Barcelona – So., 27.11.2022, 12:30

CE Europa vs UE Sant Andreu 3:0

Estadi Nou Sardenya, 3.350 Zuschauer, Tercera Federacion Grupo 5
Neben den beiden Platzhirschen der Stadt gibt es in Barcelona noch ein paar kleinere Vereine und Stadien, bei denen ein Besuch durchaus lohnt, und der Spielplangestalter spülte mir das kleine Derby der Stadt zwischen CE Europa und UE Sant Andreu ins Programm. Das kleine Stadion von CE Europa hatte ich eh für irgendwann mal auf dem Zettel, befindet sich dieses doch in enger Lage mitten in der Stadt. Vor allem das circa zwanzig Stockwerke hohe Gebäude direkt hinter der Gegengeraden erschlägt den Ground fast. Fantastische Szenerie. Dass es sich bei dem Spiel um die Partie des Ersten gegen den Zweiten handelte, zeigte mir die Tabelle auf. Dass beide Clubs über aktive Szenen verfügen und dieses Spiel bedingt durch die räumliche Nähe – die beiden Vereine trennen gerade einmal vier Kilometer Luftlinie – hohe Brisanz genießt und zudem großer Rivalität unterliegt, war aber neu für mich. Das waren natürlich traumhafte Voraussetzungen für diesem Partie, welche bei sonnigem Wetter knapp unter der 20-Grad-Marke viel Spaß bringen sollte. Einen ersten Vorgeschmack gab es schon beim Verlassen der Metro, denn zufällig war die Ultra-Horde der Gäste ebenfalls im Zug und ließ einige Gesänge durch Katakomben schallern. So durften wir dann auch noch den von gelbem Rauch begleiteten Corteo zum Stadion beobachten.
Deutlich über 3.000 Zuschauer fanden sich zu diesem Spiel ein. Die Gastgeber gehörten übrigens in den 20er Jahren zu den Gründungsmitgliedern des spanischen Fußball-Oberhauses. Die meisten Spielzeiten der letzten Jahrzehnte verbrachte der Verein aber in der viertklassigen ‚Tercera Division‘. Aus dieser stieg der Club nach der vorletzten Saison auf, blieb absurderweise aber dennoch vierklassig, da oberhalb der vierten Ebene eine weitere Spielklasse installiert wurde. Nach nur einer Saison war das Abenteuer wieder vorbei und der Rückweg in die nun nur noch fünftklassige ‚Tercera‘ musste angetreten werden, aus der es nun aber erneut wieder nach oben gehen soll. Die Gäste waren sind seit einigen Jahren durchgehend Teilnehmer der ‚Tercera‘, duften aber davor einige Spielzeiten drittklassige Luft schnuppern. Beide Kurven waren gut aufgelegt – die Szenen sind deutlich dem Antifa-Spektrum zuzuordnen – und hatten ein Intro zu bieten. Während die Gäste eine große Blockfahne mit einer grimmigen Comic-Figur und einem Banner mit dem Hinweis „Euer Albtraum ist zurück“ präsentierten, beschworen die Gastgeber die ewige Liebe zum Verein und ließen blaue Rauchwolken aufsteigen. Sah beides gut aus. Beim Studium der Zaunfahnen in der Heim-Kurve sorgte eine kleine Zaunfahne der Spielvereinigung Landshut für Erstaunen. Sachen gibt’s…
Danach erlebte ich über die gesamte Spielzeit die beste Stimmung, die ich bei den bisher paar Dutzend besuchten Kicks in Spanien zu hören bekam. Da muss man erst in die fünfte Liga hinunter, um bei Don Quichottes Nachfahren ein stimmungs- und emotionsgeladenes Spiel zu sehen. Aber der spanische Fußballkonsument ist halt in der Regel dem Opernbesucher näher als dem Kurven-Asi. Im ersten Durchgang fehlte es der Partie noch an Torchancen. Der Club Esportiu war das etwas aktivere Team und konnte auch einen Treffer erzielen, der aber mit fragwürdiger Abseitsentscheidung zurückgenommen wurde. In der zweiten Hälfte traten die Gastgeber aber dann deutlich druckvoller und zielstrebiger auf. Waren zuerst noch deutliche Zweifel berechtigt, dass auf dem engen, kleinen Kunstrasen überhaupt ein Tor fallen würde, waren es am Ende deren drei, die von der Heim-Kurve ausgiebig gefeiert wurden, wobei sich auch der eine oder andere Anhänger zum Jubeln kurzzeitig auf dem Spielfeld wiederfand. Europa baute mit dem Erfolg den Vorsprung an der Spitze aus. Klasse Erlebnis, hat Spaß gemacht und ich gewann daraus die Erkenntnis, das Derby auch mal mit Sant Andreu als Gastgeber zu besuchen, liegt das Stadion dieses Vereins doch in ähnlich charmanter Umgebung.

Sabadell – Sa., 26.11.2022, 16:00

Centre d’Esports Sabadell FC vs SD Logronés 0:0

Estadi de la Nova Creu Alta, 4.087 Zuschauer, Segunda Divison, Primera Federación Grupo 2
Eigentlich sollte die durch diese fiese WM bedingte Zwangspause für den glorreichen RWE ja für eine Reise in weiter entfernt liegende Gefilde genutzt werden. Familiäre Ansprüche und schlechte Abstimmung mit den Arbeitskollegen vereitelten das Vorhaben aber schon frühzeitig absehbar. Daher müssen ein paar Wochenend-Trips ausreichen, um einen Ausgleich zum aktuell teils anspruchsvollen Alltag zu schaffen. Sofern man sich nicht für die nördlichen Landesteile entscheidet, ist Spanien immer ein brauchbares Ziel für die kalten Monate. Das passte auch dieses Mal und Barcelona empfing die Herzdame und mich beinahe wolkenfrei und mit moderaten Temperaturen. Stress und Zeitdruck sollten vermieden werden, daher stand am heutigen Samstag nur ein Spiel an und die Wahl fiel auf die Drittliga-Partie in Sabadell – mit dem Regionalzug gut erreichbar. Die besseren Zeiten des Vereins liegen schon länger zurück und in den letzten Jahrzehnten wurde mit kurzen Ausflügen auf zweitklassiges Niveau auf dritter Ebene gespielt. Beim Gastverein handelt es sich um einen Nachfolgeverein des Club Deportivo Logrones. Dieser Verein wurde von mehr als zehn Jahren liquidiert und hinterließ ein Vakuum in der Stadt. Neben der Sociedad Deportiva wurde auch noch die Union Deportiva ins Leben gerufen. Ob und inwiefern sich die beiden Clubs als Nachfolger des Club Deportivo sehen, erschließt sich mir nicht recht, jedoch scheint die SD näher dran am ehemaligen CD als die UD. Soweit verstanden? Ich auch nicht.
Das Stadion in Sabadell hat Ähnlichkeit mit einigen anderen Stadien dieser Größenordnung in Spanien. Nichts atemberaubendes, einfach ein nettes, kleines, reines Fußballstadion und wie so viele in Spanien ohne Rundum-Überdachung. Die kleine Ultra-Gruppe betrat die Kurve erst ein paar Minuten nach Spielbeginn und sang dann ein wenig lustlos vor sich hin. Spanien ist nun mal kein Stimmungsland, da geht es mehr um das Gesamtpaket. Auch fußballerisch war es eher zermürbend, denn die übertrieben auf Technik ausgelegt Spielweise führte dazu, dass sich die ballführenden Spieler in ihren Aktionen verzettelten und Torraumszenen absolute Mangelware blieben. Schon frühzeitig ein torloses Remis vorherzusagen, war bei dieser Veranstaltung keine Kunst uns so war der schöne Abendhimmel noch das Attraktivste an dieser Partie. Der einzig sinnvolle Weg nach dem Abpfiff konnte nur zurück nach Barcelona und auf direktem Wege in eine Taperia führen.

Hage-Halbemond – So., 20.11.2022, 12:30

SG Sengwarden/Fedderwarden vs SV Astederfeld 2:1

Motodrom Halbemond, 874 Zuschauer, 2.Kreisklasse Jade-Weser-Hunte 1
In Ostfriesland, nahe der Stadt Norden, steht mitten auf dem Feld ein riesiges Stadion mit einem Fassungsvermögen von über 30.000 Zuschauern. Dieses Stadion ist allerdings primär für den Speedway-Motorsport errichtet worden und es ist auch das größte reine Speedway-Stadion Europas. Da diese Sparte des Motorrad-Sports in Deutschland ja noch nicht einmal ein Schattendasein führt, sondern eigentlich überhaupt keine öffentliche Wahrnehmung erfährt, ist das schon ein erstaunlicher Fakt. Da Freunde von uns in der Gegend um Norden wohnen, war mir dieses Stadion schon bekannt und ich hatte es mir vor Jahren schon einmal in Ruhe angesehen. In der Mitte der weiten Sandbahn befindet sich ein Rasen-Spielfeld, welches jedoch in den letzten Jahrzehnten nicht mehr für den Spielbetrieb genutzt wurde. Bis Mitte 1999 trugen die Fehner Fußballfreunde ihre Spiele in dieser stattlichen Schüssel aus, bis sie ein Rechtsstreit mit dem Eigentümer MC Norden vertrieb und die Spielfläche fortan brach lag. Ein Groundhopping-affiner Fußballclub, der PSV Braunschweig, verwirklichte vor zwei Jahren dann eine fixe Idee, mietete das Stadion und trug unter schwierigen Corona-Bedingungen mit entsprechender Zuschauerbeschränkung ein Freundschaftsspiel gegen ein lokales Team aus. Diese Veranstaltung war dann der Grundstein für weitere Spiele der Braunschweiger in interessanten Spielstätten, die nicht mehr regelmäßig genutzt werden, und boten der Groundhopping-Szene damit Besonderes.
Eines dieser Spiele fand im letzten Jahr auf Helgoland statt – Groundfever berichtete 🙂 – und der Gegner des PSV in diesem Spiel mit dem sperrigen Namen SG Sengwarden/Fedderwarden aus der Nähe Wilhelmshavens ließ sich inspirieren und verlegte nun ein Meisterschaftsspiel in das Motodrom. Es war klar, dass dieses Spiel zur inoffiziellen Jahrestagung der Bewegung ausarten würde und sowas ist ja eigentlich nicht mein Ding, da ich mich lieber in relativer Anonymität bewege, anstatt mich in Rudeln von Hopping-Ottos zu bewegen, denn dieses zeigt zu oft die Schattenseiten des Hobbys. Um ein Spiel in diesem fantastischen Stadion zu sehen, musste ich aber nun die eh etwas inkonsequent gelebten Prinzipien großzügig auslegen und reiste unterstützt von der Gattin an. Natürlich traf ich viele Bekannte und es gibt ja auch richtig gute und sympathische Leute, die der Bewegung angehören. Und da ich mich von den Horden auf der Hauptseite des weiten Ovals fernhielt, die eh mehr mit Suff und einschlägiger Laberei beschäftigt waren, anstatt dem zugegeben überschaubar attraktiven Kreisklasse-Kick die Aufmerksamkeit zu schenken, ließ sich auch ganz gut steuern, wem man begegnen wollte und wem nicht. Star dieser Veranstaltung war eh einzig und allein das Stadion mit seinen teils durch Erdverschiebungen verschobenen Stufen. Während dann mit dem Schlusspfiff beinahe sämtliche Besucher fluchtartig den Spielort verließen, um irgendeine der umliegenden Nachmittags-Ansetzungen zu erreichen, nahm ich mir die Zeit, noch in Ruhe ein paar Bilder zu schießen. Egal, welches Spiel man nun anvisiert hätte, wäre man erneut auf viel zu viele Angehörige dieser eigenartigen Szene getroffen und eine Veranstaltung dieser Art am Tag reicht mir dann doch vollkommen.

München – Mo., 14.11.2022, 19:00

TSV München von 1860 vs Rot-Weiss Essen 1:1

Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße, 15.000 Zuschauer, 3.Liga
Morgens um zwanzig vor acht ging es mit dem Railjet der ÖBB vom Bahnhof Budapest-Keleti los. Etwas über 650 Kilometer waren es bis München. On-time wurde bei Freilassing die Grenze gequert, um dann auf den letzten 150 Kilometern über eine halbe Stunde Verspätung aufzubauen. Da stimmt grundlegend etwas nicht bei der Netz-Logistik der Deutschen Bahn. Am Münchener Hauptbahnhof sammelten mich dann meine Rot-Weiss-Leute ein und hinauf ging es auf Giesings Höhen, wo noch für eine Mahlzeit in einer Balkan-Giftküche – welch ein Fraß! – eingekehrt wurde, bevor wir die Oldschool-Bude der Sechz’ger betraten. Vor ein paar Jahren war ich mal zu einem Regionalliga-Spiel dort und vor beinahe 30 Jahren auch schon mit dem Deutschen Meister von 1955. Anfang der 90er waren sowohl 1860 als auch der RWE frisch aus der damals drittklassigen Oberliga aufgestiegen und es war das erste Auswärtsspiel der Saison, dass mit einem humorlosen 1:0-Sieg für die Löwen endete. Obwohl vor gut zehn Jahren umfangreiche Sanierungs- und Umbaumaßnahmen durchgeführt wurden, hat sich optisch zum Glück wenig verändert und dieses traditionsreiche Stadion konnte sein Aussehen weitgehend konservieren. Am auffälligsten ist sicher der Neubau der Gästetribüne, die Sicht auf das Spielfeld ist aus dieser allerdings sehr bescheiden. 1500 Rot-Weisse hatten sich auf den Weg an die Grünwalder Straße gemacht und das Gästekontingent damit ausverkauft. Respekt an uns selber, aber wie schon einmal erwähnt, macht es momentan auch richtig, richtig Laune, der Mannschaft hinterher zu fahren.
Zum Intro wurde in der Gästekurve schön gezündelt, sieht ja bei Abendspielen immer prächtig aus. Die Löwen-Kurve zog in Hälfte zwei mit einer großen Pyro-Einlage ordentlich nach und auch so gingen zwischendurch in der Westkurve immer wieder mal ein, zwei Fackeln an. Auf beiden Seiten war die Stimmung dann sicherlich nicht schlecht. Allerdings kam die Lautstärke der Löwen-Kurve auf Gästeseite nicht so recht an, was aber andersherum sicher ebenso empfunden wurde. Beide Hintertor-Tribünen sind halt unüberdacht, das nimmt dem Support schon ordentlich Kraft. Die Sechz’ger traten dominant auf und hatten bis auf wenige Phasen deutlich mehr Spielanteile. Torchancen blieben aber Mangelware, da die rot-weisse Deckung sicher stand. Mehr als zwei, drei gute Chancen kreierte der RWE aber auch nicht, weshalb die Partie eher von der Spannung lebte. Mit einem Punkt war ich dementsprechend natürlich zufrieden und als ich langsam die Überzeugung gewann, dass der RWE das torlose Remis über die Zeit bringen würde, gab es nach einem schlechten Klärungsversuch im Sechzehner eine Unachtsamkeit und Elfmeter für die Gastgeber. Golz ist leider kein Elfmeterkiller, zwar oft in der richtigen Ecke, aber die Bälle erreicht er nicht. Die Löwen gingen also in Führung und nun war ich mir genauso sicher, dass die Roten nicht zurückkommen würden. Aber die Truppe hat einfach Moral und darf in dieser Saison nie angeschrieben werden. In der Nachspielzeit segelte eine letzte Freistoß-Flanke in den Löwen-Strafraum und Kopfball-Ungeheuer Bastians war zur Stelle und glich aus. Im Gästeblock purzelte nun natürlich alles durcheinander und auch wenn der Punkt glücklich zustande kam, halte ich ihn für nicht unverdient, da die Mannschaft sich nie aufgegeben hat.
Nach Spielschluss gab es dann noch eine wunderbare Einlage der bayrischen Polizei-Nazis, welche zunächst einige normale Zuschauer durchließen und dann den Ultras und allen noch in der Kurve verbliebenen übrigen Anhängern die Abreise untersagten und das natürlich auf absolut ‚deeskalierende‘ Weise. Ein Lob an den Essener Haufen, der sich der Brisanz der Lage bewusst war und die Ruhe bewahrte. Nach einer guten halben Stunde durfte dann durch ein Spalier an Einsatzkräften in Kampfausrüstung in feindseliger Atmosphäre das Stadion verlassen werden. Zweck dieser aufwändigen und fragwürdigen Nummer war offensichtlich die Festsetzung zweier Personen, die man beim Zündeln infiziert zu haben meinte. Ich halte mich ja prinzipiell von derartigen Geschichten fern, aufgrund der räumlichen Situation waren wir dieses Mal aber halt mittendrin. Dass die Uhren polizeiseitig beim Fußball in Bayern anders gehen ist ja bekannt. Nach meiner Meinung wird dort mit Kanonen auf Spatzen geschossen und Polizei-Unterabteilungen wie BFE und USK, die ja beim Fußball eingesetzt werden, erinnert ganz stark an die staatlichen Prügel-Truppen östlicher und arabischer Diktaturen. Da muss sich dann auch kein Staatsdiener wundern, wenn sich die Akzeptanz für sein Auftreten stark in Grenzen hält. Und wenn es nach mir geht, kann der Freistaat seinem Namen auch gerne gerecht werden.

Budapest – So., 13.11.2022, 18:00

Vasas FC vs Mezökövesd Zsóry FC 1:0

Illovszky Rudolf Stadion, 1.328 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság I
Eile war geboten und erneut wurde ein Taxi benötigt. Dieses wurde auch zeitnah gefunden, aber ein pünktliches Erscheinen beim (für mich) dritten Kick des Tages war utopisch und das war uns auch vorher klar. Mit plus 14 Minuten trafen wir Deutsche Bahn-like am ‚Illovszky Rudolf Stadion‘ von Vasas, dem unbedeutendsten der vier großen Budapester Clubs, ein. Auch hier steht ein kleiner Neubau und auch hier hat man sich etwas für die Gestaltung der Fassade einfallen lassen, denn diese leuchtet in der Dunkelheit abwechselnd in den Vereinsfarben rot und blau. Auch so ist der kleine Kasten mit seinen asymmetrisch angelegten Dächern kein Einheitsbau und verfügt zudem noch über recht extravagante Flutlichtmasten. Wir kamen gerade noch rechtzeitig um das Tor des Tages um eine knappe Minute verpasst zu haben. Viel los war nicht, die heimische Szene, sofern überhaupt eine existiert, war offenbar im Streik, denn ihr Team ist das einzige, das aktuell noch schlechter steht, als der soeben besuchte Honved FC. Aus dem etwa 130 Kilometer östlich von Budapest gelegenen Mezökövesd waren etwa 70 Anhänger mitgereist, die ihr Team sporadisch und erfolglos unterstützten. Auch in dieser Partie blieb das Spielniveau überschaubar. Gegen Ende der ersten Hälfte zog dichter Nebel ins Stadion und es wurde eine richtige Waschküche. Glaube kaum, dass die Zuschauer hinter den Toren das gegenüberliegende Gehäuse noch erkannt haben, aber es gab ja auch nicht viel zu sehen. Es blieb beim knappsten aller Siegresultate für die Gastgeber und dadurch rückt der Tabellenkeller richtig eng zusammen. Wir machten uns mit Öffis auf in unsere schräge Stamm-Pinte und ließen den letzten gemeinsamen Abend gesellig ausklingen.

Budapest – So., 13.11.2022, 15:45

Budapest Honvéd FC vs Ferencvárosi TC 0:2

Bozsik Aréna, 4.938 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság I
‚Bozsik Arena‘ heißt der Neubau von Honved Budapest und ist wie das alte Stadion, welches an gleicher Stelle stand und der neuen Bude weichen musste, benannt nach Jozsef Bozsik, einem der bekanntesten Spieler des Vereins und Mitglied der ungarischen ‚Goldenen Elf‘ der 50er Jahre. Ein noch berühmterer Honved-Spieler ist natürlich Ferenc Puskas, der für Honved in 349 Pflichtspielen unglaubliche 358 Treffer erzielte und nach diesem ist die Straße benannt, an der das Stadion liegt. Die in den Vereinsfarben gehaltene Außenhaut unterscheidet den Bau von anderen Neubauten. Gerade einmal 8.200 Zuschauer passen hinein, was für diesen Verein allerdings vollkommen ausreicht. Insgesamt hält sich das Zuschaueraufkommen beim Fußball in Ungarn ja eh sehr in Grenzen. Selbst gegen den Erzrivalen aus der Stadt, und wohl prestigeträchtigsten Verein des Landes kamen, gerade einmal knapp 5000 Leute ins Stadion. Gründe dafür waren aber sicherlich auch die unsinnige Restriktion, nur mit Club-Karte des Vereins zum Ticketkauf für dieses Spiel berechtigt gewesen zu sein, als auch die sportlich verheerende Lage. Als Vorletzter schwebt Honved in akuter Abstiegsgefahr.
Die Gäste hatten ihr komplettes Karten-Kontingent verkauft, allerdings war der Block damit alles andere als voll und bot noch reichlich Platz. Ich hatte mir ja ein ordentliches Intro des Away-End erhofft, aber mehr als das Wedeln mit einem Haufen von kleinen grünen und weißen Fähnchen gab es nicht zu sehen. Die Honved-Kurve überraschte dagegen mit einer stattlichen schwarzen Rauchwolke und ein paar Fackeln. Support gab es von beiden Seiten dauerhaft, allerdings kam die ja doch eher kleine Honved-Szene nicht gerade brachial rüber und die Fradi-Leute spulten ein Standard-Programm ab. Auch wenn ich meine Erwartungshaltung grundsätzlich niedrig ansetze, war das schon recht dürftig, aber mit einem attraktiveren Gegner als Ferencvaros kann man dieses Stadion ja kaum besuchen. Vermutlich ist das eh ein Klagen auf hohem Niveau, denn einen brutalen Stimmungskracher bekommt man in einem ungarischen Liga-Spiel ja auch nur selten zu geboten. Ein Kracher war es auch sportlich nicht. Das Niveau der Partie hing irgendwo zwischen deutscher Dritter Liga und Regionalliga. Honved konnte vermutlich auch nicht mehr als das Gezeigte und das, was Fradi da anbot, war auch nicht sehr ansehnlich, reichte aber für die biederen Gastgeber aus.

Budapest – So., 13.11.2022, 13:00

BKV Elöre SC vs Füzesgyarmati SK 3:0

Sport utcai stadion, 100 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság III Keleti csoport
Stress war am heutigen Morgen nicht angesagt. Der Doc machte sich mit Ziel MTK-Stadion früher auf den Weg als ich. Um halb zwölf am Morgen wurde dort zweite Liga angestoßen. Da ich dort erst vor zwei Jahren ein Spiel gesehen hatte, brach erst etwas mehr als eine Stunde später mit beinahe identischem Ziel auf. Denn nur einen Steinwurf entfernt wurde auf der anderen Straßenseite beim BKV Elöre um 13:00 Uhr ein Drittliga-Kick angepfiffen. Schon schräg, dass sich diese beiden Spiele überschnitten, anstatt etwas versetzt anzustoßen um noch den einen oder anderen Zuschauer des Zweitliga-Spiels abzugreifen. Aber da eh kein Eintritt erhoben wurde, war das auch zu vernachlässigen, da macht es am Ende keinen Unterschied macht ob vor zehn Zuschauern mehr oder weniger gebolzt wird. Prunkstück und einziger Ausbau der Anlage ist die dicke, fette, betagte Tribüne und die ist mal ein absoluter Hingucker. Das Spiel war zwar auch gar nicht so schlecht anzusehen, aber das alte Bauwerk hätte auf jeden Fall mehr Besucher verdient gehabt. Meinen Unmut zog der einzige ehrenamtliche Ordner auf sich, der mich frecherweise beim Fotografieren störte, weil man irgendeinen beschissenen Bereich zwischen Tribüne und Spielfeld nicht betreten sollte, obwohl dieses eh durch einen Zaun gesichert war. So ein Unfug bei knapp einhundert sesselfurzenden Zuschauern. Auch sein Hinweis, dass er diese Regelung nicht erfunden hat, schützte ihn dann nicht mehr vor meinem Unmutsanfall und blieb etwas ratlos und verschüchtert schauend zurück. Dass ich letztlich auf der anderen Seite unmittelbar an den Spielfeldrand herankam, störte dann aber keinen. Inkonsequenz alléz! Mit dem Herrn Doktor, der nach Spielende bei MTK zu mir aufgeschlossen hatte, ging es dann mit dem Taxi in den Stadtteil Kispest.

Felcsút – Sa., 12.11.2022, 14:15

Puskás Akadémia FC vs Debreceni Vasutas SC 2:1

Pancho Arena, 1.670 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság I
Da der glorreiche RWE erst am Montag an der legendären Grünwalder Straße anzutreten hatte, eröffnete sich die Möglichkeit für eine kleine Wochenend-Tour. Am Freitag schwebte ich in der ungarischen Hauptstadt ein und traf mit meinem Doktor aus dem Saarland zusammen. Nach einem gerstenreichen Abend in einer zweifelhaften Spelunke, trennten sich am Morgen erst einmal unsere Wege. Der Mediziner reiste nach Pacs, während ich den öffentlichen Nahverkehr bemühte, um mit zwei Umstiegen ins 40 Kilometer westlich von Budapest gelegene Felcsut zu gelangen. In Felcsut befindet sich die ‚Pancho Arena‘, ein wirklich spezieller Stadionbau mit einer aufwendigen hölzernen Dachkonstruktion und einer einzigartigen Fassade, die fast an einen buddhistischen Tempel erinnert. In diesem spektakulären kleinen Stadion wird Erstliga-Fußball gespielt. Das dort ansässige Team ist benannt nach dem wohl größten ungarischen Fußballer, der sich vermutlich im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, für welches Projekt sein Name missbraucht wird. Der Puskas Akademia FC ist eigentlich gar kein richtiger Verein, sondern aus der Jugendabteilung des Liga-Rivalen Fehervar FC entstanden. Da der PAFC vor einigen Jahren die höchste Spielklasse erreichte, in der ja auch der Stammverein aktiv ist, der immer noch eine Art Aufsichtsrecht über die Akademie ausübt, spielen also nun zwei Teams in der Liga, die auch heute noch in irgendeiner Form miteinander verbunden sind. Wie das dem Wettbewerb genügt, vermag ich nicht zu beurteilen.
Felcsut ist ein kleines Dorf mit nicht einmal 2000 Einwohnern und hier steht also ein schickes Stadion, dessen Bau vermutlich nicht billig war, zumal auch noch eine umfassende Sport-Infrastruktur existiert. Felcsut ist auch der Heimatort des ungarischen Staats-Despoten Viktor Orban. Dass es diesen Verein auf und mit diesem Niveau ohne die Förderung das Staatspräsidenten nicht geben würde, ist ein offenes Geheimnis. Jedenfalls erscheint dieses Produkt reichlich sinnlos, auch wenn der ‚Verein‘ sportlich eine ordentliche Rolle spielt. Interessieren tut das nämlich eher keinen. Die offizielle vierstellige Zuschauerzahl zweifle ich an und wenn nicht gut 100 Anhänger des Eisenbahner-Vereins aus dem Osten des Landes angereist wären, die etwas Atmosphäre anzettelten, wäre ich vermutlich eingepennt, da die Nummer sonst die Attraktivität eines drittklassigen Handball-Testspiels hatte. Passend dazu wurde von auf Heimseite von ein paar Kids nervtötend rumgetrötet. Ungefähr so hatte ich das alles auch erwartet, aber dieses ungewöhnliche Stadion muss man ja mal gesehen haben. Mit einem Last Minute-Sieg behielt Puskas‘ Gefolgschaft die Zähler nicht ganz unverdient im Dorf und ich machte mich bewaffnet mit einer Büchse ‚Soproni‘ von der Tankstelle – dieses Mal ohne Umstieg – mit dem Regionalbus auf den Rückweg nach Budapest, wo ich mich mit meinem Leibarzt zur flüssigen Diagnostik im selben merkwürdigen Etablissement des Vorabend wieder vereinigte.