Athen – So., 01.02.2026, 15:00

GS Apollon Smirnis vs AO Trachonon Alimou 2:0

Stadio Georgios Kamaras, 400 Zuschauer, A-EPS Athen Gruppe 2
Das zweite Spiel des Tages lag einen etwas mehr als halbstündigen Fußmarsch entfernt, der uns über die Stadtgrenze zurück nach Zentral-Athen führte. Es blieb noch genügend Zeit, um unterwegs in einem Grillrestaurant einzukehren und sich für den weiteren Tagesablauf zu stärken. Neues Spiel aber dieselbe Liga wie beim vorherigen Kick. Apollon Smyrnis, benannt nach dem Sonnengott, ist ein Club mit einer vor allem in der etwas jüngeren Zeit recht bewegten Geschichte. Vor 30 Jahren spielte der Club gar im Europapokal und stand im griechischen Pokalfinale. Danach ging es innerhalb weniger Jahre bergab bis in die vierte Liga, aber dann auf ebensolche Weise wieder hoch bis in die Super League. Nach ein bisschen Auf und Ab stieg der Club im ersten Corona-Jahr letztmalig in die höchste Spielklasse auf, danach ging es im freien Fall wieder hinab bis in die höchste Regionalklasse. Dort scheint nun der erneute Turnaround stattzufinden, denn Tabellenführer Apollon empfing an einer verdammt engen Spitzengruppe den Dritten der Rangliste. Mit einem verdienten Heimsieg konnte der Platz an der Sonne behauptet werden.
Eine aktive Gruppe von 30-35 Leuten hält dem Verein auch in den Niederungen des griechischen Ligasystems die Treue und machte Stimmung und auch einige pyrotechnische Elemente wurden in gasförmige Stoffe aufgelöst. Das deutlich in die Jahre gekommene Stadion ist natürlich eine Wucht, leider war nur die Haupttribüne geöffnet, so dass ein ausgiebiges Herumschleichen nicht möglich war. Es handelt sich um eine U-Form, wie es in Griechenland erstaunlich häufig der Fall ist, bedeutet also, dass hinter einem Tor der Ausbau fehlt. Beim ‚Georgios Kamaras‘ steht hinter der Ausbau-losen Seite eine Sporthalle. Das Stadion gammelt in aller Ruhe vor sich hin. Irgendwer stellt Geld für eine Infrastruktur bereit und dann wird diese solange benutzt, bis sie kaputt ist. So erklärte Tim mir einmal die hiesige Verhaltensweise. Wirklich kaputt ist das Stadion natürlich noch lange nicht, aber es gibt natürlich schon einige Stellen, die sich über eine Sanierung freuen würden. Der Bauch der Haupttribüne beherbergt eine traumhafte Stadionkneipe, die mit vielen Holzelementen beinahe an einen britischen Pub erinnert. Nach dem Schlusspfiff mussten wir uns zügig zum nächsten Kick aufmachen, das Zeitpolster war eng und wurde durch unfähig herumirrende Uber-Fahrer unangenehm verknappt.

Nea Ionia – So., 01.02.2026, 11:30

PAO Alsoupoli vs Irakleio AE 1:0

Dimitiko Stadio Nea Ionia, 100 Zuschauer, A-EPS Athen Gruppe 2
Wie die erste Nacht war auch die zweite zu kurz, aber Schlaf wird auf  den Touren ja eh überbewertet. Der Sonntag sollte es in sich haben, zumindest in Blickrichtung Fußball. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass der glorreiche RWE heute seinen 119. Geburtstag feierte, sondern dass vier Spiele auf dem Zettel standen und vorher wollte noch der Schlüssel des Miet-Vehikulums zurückgegeben werden. Obwohl ich das Hobby ja schon einige Monde pflege, kann ich gar nicht sagen, ob ich schon mal vier Spiele an einem Tag geschaut habe. In Tschechien vielleicht mal? In Buenos Aires bin ich jedenfalls aufgrund eines unzuverlässigen Taxista mal am Vierer des Todes gescheitert. Den Opener machte diese Partie der höchsten Regionalliga Athens. Super League und Super League 2 organisieren sich selbst durch entsprechende Liga-Verbände, die ‚Gamma Ethniki‘, die dritte Liga, wird durch den griechischen Fußballverband geleitet. Darunter gibt es dann unzählige, gleichgestellte regionale Verbände, die jeweils ihren Spielbetrieb organisieren. Alsoupoli nutzt das Stadion des Drittligisten Nea Ionia, dessen Ultra-Gruppe die Stadion-Mauer mit einem fetten Graffiti versehen hat. Nea Ionia gehört schon nicht mehr zu Zentral-Athen, sondern ist eine eigene (Vor-)Stadt. Die Gastgeber gingen als Tabellenschlusslicht in die Partie, was sie unabhängig vom Endergebnis auch bleiben sollten. Die Gäste aus der unmittelbar benachbarten Vorstadt Irakleio hatten sich den Verlauf der Veranstaltung sicherlich anders vorgestellt, nach 90 Minuten hatte die Alsoupolis nämlich den erst zweiten Sieg der Saison unter Dach und Fach. Kurz nach Anpfiff öffnete sich der Wolkendecke und wir konnten den Warm-up bei Sonnenschein und einer Büchse Bier in aller Ruhe genießen.

Agrinio – Sa., 31.01.2026, 17:00

Panetolikos vs PAE Aris 0:1

Stadio Panetolikou, 1.755 Zuschauer, Super Liga
Was war das wieder für ein Drama mit diesem Wochenende – Griechenland ist und bleibt einfach eines der unberechenbarsten Fußballländer Europas! Um die Weihnachtszeit wurde der Plan zu dieser Reise geschmiedet, da ich mit dem alten Nikolaidis-Stadion von Panathinaikos noch ein Thema offen hatte. Auch dazu gibt es eine Geschichte. Als ich die alte Rammelbude vor ziemlich exakt elf Jahren besuchen wollte, hatte der griechische Verband die ‚Super League-Spiele‘ des anvisierten Spieltages kurzfristig abgesetzt. Der Grund waren wiederholte Ausschreitungen und als i-Tüpfelchen eine Schlägerei zwischen Funktionären von Panathinaikos und Olympiakos während einer Sitzung des Liga-Vorstandes. Dit is Griechenland! Griechenland wäre aber nicht Griechenland, wenn die Absetzung nicht kurz vor dem Wochenende wieder rückgängig gemacht worden wäre, allerdings wurde nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit gekickt. Wir fuhren am Spieltag trotzdem zum Stadion, um uns mal ein Bild vom Geschehen zu machen. Die dort aufgestellte Großbildleinwand, mit der man die Fans am Spiel teilhaben lassen wollte, war aber leider nur eine Kleinbildleinwand. Vor Ort gemachte einheimische Bekanntschaften nahmen uns mit auf das Dach eines heruntergekommenen Wohnblocks hinter der Haupttribüne, von dem wir versuchten, einen Blick ins Stadion zu werfen. Völlig sinn- und erfolgsbefreit, dafür aber wenigstens lebensgefährlich, erst recht nach und bei dem Genuss einiger bewusstseinserweiternder Getränke. Verdiente sich aber immerhin einen Eintrag in das persönliche Geschichtsbuch. 
Da Panathinaikos – oder PAO, wie der Club nach seinem Kürzel genannt wird – nun aber an einem neuen Stadion werkelt, das mittelfristig fertig sein wird und da das gute alte ‚Nikolaidis‘ dann Geschichte ist, war es endgültig an der Zeit, die alte Scharte mal auszuwetzen. Dieses Wochenende bot für den Sonntag die attraktive Konstellation am späten Nachmittag PAO beim Kräftemessen mit Kifisia, dem leider unattraktiven Gegner aus der Athener Agglomeration, zu beobachten und am Abend dann das Topspiel zwischen AEK und Olympiakos zu besuchen. Es stellte sich heraus, dass weitere bekannte Gesichter der Bewegung dasselbe vorhatten, was einen unterhaltsamen Trip in Aussicht stellte. Für den Samstag hatte ich mich mit Exil-‚Grieche‘ Tim aus Thessaloniki, der beruflich in Athen zu tun hatte, für den Besuch des Auswärtsspieles von Aris bei Panetolikos in Agrinio verabredet. Nachdem die Flüge gebucht waren, ‚glänzte‘ Tim dann mit der Information, dass dem Topspiel eine Verlegung drohte. Malakka! Das war jedoch kurz danach wieder vom Tisch, dafür war nun aber das Heimspiel von PAO im ‚Nikolaidis‘ in Gefahr, da der Rasen schwächelte und deshalb ein Ausweichen ins Olympiastadion im Raume stand. Wat ein Stress!
Erste Hürde war aber die Kartenbeschaffung für das AEK-Spiel. Tickets gab es mit Verkaufsbeginn nur ab 60 Euro. In einer kurzen Phase, in der Tickets für knapp über 50 Euro erhältlich waren – immer noch mehr als genug – war ich leider verhindert und als ich zuschlagen wollte, waren diese vergriffen und es gab nur noch einzelne Plätze für 90(!) Euro. Absolut keine Option! Kurz darauf wurde dann ‚sold out‘ gemeldet. Aber irgendwie kommt man ja immer rein und die einfachste Option aus dieser Kategorie zog auch unproblematisch. Es dauerte dann bis in die Woche vor dem Spiel, dass PAO durch die Öffnung des Vorverkaufes erahnen ließ, dass die Partie am angestammten Spielort stattfinden würde. Damit war nun endlich alles klar. Allerdings nur für wenige Stunden. Dann wurde Fußball-Griechenland über seine Grenzen hinaus durch die Meldung geschockt, dass sieben Fans von PAOK Saloniki auf dem Weg zum Europapokal-Spiel in Lyon bei einem verheerenden Frontalaufprall ums Leben kamen. Ein achter Anhänger verstarb in den Tagen nach dem Unglück. Der Verein und der griechische Verband versuchten daraufhin eine Verlegung des Spieles zu erreichen. Die – sorry, und nein, nicht sorry! – gottverdammte, dreckige UEFA-Mafia dachte aber natürlich nur ans Geschäft und lehnte ab. Nur meine leidlich gute Erziehung verbietet mir, UEFA-Obergauner Ceferin und seinen Motherfucker-Funktionärs-Schergen, die nicht einen Funken Anstand in ihren verknitterten Leibern tragen, ein ähnliches Schicksal zu wünschen, wie den PAOK-Jungs.
Die Griechen sind ein stolzes Volk und fühlten sich zurecht abserviert. Als Folge stand eine Aussage des Sportministers im Raum, als Zeichen der Kondolenz und des Respekts, den gesamten Spieltag der ‚Super League‘ abzusagen. Moralisch hätte ich dafür Verständnis gehabt, aber natürlich traf diese Meldung bis ins Mark. Soweit die Vorgeschichte. Eine letzte, kleine Unsicherheit blieb noch, als ich am Freitagmorgen mit dem Kranich über Frankfurt nach Athen reiste, aber die Anzeichen für ein Stattfinden des Spieltages verdichteten sich. Und ohne dass der Absage-Idee jemals eine öffentliche Absage erteilt wurde, war dem dann auch so. Am Freitag in Athen eingetroffen, ereignete sich nicht mehr vielm, außer dem Verzehr eines landestypischen Abendessens und ein paar Bieren im Kreise der Angereisten. Am Samstag-Morgen machten wir uns dann zu zweit auf den Weg nach Agrinio im Westen des Landes, während sich der Rest der Reisegruppe bei Spielen im Großraum Athen vergnügte. Drei Golfe ging es entlang, zunächst den Saronischen, den jenen von Korinth und schließlich den Golf von Patras. Als ob die Autobahn-Maut nicht schon teuer genug war, waren wir auf dem Hin- wie auf dem Rückweg zu blöde, die fette Brücke zu meiden, welche den Golf von Korinth vom offenen Meer trennt, und stattdessen die parallel verkehrende Autofähre zu nutzen. Anstatt nur 14 Euro für die Fähr-Überfahrt schlug die Unfähigkeit mit 32 Euro zu Buche – herzlichen Dank.
Agrinio liegt irgendwo im Nichts zwischen dem Panetoliko-Gebirge, welches dem Fußballverein seinen Namen spendet, und dem Ionischen Meer. Der Panetolikos Gymnnastikos Filekpaideftikos Syllogos, so heißt der Club mit vollem Namen, bei dem der griechische Fußball- und Volksheld Angelos Charisteas, Torschütze des Siegtreffers bei dem EM 2004 in Portugal, seine Karriere ausklingen ließ, ist ein Fußballclub ohne Ansprüche, der damit zufrieden sein dürfte, in der höchsten Spielklasse mitmischen zu dürfen und das inzwischen als langjähriger Teilnehmer. Gäste-Anhänger waren für diese Partie offiziell nicht erlaubt. Das ist ja eh ein schwieriges Thema bei den Hellenen. Bei den Spielen der großen Vereine untereinander sind Gäste-Fans eh tabu, da der Grieche an sich seine Emotionen in Stresssituationen nicht unter Kontrolle bekommt. Anders ist es, wenn die ‚Kleinen‘ zu den ‚Großen‘ reisen und umgekehrt. Dann kommt es zu Einzelfall-Entscheidungen. Zunächst obliegt dem gastgebenden Verein den Daumen zu heben oder zu senken, das letzte Wort hat meist die örtliche Polizei-Institution. Bei Vereinen, deren Fanszenen sich wohlgesonnen sind, geht das oft durch. Dieses ist bei den heute aufeinandertreffenden Clubs der Fall. Allerdings befindet sich das Stadion in Agrinio in einer Umbauphase, die noch nicht final abgeschlossen ist. Zwar ist der Ausbau der Gästeblock-beherbergenden Gegentribüne prinzipiell fertig, jedoch nicht der Innenausbau dieser, so dass es aktuell keinen ausgewiesenen Away-Bereich gibt. Für knapp drei Dutzend Aris-Anhänger wurde daher auf der Haupttribüne ein kleiner Bereich abgetrennt und von der Staatsmacht gesichert, so dass zumindest ein symbolischer Gäste-Haufen anwesend war.
Das Stadion besteht aus drei Tribünen – Haupttribüne, Gegentribüne und einer trapezförmigen Hintertor-Tribüne, mit einer etwas gewagten Dachkonstruktion. Hinter dem anderen Tor befindet sich lediglich der Kabinentrakt, mehr Platz ist dort schlicht nicht vorhanden. Hinter dem Tor haben die ‚Warriors of Gate 6‘ ihren Platz. Etwa 80 Leute waren unter optischer Zuhilfenahme von drei größeren Schwenkern bemüht, ihre Mannschaft anzufeuern. Die Aris-Leute hatten ein paar kleinere Lappen an der Balustrade befestigt und sangen während des ganzen Spieles, sehr inbrünstig wirkte das aber nicht. Mag auch am bescheidenen Spiel gelegen haben. Panetolikos dezimierte sich bereits nach gut 20 Minuten selbst durch einen Platzverweis nach VAR-Überprüfung. Von einer personellen Überlegenheit der Gäste merkte man aber rein gar nichts. Bei einem äußerst schwachen Spiel-Niveau blieben Torchancen auf beiden Seiten Mangelware. Erst zehn Minuten vor dem Ende erzielte Aris den Treffer des Tages, als bei den Gastgebern die Kräfte schwanden. Der Rückweg nach Athen war wenig spektakulär und nach Ankunft verzogen wir uns für den Tagesabschluss noch für ein Stündchen in einer nahe an der Unterkunft liegenden Bar.

Essen – Sa., 24.01.2026, 14:00

Rot-Weiss Essen vs TSV Havelse 4:1

Stadion an der Hafenstraße, 15.777 Zuschauer, 3.Liga
Pflichtsieg! Mehr auch nicht. Sollte man meinen. Tatsächlich barg das Spiel gegen den vermeintlich kleinen Gegner eine ganze Menge Blamagepotential. Der TSV aus der kleinen Hannoveraner Nachbarstadt Garbsen hatte in den letzten Spielen nämlich besser gepunktet als der glorreiche RWE und kam nach einem deutlich Sieg gegen die starke Hoffenheimer Reserve, unterstützt von handgezählten 57 Anhängern, mit breiter Brust an die legendäre Hafenstraße. Und die Niedersachsen machten in der ersten halben Stunde auch den deutlich besseren Eindruck und gingen engagiert in die Zweikämpfe. Die Gäste spielten sich immer wieder in den rot-weissen Sechzehner und hatten nach etwas mehr als einer halben Stunde eine richtig gute Chance, aber Golz klärte gegen den frei vor ihm auftauchenden Havelser Stürmer. Die bis dahin einzig brauchbare Möglichkeit für die Roten hatte Marek Janssen. Der statistisch beste RWE-Stürmer hatte nach dem Spiel in München aufbegehrt und Ansprüche gestellt und durfte nun tatsächlich von Beginn an ran. Sein Schuss aufs kurze Eck nach einem schnellen Konter, war eine gute Idee, wurde aber vom TSV-Keeper noch soeben entschärft. Zehn Minuten vor der Pause lief es besser, als der lange Emsländer eine Mizuta-Ecke mit dem rechten Ohr zur Führung einnickte.
Und nur zwei Minuten rechtfertigte er seinen Startelf-Einsatz endgültig, als nach einem genialen Steilpass von Müsel den Gäste-Schnapper umkurvte und zum zweiten Treffer einschob. Der Spielverlauf war damit ein wenig auf den Kopf gestellt, aber unmittelbar nach diesem Tor hatte der TSV die Chance zum Anschluss, den Brumme vereitelte. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte klingelte es dann aber doch hinter Golz. Ein Freistoß von der Strafraumgrenze fand ins Ziel, nachdem sich die Taktik, die Mauer in der Mitte zu teilen, um dem Golz freie Sicht auf den Schützen zu lassen, als kontraproduktiv herausstellte. Einigermaßen logisch, denn so hat der Schütze ja freie Auswahl.Die Gäste versuchten nach dem Seitenwechsel direkt wieder Akzente zu setzen, dieses gelang aber einem Spieler in Rot und Weiss und dieser hieß erneut Marek Janssen als Torschütze nach einem Konter über die rechte Seite. Damit schien erstmal Ruhe im Karton zu sein, aber keine fünf Minuten später wurde Hofmann nach einem rüden Foul mit glatter roter Karte des Feldes verwiesen. Zwar traf er seinen Gegenspieler mit einer Grätsche hart, aber weder mit gestrecktem Bein noch mit offener Sohle. Die Entscheidung des Referees war meines Erachtens zu hart, zumal er sich nicht sicher schien, wie sein Blickkontakt mit dem knapp 40 Meter entfernt stehenden Assistenten verriet.
Die Befürchtung, dass die Roten nun hinten reingedrängt wurden, bestätigte sich aber nicht. Stattdessen spielten sie weiter mit, von der Havelser Dominanz der ersten halben Stunde war eh nicht mehr viel übrig. Müsel machte dann Mitte der zweiten Hälfte nach technisch starker Vorarbeit von Mizuta alles klar. Ein paar Minuten vor Schluss wurde der aufs Abstellgleis geratene Arslan eingewechselt und mit Standing Ovations empfangen. Das tat dem sensiblen Spielmacher sichtlich gut und wenn es nach mir geht, sollte der Mann behalten werden und seine Chance bekommen – der feine Techniker könnte noch wichtig werden. In der Nachspielzeit musste Golz noch einmal in höchster Not im Eins gegen Eins klären und auch die Latte stellte sich einem weiterem Gäste-Treffer in den Weg. Die gelb-rote Karte für einen Havelser Verteidiger Sekunden vor Schluss war nur noch eine Randnotiz. Mit diesem Sieg und dem von Publikum und Spieler ersehnten Einsatz von Dreifach-Torschütze Janssen haben sich die Wogen nun erst einmal geglättet. Die Haltbarkeit dieses Zustands bleibt abzuwarten und mit der SV Wehen aus der hessischen Landeshauptstadt reist am kommenden Wochenende eine weitere harte Nuss in den Essener Norden.

Berg en Dal-Groesbeek – Di., 20.01.2026, 18:45

SV De Treffers vs NEC 1:2

Sportpark Zuid, 4.000 Zuschauer, KNVB-Beker Achtelfinale
Im Fußball wiederholt sich Geschichte von Zeit zu Zeit – vor zwölf Jahren habe ich dieselbe Spielpaarung im niederländischen Pokalwettbewerb schon einmal gesehen. Eigentlich hätte das heutige Spiel bereits vor Wochenfrist stattfinden soll, aber nach dem Wintereinbruch war der Naturrasen des Hauptplatzes im ‚Sportpark Zuid‘ nicht bespielbar. Grundsätzlich handelte es sich um ein echtes Derby, der ‚Sportpark Zuid‘ liegt gerade mal sechs Kilometer von der Stadtgrenze Nijmegens entfernt. Die Szene der Gastgeber hatte eine kleine Choreo im Gepäck. Vor ihrer ‚Tribüne‘ im beinahe überfüllten, kleinen Stadion wurde ein großes Banner aufgezogen, auf dem klargestellt wurde, dass sich ihnen auf dem Weg zum Pokalsieg gefälligst niemand in den Weg zu stellen hat.  Die Hoffnungen der Gastgeber, dem letzten verbliebenen Teilnehmer des Wettbewerbes, der nicht der ersten oder zweiten Liga angehört. Die Hoffnung auf eine Überraschung wurde vor ausverkauftem Haus früh gedämpft, denn nach nicht einmal vier Minuten nutzte der NEC die erste große Chance direkt zur Führung. Die Gäste kontrollierten danach die Partie, verwerteten aber ihre Chancen nicht. Der Drittligist wurde durch schnelle Konter immer wieder gefährlich und traf nach einem solchen kurz nach dem Seitenwechsel zum Ausgleich. Wer weiß wie der Kick geendet hätte, wenn dem Keeper von De Treffers nicht zehn Minuten später ein Schuss vom Sechzehner über die Handschuhe ins Tor gerutscht wäre. Zwar hatten die Gastgeber noch zwei, drei gute Gelegenheiten, aber insgesamt spielte sich der Favorit letztlich unspektakulär ins Viertelfinale.

München – Sa., 17.01.2026, 14:00

TSV München von 1860 vs Rot-Weiss Essen 1:1

Stadion an der Grünwalder Straße, 15.000 Zuschauer, 3.Liga
Zu fünft entschieden wir uns, mit der Bahn nach München zu reisen. Eigentlich mag ich das Auswärtsspiel in München gar nicht mehr so und hätte wohl verzichtet, wenn wir nicht die Gruppenfahrt hinbekommen hätten. Das Stadion, so kultig wie es ist, und die flache ungedeckte Gästekurve sind einfach nicht attraktiv. Die Stimmung ist auch immer Schrott, eben wegen den baulichen Gegebenheiten, aber auch weil dieser Kick beim RWE-Anhang völlig überschätzt ist und sich viele ‚ungeübte‘ Auswärtsfahrer im Away-Sektor einfinden. Dass es dazu noch in der kalten Jahreszeit nach ‚Minga‘ ging, hätte eigentlich eine Absage an die Tour zur Folge haben müssen. Die Abreise wurde dann auch noch komplizierter als gewünscht. Da aktuell die Bahnstrecke zwischen Essen und Duisburg aufgrund eines Brücken-Neubaus gesperrt ist, sollte die Fahrt in der unaussprechlichen Stadt nördlich von Essen beginnen. Zum Glück fiel Teilnehmern der Reisegruppe auf, dass dieser Halt vom täglich verkehrenden ICE 525 in den vergangenen Tagen nicht angefahren wurde. Eigentlich völlig nachvollziehbar, was will man auch in Arbeitslosenkirchen, da hatte ich ausnahmsweise mal volles Verständnis für die Bahn. Wir entschieden wir uns dann, erst in Düsseldorf zuzusteigen. Die Hinfahrt verlief bis auf einen im Weg stehenden, liegengebliebenen Güterzug reibungslos, so dass wir mit erträglichen 20 Minuten Verspätung eintrafen. Nach einer Mittagsmahlzeit in einem bahnhofsnahen Brauhaus fuhren wir mit der U-Bahn rauf auf Giesings Höhen. Die Löwen gingen stark ersatzgeschwächt in die Partie und hatten elf Ausfälle zu beklagen. Der glorreiche RWE musste dagegen ‚nur‘ die Sechser-Achse Gjasula/Moustier ersetzen. Die 15.000 im ausverkauften Sechz’ger Stadion, darunter 1.500 Rot-Weisse, bekamen dann bei Temperaturen um den Gefrierpunkt wenig Erwärmendes zu sehen.
Eine gern genutzte Formulierung ist ja, dass sich zwei Mannschaften auf Augenhöhe neutralisieren. Man kann es aber auch so sehen, dass es nur deshalb eine ausgeglichene Partie war, weil beide Teams wenig auf die Reihe bekamen. Der Boden war sicherlich nicht im besten Zustand, aber diese Mischung aus Sicherheitszuspielen und Fehlpässen hatte damit nur wenig zu tun. Dass die Gastgeber mit der nicht eingespielten Formation so ihre Mühe hatten, kann ich ja nachvollziehen. Warum der RWE in bester Ausgangslage aber derart verhalten und uninspiriert auftrat, bleibt rätselhaft. Das Gebolze war im ersten Durchgang schwer verdaulich und mit lediglich einer Torraumszene hüben wie drüben auch einigermaßen langweilig. Es ist sicher auch immer einfach, von außen kluge Sprüche zu klopfen, aber auf der anderen Seite ist man ja auch nicht vollkommen ahnungslos und hat Augen im Kopf. Nach meiner bescheidenen Meinung war es offensichtlich, dass man zur Halbzeit schon Veränderungen hätte vornehmen können, das geschah aber nicht. Der Kick war in Hälfte zwei ein Spiegelbild der ersten Halbzeit, aber Trainer Koschinat hielt dennoch weiter an der Startelf fest. Es wurde erst nach gut einer Stunde Spielzeit auch lediglich eine Auswechslung vorgenommen, Obuz kam für Neuzugang Schmidt. Das änderte aber rein gar nichts am weiteren Verlauf und erst nach der 80.Minute wurde erneut gewechselt. Marek Janssen kam ins Spiel und war nur eine Minute später direkt an einer wichtigen Szene beteiligt. Nach einem geblockten Mizuta-Schuss lederte Obuz die Kirsche aus zwölf Metern nochmal auf das Münchner Tor, Janssen hielt den Flunken rein und es stand 1:0 für den Deutschen Meister von 1955. Zwei eingewechselte Spieler besorgten die Führung.
Warum sich das Team danach darauf beschränkte nur noch die eigene Hälfte zu verteidigen und jegliche Offensivbemühungen zu vernachlässigen, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass so etwas oft bestraft wird und so kam es auch. Bouebari verpennte eine Situation aus der dann eine Ecke resultierte und diese führte in der Schlussminute zum Ausgleich. Über das gesamte Spiel gesehen zwar völlig in Ordnung, aber ärgerlich und unnötig. Kurz danach war Schluss und für die Löwen fühlte es sich wohl an wie ein gewonnener Punkt, für die Roten wie eine Niederlage, so war es auch in den Gesichtern abzulesen. Über die Personalpolitik des Trainers entbrannte daraufhin eine Diskussion, der ich mich nicht ganz entziehen kann. Das aber ohne hier ins Detail zu gehen, das würde den Rahmen sprengen. Ich persönlich befinde mich eh in einer Luxussituation, denn egal wie die Saison zu Ende geht – mal mutig vorausgesetzt, dass sich der RWE von der Abstiegsregion fernhalten kann – wird es für mich wohl okay sein. Einen Aufstieg würde ich mitnehmen, allerdings eher für das Erlebnis, als für die Sehnsucht nach Zweitliga-Fußball. Zu genervt bin ich vom VAR, das möchte ich mir auf meinen eigenen Verein bezogen eigentlich ersparen, solange die Dritte Liga noch VAR-frei ist, habe ich wenig Verlangen nach einer höheren Liga. Attraktive wie unattraktive Gegner gibt es in beiden Klassen, mein Wunsch, mich mit meinem Verein durch ganz Deutschland bewegen zu können, wird ja schon bedient. Es ist eh noch zu früh, um eine echte Tendenz ablesen zu können. Die Aufgabe am kommenden Wochenende gegen den vermeintlichen Zwerg aus Havelse, der an den vergangenen Spieltagen aber respektable Ergebnisse erzielte, wird erst einmal schwer genug.

Dortmund – Di., 13.01.2026, 20:30

BV Borussia Dortmund 09 vs SV Werder Bremen 3:0

Westfalenstadion, 81.365 Zuschauer, Bundesliga
Da die Dauerkarten des Arbeitgebers bei Spielen an Wochentagen selten für die Kundenpflege benötigt werden, griff ich mir die Dinger und reiste mit gleichgesinnten Bekannten an den Westfalendamm. Freilich nicht mit der Erwartung, dass der SV Werder irgendetwas Zählbares von dort mitnehmen würde, auch wenn sich die Norddeutschen in den letzten Jahren beim übermächtig scheinenden Gegner meist mehr als achtbar schlugen. Da die Zeit vor der Abfahrt knapper wurde, als gewollt, vergaß ich in dem Brass meine Kamera mitzunehmen. Und da mein Smartphone nicht mit einer guten Kamera-Linse gesegnet ist, kann ich diese Zeilen nur mit ein paar verwaschenen Fotos unterfüttern, auch wenn ein mit besserem Equipment ausgestatteter Mitreisender mit ein paar Fotos aushelfen konnte. Der BVB startet schwungvoll, aber dieser Schwung hielt nur drei Minuten. Dann tauchte plötzlich Njinmah vor dem Dortmunder Sechzehner auf und hatte nur noch einen Schwarz-Gelben vor sich, bemerkte aber den frei mitgelaufenen Grüll nicht und suchte erfolglos selber den Abschluss. Was für eine Chance, die da leichtfertig abgeschenkt wurde. Nach zehn Minuten wurden die Gastgeber das erste Mal gefährlich, aber die schicke Kombination auf halblinks wurde auf Kosten einer Ecke geklärt. Diese durfte Kapitän Schlotterbeck dann annähernd unbedrängt aus kurzer Distanz eigentlich aus dem Nichts zur Führung einköpfen. Keine zehn Minuten später setzte sich erneut Njinmah durch und lupfte die Kugel aus kurzer Distanz frei vor BVB-Schlussmann Kobel diesem humorlos an die Brust. Schnell isser ja, der Chancentod von der Weser, trifft halt nur nix. Ist es eventuell unbekannterweise ein Bruder des RWE-Stürmers Safi?
Die Bremer waren nicht gut und zeigten viele Fehler im Aufbauspiel. Der BVB präsentierte sich aber beinahe noch schlechter und bekam ja kaum was auf die Reihe, änderte aber nix an der schmeichelhaften Pausenführung. Dass die Gastgeber mit Pfiffen in die Kabine verabschiedet wurden, sprach Bände. Viel änderte sich nach dem Seitenwechsel nicht, wir sahen ein Fehlpass-Festival par excellence. Zu dem beschissenen Spiel gesellte sich beschissene Stimmung. Der Away-Bereich war ausverkauft, der SVW wurde wie üblich zahlreich begleitet. Der Gäste-Anhang rief das Potential aber bei Weitem nicht ab. Die Südtribüne war auch nicht viel besser unterwegs und bekam die ganzen Köpfe nicht animiert. Das war eines der stimmungsschwächsten Spiele, die ich im Westfalenstadion gesehen habe. Die Grün-Weißen nahmen zwar weiter weitestgehend gleichwertig am Spiel teil, Torraumszenen wurden aber nicht mehr kreiert, Die Dortmunder machten es nicht viel besser und kontrollierten die Partie so pomadig, wie man es sich nur vorstellen kann. Hatte ich noch das Gefühl, dass es noch die glückliche Situation zum Ausgleich geben kann, war es eine Viertelstunde vor dem Ende damit vorbei. Der BVB bekam zu viel Platz und Sabitzer traf von der Strafraumkante zur Vorentscheidung. Endgültig alles klar machte Guirassy alles klar, nachdem Bellingham einen Ballverlust in der Werder-Abwehr erzwang und dem Guineer die Murmel vor die Füße sprang. Bereits den zweiten Treffer hatten viele BVB-Anhänger als Signal zum Aufbruch bewertet und nun wurde es noch leerer. Offiziell wieder ausverkauft, sah man so oder sehr viele Lücken auf den Tribünen, das war heute ein ganz schwacher Auftritt auf dem Rasen und den Rängen. Und wenn es in Bremen nicht eine Initialzündung gibt, wird der Verein in dieser Spielzeit noch große Probleme bekommen. Einmal mehr zeigte sich, dass der Kader wild zusammengesucht wurde, da passt nicht viel zusammen, was ein übles Bild auf Kaderplaner und sportliche Leitung wirft.

Verona – Sa., 11.01.2026, 18:00

Hellas Verona FC vs SS Lazio 0:1

Stadio Marcantoni Bentegodi, 22.029 Zuschauer, Serie A
Und gebracht hat es auch nix. Zwar war die Idee mit dem nahe zum ‚Stadio Marcantonio Bentegodi‘ gelegenen, ausgewählten Hotel sicher eine gute, allerdings reichte der durch die zeitraubenden Situationen beim Spiel in Mantova zu sehr zusammengeschmolzene Zeitpuffer letztlich nicht aus und die ersten drei Spielminuten fanden noch ohne uns statt. Nun denn, es war nicht der erste Besuch im alten WM-Ground von 1990, daher wurde die ‚Berufsehre‘ nicht zu sehr beschmutzt. Im ‚Settore Ospiti‘ zu unserer Rechten hatten sich 2.142 Rechte breit gemacht. Kleiner Kalauer, denn die politische Ausrichtung der als ‚faschistisch‘ verrufenen, vor einigen Jahren aufgelösten ‚Irriducibili‘ (ganz so unbeugsam waren die ‚Unbeugsamen‘ also wohl doch nicht) dürfte vermutlich auch unter dem neuen Namen ‚Ultras Lazio‘ tendenziell noch in dieselbe Richtung gehen. In der gegenüberliegenden Kurve sieht es rund um die ‚Hellas Army‘ bekanntermaßen ideologisch nicht viel besser aus. Aber zurück zu den Fakten. Optisch gab der Gästeblock ein schönes Bild ab, die Mitgereisten hatten Ihren Bereich schön beflaggt. Während am Geländer des Oberranges Banner mit den Namen diverser Stadtteile Roms befestigt worden waren, wurde im Unterrang das Vereinswappen zentral platziert, welches von Wappen einiger ‚Rioni‘ – ‚Regionen‘ kommt dieser administrativen Einteilung in der Übersetzung am nächsten – der Stadt Rom flankiert wurde. Unterstrichen wurde dieses von einem Banner mit der Aufschrift „Tutto Roma e qui per te“, übersetzt: „Ganz Rom ist für Dich da! Als Intro gab es ein schönes Meer aus großen Schwenkfahnen zu sehen, die zum einem wild verteilt im Steh-Block, aber auch aufgereiht entlang der Balustrade des darüber liegenden Sitzplatzbereiches eingesetzt wurden. Das sah gut aus, wurde aber leider in dem Moment beendet, als ich die Kamera aus dem Halfter gezogen hatte und bereit zum Schuss war.
Auf der anderen Seite gab es über die gesamte Breite der Heim-Kurve ebenfalls ein fettes Fahnenmeer zu sehen, welches aber aufgrund der Weitläufigkeit dieser alten Betonschüssel und der diesigen Witterung mit bloßem Auge nur schwer zu erkennen war. Was den 22.000 dann im Anschluss geboten wurde, war teilweise eine Gefahr für das Augenlicht. Ich hatte beim Spiel der mit Schlusslicht Pisa punktgleichen ‚Gialloblu‘ gegen die Gäste aus dem Tabellenmittelfeld kein Spektakel erwartet, aber ein derart zerfahrenes Spiel dann auch wieder nicht. Viel lief nicht zusammen und wenn sich doch mal irgendwer dem Tor näherte, war derjenige jederzeit in der Lage die entsprechende Situation wieder selbst zu entschärfen. Eigentlich war nicht daran zu denken, dass ein Tor fallen sollte, aber der Däne Nelsson in Diensten der Gastgeber fälschte eine flache Hereingabe höchst unglücklich ins eigene Tor ab. Nur so konnte in diesem Spiel ein Treffer fallen und dieser reichte den Hauptstädtern zum Sieg, was von der Gästekurve, die bis auf die Viertelstunde nach der Pause einen guten Auftritt zeigte, entsprechend gefeiert wurde. Über Verona verdunkeln sich dagegen die Wolken, allerdings ist der Zug bei nur vier Punkten Rückstand auf das rettende Ufer noch lange nicht abgefahren. Apropos Zug. Von Bologna brachte uns der Billig-Ire am folgenden Tag nach Köln. Da das Auto in Düsseldorf-Unterrath stand, war ein Bahn-Transfer notwendig und dass dieser beinahe doppelt so viel Zeit in Anspruch nahm, wie der Flug zuvor, spricht eine deutliche Sprache über den Zustand der Schienendienstleister.