Wenn man beim Betreten der Sportanlage keinen Eintritt abgenommen bekommt, weiß man, dass man weit unten in der Ligen-Pyramide angekommen ist. Genau genommen ganz unten. Zum Erstrunden-Duell im Düsseldorfer Kreispokal begrüßte der C-Ligist DSV 04 aus Lierenfeld den A-Ligisten BV 04 aus dem Stadtteil Golzheim. Nicht nur die Namen, auch die Clubwappen und sogar die Karrieren der ersten Mannschaften beider Vereine ähneln sich. Aus der Landesliga, noch im letzten Jahrtausend, ging es über die Bezirksliga hinab bis auf Kreisebene und dort bis auf die unterste Sohle. Während der BV 04 den Totalabsturz inzwischen überwunden hat, schicken sich die Lierenfelder an, genau das zu tun. Nach zwei Spieltagen steht das Team mit weißer Weste und deutlichem Torverhältnis ohne Gegentor an der Tabellenspitze. Das erste Pflichtspiel-Gegentor der Saison ließ aber nicht lang auf sich warten, denn die Gäste gingen früh in Führung. Es sollte das Tor des Tages bleiben, denn der DSV legte den völlig unnötigen Respekt schnell ab und spielte ebenbürtig mit, vergab aber beste Möglichkeiten. Ich tue mich ja relativ schwer mit Spielbesuchen auf Kreis-Ebene. Der Grund für den heutigen Ausflug war die schöne und nicht zu oft bespielte ‚Ernst-Poensgen-Kampfbahn‘, denn meist nutzt der DSV 04 den benachbarten Kunstrasen. Zudem wollen die milden Sommerabende noch bestmöglich genutzt werden – die dunkle, klamme Jahreszeit kommt noch früh genug und dann machen solche Aktionen keinen Spaß. Da die Vereinsgastronomie von einem Griechen geführt wird, war ein fetter Gyros-Teller quasi obligatorisch.
Stadion an der Hafenstraße, 18.800 Zuschauer, DFB-Pokal 1.Runde
Sankt Pauli im Pokal. Kein Traumlos. Natürlich um Längen besser, als Gegner der Kategorie Hoffenheim oder Paderborn, aber dafür anstrengend, zumindest was das Fan-Klientel angeht. Klagen auf hohem Niveau, grundsätzlich hat der RWE bei den DFB-Pokal-Teilnahmen der letzten Jahre nie Los-Pech erlebt, wenn man mal vom Spiel gegen den Leipziger Filialbetrieb des Energydrink-Herstellers aus Fuschl am See absieht. Ich befürchtete jedenfalls, dass sich die Kurven verbal und optisch an Peinlichkeiten überboten, doch glücklicherweise rissen sich beide Seiten weitestgehend am Riemen, wohl auch aufgrund vorheriger ‚Verhaltensanweisungen‘ der führenden Gruppen. In dieser waren sich die Gäste allerdings nicht zu schade, von der ‚Faschoverseuchten‘ Essener Kurve zu sprechen. Natürlich gibt es in der Westkurve einzelne Personen mit rechtsextremer Einstellung, vermutlich gar kleinere Gruppen. Wie in fast jeder deutschen Kurve. Unter tausenden Besuchern. Ein ganzes Publikum darauf zu reduzieren ist nicht nur polemisch und heuchlerisch, sondern auch brandstiftend. Der RWE-Anhang ließ sich davon nicht groß provozieren. Und auch in der braunen – ich finde ja diese Vereinsfarbe bei genau diesem Club so eine herrliche Satire – Kurve ist ja nicht jeder Anwesende linksextrem. Klar gibt es darunter genug Personen dieser Ausrichtung, natürlich insbesondere bei ‚Ultra Sankt Pauli‘. Aber auch bei Sankt Pauli hegt eben nicht jedes Kurvenmitglied extreme Denkweisen. Politischer Extremismus, egal ob rechts oder links, ist einfach scheiße – so und nicht anders!
Dennoch traurig, dass sich der gesamte Block instrumentalisieren ließ. Auf ein „Nazis raus!“ Richtung Essener Publikum, was man mit viel Wohlwollen noch als allgemeinen Aufruf werten konnte, folgte ein hüpfendes „Nie, nie, nie wieder Deutschland“, an dem die ganze Blockbesatzung teilnahm. Wat woll’n se denn stattdessen, was ist die Alternative? Zurück in die Weimarer Republik oder gar die Lehnsherrschaft? Wenn, dann wäre der Ruf nach einem ‚anderen‘ Deutschland angemessen. Aber die dargebotene Parole war nichts anderes als billiger Antifa-Populismus und der gescheiterte Versuch, das Heim-Publikum zu provozieren, welches den rebellischen Mist einfach mit RWE-Gesängen übertönte. Zudem erfreut sich sicher auch ein angemessener Teil des Pauli-Anhangs an den doch recht üppigen Sozialleistungen, die unser ach so fieser Staat für sozial (und geistig?) Benachteiligte bereitstellt. Die Westkurve eröffnete mit einer simplen aber effektiven Choreo, welche die Kurve oberhalb des fetten Banners am Zaun mit der Aufschrift ‚Oldschool Fußball Hafenstraße‘ mit roten und weißen Pappen in die Clubfarben teilte. Dann wurde per Blockbanner ein Fan ausgebreitet, der einen klassischen RWE-Pokal-Schal aus den 90ern präsentierte, und dieser langsam nach unten gereicht. Leider wurden die Pappen im oberen Bereich zu früh gelüftet, daher gibt es deutlich Abzüge in der Ausführung.
Ein erstes Spruchband wurde auch bald gezeigt. „Awareness ist, wenn USP Kinder fickt“ nahm Bezug auf einen Arbeitskreis von Ultras Sankt Pauli, der damit befasst ist, die Kurve in einen sicheren Raum zu verwandeln, nachdem vor ein paar Jahren sexuelle Übergriffe erwachsener Kurvenmitglieder gegenüber Minderjährigen bekannt wurden. Eigentlich zeitlich etwas überholt, aber das Thema ist ja dennoch irgendwie immer aktuell. Der Gästeanhang ging nicht darauf ein und ansonsten hielt sich der Spruchband-Terror in Grenzen. Einigkeit bestand nur bei der konzentrierten Protest-Aktion gegen den Videobeweis. USP wurde von einigen befreundeten Gruppen unterstützt. ‚Schickeria München‘, Infamous Youth‘ aus Bremen, ‚Ultras Hapoel‘ aus Tel Aviv und ‚Ultras Inferno‘ von Standard Liege hatten Überhänger über dem USP-Banner platziert, der dadurch selbst kaum noch in Erscheinung trat. Die Stimmung aus dem Gästeblock hätte ich brachialer erwartet. Offenbar ist man aber nur bei den politischen Parolen laut. Ansonsten schallerte nur der simple „Sankt Pauli“-Schlachtruf vernünftig, der Rest war viel selbstverliebtes Geträller. Auch nach dem Zwei-Tore-Rückstand wurde die Sangesstrategie nicht geändert, eher untauglich um die leblose Mannschaft noch mal für eine Schlussoffensive wachzurütteln. Die ‚Westkurve‘ war gut aufgelegt und bei den großen Spielen steigt ja mindestens die Gegentribüne bei den Gassenhauern immer gut mit ein. Da ich da aber selbst mittendrin bin, fällt es mir immer schwer, die Wirkung zu beurteilen, denke aber, es war ordentlich. Nach wie vor verhindern die offenen Ecken eine wirklich brutale Lautstärke. Ich bin von der Optik geschlossener Stadien selten begeistert, aber der Stimmung in Essen kann das nur gut tun. Im Herbst sollen die Arbeiten ja endlich beginnen.
Die Roten waren direkt gut drin im Spiel und ließen den Kiez-Kickern wenig Raum zur Entfaltung. So verlagerte sich das Spielgeschehen öfter in die von den Gästen verwaltete Hälfte, gefährlich wurde es aber nur auf der anderen Seite, wenn das Team vom Millerntor dort mal auftauchte. Allen voran der Niederländer Kaars hätte den Führungstreffer erzielen müssen, schaffte es aber die Kirsche, etwas in Rücklage geraten, aus dreieinhalb Metern über das leere Tor zu chippen. Dann kam auch die gute Seite des Spiels zu ersten Chancen. Jansen scheiterte aber erst am Außennetz und dann frei vor dem FCSP-Schlussmann genau an diesem. Die Gäste kamen auch zu weiteren brandgefährlichen Situationen, hatten aber das Visier nicht richtig justiert. Jansen dann aber endlich schon, als er zehn Minuten vor der Pause nach einer No-Look-Flanke von Obuz sträflich frei gelassen zur Führung einnickte und die Hafenstraße im Jubel versinken ließ. Und noch keine zehn Minuten waren in Durchgang zwei gespielt, als Hofmann dann genau schaute, wohin er flanken wollte und Telalovic volley mit der Innenseite die Führung technisch anspruchsvoll verdoppelte. Die Hamburger kamen danach überhaupt nicht mehr zu zwingenden Aktionen, die rot-weisse Defensive stand deutlich sicherer und viel besser zugeordnet als im ersten Durchgang, der RWE war dem dritten Treffer näher als die Gäste ihrem ersten. So ging die Partie recht unaufgeregt zu Ende, weil der RWE clever und konzentriert verteidigte. Und ohne überheblich zu sein – ich habe diesen Sieg so dermaßen für möglich gehalten, dass ich ihn nicht als totale Sensation empfinde.
Sportplatz Tiroler Straße, 169 Zuschauer, Kreisliga A Oberhausen/Bottrop
War es verspätete Trauma-Bewältigung, die mich zu dieser Platzanlage trieb? An der Tiroler Straße ist mir nämlich eine der dämlichsten Aktionen meiner schillernden, aktiven Karriere unterlaufen. Es war irgendein sinnloses Sommerturnier, noch zu A-Jugend-Zeiten. Der Untergrund war damals natürlich noch kein Kunstgras, sondern schwarze Asche. Mit dem VfB Borbeck, der kurz darauf mit Grün-Weiß Schönebeck zur SG Schönebeck fusionierte, bekannt durch die erfolgreiche Damen-Abteilung, war meine Gurkentruppe unter anderem mit dem ETB Schwarz-Weiß in einer Gruppe, damals eines der stärksten A-Jugend-Teams des Niederrhein-Verbandes. Durch zwei Niederlagen bereits ausgeschieden, fand ich es im letzten Spiel gegen den ETB beim Stand von 0:6 (oder so ähnlich) eine gute Idee, noch eine Todesgrätsche anzusetzen, traf weder Ball noch Gegner und zog mir stattdessen am linken Knie eine fiese Schürfwunde in der Größe eines 5-Mark-Stückes zu. Wer vor 1999 geboren wurde, dürfte wissen, was für ein Oschi der Fünfer war. Als ich nächsten Morgen beim Aufstehen das vom Wundsekret am Knie festgeklebte Bettlaken von der Matratze zog, war es an der Zeit für den Doc. Der stellte mir in Aussicht das Knie auszubürsten, anderenfalls bliebe es verfärbt. Welche Entscheidung ich traf, dürfte klar sein. Seitdem ziert meinen ansonsten makellosen Astralkörper am linken Knie eine tief purpurfarbene Narbe.
Es gibt in der näheren Umgebung zwar kaum Fußballplätze, die ich nicht selber bespielt habe. Davon habe ich aber einige bis heute nicht für einen Spielbesuch in der Beobachterrolle mit meiner Anwesenheit beehrt. Viel Brauchbares ist natürlich nicht mehr übrig, aber die Anlage das VfR 08, der mit einigen Grafitti und Planen Identität verliehen wurde, kann man an einem lauschigen frühen Abend ruhig mal bereisen. Die Anfahrt erfolgte entspannt mit dem Rad. Das Spiel zeigte durchschnittliches Kreisliga-Niveau, soweit meine Expertise ausreicht, das zu beurteilen. Während es für die Rasensportler in der Vorwoche trotz dreier Gegentore noch für einen Punkt reichte, bedeutete dieselbe Gegentoranzahl heute eine verdiente Niederlage. Nach ausgeglichener Anfangsphase nahmen die Gäste Fahrt auf. Bis auf wenige Situationen hatten die Sterkrader die Nummer im Griff und fuhren einen sicheren Sieg ein, zieren damit für den Augenblick die Spitze der noch jungen Tabelle. Die Partie verlief ruhig, so ruhig, dass sich die Gastgeber kaum gegen die Niederlage wehrten. Ein gut gelaunter, unaufgeregter Schiri hatte jede Situation im Griff und löste jede aufkommende Aufregung mit einem lockeren Spruch umgehend auf.
In die rot-weisse Pokalwoche ging es mit der durchaus anspruchsvollen Aufgabe in Sonsbeck. Auf tiefem, schwer bespielbarem Geläuf ist ein Verbandspokalspiel nie nur ein Schaulaufen. Dabei kam der RWE gut in die Partie, machte Druck und erzielte früh den Führungstreffer. Der Schwung verflachte dann etwas, weil der Oberligist besser ins Spiel kam und der Spielaufbau bei den Roten immer unsauberer geriet. Das alles blieb mir bis hierhin verborgen und beruht auf Augenzeugenberichten. Zwar traf ich vom Arbeitsplatz aus, den unteren Niederrhein querend, früh an der Wetterschutz weitestgehend vermissen lassenden Anlage ein. Da es aber schüttete, als hätte Teutates persönlich den Himmel geöffnet, verweilte ich zunächst noch im Fahrzeug, trollte mich dann einige Minuten nach Anpfiff aufs Gelände, suchte dort aber wiederum Schutz vor dem Wetter ohne dabei eine Sicht auf das Spielfeld zu erlangen. Erst als der Regen einige Minuten vor dem Seitenwechsel nachließ, traute ich mich mal aus meinem Versteck hervor. Rechtzeitig um den zweiten Treffer für den RWE zu erleben. Potocnik staubte einen Abpraller in bester Stürmer-Manier ab. Alles schien nach Plan zu laufen. Die Wortwahl lässt es erahnen – es kam erst einmal anders. Das hätte nicht sein müssen, denn der RWE hatte nach Wiederanpfiff Einschuss-Chancen im Minuten-Takt. Und wenn nicht Abiama den Hundertprozenter zu Tor Nummer Drei und damit die wahrscheinliche Spielentscheidung ungenutzt liegen gelassen hätte, wäre das nun Folgende natürlich nicht geschehen.
Aus dem Nichts erzielten die Hausherren im Gegenzug den Anschluss und plötzlich lag Spannung und Anspannung in der Luft. Nach einer guten Stunde Spielzeit leistete sich Alonso einen Blackout, köpfte im eigenen Strafraum eine eigentlich harmlose Freistoß-Flanke zentral vor das Tor, wo sich ein Heim-Akteur bedankte und plötzlich stand es 2:2. Obuz hätte zuvor eigentlich schon wieder den alten Abstand herstellen können, aber am Ertrag gemessen, war die Angriffsleistung der Mannschaft heute desaströs. Auch in der Schlussphase blieben zahlreiche Chancen ungenutzt. Woran hat et jelegen? Der zweite Anzug sitzt nicht recht. Aus der Anfangsformation des letzten Meisterschaftsspiels standen lediglich Telalovic und Abiama von Beginn auf dem Platz. Ansonsten durften sich die Backups beweisen, die noch immer keine besonderen Akzente setzen können und auch Abiama erlebte eher einen gebrauchten Tag. Beide Gegentreffer fielen nach ruhenden Bällen aus dem Halbfeld. Ein Deja-Vu zum Spiel in Saarbrücken und die Antwort auf die Schlussfrage des Berichtes vom Spiel gegen Havelse – die Probleme sind nicht behoben. Es gibt Abstimmungsdefizite bei der Verteidigung eben jener Freistoß-Flanken. Und dennoch provozierte man durch ungeschicktes Verhalten genau davon zu viele. Gegen Havelse gab es diese Situationen nicht, daher trat diese Schwäche nicht ans Tageslicht. Das ist jedenfalls die größte Baustelle, an der dringend gefeilt werden muss. Ich hoffe, das geht schneller als beim Straßenbau.
Die Roten fingen sich aber schnell, das Oberwasser, welches der Außenseiter durch den Ausgleich kurzzeitig fühlte, passte sich schnell wieder dem aktuellen Rhein-Pegelstand an. Bei weiterhin räudigen Bedingungen sähte der RWE weiter genug Chancen, um das Spiel klar zu entscheiden, die Ernte blieb jedoch aus. Was keiner in Rot und Weiss wollte, folgte also nun – die Verlängerung. Es musste nun doch das große Besteck her und nach und nach wurden Leistungsträger eingewechselt. Das verfehlte die Wirkung nicht, zumal bei den Gastgebern die Beine schwerer wurden. Pesch und Jansen raubten dem wacker kämpfenden Oberligisten dann mit einem Doppelschlag den Glauben an die Sensation, danach schlug es noch drei weitere Male durch eben genannte Akteure ein und das Ergebnis spiegelt prinzipielle sogar die Spielanteile der regulären 90 Minuten wieder. Es fehlt im Angriff an der Konsequenz, das zeigte sich ja – wenn auch mit anderem Personal – ebenfalls im Spiel am vergangenen Wochenende schon. Heute regelten letztlich individuelle Überlegenheit und bessere konditionelle Voraussetzungen. Was die Stimmung angeht, bleibt die Lage noch analog zur Vorsaison. Lediglich die ‚Freaks‘ supporten aktiv, den anderen großen Gruppen ist der Anlass im Verbandspokal gegen unterklassige Clubs nicht groß genug.
Das ‚Huckenohlstadion‘ in Menden erfuhr vor wenigen Jahren eine umfassende Modernisierung, was einen neuerlichen Besuch durchaus rechtfertigte. Der Hauptseite wurden die oberen Reihen genommen, die verbliebenen Stufen grundlegend erneuert. Im zentralen Bereich wurde ein schickes Dach aus Holzelementen und Segeltuch installiert. Darunter und auch einige Meter rechts und links darüber hinaus findet man nun bunte Sitzschalen in wilder Smarties-Mischung. An der Gegenseite wurde dagegen ein Tribünen-Genozid verübt. Die gesamte Gerade wurde bis auf einen kleinen Abschnitt ihrer Stufen beraubt, der Wall begrünt. Im Gesamteindruck bleibt das Stadion aber eine schöne Spielstätte. Nicht ganz so schön war das, was die 22 Aktiven den Zuschauern boten, mit Landesliga-Niveau hatte das wenig zu tun. Die erste Halbzeit konnte man mit zusammengekniffenen Augen noch ertragen, das Fehlpassfestival in Abschnitt zwei war allerdings ganz schwere Kost. Zumindest gab es je ein Tor hüben und drüben zu sehen, was aber den Gesamteindruck nicht verbessern konnte.
Stadion an der Hafenstraße, 16.547 Zuschauer, 3.Liga
Als ich am frühen Freitag-Morgen wegen aktueller Sehnensymptomatik zur Magnetfeldtherapie in der Praxis meines Vertrauens antanzte, die auch den Mannschaftsarzt für den RWE stellt, kam mir aus dem Therapieraum Lucas Brumme, Linksaußen beim glorreichen Deutschen Meister von 1955, entgegen. „Der wird doch wohl gegen Havelse nicht ausfallen“, dachte ich mir. Keine sechs Stunden später wurde genau das in einer Mitteilung des Vereins veröffentlicht. Ersetzt wurde Brumme durch Neuzugang Pesch, es sollte die einzige Änderung sein, die Trainer Koschinat vornahm. Endlich wieder Hafenstraße und gewohnte Wege, das Hafenstübchen hat sich für die neue Spielzeit sogar schön herausgeputzt und das Modell der alten Haupttribüne des ‚Georg-Melches-Stadion‘ hat in der ‚Kleinen Gruga‘ auch seinen Platz gefunden. Mit dem Turn- und Sportverein aus dem Garbsener Stadtteil Havelse, Profiteur der Pleite der Münchner Löwen und dadurch in der Liga verblieben, stellte sich ein äußerst undankbarer Gegner zum ersten Heimspiel der Saison an der Hafenstraße vor. Die Aufgabe war schon bedingt durch die Auswärtsklatsche im Saarland am ersten Spieltag groß genug. Dass gegen den kleinen Verein aus dem Hannoveraner Speckgürtel sämtliche Anhänger in Rot und Weiss einen Sieg erwarteten, bestenfalls noch einen deutlichen, machte es nicht einfacher. Dabei wurde dem TSV durchaus eine gewisse Reife zugeschrieben. Der Mannschaft wurde eine höhere Kader-Qualität bescheinigt, als in der Saison zuvor. Der RWE hatte mit dem Gastverein vereinbart, dass dessen Anhängern lediglich der Gäste-Sitzplatzbereich zugestanden wurde, der für nicht einmal drei Dutzend TSV-Fans immer noch überdimensioniert war. Der Auswärtssteher wurde dagegen für das Heimpublikum geöffnet. Dieses aber auch überschaubarem Erfolg, denn lediglich circa 200 Personen verloren sich im Block.
Für mich war die Perspektive heute mal eine andere, da ich über einen meiner bewährten Reise-Mitstreiter den VIP-Bereich ‚Assindia‘ in Anspruch nehmen durfte. Da sich die Aufmerksamkeit mit zunehmender Spieldauer mehr und mehr auf den Zapfhahn konzentrierte, konnte für die Aktion eigentlich kaum ein besseres Spiel als dieses gegen einen unattraktiven Gegner herhalten. Die Westkurve blieb heute frei von besonderen Aktionen, wenn man von zwei Transparenten zur Begrüßung rückkehrender Stadionverbotler absieht. Der RWE nahm von der ersten Sekunde an das Heft in die Hand und dominierte seinen Gegner. Der Nachmittag hätte früh in entspannte Bahnen gelenkt werden können, wenn die Offensivabteilung nicht eine eklatante Abschlussschwäche offenbart hätte. Beste Gelegenheiten blieben von Jansen und Telalovic ungenutzt, was aber auch an Gäste-Schnapper Hanin lag, der einen phantastischen Tag erwischt hatte und die rot-weissen Angreifer verzweifeln ließ. Den Gästen boten sich in der ersten Hälfte nur eine Möglichkeit, eine gefährliche Torchance zu kreieren. Dass es dazu nicht kam, resultierte aus einem ungenauen Zuspiel des Ex-Rot-Weissen Voufack. Die einzige wirkliche Chance für den TSV sahen die Zuschauer kurz nach dem Seitenwechsel, als ein Torschuss am langen Pfosten vorbeistrich.
Jansen vergab dann erneut für den RWE und ein Strafstoß musste schließlich her, um einen verdienten Sieg zu erringen. Dabei war das Foul, welches nach einer guten Stunde Spielzeit für den Elfmeterpfiff ursächlich war, unstrittig. Die Gäste-Gemüter rieben sich schließlich an einer Szene zuvor, in welcher dem TSV wohl ein berechtigter Freistoß verweigert wurde, der die Szene zu Elfmeter gar nicht hätte entstehen lassen. So ist es eben in einer Liga ohne Video-Referee und der RWE hat es in der vergangenen Spielzeit oft genug andersherum erfahren. Fehlentscheidungen gleichen sich auf Strecke eh aus. Daher weiterhin: Anti VAR! Telalovic ließ sich die Möglichkeit nicht entgehen, schickte Hanin ins falsche Eck und verwandelte wuchtig zur Führung. Da dann auch weiterhin Chancen ausgelassen wurden, das Spiel zu entscheiden, Obuz zweifach und Telalovic vergeben gute Möglichkeiten, blieb die Situation fragil. Wer aber auf eine Schlussoffensive der Gäste gewartet hatte, wartet auch heute noch – es gab sie nicht. Offenbar wird die Qualität des TSV (noch?) überschätzt. Mit dem prinzipiell überzeugenden Sieg, wenn auch im Ergebnis dünne, kehrt dann auch wieder Ruhe ein im Essener Norden. Wie es sich für einen emotional aufgeladenen Verein gehört, dem seine Tradition eher Bürde als Geschenk bedeutet, waren im rot-weissen Anhang nach der Auftaktschlappe schon wieder deutliche Stimmungsschwankungen und Weltuntergangstheorien zu vernehmen. Wie es gelaufen wäre, hätte der Kontrahent heute anders geheißen, bleibt Theorie und der TSV war letztlich schon ein optimaler Aufbaugegner. Die in Saarbrücken offen zu Tage getretenen Schwächen haben sich aber in so kurzer Zeit sicherlich nicht von allein erledigt. Man darf gespannt bleiben.
DJK Sportfreunde Katernberg vs DJK Adler-Union Frintrop 2:7
Sportanlage Meerbruchstraße, 350 Zuschauer, Landesliga Niederrhein Gruppe 2
An diesem Freitag-Abend zog es zum Eröffnungsspiel der Landesliga-Saison an die Meerbruchstraße in Essen-Katernberg. Bei eigentlich zu hohen Temperaturen erfolgte die Anreise quer durch die Stadt entspannt mit dem Rad. Einige Male bin ich im Laufe meiner schillernden Karriere selbst im Essener Norden dort angetreten, damals natürlich noch auf roter Asche. Bis vor einigen Jahren konnte man die Platzanlage auch nur über die Meerbruchstraße erreichen, eine von alten Backstein-Zechenhäusern gesäumte Sackgasse, die mittig von einer engen Bahnunterführung geteilt wird. Schon eine spezielle Hood. Wenn man früher an der Meerbruchstraße gewonnen oder ein nickeliges Spiel hinter sich gebracht hatte, sah man immer zu, schnell da wegzukommen. Es hielt sich das Gerücht, dass die Unterführung blockiert und man noch ordentlich Senge bekommen würde. Natürlich romantisch verklärter Blödsinn 😊. Vor Ort traf ich nicht nur auf viele bekannte Gesichter aus dem Adler-Umfeld, sondern ungeplant noch ein paar weitere Gefährten, was das Spiel noch kurzweiliger gestaltete, als es eh werden sollte. Oberliga-Absteiger Adler trat beim Aufsteiger aus der Bezirksliga an, natürlich gehörten die Sympathien aufgrund meiner aktiven Vergangenheit dem Gast-Verein.
Die DJK Sportfreunde Katernberg 13/19 entstand vor einigen Jahren aus der Fusion der DJK 1919 und den Sportfreunden. Letztere waren ein Verein mit großer Tradition, tief verankert im Stadtteil, der in den Nachkriegsjahren erfolgreich spielte und es Ende der 80er Jahre noch einmal in die damals drittklassige Oberliga Nordrhein schaffte. Die Sportfreunde haben in ihrer erfolgreichen Phase einige gute Fußballer hervorgebracht, allen voran Helmut Rahn, zu dem ich wohl nicht weiter ausführen muss. Die Fusion wurde vollzogen, als vor einigen Jahren entschieden wurde, die absolut kultige Sportanlage ‚Am Lindenbruch‘, Heimat und Identität der Sportfreunde, zu Gunsten des Ausbaus der Anlage an der Meerbuschstraße aufzugeben. Natürlich eine absolute Schande. Zudem ist am Lindenbruch bis heute nichts passiert, das Gelände verfällt und ist dem Vandalismus preisgegeben. An der Meerbruchstraße sieht es dagegen beinahe geleckt aus, kein Vergleich zu früher, als man das Wasser in den Duschräumen noch mit korrodierten Hähnen aufdrehen musste.
Für die Sportfreunde versammeln sich seit einiger Zeit die ‚Ultras Kaddernberch‘, eine Gruppierung von etwa zehn oder zwölf jüngeren Leuten hinter mehrere Zaunfahnen, unter anderem zwei schöne Gruppenbanner. Mit ein paar kleinen Schwenkern wurde auch gewedelt und zum Einlauf der Teams ein paar Konfettikanonen abgefeuert. Find ich ja gut, wenn Amateur-Clubs aktiv unterstütz werden – ‚Chapeau‘ dafür, diese Motivation aufzubringen. Der Zahn wurde den Jungs aber früh gezogen, die Lust auf Gesänge schnell erstickt. Die Adler haben natürlich was vor und traten selbstbewusst auf, während der Gegner Respekt zeigte oder schlicht nicht die nötige Qualität hatte, um mitzuhalten. Nach 20 Minuten stand es 4:0 für die Gäste vom Wasserturm, der Sturmlauf wurde dann durch den ersten Katernberger Treffer gestoppt. Natürlich brannte dennoch nichts mehr an, spätestens mit Adler-Treffer Nummer Fünf nach einer Stunde Spielzeit war das Thema durch. Ein paar weitere Tore fielen noch hüben wie drüben zum spektakulären Endstand bevor mir der Drahtesel wieder in den Heimat-Stadtteil verhalf.
Da sich mein Arbeitsplatz ja seit einigen Jahren im Westmünsterland befindet, gibt es ab und an mal die Möglichkeit in der Region nach Feierabend noch ein brauchbares Spiel zu besuchen. So auch heute, wo sich Preußen Münster, das sich nach dem Zweitliga-Abstieg wieder im Verbandspokal herumquälen muss, nahe der Grenze zu den Niederlanden vorstellte. Aufgrund der Lichtverhältnisse wurde die Partie recht kurzfristig um eine Viertelstunde vorgezogen. Vor ziemlich genau zehn Jahren hatte ich exakt dieselbe Spielpaarung am selben Ort schon einmal gesehen. Auch damals wurde es voll, heute war die Anlage aber annähernd überfüllt. Für mein Empfinden wurden mehr Tickets verkauft, als es den Zuschauern möglich war, auch einen vernünftigen Blick auf das Spielgeschehen zu werfen. Die Leute, die keinen Platz mehr auf den Tribünen oder in erster, zweiter, dritter Reihe am Stankett fanden, schleppten schließlich alles ran, was dazu taugte, um aus erhöhter Position über die Köpfe der anderen hinwegzuschauen, Tische und Bänke, Holz- und Bierkisten. Unsinnigerweise gab es Fantrennung. Dabei ist der SC Preußen im Westmünsterland fest verwurzelt und Platzhirsch. Nicht wenige Zuschauer kamen in Preußen-Trikots angeradelt oder auch per pedes. Die Ultra-Szene hatte sich die gedeckte Tribüne unter den Nagel gerissen. Die Stimmung war während der ersten Halbzeit geprägt vom selbstverliebten Geträller, viel zu langatmige Gesänge mit komplizierten Texten raubten den normalen Fans die Motivation, deren Bereitschaft mitzusingen, nahm spürbar ab. Der Capo schien aber in der Pause die richtige Lehre daraus gezogen zu haben und so wurde die zweite Halbzeit deutlich intensiver. Es war wie überall – die einfachen, gradlinigen Gassenhauer und Schlachtrufe laufen am besten und machen es den Umstehenden einfacher einzusteigen.
Die Gäste traten mit dem zweiten Anzug an, was dem Oberligisten die Option bot, die Partie mitzugestalten. Über die gesamte Spielzeit war zwischen den Strafräumen kein großer Klassenunterschied zu bemerken. Die Adlerträger hatten meist die Spielkontrolle, die Spielvereinigung schaltete aber nach Ballgewinn schnell um. Den Unterschied machte das Verhalten im Sechzehner aus. Die Gäste gingen mit der ersten Chance in Führung, gleichzeitig der Halbzeitstand. Der zweite Durchang machte den Klassenunterschied schon deutlicher, nur wenige Möglichkeiten benötigten die Preußen, um das Ergebnis in ein standesgemäßes zu verwandeln. Der schnelle zweite Treffer stellte die Signale deutlich auf Favoritensieg. Danach plätscherte die Partie im Schummerlicht der Sonnenfinsternis vor sich hin, der dritte Torerfolg in der Schlussphase war nur noch Kosmetik. Insgesamt war es ein unaufgeregtes Spiel ohne große Spannung. Die Preußen-Ultras eröffneten den zweiten Durchgang mit einer netten Pyro-Show. Überhaupt lud die geringe Polizei- und Ordnerpräsenz zum Pyro-Gebrauch ein und diese Einladung wurde auch ausreichend genutzt. Selbst als drei Ultras das Tribünendach bestiegen, um von dort oben zu zünden, regte sich keine ordnende Hand, lediglich der Stadionsprecher ließ erhöhten Puls vermuten. Auch das Schiedsrichterteam ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl dem Linesman auf der Seite der Preußen-Anhänger die Fackeln auf der engen Anlage ja fast das Ohrläppchen ansengten. Dass der Schiedsrichter natürlich dennoch einen Bericht anfertigen und dem SC Preußen eine Rechnung in die Buchhaltung flattern wird, ist wahrscheinlich.