Showdown an der Donau. Der letzte Spieltag bot noch mal alle Optionen vom direkten Aufstieg bis zur verpassten Qualifikation für den DFB-Pokal. Um die Liga auf direktem Wege nach oben verlassen zu können, mussten die Energetiker aus dem Niedersorbischen verlieren und die Streifen-Ponys von der Wedau durften nicht gewinnen. Diese Kombination war von vornherein wenig wahrscheinlich. Mit einigen anderen Ergebniskonstellationen war aber zumindest das Erreichen der Relegation möglich. So oder so musste aber erst einmal die eigene Aufgabe gelöst werden und die hieß kurz und schmerzlos: Auswärtssieg! Obwohl der SSV nach seiner unglaublichen Rallye in den letzten Jahren bereits seit Wochen abgestiegen war, fehlte mir ziemlich der Glaube an einen Sieg, weil die Mannschaft in den letzten Wochen kaum Nervenstärke bewies und einige wichtige Leute verletztungsbedingt passen mussten. Auf Gedeih und Verderb das Heil im Angriff zu suchen, war auch nicht möglich, weil bei einer Niederlage und gleichzeitigem Sieg der Hansa-Kogge sogar der für die Pokal-Quali notwendige vierte Platz verloren ging. Leider hatte sich der glorreiche RWE in diese undankbare Lage gebracht, anstelle schon im siebten Himmel zu schweben. Drei Niederlagen aus den letzten vier Spielen waren halt eine zu viel. Aber – und das ist mal klar – vermutlich jeder aus der rot-weissen Familie hätte unterschrieben, wenn vor der Saison gesagt worden wäre, dass der Deutsche Meister von 1955 am letzten Spieltag überhaupt noch im Rennen ist.
Die Ulmer Szene verabschiedete sich mit einer Choreo und Pyro-Einsatz von der dritten Liga. Prinzipiell schade, denn dieses auf seine Art schöne, traditionelle Stadion hat mehr verdient als Regionalliga-Fußball. Begleitet von gut 5.000 Anhängern legten die Roten dann los wie die Feuerwehr, machten von der ersten Sekunde an deutlich, dieses Spiel gewinnen zu wollen. Nach einem ersten langen Ball verschätzte sich SSV-Keeper Ortag, der noch eine Rolle in dieser Partie einnehmen sollte. Potocnik erreichte die Kugel vor dem Schlussmann der Ulmer Spatzen, spielte diese nach innen auf den blitzblanken Müsel, der nur noch einen Verteidiger zwischen sich und dem Ziel sah und nach 80 Sekunden überlegt zur frühen Führung einschob. Das gab Sicherheit und weiterhin rollte Angriff auf Angriff in Richtung des Ulmer Tores, Chance um Chance ergab sich, aber eben der angesprochene Ortag zeigte sich nun als unüberwindlich. Das alles bekam die Ultra-Szene der Roten noch nicht mit. Aufgrund von selbst provozierter Verzögerung traf diese erst nach einer Viertelstunde ein. Undankbare Situation, da die Kurve schon pickepackvoll war. Capo Basti fand nach Erklimmen des Zauns aber die richtigen einleitenden Worte und sowohl die Szene als auch die übrigen Fans verhielten sich verständnisvoll, so dass jede Zaun- und jede Schwenkfahne und auch jeder Ultra seinen Platz fand.
Die Gastgeber kamen überhaupt nicht zur Geltung und erst nach fast einer halben Stunde das erste Mal in die Essener Box. Zunächst musste Potocnik eigentlich den zweiten Treffer für den RWE erzielen. Den aus der vergebenen Chance entstehenden Konter versuchte Tobi Kraulich im eigenen Strafraum zu klären, stellte sich dabei aber zu plump an, brachte einen Ulmer zu Fall und der Gefoulte verwandelte den fälligen Elfer selbst. Ich bin immer wieder begeistert wie konsequent sich Golz für die falsche Ecke entscheidet. Es war der 14.(!) Strafstoß, der in der laufenden Spielzeit gegen RWE verhängt wurde, und 13 Male schlug es ein. Klingt beides rekordverdächtig. Doch damit noch nicht genug des Dramas. Der sonst immer stabile und sichere Hofmann spielte keine zehn Minuten später einen zu kurzen Rückpass auf Golz. Chessa bedankte sich artig, in dem er die Murmel erlief, Golz umkurvte und die Kirsche mitten ins Essener Herz schoss. Der SSV führte und niemand wusste warum, nicht einmal die Ulmer selbst. Da Hansa zeitgleich in Saarbrücken führte, war Rot-Weiss gerade dabei alles zu verspielen und auf den fünften Tabellenplatz abgerutscht. Aber die Rot-Weissen schüttelten sich und zeigten endlich das, was sie in den letzten Spielen vermissen ließen – Körpersprache und Mentalität! Sie rannten einfach weiter auf das Spatzen-Tor und Müsel, der ja ein wirklich feiner Fußballer mit exzellenter Schusstechnik ist, nahm Maß und traf unter Zuhilfenahme des Innenpfostens noch vor der Pause zum Ausgleich.
Ihrem Schnapper hatten die Gastgeber es zu verdanken, dass die Partie vor dem Seitenwechsel nicht wieder komplett gedreht wurde. Zu Beginn der zweiten Hälfte wurde erst einmal die eigentlich als Intro geplante Choreo in Form einer Blockfahne nachgeholt. Muss gut ausgesehen haben, meine Perspektive war allerdings etwas ‚bedeckt‘. Also ich wieder aufs Spielfeld sehen konnte, stellte ich fest, dass von Fünfer- auf Viererkette umgestellt worden war und die Offensive mit Abiamas Hereinnahme weiter befeuert wurde. Es ging also weiter nach vorne. Dann machte die Info über die Führung der Viktoria in Duisburg die Runde und die Hoffnung zumindest auf Platz drei wurde größer, zumal der RWE weiter Dampf machte. Aber das Tor der Ulmer blieb wie vernagelt. Ob Mizuta, Potocnik oder Abiama – Ortag hielt einfach alles. Zu diesem Zeitpunkt eigentlich ohne Not, löste Koschinat die doppelte Besetzung der Sechser-Position auf, es wurde als noch offensiver. Zwanzig Minuten vor Schluss rauschte der bereits verwarnte Mazagg in Hofmann rein und ging mit der zweiten gelben Karte schon mal duschen. Wie stand es inzwischen eigentlich auf den anderen Plätzen? Cottbus eilte dem sicheren Aufstieg entgegen, aber der MSV wankte, hatte zwar ausgeglichen, arbeitete sich aber am Remis gegen die Kölner Viktoria ab. Das Erreichen der Relegation war noch drin, aber dafür musste dieser verdammte Treffer her.
Unglaubliche 38 Abschlüsse hatte der RWE in diesem Spiel zu verzeichnen und genauso unglaublich war es daher, dass es erst zwei Mal im SSV-Gehäuse eingeschlagen hatte. Ortag schien nunmehr unbezwingbar. Und dennoch, mich beschlich das Gefühl, dass das Mistding irgendwann noch reinrutschte. Als ein erneuter schöner Strahl von Müsel fünf Minuten vor dem Ende nur das Aluminium traf und Jansen kurz danach eine dicke Chance nicht nutzen konnte, zweifelte ich noch mal etwas, aber irgendwie war ich mir fast sicher, dass es noch ein gutes Ende geben wird, der RWE war einfach mal dran. In der Schlussphase setzte ein Hagelschauer ein – welch passendes Wetter für diese Spielphase. In der vierten Minute der Nachspielzeit flog mal wieder eine Ecke in den Ulmer Sechzehner. Kraulich kam nicht entscheidend zum Abschluss, aber Hüning fiel der Ball vor die Füße und dieser pflasterte das Dingen dann endlich, endlich, endlich unter die Latte in die Maschen. Ich nehme Tore für den glorreichen RWE natürlich mit Freude, aber doch oft relativ sachlich zur Kenntnis. Ich freue mich mal etwas ausgelassener, mal etwas gesetzter, aber die Unbekümmertheit der späten 80er und der 90erJahre ist lange vorbei, der Verein hat mich in all den Jahren und Jahrzehnten einfach gelehrt, demütig zu sein. Aber jetzt? Explosion! Ekstase! Ausrasten! Welch ein Torjubel. Drei Reihen runter, vier wieder hoch, von links nach rechts geschubst und wieder zurück. Wildfremde Leute im Arm, der Typ hinter mir hat mich in seiner Freude beinahe erwürgt. Das sind die Momente, für die wir den Fußball lieben!
Was lief in Duisburg? Dort war nun Schluss, es war beim Unentschieden geblieben. Noch zwei Minuten mussten hier rumgebracht werden, aber es war einfach klar, dass sich die Roten die Butter nicht mehr vom Brot nehmen ließen – hier und heute brannte nix mehr an, der Fußballgott hatte sich für diesen Tag endgültig auf die rot-weisse Seite geschlagen! Der Schlusspfiff provozierte dann natürlich bei Mannschaft und Anhang Jubelszenen als wäre der Aufstieg schon beschlossen. Dazu qualmte und leuchtete es ununterbrochen an allen Ecken und Enden. Befreundete Ultras der Wiener Austria hatten offenbar sämtliche Pyro-Reste vom letztwöchigen Derby-Sieg gegen Rapid dabei und fackelten ab, was die Bestände hergaben. Was kann es Emotionaleres geben, als einen so entscheidenden Treffer in der Nachspielzeit zu feiern!? Erst recht, wenn man damit einen der größten Rivalen ins Aus befördert. Damit gibt es nun also zwei Zugaben. Für mich hat diese Saison aber bereits einen versöhnlichen Abschluss gefunden, ich bin absolut zufrieden mit dem, was mir die Mannschaft geboten hat. Dabei wurde noch gar nix erreicht und dennoch ist das nicht Erreichte sensationell, erst recht nach der Entwicklung in den letzten Wochen. Was jetzt noch kommen mag, betrachte ich als Bonus. Die Relegation mit positivem Ende zu überleben wird hart und ich sehe den Zweitligisten im Vorteil, aber in zwei Spielen ist natürlich alles möglich, das wurde in den vergangen Jahren von anderen Drittligisten mehrfach bewiesen. Sensation loading?
Sportanlage ‚Zum Michael‘, 600 Zuschauer, Bezirksliga Westfalen Gruppe 11
In Raesfeld in Westmünsterland ging kurz vor Saisonschluss das Topspiel der hiesigen Bezirksliga-Staffel über die Bühne. Der TSV und die Gäste aus Stadtlohn standen punktgleich an der Tabellenspitze, der SuS hatte aber eine Partie weniger ausgetragen. Mit etwa 600 Zuschauern war die Veranstaltung angemessen besucht. Die Stadtlohner fanden besser ins Spiel und der TSV-Schlussmann musste einige Male sein Können zeigen. Da die Gastgeber sich aber im Laufe der ersten Halbzeit verbesserten, ging es torlos in die Kabinen. Niemand hatte vermutlich erwartet, was dann im zweiten Durchgang geschehen sollte. Der Führungstreffer für den TSV war eine Art Dosenöffner, denn der SuS brach völlig in sich zusammen und verspielte mit dem knackigen Fünfer-Päckchen, dass er kassierte, auch das bessere Torverhältnis gegenüber dem neuen Tabellenführer. Spannung ist an den letzten Spieltagen garantiert.
Stadion an der Hafenstraße, 19.517 Zuschauer, 3.Liga
Es galt, den letzten Strohhalm zu ergreifen und dass sich für diese Aufgabe der SC Verl an der legendären Hafenstrasse vorstellte, war keine besonders günstige Ausgangslage. Nicht nur, dass es ich um einen absoluten Angstgegner handelte, sondern auch dass es für die Ostwestfalen noch um etwas ging, verlieh der Partie eine Bedeutung für beide Teams. Mit einem Auswärtssieg in Essen-Bergeborbeck, für den Sportclub in den letzten Jahren beinahe Routine, wäre dieser am glorreichen RWE auf Platz vier und damit in die direkte Qualifikation für den DFB-Pokal vorbeigezogen. Der Gästeblock erstrahlte heute in den schönsten Farben der Welt. Die RWE-Führung hatte sich mit den Verantwortlichen aus Verl geeinigt, dass diese nur den Gäste-Sitzplatzbereich zur Verfügung gestellt bekommen. Dabei kam es zwar wohl zu einem Missverständnis beim Sportclub, denn die aktive Szene glänzte nun mit Abwesenheit, da diese gerne den üblichen Platz im Steh-Sektor eingenommen hätte. Natürlich reichte die Kapazität des Sitzplatzbereiches für den aus etwa nicht einmal 700 Köpfen bestehenden Gästeanhang aber mehr als aus. Der Heimbereich war dagegen erneut restlos ausverkauft. Der RWE ging auf fünf Position verändert ins Spiel. Die Defensive wurde dabei komplett umgebaut, nur Rios Alonso blieb aus dem Verbund der Vorwoche übrig.
Die Gäste versuchten in der Anfangsphase das Tempo der Partie extrem niedrig zu halten, wollten dem RWE keinen druckvollen Beginn ermöglichen. SCV-Schlussmann trieb es auf die Spitze, als er eine halbe Minute den Ball am Fuß hielt ohne eine Anspielstation finden zu wollen und ernannte sich damit früh zur Hassfigur. Dass die RWE-Stürmer nicht angriffen war eine andere Geschichte, aber zu früh durfte das Risiko einer Überzahl des Gegners in der eigenen Spielhälfte und damit ein möglicher Gegentreffer nicht in Kauf genommen werden. Ein Rückstand hätte die Sache stark verkompliziert. So entwickelte sich eine Art Abnutzungskampf ohne große Torchance. Brumme und Safi hatten die einzigen beiden guten Abschluss-Chancen für die Roten, die Gäste fanden einmal in Golz ihren Meister. Die Verler zeigten sich etwas abgeklärter und versuchten die Partie immer wieder zu beruhigen, während der RWE es mit mutigen und schnellen Vorstößen versuchte. Das junge Eigengewächs Swajkowski, ebenfalls neu in der Stratelf, sah früh die gelbe Karte. Eine zu harte Entscheidung des durch die rot-weisse Brille betrachtet, insgesamt anstrengend pfeifenden, aber den RWE auch nicht maßgeblich benachteiligenden Referees, die für Entrüstung im aufgeheizten Publikum sorgte. Aber es war mir zu wenig Aufruhr. Es ist einfach nicht mehr die alte Hafenstraße. Früher hätte danach kein Schiedsrichter mehr auch nur irgendwas gegen den RWE entschieden.
Torlos ging es in den zweiten Durchgang. Auch in diesem zeigten sich die Westfalen selbstbewusst und ballsicher, mit der Absicht sich aus Drucksituationen in der Defensive immer spielerisch zu befreien. Dauerhaft spielerische Lösungen finden zu wollen ist aber ein Risiko. Swajkowski erkannte das fünf Minuten nach dem Wiederanpfiff, war einen Schritt schneller als ein Gäste-Akteur, fackelte nicht lange und jagte die Murmel von der Strafraumgrenze ins rot-weisse Glück. Das Gesicht des Spiels änderte sich dadurch aber nicht maßgeblich. Der Sportclub wirkte etwas sicherer, gelang aber kaum mal in die Gefahrenzone. Erst in der Schlussviertelstunde war das der Fall, als die Gäste das Risiko erhöhten, aber eigentlich wurde es nur einmal richtig brenzlig, als Taz vom Sechzehner abzog und Golz den minimal abgefälschten Ball mit einer Glanztat an den Pfosten lenkte. Die Roten vergaben dagegen jede Konterchance leichtfertig und überhastet. Die Offensive war heute kein Trumpf. Potocnik, der für Jansen ins Team gerutscht war, konnte keine Akzente setzen, ebenso wenig wie die später eingewechselten Schmidt und Obuz. Dass die Führung bis zum Ende bestand hatte, war eine defensive Willensleistung, denn dort wurde Schwerstarbeit geleistet, kein Ball aufgegeben, beinahe jeder Angriff der Gäste aufopferungsvoll wegverteidigt. Der RWE lebt noch, hat es aber weiter nicht in der eigenen Hand. Der Glaube an ein Wunder fehlt mir weiterhin, die Hoffnung ist aber da. Next and last Stop Ulm am kommenden Wochenende!
Es gab keine Ausreden mehr, heute musste alles rein in die Waagschale wenn die Chance, den Aufstieg aus eigener Kraft zu erreichen nicht aus der Hand gegeben werden sollte. Aber wenn man glaubt, man hat mit dem Verein seines Herzens schon alles erlebt, wird man von Zeit zu Zeit doch noch eines Besseren belehrt. Auf alle Eventualitäten eingestellt, übertraf dieses Spiel alle Szenarien, die so im Kopf herumgeisterten – eigentlich war ich auf alles Denkbare vorbereitet. Eine recht schwache Saison der Schwaben konnte mich nicht täuschen, die Mannschaft ist durchaus stark besetzt. Die Roten übernahmen dann aber sofort die Spielkontrolle, ließen den Ball sicher laufen. Im gegnerischen Sechzehner fehlte aber die Präsenz, weil die VfB-Reserve konzentriert verteidigte und die Räume clever eng machte. Die nominellen Gastgeber in ihrem selbst gewählten Exil in Andrea Bergs Heimat, dem Stadion der SG Sonnenhof, versuchten über schnelle Konter gefährlich zu werden, erste Warnschüsse wurden aber geblockt oder verfehlten das Ziel. Die wenigen Versuche des RWE waren allesamt zu ungestüm und ungenau. Mitte der ersten Hälfte nahm das Schicksal dann seinen Lauf. Der für den (wieder mal) gelbgesperrten Gjasula agierende Reisig brachte Sessa knapp an der Strafraumgrenze, aber eben innerhalb dessen dämlich und ungestüm zu Fall. Der Gefoulte trat selber an. Golz, der ja eigentlich nie auch nur ansatzweise suggeriert, mal einen Elfer zu halten, war dann am gut geschossenen Ball dran, konnte den Einschlag aber nicht verhindern.
Das machte sichtbar etwas mit der Mannschaft, die Verunsicherung war nun greifbar. Mizuta hatte zwar die Chance zum Ausgleich, der VfB-Schlussmann hielt aber stark. Es war zu spüren, dass die Elf in Rot und Weiss nun gehemmt agierte, auch wenn das Bemühen sicherlich nicht abzusprechen war. Dem Team ist durch die jüngste Ergebnis-Entwicklung aber jegliches Selbstvertrauen abhanden gekommen. Das größte Manko ist jedoch, dass die Truppe einfach nicht aus ihrer Haut kommt. Ein Spitzenteam ist in der Lage – und die aktuellen Kontrahenten aus Cottbus und Duisburg können das – in ausweglosen Situationen, jegliche taktische Ausrichtung und alle guten Manieren abzulegen und mit dem Herz in der Hand einfach Gas zu geben und den Instinkten zu folgen. Diese aktuelle RWE-Mannschaft kann das nicht. Es sind sicherlich alles gute Fußballer, aber es fehlt Wut und Feuer, in scheinbar ausweglosen Lagen mit dem Rücken zur Wand ums Überleben zu kämpfen. Das ist auch der entscheidende Faktor, warum es am Ende wahrscheinlich nicht reichen wird. Dabei blieb der RWE das aktivere Team, aber eben völlig ineffizient. Dem Gegner wurde dagegen kurz vor der Halbzeitpause noch mal zu viel Raum gewährt und Sessa dankte es mit seinem zweiten Treffer, indem er die Kirsche aus über zwanzig Metern ins lange Eck zirkelte. Nichts zu halten für Golz, aber zu dieser Situation darf es ja gar nicht erst kommen!
Interessant übrigens, dass die VfB-Spieler bei den Toren kaum Freude zeigten, als ob es sich um ein Trainingsspiel handelte. Mitleid mit den Roten wird es kaum gewesen sein, da kann man schon eher glauben, dass es den Profi-Reserven eh scheißegal ist, ob sie siegen oder verlieren, es geht ja auch irgendwie um nix für diese überflüssigen Liga-Teilnehmer. Nun hingen die Trauben natürlich umso höher. Vermutlich wird sich Coach Uwe für Durchgang Zwei auch irgendwas überlegt haben, zu sehen war davon aber nichts. Blutleer ergaben sich die Roten in ihr Schicksal, welches nun zum völligen Debakel geriet. Spätestens mit dem dritten Gegentor zehn Minuten nach Wiederanpfiff war die Nummer endgültig durch. Sämtliche vier Gegentore des zweiten Durchgangs ähnelten sich, die RWE-Defensive war den schnellen Kontern durch fehlendes Stellungsspiel überhaupt nicht gewachsen und wirkte wie festgebunden. Golz war die ärmste Sau, sah sich vier Mal allein einem heranrauschenden Stürmer gegenüber. Arevalo, ein junger technisch starker Spanier, der perspektivisch für die erste Mannschaft verpflichtet wurde, netzte gleich drei Mal ein. Einmal wurde dieser brillant unterstützt durch einen verheerenden Rückpass von Kapitän Schulz, der sich seiner Aufgabe in den vergangenen Spielen nicht mehr gewachsen zeigt. Der einzige RWE-Treffer von Potocnik in der Nachspielzeit war natürlich nicht mehr interessant.
Es war auf eine Art beeindruckend, wie die Mannschaft in so einem wichtigen Spiel in sich zusammenfallen konnte. Die Abwehr war quasi nicht mehr existent, es ist schwer nachzuvollziehen, was da passiert ist. Knapp 3.000 mitgereiste Fans stellten die Unterstützung dann nach dem vierten Treffer ein. Unmut wurde geäußert, Beleidigungen blieben aus, vereinzelt wurden Sinnlos-Gesänge angestimmt, eine nachvollziehbare Reaktion mancher enttäuschter Anhänger. Das Team kam nach dem Schlusspfiff schweren Schrittes und durchaus nicht angstbefreit in die Kurve, die Szene zeigte aber eine gute Reaktion und versuchte die Truppe etwas aufzubauen. Der Capo holte die völlig zerstörten und recht weit vor dem Block stehenden Spieler an den Zaun und beschwor den Zusammenhalt für die verbleibenden Partien. Alles anderes wäre auch der finale Todesstoß gewesen. Wenn noch irgendwie das Wunder – und das wäre es ja nun – geschafft werden soll, geht es nur gemeinsam. Der Glaube ist nicht mehr da, aber es ist erst vorbei wenn es vorbei ist.
Das ‚Lohrheidestadion‘ in Bochum-Wattenscheid wurde aufwendig saniert und ausgebaut, um wieder attraktiv für überregionale Leichtathletik-Wettbewerbe zu werden. Davon profitiert nun auch die SG Wattenscheid 09, die in einer modernen Spielstätte antreten darf. Die Schattenseite ist natürlich, dass dem Stadion der Charme weitestgehend verloren ging. Nur die neuere der beiden überdachten Tribünen auf den Geraden blieb erhalten. Das ältere Modell, die alte Haupttribüne, wurde für einen funktionalen Neubau geopfert. Die beiden Kurven bekamen Dächer spendiert, neue Catering-Kioske wegen im Zuge des Umbaus ebenfalls in die Tribünen integriert. Die aktive SGW-Szene war nicht überraschend wenig erbaut davon, dass Sitzschalen in blau und weiß installiert wurden. Ihren Standort auf der Längsseite musste die Szene aufgeben und supportet nun vom Rande der Südkurve aus. Das Spiel der beiden punktgleichen, die Tabelle anführenden Clubs, war ein guter Anlass sich mal ein Bild von den neuen Gegebenheiten zu machen.
Das Spitzenspiel provozierte dann auch mit über 3.000 Zuschauern den besten Besuch seit dem Umbau. Der Einlass, Organisation und Verpflegungsverkauf konnten mit dem Andrang nicht mithalten, es gab lange Schlangen und alles lief etwas chaotisch ab. Aus dem Hammer Vorort waren gut 200 die meiste Zeit über stumme Leute angereist und bescherten dem Bochumer Club den bestbesuchten Gästeblock der laufenden Spielzeit. Der aktive Block der SGW-Szene umfasst aktuell knapp 40-50 Personen, die aktuell einige Differenzen mit der Vereinsführung ausfechten. So wurde die ersten 19 Minuten und 9 Sekunden geschwiegen und einige Spruchbänder gezeigt, welche auf die Missstimmung Bezug nahmen. Spielerisch war die Veranstaltung leider ein absoluter Flop und wurde ihrem Anspruch als Topspiel nie gerecht. Torchancen gab es auf beiden Seiten kaum, stattdessen waren Fehlpässe heute das bevorzugte Mittel. Kurz und knapp – beide Teams waren grottenschlecht, ein Torerfolg war absolut unmöglich. So wurde mir der Hörgenuss der kultigen Wattenscheider Torhymne leider verwehrt. Mit dem torlosen Remis konnten die Gäste vermutlich etwas besser leben, da sie ein Spiel weniger absolviert hatten als die Nullneuner.
Schul- und Sportzentrum, 500 Zuschauer, Kreispokal Berg Viertelfinale
Ein kleiner Ausflug ins Oberbergische führte mich nach Nümbrecht, wo der gastgebende SSV den FV Wiehl zum Kreispokal-Derby zweier Landesligisten empfing. In Nümbrecht ist eine Art Aufbruchstimmung zu spüren, eine richtig fette neue Tribüne wurde an die Plastikwiese gezimmert. Der ehemalige völlig harmlose Schulsportplatz befindet sich in einer Sanierungsphase, auch sämtliche Leichtathletik-Anlagen werden erneuert, beizeiten soll auch auf der Gegenseite noch eine Tribüne entstehen. Hat man hier was vor? Der Umbau der Anlage wurde zwar durch Bund und Gemeinde möglich gemacht, dennoch ist ein lokal verankertes aber weltweit operierendes Labor- und Medizintechnik-Unternehmen omnipräsent. Elversberg reloaded? So groß wird es aber vermutlich nicht werden. Der SSV war leicht favorisiert, aber was heißt das schon in einem Derby. Beide Clubs hatten die Werbetrommel gerührt und so fanden sich etwa 500 Leute auf der sicherlich bald schmucken Anlage ein, wenn beide Clubs in der Liga die Wege kreuzen, kommen oft gar noch mehr Zuschauer. Im ersten Durchgang setzte der SSV die Favoritenstellung in Feldüberlegenheit um, ohne aber vor dem Tor gefährlich zu werden. Das Blatt wendete sich in Durchgang zwei, der Rivale aus dem Nachbarort wurde mutiger und hatte auch zwei, drei Möglichkeiten zur Führung, insgesamt blieb der Kick aber eine lahme Sache und es ging in die Zugabe. Zu Beginn der zweiten Hälfte der Verlängerung gingen die Gastgeber dann etwas glücklich in Führung, der FV Wiehl vergab die große Ausgleichs-Chance, die sich per Elfmeter bot und so fand das Spiel doch den erwarteten Sieger.
Stadion an der Hafenstraße, 17.617 Zuschauer, 3.Liga
Mit den Saarländern stellte sich eine ziemliche Wundertüte an der Hafenstraße vor. Mit deutlich mehr Qualität ausgestattet, als es der Tabellenplatz hergibt, war der FCS noch immer nicht von den letzten Abstiegssorgen befreit. Nach der Niederlage des glorreichen RWE beim Topspiel in Cottbus in der Vorwoche, stellte sich zudem die Frage, ob die Art und Weise wie diese zustande kam, etwas mit den Köpfen der Rot-Weissen machte. Trotz der Niederlage blieb der Euphorie-Pegel allerdings am Anschlag. Die davor errungenen sieben Siege in Folge haben natürlich eine Erwartungshaltung entstehen lassen, die selbst mich mit meiner vorsichtigen Einstellung endgültig an die Truppe glauben ließ. Unabhängig davon durfte nicht ausgeblendet werden, dass es dabei Spiele gab, die auf der Kippe standen und das Pendel dabei etwas glücklich auf die rot-weisse Seite ausschlug. Ich war zwar durchaus optimistisch, dass die Roten den deutlichen Dämpfer der Vorwoche gut weggesteckt hatten, irgendetwas in mir bereitete mir aber ein schlechtes Gefühl. Vorrangig lag das wohl am Gesetz der Serie. Der RWE hatte seit fast einem halben Jahr daheim nicht mehr verloren, während die Gäste noch länger auswärts nicht mehr gewonnen hatten. Serien reißen irgendwann, genau das ließ in mir die Alarmglocke schrillen. Feld-Moderator ‚Ruthe‘, der vor dem Spiel auf dem Rasen die Aufstellung verliest und dabei ein paar vermeintlich lustige, schlaue Sprüche vom Stapel lässt, schoss deutlich über das Ziel hinaus, als er die Gäste abfällig als ‚Möchtegern-Franzosen‘ diskreditierte. Das war mindestens genauso überflüssig und peinlich, wie die darauf folgenden „Ost-Ost-Ostfrankreich“-Rufe aus dem mit gut 800 Saarländern gefüllten Away-Sektor, die aber eine beinahe natürliche Reaktion auf diese geschmacklose Provokation waren. Nach meiner Meinung braucht es den Clown auf dem Rasen eh nicht. Die Kurve ist schon selbst in der Lage, sich anzuzünden. Kann weg.
Die Roten kamen gut in die Partie und erzielten mit einer traumhaften Kombination die frühe Führung. Nicht zum ersten Mal wurde dann aber mit dem die trügerische Sicherheit verleihenden Gefühl eben jener Führung das Tempo herausgenommen, anstelle die Verunsicherung des Gegners zu weiteren Angriffsbemühungen zu nutzen. Fünf Gäste-Ecken in Serie kurz nach dem Führungstor, von denen zwei schon ins Tor guckten, hätten eigentlich eine Warnung sein müssen. Stattdessen wurde den Blau-Schwarzen, die in der ersten Spielhälfte gefühlte 80% Ballbesitz hatten, nun das Spielgerät überlassen. Ballbesitz ist ja nicht nur wichtig, um das eigene Tor zu verteidigen, denn ohne Ball kann der Gegner Dir nicht weh tun. Ballbesitz taugt auch ganz gut, um selbst gefährlich zu werden und genau das versuchten die Gäste zunehmend, vorrangig über die linke Angriffsseite, wo der sonst starke RWE-Leihverteidiger Hofmann viel Mühe mit dem schnellen, quirligen Pick hatte. Zudem schaltete sich Linksverteidiger Bretschneider immer wieder offensiv mit ein und Abiama auf der rechten Essener Angriffsseite schien etwas überfordert damit, genau das einzudämmen und defensive Aufgaben zu übernehmen. Die Roten gaben den Gästen dann zu viel Raum, waren nicht eng genug am Mann, es fehlte irgendwie das Leben in der Mannschaft, eine klare Körpersprache sieht anders aus.
Das ermöglichte den Ausgleich nach einer halben Stunde, als sich ein Saarbrücker in den Essener Strafraum dribbelte und überlegt abschloss. Golz stand dabei auch nicht optimal und gab die rechte Torhälfte frei. Ein mögliches Foul an Janssen in der Entstehung bleibt diskutabel, ich bin aber eher ein Freund von großzügiger Auslegung. Großzügig blieben auch die Mannen in den roten Trikots, die kurz vor dem Pausenpfiff den Gästen erneut beim Kicken zuschauten, bis die Kirsche endlich im Tor lag. Auch bei diesem Treffer hätte Golz beim Torschuss besser stehen können, den aus spitzem Winkel abgesendeten Ball konnte er nicht entscheidend abwehren, Brünker staubte dankbar ab. Zur Wahrheit gehört aber, dass die Defensive es erst gar nicht so weit kommen lassen durfte. Die eh schon schwere Aufgabe wurde also noch schwieriger. Aber der RWE schüttelte sich und spätestens nach eine Stunde Spielzeit ging es nur noch auf das Tor des heute ganz starken FCS-Schlussmannes Menzel. Die Roten nahmen nun das Herz in die Hand und zeigten auch endlich die letzte Bereitschaft sich zu quälen. Warum nicht von Beginn an? Kopfsache. Natürlich! Abgesehen von der defensiven Schwäche, die durch eine starke Offensive oft kompensiert wird, ist nach meiner Meinung das größte Manko im Team das Fehlen von echten Mentalitätsspielern. Es fehlen einfach zwei, drei Leute im Team, die konsequent vorangehen, die ihre Mitspieler mitreißen.
Das zuletzt oft bemühte Glück war heute auch nicht auf der rot-weissen Seite des Spiels. Angriff auf Angriff rollte auf das Tor des Gegners, echte Torgefahr konnte man aber an einer Hand abzählen. Der Pfosten stand auch im Weg und Menzel hielt den Sieg kurz vor dem Ende mit einem ‚big save‘ fest. Dass Abstiegsgespenst Baumann kurz nach seiner Einwechslung mit dunkelrotem Karton wieder vom Feld geschickt wurde, fiel nicht mehr groß ins Gewicht und wenig später gab es lange Gesichter. Nun wird es hart, aber Aufgeben ist keine Option. Es gilt das Haupt zu heben, die Krone zu richten und zur Attacke zu blasen. Die Stimmungslage ist aber mal wieder schwierig, denn im Essener Norden gibt es ja nur gut oder schlecht, kein ‚dazwischen‘. Die wenigsten RWE-Anhänger können oder wollen Situationen sachlich einordnen. Ich persönlich befinde mich weiter in einer Luxus-Problemlage, denn ich sehe den Aufstieg weiterhin nicht als Muss an, auch wenn ich mich diesem nicht verweigern würde. Die Konstellation der restlichen drei Spieltage lässt alles offen, macht alles möglich. Doch geht es erst einmal darum den dritten Platz zu sichern. Platz vier wäre der Trostpreis und mein persönliches Minimum, das erreicht werden sollte. Berechtigt dieser Tabellenplatz doch zumindest zur Teilnahme am DFB-Pokal, würde sich aber nach der Zwischenbilanz der letzten Wochen wohl dennoch eher wie eine Niederlage anfühlen.
Körperlich nicht ganz auf der Höhe, wollte ich trotzdem nicht den ganzen Tag bei schönem Wetter in den eigenen vier Wänden vergammeln, daher machte ich mich auf zum Topspiel der Oberliga Westfalen im Waldstadion zu Dortmund-Aplerbeck. Zu Gast war der SV Lippstadt, was letztlich auch ausschlaggebender Faktor für diesen Spielbesuch war, denn der Verein darf sich über die Unterstützung einer lebendigen Ultra-Szene freuen. Diese war auch weitestgehend vollständig angereist und positionierte sich auf der überdachten Sitztribüne, die sich in diesem kleinen beengten Stadion ja aus Platzgründen etwas skurril hinter dem Tor befindet. Um den Traum vom Regionalliga-Aufstieg zu wahren brauchten die Gäste einen Sieg. Auf dem schwer zu bespielenden Rasen hatten aber beide Mannschaften Mühe, ein vernünftiges Kombinationsspiel aufzuziehen. Torchancen kam kaum zustande, wenn dann hatten diese allerdings die Gastgeber zu verzeichnen. Diese erzielten auch einigermaßen folgerichtig nach einer guten Stunde mit einem 30-Meter-Freistoß-Flatterball, welcher dem SVL-Schnapper über die Finger rutschte, die Führung. Die Gäste verkrampften etwas bei ihren Ausgleichsbemühungen, in der Box wurde es einfach nicht gefährlich. Da der ASC die sich bietenden Konterchancen aber auch nicht zu nutzen wusste, blieb es beim kleinstmöglichen Sieg-Resultat. Für die Westfalen wird es nun sehr schwer, bei mindestens fünf Punkten Rückstand, einem schlechteren Torverhältnis und nur noch fünf ausstehenden Spielen, das Ziel zu realisieren. Sollte der ASC aufsteigen wird dieser mangels Regionalliga-Tauglichkeit der eigenen Spielstätte übrigens ins ‚Ischelandstadion‘ in Hagen ausweichen. Für meinen Geschmack einigermaßen sinnlos, an solchen Geschichten sind Vereine schon oft genug gescheitert. Eventuell wäre es besser, gesetzte Grenzen zu erkennen.