Estadio Alfonso Murube, 1.582 Zuschauer, Segunda Division
Irgendwie stellt mich das Hobby derzeit ein wenig auf die Probe. Schon die Ticketbeschaffung für dieses Spiel war wieder eine Aufgabe und auch wenn ich nie glaubte, dass das Spiel ausverkauft werden würde, wollte ich diese Frage bei dem zu betreibenden Anreiseaufwand gern vorher geklärt haben. Zwar kann man grundsätzlich easy online kaufen, allerdings war das Portal mit dem von mir den Angaben zu meinem Reisedokument nicht einverstanden. Obwohl ich alles ordnungsgemäß auswählte und ins System eingab, wurde mir der Kauf verwehrt. Ein wenig E-Mail-Verkehr mit dem Ticketing des Vereins und eine Überweisung regelten aber schließlich. Für den Spieltag war die Wettervorhersage dann für die gesamte Region mehr als zweifelhaft. Was das Vorhaben eigentlich schon massiv in Frage stellte, denn für diesen Ausflug war vernünftiges oder zumindest trockenes Wetter eigentlich unabdingbar. Aber genau dieses hat man halt nicht in der Hand und buchen kann man es auch nicht. Das wäre doch mal ne Geschäftsidee, wenn anstatt ‚Priority Boarding‘ die Option ‚Priority Weather‘ angeboten würde. Schon in der Nacht rumpelte es ordentlich und das deutlich hörbare massive Plätschern verhieß nichts Gutes. Der Plan, zum Busbahnhof zu laufen, um das Gepäck dort einzuschließen, ertrank jämmerlich im Starkregen. Also vom Rezeptionisten ein Taxi rufen lassen und der schon etwas betagte Taxista vergaß den Taxameter einzuschalten und rechnete tatsächlich nur den Startpreis ab.
Das sollte nun erst einmal das einzig Positive bleiben. Kurz wartete ich ab, bis der Regen etwas nachließ, um die wenigen hundert Meter zum Fährterminal schnellen Schrittes zurückzulegen. Als ich mich diesem näherte, wurde im Halbdunkel ein großflächiges liquides Hindernis sichtbar. Das ganze Regenwasser, welches aus der Stadt runter ans Meer floss, konnte von der Kanalisation nicht verarbeitet werden, die Uferpromenade stand über den Bordstein hinaus unter Wasser. Mit steigendem Pegel. Nun wurde es hektisch, denn ich musste noch meine Reservierung gegen das Fährticket tauschen, ein Zeitpuffer war quasi nicht vorhanden. Mit einem Umweg erreichte ich eine ‚Furt‘, wo ich die breite Straße queren konnte, aber der Vorplatz zur Schleuse in den Hafenbereich war ebenfalls hoffnungslos abgesoffen. Das war nun eigentlich der ‚Point of return‘ aber ich entschied die Situation in ‚No surrender‘ zu transformieren. Also die Hose bis zu den Knien hochgekrempelt, Schuhe und Socken ausgezogen und durch den ganzen Mist durchgewatet. Leere Getränkedosen und unzählige aus der Kanalisation hochgedrückte tote und lebende Kakerlaken umschmeichelten meine wohlgeformten Unterschenkel. Was sonst noch in der graubraunen Brühe rumschwamm, möchte ich gar nicht wissen. Nach gut 50 Metern Kneipp-Strecke sahen die Flunken dann aus, als hätte ich zu Fuß eine Schlammwüste durchschritten. Schöner Einstieg in den Tagestrip, das machte Lust auf mehr. Manche Erlebnisse wollen sich halt erkämpft wissen. Der ältere Herr, der die Sanitärräume des Boardingbereiches betrat, schaue etwas irritiert, als er mich meine Füße im Waschbecken reinigen sah. Nach dieser rituellen Waschung mit unvollkommenen Ausgang katapultierte mich der Hochgeschwindigkeits-Katamaran ‚Cecilia Payne‘ in einer knappen Stunde über die Straße von Gibraltar.
Auch in Afrika wollte es noch regnen, wenn auch in deutlich geringerer Intensität. Es reichte aus, um etwas herumzulatschen. Ceuta liegt auf einer Halbinsel und das historische Zentrum ist durch den ‚Foso de San Felipe‘, einen durch an beiden Ufern durch mächtige Bastionen gesicherten Wassergraben, vom restlichen Territorium Ceutas abgetrennt. Die Altstadt Ceutas mit vielen im spanischen Kolonialstil errichteten Gebäuden ist durchaus ansehnlich. Als in den 50er Jahren das spanische Protektorat, also der spanische Landbesitz auf marokkanischem Staatsgebiet, im Zuge der Unabhängigkeit zurückgegeben wurde, verblieb die Exklave Ceuta in spanischem Besitz. Das übt einen Reiz auf ausreisewillige Marokkaner und auch andere Afrikaner aus, die versuchen über Marokko den europäischen Kontinent zu erreichen. Mehrfach gab es Massenfluchten von großen Menschengruppen, die zu kritischen Situationen führten. Was Ende Juli dieses Jahres passierte, stellte aber alle bisherigen Szenarien in den Schatten. Über 70.000 Migranten erreichten schwimmend die Exklave und verdoppelten die Zahl Ceutas von etwas über 80.000 Einwohner beinahe. Innerhalb weniger Tage wurde der Großteil nach Marokko zurückgeführt, zwischen 2.000 und 3.000 Migranten blieben aber und sind auch bis heute in Ceuta. Auf dem Weg zum Stadion kam ich zum einzigen Mal mit dieser jüngsten Flüchtlingsproblematik in Berührung. Auf dem Hof der Polizeidirektion waren eine größere Gruppe von Migranten offenbar freiwillig versammelt, denn weitere Personen versuchten das Gelände zu erreichen. Die Polizei war mit mehreren Mannschaftswagen zugegen, die Beamten beobachteten die Situation aber nur. Die Lage wirkte zwar etwas angespannt, aber weit entfernt davon, außer Kontrolle zu geraten. Also prinzipiell war die Situation nicht großartig anders als in der Essener Nordstadt, nur dass dort die Polizei nicht so präsent ist.
Es war Zeit das ‚Estadio Alfonso Murube‘ anzusteuern. Die Lichtmasten des Stadions sind weithin sichtbar, liegt es doch auf einem höheren Punkt der Stadt. Eine recht niedrige Haupttribüne wird flankiert von zwei diese überragenden Hintertor-Tribünen. Die Gegengerade hat nur wenige Reihen, es herrscht Platzmangel aufgrund der Wohnbebauung. Um den neuen Ansprüchen gerecht zu werden hat man über der Gegengeraden eine abenteuerlich erscheinende Konstruktion von sogenannten ‚Palcos‘ errichten, das sind in diesem Falle verglaste VIP-Container. Schön ist anders, aber die Architektur ist den räumlichen Gegebenheiten geschuldet. Agrupacion Deportivo Ceuta Futbol Club lautet der vollständige Name des Vereins der vor eineinhalb Dekaden durch Zusammenschluss der AD Ceuta und Atletico Ceuta entstand. Der Verein legte in den letzten Jahren einen steilen Aufstieg hin. Vor fünf Jahren noch fünftklassig, rauschte durch Liga vier und stieg schließlich im letzten Jahr in die zweite Liga auf. Die Aufstiegssaison wurde dann mit einem soliden Mittelfeldplatz abgeschlossen, in der aktuellen Spielzeit scheinen die Früchte höher zu hängen, der Verein rangiert aktuell auf dem vorletzten Platz und kommt nicht recht in Schwung. Drei Dutzend von einem Capo dirigierte Anhänger sammelten sich im Fanblock hinter einem ‚Kaballas‘-Banner. Das Wort ‚Caballa‘ heißt übersetzt Makrele und dieses ist der Spitzname für die Einwohner Ceutas. Aus Oviedo ganz oben im Norden Spaniens hatten nicht ganz 30 Leute hergefunden. Das war für die Gäste schon ein Ritt, um das heutige Ziel zu erreichen, aber ja irgendwie auch eine reizvolle Auswärtsfahrt.
Dass es die AD Ceuta in dieser Saison schwer haben wird, zeigte sich auch auf dem Platz, denn Torgefahr kam selten auf. Die Gäste aus Asturien hatten über weite Teile des Spiels die Kontrolle inne und spielten geduldig auf. Dem ersten Treffer in Hälfte eins folgte nach einer Stunde Spielzeit der zweite. Die Gastgeber kamen dann auch zu Möglichkeiten, agierten aber zu umständlich. Der Anschlusstreffer einige Minuten vor dem Ende kam zu spät. Nach Spielschluss strebte ich zügigen Schrittes dem Hafen entgegen. Das Wetter hatte sich inzwischen komplett gewandelt. Mit Spielbeginn hatte es endgültig aufgehört zu regnen, inzwischen strahlte der Lorenz vom blauen Himmel herunter und ich verließ die Exklave bei strahlendem Sonnenschein. Von Algeciras ging es mit dem Bus weiter nach Sevilla und von dort am nächsten Morgen mit dem ‚Rainer‘ nach Köln. Dass ich von dort ins Herz des Ruhrgebiets mehr Zeit benötigte, als der Flug dauerte, beleuchtete den Zustand des öffentlichen Personenverkehrs in unserem Land ziemlich gut. Bedingt durch einen Geisterzug – ein RE1, der am Bahnsteig und in der Bahn-App als pünktlich angezeigt wurde, tauchte nie auf – und Verspätungen auf anderen Linien, verschimmelte ich allein am Knotenpunkt in Deutz eine satte Stunde. Da im Ruhrpott wichtige Bahnstrecken aktuell gesperrt sind, rettete mich letztlich meine Schwester, die mich in Duisburg einsammelte. So war der Weg von Köln ins Headquarter der aufwändigste Teil der Heimreise.
Estadio Nuevo Mirador, 2.900 Zuschauer, Primera Fedración Grupo 2
Nach einer wunderbaren Woche mit meinen Jungs auf einer Finca in der Nähe von Malaga, verabschiedeten sich diese am Samstag-Morgen gen Heimat, während mein Weg noch weiter in den Süden nach Algeciras führte. Die Stadt hat zwar einen kleinen hübschen Stadtkern, präsentiert sich aber sonst als graue Hafenstadt mit großem Container-Terminal. Am Abend machte ich mich auf in Richtung des nördlichen Stadtrandes, dort befindet sich am Rande eines Gewerbegebietes das ‚Estadio Nuevo Mirador‘. Es ist in seiner Bauweise irgendwie typisch spanisch, verfügt über eine gedeckte Haupt- und eine unüberdachte Gegentribüne, sowie zwei ungedeckte Hintertor-Tribünen mit flachem Radius. Diesen Stadiontyp findet man in Spanien des Öfteren vor. In der dritten Liga war Hercules Alicante zu Gast, ein Verein, der schon deutlich bessere Zeiten erlebt hat und nach brutalem Absturz in den letzten Jahren versucht, in der Ligen-Pyramide wieder nach oben zu krabbeln. Von etwa 60 Fans begleitet, welche die 600 Kilometer Entfernung auf sich genommen hatten, kam der Verein diesem Unterfangen heute nicht näher. Die erste Halbzeit plätscherte noch so vor sich hin. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Beregnungsanlage machte sich plötzlich selbstständig. Im zweiten Durchgang bogen die leicht überlegen spielenden Gastgeber dann auf die Siegerstraße ein. Sehr zur Freude der in überschaubarer Zahl hinter dem Tor agierenden, aktiven Anhänger, die ihr Team aber ohne Unterlass unterstützten, soweit ich das unter dem Einfluss der intensiven Tetrahydrocannabinol-Schwaden um mich herum beurteilen konnte.
Auch wenn das Duell mit den Gummi-Adlern natürlich kein Derby ist, liegt seit jeher eine gewisse Brisanz in diesen Spielen. Die Preußen sortiere ich direkt hinter den echten Erzrivalen aus dem direkten Rhein-Ruhr-Umfeld ein. Oder anders ausgedrückt – man mag sich absolut nicht. Die Gastgeber waren nicht ganz so gut in die Saison gestartet wie erhofft und vor allem nicht, wie vom westfälischen Umfeld erwartet, denn durch den steilen Aufstieg in der jüngeren Zeit ist die Erwartungshaltung in Münster ordentlich gewachsen. Auch die Art und Weise wie die eher durchschnittliche Punktzahl erreicht worden war, schmeckte dem Großteil der Preußen-Fans nicht. So war die Stimmung dort etwas angespannt und ein latenter Druck auf der Mannschaft nicht von der Hand zu weisen, was für den glorreichen RWE in der Theorie von Vorteil hätte sein sollen. Nachdem sich der Pyro-Nebel auf der Baustelle Preußen-Stadion verzogen hatte, den beide Seiten reichlich produzierten, die rot-weisse Ultra-Szene exzessiver als die Anhänger der Adler-Träger, durfte ich erkennen, dass die Roten die Kontrolle übernahmen. Eine von Marvin Obuz kläglich vergebene Abschlussmöglichkeit nahmen die Gastgeber dann nach zehn Spielminuten nicht nur zum Anlass aktiv am Geschehen teilzunehmen, sondern die Spielgestaltung direkt ganz an sich zu reißen. Von Verunsicherung nix mehr zu sehen, stattdessen trugen die Preußen einen mustergültigen Angriff vor, der mit einem absoluten Traumtor abgeschlossen wurde. Auch danach spielten nur die Hausherren, vom RWE war nichts mehr zu sehen.
Einige Minuten vor dem Seitenwechsel bekam die rot-weisse Abwehr einen langen Einwurf nicht geklärt, der Ball flog erneut in den Strafraum und Alonso war es vorbehalten, die Führung der Gastgeber mit einem unglücklichen Eigentor zu verdoppeln. Damit hingen die Trauben im zweiten Durchgang natürlich hoch. Warum dennoch mit unverändertem System und Personal in diesen gestartet wurde, war nicht nur mir ein Rätsel. Worauf hofft ein Trainer in so einer Situation eigentlich, auf ein Wunder? Denn die Westfalen machten weiter, wo sie aufgehört hatten, die Roten vermittelten nicht eine Sekunde lang, eine Wende herbeiführen zu können. Und doch kam diese. Witzigerweise in dem Moment, als endlich zwei rot-weisse Akteure zur Einwechslung bereitstanden, erkämpfte sich Celebi den Ball, flankte butterweich in den Sechzehner und Janssen köpfte die Kirsche nach exakt einer Stunde Spielzeit wuchtig zum Anschluss in die Preußen-Maschen. Danach passierte eine Viertelstunde lang wenig, auch wenn der glorreiche RWE nun überlegen agierte. Doch dann eröffneten sich den Münsteranern direkt nacheinander zwei Konterchancen, die von Golz beide stark entschärft wurden. Im Eins-gegen-Eins ist der Mann einfach eine Maschine! Kurz darauf flog nach einem abgewehrten rot-weissen Eckball eine zweite Flanke in den Preußen-Strafraum, die den Kopf von Alonso fand, der seinen Fauxpas nun wettmachte und auf Remis stellte. Ein schon verloren geglaubtes Spiel war nun wieder völlig offen.
Doch der Wahnsinn ging noch weiter, denn nur zwei Minuten später zeigte sich der Schlussmann der Gastgeber unsortiert, kam bei einem langen Ball zu spät und faustete anstelle des Spielgerätes Janssens Rübe weg. Das wurde ergo mit einem Strafstoß für den RWE belohnt, den Telalovic vor dem Gästeblock zur Führung verwandelte und diesen im Freudentaumel versinken ließ. Auf diesen Wahnsinn folgte allerdings noch mehr Wahnsinn. Zunächst war Koschinat wahnsinnig genug, den defensiven Reisig für Janssen einzuwechseln. Was sollte das? Der Mannschaft damit das Zeichen zu geben, in einem Spiel, in dem Polen gerade offen war, nun ordentlich Beton anzurühren, erschien wenig sinnhaft. Zudem konnte sich nun auch die Preußen-Defensive in die wütenden Angriffe einschalten, denn hinten gab es ja nichts mehr zu tun. Ich bin absolut kein Uwe-Gegner, aber mit seiner Wechsel-Philosophie werde ich nicht warm. Nun wurde es also wieder ungemütlich vor dem Essener Tor und bei einem langen Einwurf war die Zuordnung wahnsinnig mies, so dass ein Münsteraner Stürmer gar nicht mehr anders konnte, als die Murmel mit seiner Murmel zum Ausgleich zu versenken. Nun ging es noch ein bisschen hin und her, das Ergebnis zeigte sich nun jedoch haltbar. So stand abschließend die Wahnsinns-Frage im Raum, ob man sich nun über den gewonnenen Punkt freuen oder über die beiden verlorenen ärgern sollte. Die Antwort lautete eindeutig „Ja!“.
Stadion Hexenkessel, 50 Zuschauer, Kreisliga A Rhein/Erft
Der Sportplatz von Rot-Weiß Berrendorf ist zwar nicht unansehnlich, hebt sich aber auch nicht sonderlich von anderen Amateur-Sportanlagen ab. Besonders ist aber die Lage, denn das Spielfeld liegt nicht einmal eine ganze Platzlänge von der Abbruchkante des Braunkohle-Tagebau Hambach entfernt, der größten Braunkohle-Grube auf dem europäischen Kontinent. Das ist von der Anlage aus visuell allerdings nicht wahrnehmbar, jedoch befindet sich in unmittelbarer Nähe der Aussichtspunkt ‚Terra Nova‘ der einen interessanten Einblick in dieses riesige Loch gewährt, dessen Sohle der tiefste Punkt von Nordrhein-Westfalen ist. Nach dem geplanten Ausstieg aus dem Braunkohle-Abbau im Jahr 2030 soll die Grube mit Rheinwasser durch eine eigens installierte, knapp 50 Kilometer lange Pipeline zu einem künstlichen See befüllt werden, der dann vom Inhaltsvolumen der zweitgrößte in Deutschlands nach dem Bodensee sein wird. Kurz hatte ich noch überlegt, mich im benachbarten Hambacher Forst an einen Baum zu ketten, als mir gerade noch rechtzeitig einfiel, dass dieser ja vor ein paar Monaten schon unter Schutz gestellt wurde und Rodungspläne damit vom Tisch sind. Die Berrendorfer Rot-Weißen waren dem Tabellenzweiten in allen Belangen unterlegen, was sich im Endresultat auch deutlich wiederspiegelte.
Stadion Grabri, 100 Zuschauer, 1. zupanijska nogometna liga Istarska
Am Vormittag fuhr ich mit dem Bus nach Pula. Die Strecke führte einen Großteil an der Ostküste Istriens entlang, ein schöner Flecken. In Pula hatte ich Zeit für einen ausgiebigen Rundgang durch das Stadtzentrum. Ihre römische Vergangenheit kann die Stadt nicht verbergen, aber es gibt auch eine große Festung, die unter venezianischer Herrschaft in der Neuzeit errichtet wurde.
Am Nachmittag fuhr ich dann mal Richtung Flughafen, denn der Spielplan gönnte mir noch ein Spiel auf siebtklassiger Ebene keine drei Kilometer vom Airport entfernt. Öffentlicher Nahverkehr findet sonntags außerhalb von Pula in dieser Region nicht statt, es gibt nicht einmal eine Verbindung zum Flughafen. So musste Uber aushelfen, um mich halbwegs günstig in die Peripherie zu bringen. Auf der kleinen Anlage wurde dann fröhlich um Punkte gebolzt, welche die Gastgeber mit der letzten Aktion des Spiels auf der Habenseite verbuchen konnten. Der kleine Ort scheint seinen Verein zu leben, denn ständig kam und ging wer und nutzte den Bierausschank. Der Billig-Ire brachte mich am Abend dann unspektakulär wieder in heimische Breiten.
2013 reiste ich für ein Wochenende nach Kroatien, um ein Spiel im traumhaft gelegenen ‚Stadion Kantrida‘, benannt nach dem gleichnamigen Stadtteil von Rijeka, und am Folgetag den kroatischen Clasico zwischen Hajduk und Dinamo zu besuchen. Bei strahlendem Sonnenschein gelandet, kippte schnell das Wetter. Während in Split aufgrund sintflutartiger Regenfälle an Fußball letztlich überhaupt nicht zu denken war, wurde in Rijeka am Vorabend noch angestoßen. Allerdings hatte es begonnen zu schneien, was vermutlich viele potentielle Stadiongänger abhielt und der Szenerie die Atmosphäre raubte. Letztlich sah ich einen traurigen Kick gegen einen uninteressanten Gegner vor knapp 1.000 Zuschauern im Schneetreiben. Dass es dabei nicht bleiben konnte war klar. Also nahm ich mir eine Rückkehr vor, aber 2015 verließ der HNK Rijeka dann Kantrida und zog um nach Rujevica. Das sollte eigentlich eine Übergangslösung sein, um in Kantrida einen Um- oder Neubau des in die Jahre gekommenen Stadions zu ermöglichen. Der Leser ahnt es schon – passiert ist in Kantrida seitdem überhaupt gar nichts. Das Stadion wird aktuell durch den Zweitligisten aus dem benachbarten Opatija genutzt, der nur wenige Anhänger dorthin locken kann. Der HNK Rijeka ist dort schon lange nicht mehr aufgelaufen.
Zufällig schnappte ich vor ein paar Wochen auf, dass Union Berlin in der Länderspielpause nach Rijeka reisen würde, um dem Karriere-Ende von Damir Kreilach, einem verdienten Spieler, der für beide Clubs lange Jahre aufgelaufen ist, einen würdigen Rahmen zu verleihen. Als Spielort wurde das Stadion Kantrida auserkoren, so dass der HNK Rijeka zum ersten Mal seit gut sechs Jahren wieder dort antreten sollte, was vom Publikum natürlich gut angenommen wurde. Das Stadion gibt es – natürlich nicht in der heutigen Bauweise – an dieser Stelle schon weit über 100 Jahre. Erbaut wurde es in einem alten Steinbruch direkt an die Felswand angelehnt. Nicht weit hinter der Haupttribüne auf der anderen Seite brandet die Adria an die kroatische Küstenlinie. Die Organisation dieser Veranstaltung oblag übrigens der ‚Armada‘, der großen Ultra-Gruppierung des Vereins, welche den Anstoß auf die ungewöhnliche Uhrzeit 19:17 Uhr festlegte. Kreilach, bei beiden Vereinen zeitweise Team-Kapitän, hatte bei Union die Rückennummer 19 und in Rijeka die Nummer 17 inne. Die Spielzeit wurde auf 87 Minuten festgesetzt, angelehnt an das Gründungsjahr 1987 der Armada. Die Gäste hatten ihr Kontingent von 850 Karten ausverkauft, weitere Unioner hatten sich mit Tickets für die Haupttribüne eingedeckt. Die flache Gegentribüne war der einzige Bereich, der nicht geöffnet wurde, ansonsten füllte sich das Stadion ordentlich.
Nach dem offiziellen Teil, in dem die Führungsmitglieder der Ultra-Gruppen beider Teams Geschenke an Kreilach überreichten, gehörte das Intro zunächst den Berlinern. Am Zaun prangte ein dickes ‚Eisern Union‘-Banner mit der ergänzenden Aufschrift in Kreilachs Muttersprache „Und vergiss niemals…“, darunter wurde der Hauptprotagonist dieses Abends als Fußballgott gefeiert. Der Block zeigte eine Zettel-Choreo, wobei die einzelnen Zettel Kreilachs Rückennummer 19 zeigten. Schließlich wurde eine Blockfahne hochgezogen, welche Kreilachs Konterfei im Union-Trikot zeigte. Das Zünden von einigen Fackeln rundete die Aktion ab. Die Armada ließ sich eine Viertelstunde Zeit und legte dann umso heftiger los. Zunächst wurde die Kurve mittels Zettel-Choreo in Blau getaucht. Dann wurde eine Blockfahne hochgezogen, die jubelnde Fans hinter einem vermummten ‚Armadisten‘ zeigte, und dazu Pyrotechnik in allen Variationen abgebrannt. Blauer und weißer Rauch stieg in den Himmel, weiße und rote Fackeln wurden gezündet, Blinker erleuchteten die Dunkelheit. Und auf der Tartanbahn gingen unfassbar fette Böller hoch, die explodierten wie Silvesterraketen. Krank. Damit war dann auch alles erlaubt, ständig brannte es rechts oder links, und in der Heimkurve rumste auch noch ab und an wieder mal ein Böller. Vom Spiel bekam ich kaum was mit.
Aber das war ja auch nicht der primäre Grund der Anreise, der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Union durch ein frühes Tor mit dem kleinstmöglichen Sieg-Resultat gewann. Die wenigen Phasen in denen ich aufs Spiel achtete, erweckten auch nicht den Eindruck eine rassige Angelegenheit zu verpassen. Mitte der ersten Hälfte zeigte der Gästeblock Spruchbänder mit der Aufschrift „Samo je jedno mjesto vas dom – povrotak na Kantridu“, was so viel heißt wie „Es gibt nur einen Ort der Deine Heimat ist – Rückkehr nach Kantrida“. Schöne Aktion, die vom kroatischen Publikum natürlich mit Applaus bedacht wurde. Nach dem Abpfiff ließ sich Kreilach noch von den beiden Kurven feiern. Der erste Gang führte zur Armada und vermutlich jeder außerhalb der Kurve dachte wohl: „Bitte keine Kracher mehr einsetzen!“. Ein solcher explodierte dann aber mitten in der Kurve und durch den Schreck, möglicherweise auch die Druckwelle, flogen die unmittelbar dort stehenden Leute durcheinander. Aber auf dem Balkan gehen die Pyro-Uhren anders, wirklich aufgeregt hat es keinen, für meinen Geschmack ist es das klare Überschreiten einer Linie, das geht gar nicht, zumal sich auch viele Kinder in der Kurve aufhielten. Zurück in der City verzog ich mich mit einer 2-Liter-Granate ‚Ozujsko‘ ins Apartment und ließ die feurige Nummer Revue passieren.
Stadion igraliste na Podvurmicana Robert Komen, 80 Zuschauer, 1. zupanijska nogometna liga Primorsko-goranska
Das Wochenende führte mich nach Rijeka. Aus Gründen. Mangels bezahlbarer direkter Verbindungen ist das Ziel etwas umständlich zu bereisen, aber da die Wege innerhalb des recht kleinen Landes meist erträglich bleiben, war das kein Beinbruch. Über Zagreb flog ich ein, der Bus brachte mich dann an die Adria. Nachdem Check-in ins gebuchte Apartment steuerte ich das ‚Stadion Robert Komen‘ an. In der sechsten Liga wurde dort munter vor den Ball getreten. Das war natürlich nicht, was den Reiz dieses Spielbesuches ausmachte, sondern die Spielstätte selbst. Zum einen weist diese mit ihrem vielstufigen, dreiseitigen Ausbau eine durchaus respektable Größe vor. Zum anderen sind Lage und Kulisse besonders. Um das Stadion herum zeigt sich eine interessante Szenerie aus Wohnklötzen und die nicht ausgebaute, der Adria zugewandte Seite bietet einen guten Blick auf das Container-Terminal mit den beeindruckenden Ladekränen. Ein Eintrittspreis wurde ebenso wenig verlangt, wie kulinarische Versorgung angeboten wurde. Dieses Manko konnte durch einen benachbarten Minimarkt ausgeglichen werden. Da aufgrund der folgenden Abendveranstaltung weitere Angehörige ‚der Bewegung‘ beim Spiel weilten und sich darunter bekannte Gesichter fanden, wurde der Kick mal wieder angemessen verquatscht.
Sportanlage am Wasserturm, 400 Zuschauer, Niederrheinpokal 2.Runde
Die Adler vom schönsten Wasserturm der Welt hatten den starken Oberligisten aus dem Bergischen zu Gast, für mich Grund genug, mal wieder beim alten Verein vorbeizuschauen. Die Raubvögel waren ja im Sommer erneut aus der Oberliga abgestiegen, aktuell sieht es aber so aus, als ob sie ihren Horst im kommenden Jahr wiederum in der höchsten Verbandsspielklasse errichten dürfen. Mit sechs Start-Siegen bei einem Schnitt von mehr als fünf erzielten Toren je Spiel ist die Zielrichtung klar. Der Favorit begann stark und erzielte die frühe Führung. Nach zwanzig Minuten waren die Turm-Kicker dann drin in der Partie und konnten nach einer knappen halben Stunde Spielzeit ausgleichen. Kurz danach gab es eine Szene mit Diskussionsbedarf. Die Gastgeber erzielten den vermeintlichen Führungstreffer, der aber wegen einer Abseitsposition kassiert wurde. Davor wurde jedoch der Passgeber vom heraus eilenden Velberter Torhüter außerhalb des Strafraums umgestoßen. Da diese Aktion vor dem Abspiel ins Abseits geschah, hätte es hier eine rote Karte für den Torhüter und Freistoß für Adler geben müssen. Mit der Abseitsentscheidung drückte sich der nicht immer souveräne Referee, der in einigen kritischen Fällen zugunsten der Velberter Löwen entschied, vor einer unpopulären Entscheidung gegen das klassenhöhere Team. Nach der Pause agierte die Sport- und Spielvereinigung wieder mit etwas Übergewicht, was in der erneuten Führung nach einer gespielten Stunde mündete. Adler hielt die Partie danach offen, agierte aber im Angriff zu unsauber und wurde nicht zwingend, so dass am Ende ein knapper, nicht völlig unverdienter Favoritensieg zu notieren war.