, aktuell sieht es aber so aus, als ob sie ihren Horst im kommenden Jahr wiederum in der höchsten Verbandsspielklasse errichten dürfen. Mit sechs Start-Siegen bei einem Schnitt von mehr als fünf erzielten Toren je Spiel ist die Zielrichtung klar. Der Favorit begann stark und erzielte die frühe Führung. Nach zwanzig Minuten waren die Turm-Kicker dann drin in der Partie und konnten nach einer knappen halben Stunde Spielzeit ausgleichen. Kurz danach gab es eine Szene mit Diskussionsbedarf. Die Gastgeber erzielten den vermeintlichen Führungstreffer, der aber wegen einer Abseitsposition kassiert wurde. Davor wurde jedoch der Passgeber vom heraus eilenden Velberter Torhüter außerhalb des Strafraums umgestoßen. Da diese Aktion vor dem Abspiel ins Abseits geschah, hätte es hier eine rote Karte für den Torhüter und Freistoß für Adler geben müssen. Mit der Abseitsentscheidung drückte sich der nicht immer souveräne Referee, der in einigen kritischen Fällen zugunsten der Velberter Löwen entschied, vor einer unpopulären Entscheidung gegen das klassenhöhere Team. Nach der Pause agierte die Sport- und Spielvereinigung wieder mit etwas Übergewicht, was in der erneuten Führung nach einer gespielten Stunde mündete. Adler hielt die Partie danach offen, agierte aber im Angriff zu unsauber und wurde nicht zwingend, so dass am Ende ein knapper, nicht völlig unverdienter Favoritensieg zu notieren war.
Stadion an der Hafenstraße, 19.000 Zuschauer, 3.Liga
Hansa rollte mal wieder an und für viele Rot-Weisse bedeutet dieser Gegner ein Highlight-Spiel. Und ja, natürlich hebt sich die Kogge wohltuend von den Viktoria Kölns und Wehen Wiesbadens dieser Welt ab, aber als wirklich besonders fühle ich diese Spiele nicht. Die Bude war natürlich ausverkauft, somit auch der Gästebereich bis auf den letzten Platz gefüllt. Wie bei den letzten Spielen bekamen die Anhänger der Mecklenburger nur den Stehplatzbereich gestellt. Was ursprünglich mal als Maßnahme gegen drohende Verwüstung gedacht war, finde ich generell nur fair, denn auch der RWE bekommt für die Spiele an der Ostsee nur Steher gewährt. Hansa Ostblock war als selbsternannter Aufstiegsaspirant durchschnittlich in die Spielzeit gestartet, hatte von außen betrachtet etwas panisch und übereilt nach fünf Spielen bereits den Übungsleiter von seinen Aufgaben entbunden. Erste Wirkung hatte diese Aufgabe mit einem darauffolgenden wackeligen Heimsieg bereits gezeigt, so dass eine einigermaßen befreite Gastmannschaft zu erwarten war. Zunächst gab es aber seitens des Schiri-Assistenten eine Reklamation des Tornetzes am Gehäuse vor dem Gästeblock. Die Netzaufhängung war nicht korrekt. Einer arbeitete, drei schauten zu. Vollbeschäftigung quasi – die älteren Semester im Away-Sektor müssten sich wie in der DDR gefühlt haben.
Die erste Spielhälfte war dann für den parteilosen Beobachter sicher keine Freude, die Teams neutralisierten sich zwischen den Strafräumen. Torraumszenen und daraus resultierende Chancen kamen nicht viele zustande, ein paar mehr davon und die besseren aber für die Roten, die nach zwanzig Minuten das Kommando übernahmen, zur Pause stand aber die beidseitige Null. Das Kräfteverhältnis blieb nach Wiederanpfiff unverändert. RWE mit viel Ballbesitz und deutlich zwingender und dominanter als die Gäste. Diese erzielten dennoch die Führung. Den Roten flog ein eigener Einwurf tief in der Hansa-Hälfte um die Ohren. Dem Ballverlust folgte schnelles Umschalten und beim langen Ball in die Spitze sah sich Hofmann plötzlich alleine gegen zwei gegnerische Angreifer. Zwar hatte er den besseren Laufweg und kam als erster an den Ball, doch anstelle einfach humorbefreit zu klären, versuchte er den kontrollierten Kopfball auf den inzwischen eingetroffenen Pesch, der aber ungünstiger zum Ball stand als der spekulierende Krauß, der sein Tempo ausspielte und aus halblinker Position und relativ spitzem Winkel den flachen Abschluss suchte. Die Murmel wurde lang und länger und rollte schließlich zentimetergenau zwischen dem Handschuh von Golz und dem Torpfosten ins lange Eck.
Doch der glorreiche RWE ließ sich nicht beirren und machte weiter. Zwar fehlten mir irgendwie die letzten paar Prozent Bereitschaft, sich bis zum letzten zu quälen, aber es reichte aus, um die Hanseaten in ihre Hälfte zu drängen. Die wenigen sich ergebenden Möglichkeiten waren jedoch noch nicht zwingend genug, um den Ausgleich zu erzielen. So richtig passte es heute nicht zusammen, manche Aktionen dauerten einfach zu lange, manchmal wurde in der heißen Zone im richtigen Moment die falsche Entscheidung getroffen und umgekehrt. Ein Rätsel ist mir nach wie vor die Wechselpolitik von Trainer Koschinat. Einen wuchtigen Stürmer Jansen, der sich bis dahin einige Male in Szene setzen konnte, aus dem Siel zu nehmen und ein ewiges Talent Potocnik zu bringen, der bisher keine Glanzpunkte setzen konnte, mag bei eigener Führung eine Maßnahme sein, aber sicher nicht bei Rückstand. Auch der Eins-zu-Eins-Wechsel auf der Sechser-Position wenige Minuten vor dem Ende, wenn man ja eigentlich alles auf eine Karte setzen muss, erschließt sich mir nicht. In der Schlussminute fuhr die Hansa dann einen blitzsauberen Konter, aber Jakob Golz stellte sich dem entscheidenden Treffer stark in den Weg. Der daraus resultierende Gegenzug brachte doch noch das Remis. Die Hansa-Defensive bekam einen flachen Steilpass von Bouebari nicht geklärt, Telalovic holte sich die Kugel, zog von Linksaußen in den Sechzehner, schloss knapp an der Strafraumgrenze ab und traf wie Krauß rechts unten zum Ausgleich.
Punkt gerettet, was eigentlich zu wenig war, aber wenn Fußball planbar abliefe, würde sich dafür niemand interessieren. Es sei denn man ist Bayern-Fan. Zur Atmosphäre… beide Seiten verzichteten auf besondere optische Aktionen. Die Westkurve bot eine solide Vorstellung, war immer zu hören, auch wenn der ganz große ‚Roar‘ ausblieb. Die Gäste lieferten nach meiner Meinung auch nur ein Standardprogramm ab. Auffallend war, dass auf Schwenkfahnen komplett verzichtet wurde. In einem vollbesetzten Block für die Sicht aufs Spielfeld natürlich eine Wohltat. Warum aber der Support der großen Ost-Vereine immer so gefeiert wird, erschließt sich mir nicht. Klar, die Kurven sind laut. Auch die Mitmachquote ist enorm und kratzt meist am Optimum. Die Anfeuerung selber ist aber null spielbezogen, sondern einfach nur statisch. Es gibt überhaupt keine spontane Reaktion auf das Geschehen auf dem Platz, die Set-List wird sauber und emotionslos abgearbeitet. Das hat für mich gar nichts mir einer lebendigen Kurve zu tun, sondern eher mit militärischer Präzision. Es fehlt der Effekt, die eigene Mannschaft in den entscheidenden Phasen mit emotionaler Reaktion auf das Geschehen zu pushen. Da sehe ich lieber den Waldhof, die Alemannen oder Meppen im Away-Sektor. Dann ist der Block auch voll, es gibt zwar auch mal ruhigere Minuten, aber der Support ist deutlich lebendiger.
Besiktas-Park, 39.861 Zuschauer, Europa League Ligaphase
Nach der Rückgabe des etwas ramponierten Mietwagens in Bratislava fuhren wir mit dem Bus zum Wiener Flughafen. Im Moxy-Hotel durften wir schon einchecken, so dass wir in Ruhe für den Nachmittag in die Wiener City fahren konnten, bevor die Reise am nächsten Morgen fortgesetzt wurde. Man mag es ja kaum glauben, aber ich war bis auf diverse Umstiege an den Flughäfen noch nie in meinem Leben in Istanbul. Turkish Airlines brachte uns genau dorthin. Man kann sicher günstiger nach Konstantinopel fliegen, wenn man Pegasus, A-Jet, Corendon und Co nutzt. Da hatte ich aber mit der Gattin und großem Gepäck schlicht keinen Nerv drauf. Mit Turkish bin ich immer (Achtung, Wortwitz) gut gefahren und habe mich gut versorgt gefühlt, das ist meine persönliche Nummer-1-Airline. Und man bekommt sogar noch ein genießbares Essen und freie Getränke. Mit der Metro fuhren wir vom riesigen Flughafen auf der europäischen Seite mit einem Umstieg zum Taksim-Platz. Zwar prinzipiell easy, aber mit größerem Gepäck auch anstrengend, zumal die Metro in Istanbul circa vier Kilometer unter der Oberfläche verkehrt.
Den Rest des Tages nutzten wir zur Akklimatisierung von der gechillten Slowakei in den Ameisenhaufen am Bosporus, bevor wir uns am Tag darauf dem Sightseeing widmeten. Was das angeht, ist Istanbul nicht nur ein absolutes Highlight, sondern vor allem eins: teuer! Letztlich entschieden wir uns die ‚Hagia Sophia‘ und die ‚Yerebatan-Zisterne‘ zu besuchen und fanden nach ausgiebiger Internetsuche ein Skip-the-line-Kombiticket zu einem vertretbaren Preis im Vergleich zu den Einzeleintritten. Diese kosten für annähernd alle Spots zwischen 40 und 60 Euro. Die Hagia Sophie ist dann noch der größte Nepp, weil man als ungläubiger Touri nur auf die obere Galerie darf, wo man nicht viel sieht. Außerdem geht es der Kuppel des Gebäudes nicht gut, weshalb man hauptsächlich eine fette Stahlkonstruktion besichtigt. Die mystisch illuminierte Zisterne konnte da schon deutlich mehr. Die ‚Blaue Moschee‘, der große Basar und die beeindruckende ‚Fatih Moschee‘ wurden auch noch angeschaut. Der Besuch der Moscheen ist ja völlig kostenfrei.
Nach dem Abendessen, brachte ich die geschätzte Gattin ins Hotel und machte mich alleine auf zum ‚Besiktas Park‘ oder aktuell ‚Typras Stadyumu‘ benannt, das ja direkt am Bosporus liegt. Mit diesem Stadion hatte ich noch eine offene Rechnung zu begleichen. Vor zwei Jahren sollte Istanbul Station auf dem Rückweg aus der Golf-Region sein, um dort das Europa League-Spiel von Besiktas gegen Maccabi Tel Aviv zu besuchen. Da aber das Verhältnis zwischen der Türkei und Israel durch die Konflikte in Nahost stark belastet ist, entschied die UEFA das Spiel in ein anderes Land zu verlegen, es fand schließlich vor leeren Rängen im ungarischen Debrecen statt. Wie ich nun heute in dieses Stadion kommen sollte, war noch ungewiss. Eigentlich wollte über ich den ganzen Ablauf gar nicht so detailliert berichten, aber die Geschichte ist wieder zu gut, um sie zu verschweigen, also muss sich der Leser nun etwas Zeit nehmen… Die Zeiten, in denen man in der Türkei eine Eintrittskarte einfach am Stadion kaufen könnte, sind schon lange vorbei. Um Spiele der ersten beiden Ligen besuchen zu können, benötigt man eine sogenannte ‚Passo Taraftar Kart‘. Für diese registriert man sich auf gleichnamiger Website mit seiner Ausweis- und Handynummer. Das ist unkompliziert.
Im nächsten Schritt darf man sich dann entscheiden mit welchem Verein man die Karte verknüpfen will. Es gibt auch die Option, eine neutrale Karte zu erstellen, das hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist man dann nicht an ’seinen‘ Verein gebunden und hat prinzipiell die Chance, Tickets für verschiedene Spiele zu erwerben. Andererseits wird bei Spielen mit zu erwartender hoher Auslastung, zunächst den Vereinskarten-Inhabern ein Vorkaufsrecht eingeräumt, bevor ein eventueller Rest für die neutralen Karten freigegeben wird. Einen aktiven Account hatte ich noch vom Erstvorhaben vor zwei Jahren, nur die Karte war abgelaufen, diese ist nur für ein Jahr gültig. Eine neue Karte kostet dann auch jedes Mal Geld, mittlerweile knapp über 20 Euro. Dieses also nur, um überhaupt befugt zu sein, Eintrittskarten für die ersten beiden türkischen Ligen zu kaufen! Die Karte ist auch nach wenigen Augenblicken schon aktiv, die Kommunikation durch Passo Taraftar läuft einseitig über SMS. Als nächstes benötigt man dann ein Profil bei ‚Passo‘. Das ist die Plattform, über die in der Türkei Tickets für fast alle Veranstaltungen angeboten werden, egal ob Sport, Musik, Theater, Kunst oder sonst was. Den Account erstellt man klassisch passwortgeschützt mit seiner E-Mail-Adresse. Auch einen solchen hatte ich noch. Der Passo-Account muss dann mit der Passo Taraftar Kart verheiratet werden und dann kann es losgehen.
Soweit die Theorie, meine praktische Erfahrung wich in Nuancen ab. Am Wochenende vor dem Spiel gegen die Franzosen hatte Besiktas ein Liga-Heimspiel gegen einen uninteressanten Gegner. Dieses wollte ich als Test nutzen, der Vorverkauf startete ‚schon‘ 48 Stunden vor dem Spiel. Also auf Passo angemeldet und das Spiel ausgewählt. Dann einen Sitzplatz gewählt und eine Meldung in türkischer Sprache poppte auf. Der Übersetzer sagte mir, dass ich nicht berechtigt sei, für dieses Spiel eine Karte zu kaufen. Keine Idee warum, also die Kontaktmaske bemüht und meine Anliegen vorgetragen, danach realisiert, dass vermutlich in diesem Jahrzehnt keine Antwort kommen wird und kurzentschlossen die Hotline angerufen. Die Dame am anderen Ende konnte genau einen englischen Satz: „I do not speak Englisch, we will call you back“. Okay, dass das nix würde war klar, aber – oh Wunder – zehn Minuten später klingelte mein Handy und eine des Englischen mächtige Dame meldete sich. Nach Abgleich der Mobil-Nummern bekam ich die Information, dass die Ruf-Nummer hinter meiner Passo-Karte nicht mit der tatsächlichen Rufnummer meiner SIM-Karte übereinstimmt. Stark! Da ich die Rufnummer nicht selber geändert habe, blieb ungelöst, welche Ursache es dafür gab. Aber es sei kein Problem, ich bekäme ein Formular zugesendet, dass auszufüllen sei und dieses sollte zusammen mit einem Selfie, welches mich mit meinem Ausweis zeigt, zurückschicken. Spätestens nach 48 Stunden wäre die Sache dann erledigt. Aha.
Klappte so natürlich nicht, da ich weder die Möglichkeit hatte, etwas auszudrucken, noch einzuscannen. Also den Text des Formulars in die zu nutzende Kontaktmaske geballert, Foto angehängt und ab dafür. Nur die geforderte Unterschrift konnte ich nicht beibringen und dass es so vermutlich erfolglos bliebe, war klar. Daher aktivierte ich meinen zweiten Passo-Account, der an meiner Perso-Nummer hängt, denn ich hatte vor zwei Jahren eine weitere, neutrale, Karte kreiert. Kostete natürlich auch wieder Gebühr. In Verbindung mit dem zu erwartenden Ticketpreis, wurden langsam Dimensionen erreicht, die das Vorhaben in Frage stellten, erst recht, wenn man den mittlerweile betriebenen Aufwand mit einbezog. Aber der Ehrgeiz war einfach geweckt und irgendwann noch einmal anzureisen, würde auf jeden Fall teurer. Man kann auch mit ein und derselben Ausweisnummer mehrere Passo Taraftar Karten besitzen, aber ich habe mich noch nie damit beschäftigt wie das funktioniert. Mit dem Zweit-Account lief alles glatt und ich hätte für das Liga-Spiel kaufen können. Innerhalb der benannten Frist erhielt ich dann tatsächlich eine Antwort auf das Problem mit der ersten Karte. Diese war allerdings nur, dass der Vorgang noch in Bearbeitung ist. Doch tatsächlich kam dann im Laufe der Woche eine weitere Email. In dieser wurde genau das gefordert was ich bereits ausgeführt hatte. Sinnlos, zumindest in der aktuellen Situation. Wiederhole ich vielleicht irgendwann mal.
Am Montag-Nachmittag vor dem Spiel begann der freie Verkauf. Zu dem Zeitpunkt latschten wir gerade durch den Wald zur Burgruine Cabrad Hrad (siehe vorheriger Blog-Eintrag), die ja völlig im Nichts liegt und es keinen Mobilfunkempfang gibt. Damit hatte ich gerechnet. Nicht gerechnet hatte ich damit, dass ich die Passo-Seite nicht aufrufen konnte, nachdem ich wieder Empfang hatte. Ich sei in einem VPN oder unsicheren WLAN, meldete die Website. Alles nur noch unglaublich. Ob es daran lag, dass ich mich mit deutscher SIM aus slowakischem Netz in ein türkisches einwählte – was weiß ich, es war einfach nur noch absurd. Dann kam die Nummer mit dem geplatzten Reifen dazwischen und bis ich dann abends im Hotel auf die Plattform kam (aus einem unsicheren WLAN!), waren seit Verkaufsstart Stunden vergangen und nun nur noch VIP-Tickets ab 500 Euro aufwärts verfügbar. In diesem Moment hakte ich den Spielbesuch offiziell ab, auch wenn es noch Hintertürchen gab, in das ich aber keine große Hoffnung setzte.
Also war zum Zeitpunkt des Eintreffens am Stadion noch ungeklärt, ob ich hineinkommen würde. Ich hatte noch eine Email an den Verein abgesendet, mit der Bitte ‚alternativen‘ Zugang zu gewähren, eine Email-Adresse dafür herauszufinden war schwer und ob es die richtige war, werde ich nie erfahren, da keine Antwort kam. Als ich dann Ordner und Offizielle fragte, wo ich hin müsse wusste keiner was mit mir anzufangen und ich wurde von rechts nach links und wieder zurückgeschickt. Also erst einmal durch die Körper- und Taschenkontrolle, tatsächlich wurde mein Handy-Ladekabel bemängelt, was sollte ich damit tun, den Vereinspräsidenten erdrosseln? Ließ sich letztlich klären. Ab zum Ticket-Office, meine Frage vorgetragen und auch dort hatte keiner einen blassen Schimmer wo ich vorstellig werden musste. In der Schlange neben mir vernahm ich dann deutsche Stimmen. Ein paar Besiktas-Fans aus Stuttgart waren angereist und ich trug Sezer meine missliche Lage vor. Dass es einen Schwarzmarkt gibt, war mir bekannt, wie dieser aber mit personalisierten Tickets, die auf den eigenen Account geladen werden müssen, funktioniert, dagegen nicht.
Sezer, der meinem Anliegen aufgeschlossen und superfreundlich war, entpuppte sich als Retter. Er selbst hatte seine Karte über einen vertrauenswürdigen Kontakt bekommen, den er sofort anrief und der noch eine Kurvenkarte zum natürlich stark überhöhten Preis anbot. Damit war die Schmerzgrenze zwar absolut ausgereizt, aber wie schon erwähnt, noch einmal anzureisen, wäre teurer. Knackpunkt war noch der Zahlungsprozess. Ich sollte an einen türkischen Bank-Account überweisen, doch dann wäre die Kohle ja erst zwei Tage nach dem Spiel eingegangen. Einen PayPal-Account hatte der Dealer nicht. Sezer wollte nicht einspringen, da er selber kein türkisches Bankkonto besitzt und der Transfer für ihn dadurch auch umständlich ist. Letztlich ließ er sich doch darauf ein – absoluter Top-Mann! Dann stellte ich dem Dealer meinen Passo-Login zur Verfügung und binnen fünf Minuten war das Ding im Account. Mit der bestätigenden SMS eierte ich wieder zum Ticketschalter, wo dann ein Tagespass ausgestellt wurde. Next Stop Tor zum Stadion-Innenbereich. Der Scanner meldete freie Durchfahrt und auch das Drehkreuz kurz dahinter leuchtete grün und ich war drin. Was! Für! Ein! Aufwand! Um! Dieses! Spiel! Zu! Sehen!
Dieses war dann allerdings auch ein wirklich gutes Erlebnis, auch wenn optisch nichts geboten wurde. Sogar Gruppenbanner an den Zäunen fehlten bis auf ein Banner der Hauptgruppe ‚Carsi‘ in der Nordkurve. Daneben hing ein fettes Spruchband mit dem Wortlaut „Bu alemde kral“ („König in dieser Welt“). In der gegenüberliegenden Kurve hing zentral ein „Forza Besiktas“-Banner und rechts und links davon Banner mit der Aufschrift „Ne bir heves“ und „Ne bir tuktu“ („Was für eine Begeisterung.“ „Was für eine Leidenschaft.“). Ein paar einzelne kleiner Schwenkfahnen waren in den Unterrängen der Kurven zu sehen, das war es. Heute ging es um die Lautstärke. Und es wurde laut. Sehr laut. Abartig laut. Die Leute waren heiß wie ein Dönerspieß. Auf jeder Tribüne gab es Einpeitscher, welche die durch Carsi angestimmten Schlachtrufe weitertrugen und koordinierten. Es wurden auch immer wieder die gleichen fünf oder sechs Schlachtrufe oder Gesänge angestimmt, aber das war ja nicht dumm, da so jeder darauf einsteigen konnte und das fruchtete. Klar gab es auch mal Phasen, wo nur die Kurven aktiv waren, aber die waren nicht sehr häufig, stattdessen ging die Mitmachquote generell gegen 90 Prozent und mehr. Als ich später im Bett lag, klingelten noch immer die Ohren. Aber das Team lieferte ja auch und beflügelte die Masse. Sezer hatte schon gemeint, dass es ein sehr bedeutsames Spiel würde, da Besiktas eine schwierige Phase erlebt und kaum jemand mit dem Erreichen der Gruppenphase der Europa League gerechnet hatte. Bemerkenswert, dass kaum jemand seinen Sitzplatz in Anspruch nahm. Annähernd alle Anhänger standen, selbst im Bereich der Business Seats.
Wehrmutstropfen war, dass keine Gäste-Fans zu diesem Spiel anreisen durften, ich denke aber in dieser Hölle hätte man die Franzosen eh kaum wahrgenommen. Grund war eine Sanktion gegen die OM-Anhänger für das Zünden von Pyrotechnik im Spiel gegen Club Brugge im letzten Januar, als die Olympique-Anhänger schon unter Bewährung standen. Zwar wurde diese Entscheidung bereits im Februar getroffen, allerdings im Vorfeld dieses Spieles nicht kommuniziert und daher nicht von mir bemerkt. So wurde der Gästebereich ebenfalls mit Besiktas-Fans gefüllt. Besiktas begann stark und überlegen und ging nach einer Viertelstunde in Führung. Weitere Chancen blieben ungenutzt und nach einer halben Stunde Spielzeit fiel mit dem ersten gefährlichen Gäste-Konter der Ausgleich aus dem Nichts. Das war ein Stimmungskiller, es wurde kurzzeitig etwas ruhiger, die Mannschaft war verunsichert, das Spiel wurde ideenloser und das Passspiel ungenau. Die Gastgeber kamen dann aber mit frischem Mut aus der Kabine und erzielten vor der 60. Minute zwei Treffer zur Zwei-Tore-Führung. Danach spielten sich die Schwarz-Weißen in einen Rausch, die Gäste waren kaum noch zu sehen. Der vierte Treffer fiel folgerichtig und hätten es die Besiktas-Angreifer nicht immer zu schön machen wollen, wäre die Geschichte für Olympique mit einem Debakel geendet. Bei Besiktas läuft es aktuell nach einem starken Saisonstart, zarte Sprösse einer kleinen Euphorie waren zu spüren.
Den folgenden Tag verbrachten wir entspannt auf der asiatischen Seite, die viel authentischer ist, als die europäische Seite mit den Touristen-Magneten, bevor der Urlaub am nächsten Vormittag zu Ende ging. Den Abschluss bildete ein Höllenritt mit dem über das Hotel gebuchten Fahrer. Der Mann hatte es eilig. Unter 35 Minuten Fahrzeit vom Taksim-Platz zum Flughafen bedeuteten sicher einen Eintrag in die Tagesbestliste.