Wettringen – So., 15.05.2022, 15:00

FC Vorwärts Wettringen vs SG Bockum-Hövel 0:4

Sportzentrum Werninghoker Straße, 115 Zuschauer, Landesliga Westfalen Staffel 4
Der Tag danach. Der Wunsch war, einfach irgendwo einen belanglosen Kick zu schauen und sich von den emotionalen Strapazen des Vortages zu erholen. Das gelang leidlich, denn die Eindrücke des Aufstiegstages befanden sich noch mitten im Verarbeitungsprozess. Mit RWE-Kumpel Marcel wurde Wettringen im Münsterland angesteuert, wo der gastgebende FC Vorwärts die SG Bockum-Hövel aus Hamm empfing. Die Gäste haben als Tabellenzweiter gute Chancen eine mögliche Relegation zu erreichen und wurden von einer Gruppe Rentner-Lads unterstützt. Den deutlichen Auswärtssieg verfolgten wir eher mit einem Auge, denn es gab natürlich nur ein Thema.

Essen – Sa., 14.05.2022, 14:00

Rot-Weiss Essen vs Rot-Weiss Ahlen 2:0

Stadion an der Hafenstraße, 16.650 Zuschauer, Regionalliga West
Was für ein Wahnsinns-Tag! Und was haben wir uns diesen Tag Jahr für Jahr herbeigesehnt! 14 Jahre ist es her, dass der glorreiche RWE nach einem skandalträchtigen Spiel die Qualifikation für die eingleisige Dritte Liga verpasste. Und wirklich niemand hätte damals erwartet, dass es bis zum heutigen Tage dauern würde, bis der Deutsche Meister von 1955 wieder mindestens drittklassig spielen würde. Als ich morgens aufstand, verspürte ich keinerlei Nervosität. Eigentlich ungewöhnlich, da mich mein Verein in den letzten Jahren zum Pessimisten umgeschult hat. Aber es war ganz klar – wenn die Truppe mit der Einstellung aus der Vorwoche auf den Platz geht, brauchte man vor nichts und niemandem Angst haben. Mit der Gattin fuhr ich mit dem Bus zu Kumpel Malo. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich es das letzte Mal erlebt habe, dass an jeder, aber wirklich jeder Haltestelle irgendwer im RWE-Trikot zustieg. Mit nem Stauder in der Hand näherten wir uns zu Fuß der Hafenstraße und das erinnerte an alte Zeiten. Schon geil, was da los war. Die berühmte Kreuzung belebt wie lange nicht, das Hafenstübchen total belagert, aus dem Stadion drangen schon eine Stunde vor dem Spiel lautstarke Gesänge. Gänsehaut bei 24 Grad, das machte Bock auf mehr!
Auch im Stadion hielt sich meine Nervosität in Grenzen, die Vorfreude auf das, was erreicht werden konnte, überwog deutlich. Die Bude war natürlich unter aktuellen Bedingungen ausverkauft, das Knistern lag in der Luft, man spürte, dass nur ein Funke nötig war und die Hütte fliegt auseinander. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele Bekannte ich getroffen habe, mit wem ich alles gequatscht habe, es war einfach eine großartige Atmosphäre rund um dieses Spiel. Die Ultra-Fraktion hatte eine aufwändige Choreo über zwei Tribünen auf die Beine gestellt, die auch optimal funktionierte. Sah wohl gut aus, die Bilder zeigten es nachher, ich war halt selbst mit darunter und konnte nur mühsam ein Foto schießen. Von allen Seiten wurde Bier ran geschleppt, wer zum Bierstand aufbrach, fragte gar nicht mehr, sondern brachte mit, so viel er tragen konnte. Der Durst war groß und am Ende vielleicht sogar zu groß.
Die Bedingungen waren klar. Von einem Sieg ausgehend, durfte Preußen Münster sein Spiel maximal zwei Tore höher gewinnen und dann wären die Roten dennoch aufgestiegen. Von Sekunde eins an herrschte dann exzellente Stimmung. Es war laut, es war brachial, es war euphorisch. Die 100 Mann aus Ahlen waren nur eine Randnotiz, wurden nie gehört. Die Roten brauchten zehn Minuten, um ins Spiel zu kommen. Der Beginn war sehr nervös, aber die Kulisse gab dem Team spürbar Sicherheit und dann nahm das rot-weisse Schiff den richtigen Kurs auf. Es ging nur noch in Richtung Gäste-Tor und nach einer knappen halben Stunde war es dann soweit, Harenbrock nickte eine Flanke von Kefkir zur Führung ins Tor. Ausrasten, Ekstase, Ausnahmezustand, die Hafenstraße kochte! Als dann kurz vor dem Seitenwechsel durchsickerte, dass die Preußen zurückliegen, gab dieses zusätzliche Sicherheit. Ich kann zum weiteren Spielverlauf gar nicht mehr viel schreiben, befand mich ein wenig wie in einem Tunnel, natürlich hatte auch das gute Zeug von Jacob Stauder seinen Anteil daran. Tormaschine Engelmann köpfte nach einer Stunde zur 2:0-Führung ein und danach gab es noch mindestens ein halbes Dutzend weitere gute Chancen, während die Gäste nicht einen Hauch von Torgefahr ausstrahlten. Der Schlusspfiff kam für mich irgendwie aus dem Nichts und der RWE hatte das große Ziel erreicht – dass die Preußen ihr Spiel noch in einen Sieg gedreht hatten, fiel nicht mehr ins Gewicht.
Ich fühlte mich völlig überwältigt, wusste gar nicht so richtig wohin mit mir. Der ersehnte, große Moment, auf den man sich ja so sehr gefreut hatte, war irgendwie schwer zu greifen, ich hatte Mühe, mich zu fokussieren. Prinzipiell begreife ich die RWE-Spiele ja recht sachlich und hatte nicht erwartet, dass mich dieser ganze geile Scheiß noch einmal so emotional verschlingen würde. So kann man sich in sich selbst täuschen. Eigentlich wurde erst in diesem Moment bewusst, welche Bedeutung dieser Aufstieg, für den Verein, für die Stadt und seine Menschen hat! So nebensächlich Fußball ja auch ist, so wichtig ist er doch! Den Platzsturm sparten wir uns – man wird ja nicht jünger – und schauten uns die Geschichte und die Übergabe des Meisterpokals durch den Verbands-Fuzzi etwas benommen von der Tribüne aus an. Zwischendurch zog ich mich mal allein in die oberste Sitzreihe zurück und versuchte zu begreifen, was hier gerade passiert war und weiter passiert. Das hat mich an das DFB-Pokalfinale in Berlin 1994 erinnert, das übrigens auf den Tag genau 28 Jahre zurücklag, denn nach diesem ja leider verlorenen Spiel brauchte ich auch erst einmal ein paar Minuten für mich allein. Irgendwann – das Zeitgefühl war längst verloren gegangen – machten wir uns in aller Ruhe auf den Heimweg.
Ich war nicht mehr in der Lage, den Fan-Marsch in der Innenstadt oder irgendwelche Feierlichkeiten wo auch immer mitzumachen. Ich war fix und alle vom Erlebten und bekam auch zu Hause die Gedanken nur mühsam sortiert. Irgendwie ging dieser Nachmittag viel zu schnell vorbei, ich hatte richtig Mühe, alles aufzusaugen. Diese paar Stunden, die man sich seit Jahren sehnlichst gewünscht hatte, hätten eigentlich Tage dauern müssen, um dem Erlebnis gerecht zu werden. Ich kam daheim nicht mal mehr auf die Idee, mir noch ein Bier aufzuknipsen. Was für eine Saison! Kein Böllerwurf mit Punktverlust am Grünen Tisch, keine Störfeuer aus Münster, keine Unruhen um entmachtete Mannschaftskapitäne, kein Trainerwechsel kurz vor Saisonende und auch nicht die schon fast traditionelle Schwächephase im März konnten den RWE letztlich vom Weg abbringen. Nun also nicht mehr Homberg, nicht mehr Wegberg oder Rödinghausen, sondern Mannheim, Halle und München. Tschüss Schweineliga, hoffentlich auf Nimmerwiedersehen! Die Zeiten, sich von irgendwelchen Dorf-Deppen provozieren lassen zu müssen, sind hoffentlich für immer vorbei. Ich habe gar keine großen Erwartungen, sehne mich nicht nach Zweiter Liga oder gar Bundesliga. Mein Wunsch war es immer, meinem Verein einfach wieder Deutschlandweit hinterher fahren zu können, statt jedes Jahr dieselben kurzen Wege bemühen zu müssen. RWE ist wieder auf der großen Fußball-Landkarte zu finden und der Fußballgott möge gnädig sein, dass sich das nie mehr ändert. Nur der RWE!!!

Borken-Burlo – Mi., 11.05.2022, 19:30

RC Borken-Hoxfeld vs DJK VfL Billerbeck 2:0

Vennestadion, 100 Zuschauer, Bezirksliga Westfalen Gruppe 11
Wenn das Wetter milder wird, kommt die Zeit, nach Feierabend noch irgendeinen unterklassigen Kick mitzunehmen. Es lockte Abstiegskampf pur an der holländischen Grenze und das nur 15 Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt – da ging ja kaum ein Weg dran vorbei. Im lauschigen Vennestadion im Borkener Ortsteil Burlo traf der RC Hoxfeld auf den VfL Billerbeck. Eigentlich kein Heimspiel für Hoxfeld, aber da der RC und der SV Burlo in der kommenden Saison zum RSV Borken fusionieren eben irgendwie doch. RC steht natürlich nicht für Racing Club, sondern dient als etwas abenteuerliches Kürzel für Rasensportclub. Schlecht war die Partie nicht anzusehen, da hatte ich schlimmeres Niveau befürchtet. Die Gastgeber schossen einen letztlich verdienten 2:0-Sieg heraus und während diese damit in einer engen Tabelle schon beinahe ins gesicherte Mittelfeld vorstoßen, wurden die Sorgenfalten auf den Billerbecker Stirnen deutlich tiefer.

Wuppertal – So., 08.05.2022, 15:30

SV Bayer Wuppertal vs DJK Adler-Union Frintrop 1:5

Bayer-Sportpark, 130 Zuschauer, Bezirksliga Niederrhein Gruppe 3
Die Adler vom Frintroper Wasserturm spielen eine absolute Bilderbuch-Saison. Bis auf ein gespieltes Remis wurden bisher sämtliche Partien gewonnen und 74 Tore dabei erzielt, was einem Schnitt von knapp unter vier entspricht, bei nur zehn Gegentreffern. Heute, acht Spiele vor Saisonende, konnten Meisterschaft und der damit verbundene Aufstieg so gut wie dingfest gemacht werden. Zwei Busse mit etwas mehr als 100 Fans waren der Mannschaft ins Tal der Verdammnis gefolgt. Damit wurde es schon recht eng auf der Anlage, denn es ist nur eine Längsseite für Zuschauer freigegeben und diese nicht einmal auf ganzer Länge. Da musste ich natürlich auch dabei sein, schließlich habe ich 14 Jahre für diesen Club meine schwarzen(!) Adidas ‚Kaiser 5‘ geschnürt. Die Adler-Tifosi hingen zwar ein großes Banner auf, konzentrierten sich sonst aber auf das Vernichten der Bier- und Wurstvorräte. Die Partie war zunächst ausgeglichen und die Pillendreher konnten durch ihren quirligen, technisch starken Außenstürmer sogar in Führung gehen, kurz darauf fiel aber bereits der Ausgleich durch einen Foulelfmeter und auch der Führungstreffer für den Favoriten schlug noch vor dem Seitenwechsel im Netz ein.
In Hälfte zwei wurde es dann noch deutlich und nach Spielschluss nahm sich der Tabellenführer die Freiheit den Aufstieg zu feiern. Zwar kann die Reserve der SSVg Velbert noch auf die gleiche Punktzahl kommen, aber dafür müsste diese ihre verbleibenden sechs Spiele alle gewinnen und Adler die eigenen sieben – die Tabelle ist aufgrund ungerader Zahl teilnehmender Mannschaften etwas krumm – alle vergeigen, was an sich schon ausgeschlossen scheint. Sollte dieser unmögliche Fall dennoch eintreten, zählt der direkte Vergleich und da das Spiel der Hinrunde mit 8:0 für Adler endete, stünden die Velberter vor der nächsten unerreichbaren Herausforderung, dieses Verhältnis zu kippen. Feiern also erlaubt, aber da der Titel eben nur noch eine Frage der Zeit war, fiel der Siegestaumel etwas gebremst aus. Für eine Sektdusche der Mannschaft und eine kleine Fackel-Show der mitgereisten Anhänger reichte es dennoch.

Lotte – Sa., 07.05.2022, 14:00

SV Rödinghausen vs Rot-Weiss Essen 0:3

Stadion am Lotter Kreuz, 2.532 Zuschauer, Regionalliga West
90 Minuten echte Gefühle, pure Leidenschaft und Emotionen! Keine schlüpfrige Werbung, sondern Realität am Lotter Kreuz. Aber der Reihe nach. Nachdem es in den letzten Wochen unruhig geworden war in und um den Verein, Punktevorsprung leichtfertig verspielt, Torwartwechsel mit nachfolgender Suspendierung von Schnapper ‚Diva‘ Davari und der nach Panik schreienden unerwarteten Freistellung von Coach Neidhart, Weltuntergangs-Furcht und Verschwörungstheorien innerhalb der Fanszene, geschah am Tag vor dem Spiel gegen den SVR doch noch das Unerwartete, denn die Münsteraner Preußen kamen in Wiedenbrück nicht über ein torloses Remis hinaus. Der Fußballgott reichte uns nochmal den kleinen Finger. Eine Steilvorlage um die Ausgangslage plötzlich um 180 Grad zu drehen. Nun gab es keine Ausreden mehr! Zwei Mal 90 Minuten Vollgas auf dem Platz und auf den Rängen waren und sind unabdingbar! Alles geben!!!
So setzte sich am Samstag-Vormittag die rot-weisse Karawane in Richtung Lotte in Bewegung. Lotte? Ja genau, nach nur 14 Tagen erneut das Ziel, denn der SVR machte sich Sorgen, die Invasion aus dem Ruhrpott in seinem kleinen Stadion beherrschen zu können und wich aus ans Autobahnkreuz. Für den RWE sicher eher ein Vorteil. Ich bin ja der pessimistische Typ, aber ich verspürte ein unerwartet sicheres Gefühl, hatte nie den Eindruck, dass die sich bietende Chance nicht ergriffen wird. Dabei hatte der RWE an diesem Spieltag im Vergleich zu den Preußen eigentlich den schwereren Gegner. Auf jedem Rastplatz entlang der Route waren dann Rot-Weisse zu sehen, ständig überholte man Essener Fahrzeuge oder wurde selbst überholt. Auch der Mannschaftsbus war mittendrin im Geschehen. Das roch gewaltig nach Fußball, das schmeckt nach mehr, da beschlich einen ja beinahe das Gefühl einer richtigen Auswärtsfahrt, selten der Fall in den letzten Jahren, denn bei den ganzen kurzen Anfahrten in dieser Drecks-Liga wird ja der Motor nicht mal richtig warm.
Dem RWE waren die beiden Hintertor-Seiten zugesprochen worden, die dann auch pickepackevoll wurden – deutlich über 2.000 Rote hatten sich herbemüht. Während auf der Stehtribüne ein motivierendes Banner am Zaun hing und die Kurve in Fahnenmeer verwandelt wurde, wurde auf der Sitztribüne eine kleine Choreo ausgeführt. Die sieben oder acht Piepmätze, die den SVR supporteten, fanden auf der Haupttribüne Platz und durften den Deutschen Meister von 1955 von dort ehrfürchtig bestaunen. Rödinghausen gehörten dann die ersten fünf Minuten, aber eigentlich auch nicht so wirklich, lediglich mehr Ballbesitz konnte den verhinderten Gastgebern attestiert werden. Dann war der RWE aber voll drin im Spiel, beide Kurven gaben alles. Dass das Sprechen den Rest Tages schwerfallen sollte, war frühzeitig abzusehen. Und es lief. Nach nicht mal einer Viertelstunde drückte Kefkir eine Ecke ins Tor – Tollhaus Lotte, man wusste ja kaum wen man zuerst an sich reißen sollte, habe Kumpel Krösus zum Glück keinen Halswirbel ausgerenkt. Die Roten blieben dran, hochkonzentriert in der Defensive, druckvoll nach vorne. Und keine halbe Stunde war gespielt, als Torgarant ‚Engel‘ in Bedrängnis eine Flanke ins lange Eck köpfte. Normal nicht seine Stärke, wenn sowas schon reingeht, konnte eigentlich nicht mehr viel passieren. Auch nach dem Wechsel war RWE die überlegene Mannschaft. Und vielleicht ist nur Dribbel-Buxe Isi Young so wahnsinnig genug, aus unmöglichem Winkel die Kirsche unter die Latte ins Netz zu ballern. 3:0, Deckel drauf, feddich, das war es. Offensiv waren die Roten nun etwas weniger zwingend, ließen aber hinten auch nicht viel zu, wenn doch, war Schnapper Golz ein sicherer Rückhalt.
Nach dem Abpfiff entlud sich sämtliche Anspannung, die Mannschaft wurde für die Leistung zurecht von beiden Kurven gefeiert, die Ausgangssituation ist vor dem letzten Spieltag nicht komfortabel aber auf jeden Fall gut. Wer hätte das vor drei Tagen schon gedacht? Ich kann mir nicht anmaßen, zu behaupten, ob das mit Neidhart anders gewesen wäre. Tatsache ist, dass das Team zuletzt selten so befreit wirkte, wie heute. Es war zuletzt alles nicht zwingend, eher emotionslos, man hatte nicht das Gefühl, dass alles rausgehauen wurde, was eben heute absolut der Fall war. Nun wünsche ich mir, in einer Woche einen euphorisierten Post absetzen zu dürfen, noch fehlt mir ein wenig die Überzeugung, aber der Glaube ist auf jeden Fall zurück. Nur der RWE!!!

Lódz – Di., 03.05.2022, 18:00

Lódzki KS vs RTS Widzew Lódz 0:1

Stadion Miejski w Lódzi, 15.998 Zuschauer, I liga
Ich war ja nun schon mehr als ein Dutzend Male in Polen, aber warum auch immer hatte es mich noch nicht nach Lodz verschlagen, obwohl es nach Warszawa und Krakow die drittgrößte Stadt des Landes ist. Da der Spielplan die beiden großen Traditionsvereine der Stadt nun zusammenführte und außerdem das neue Stadion von LKS endlich fertiggestellt ist, war der Zeitpunkt für einen Besuch endgültig mal gekommen. Übrigens ziemlich bescheuert, so lange damit gewartet zu haben, denn so bleiben mir die beiden wunderbaren Oldschool-Buden dieser Vereine, die mittlerweile Neubauten gewichen sind, auf ewig verwehrt. Die jüngere Geschichte dieser beiden Vereine glich nach der Jahrtausendwende einem Schlingerkurs. Beeinträchtigt durch sportlichen Niedergang, finanzielle Probleme und sogar Spielmanipulation, ging es durch alle möglichen Ligen mal rauf und mal runter. Seit ein paar Jahren herrscht nun Kontinuität und die Clubs sollen wieder behutsam und nachhaltig an erfolgreiche Zeiten herangeführt werden. Aktuell bewegen sich LKW und Widzew auf zweitklassigem Niveau, Widzew ist in dieser Spielzeit aber auf bestem Wege, die Rückkehr in die Extraklasa zu bewerkstelligen.
Als wir mit dem Zug aus Warszawa in Lodz einfuhren, passierten wir das Widzew-Stadion, wo sich der Mob schon sammelte, um die Strecke quer durch die Stadt zu Fuß zurückzulegen. Feuer ist in dieser Paarung immer genug drin, auch im wahrsten Sinne des Wortes. 900 Karten durften an die Gäste vergeben werden, welche das Kontingent auch komplett ausnutzten, natürlich – wie es in Polen so üblich ist – unterstützt von befreundeten Szenen, wie Wisla, Ruch und Elana Torun. Zu Spielbeginn sah der Block aber noch etwas gerupft aus, war maximal halb voll und die in rote Hoodies gekleideten Gäste blieben erst einmal stumm und dekorierten in aller Ruhe ihren Block mit den Gruppen-Bannern. Bis das dann tief in der ersten Hälfte erledigt war, waren auch endlich alle drin, zunächst wurde wohl der Zutritt durch die Ochrona erschwert. Bis dahin hatte die Heimseite schon ordentlich losgelegt, ebenfalls unterstützt von befreundeten Gruppen. Unübersehbar war hier Zawisza Bydgoszcz, die mit bestimmt 150 schwarz gekleideten Leuten angereist waren, aber unerklärlicher Weise im Eckblock neben der Kurve Stellung bezogen, was etwas befremdlich wirkte. Weitere Unterstützung war durch den alten Pakt mit Lech und Cracovia gesichert.
Die Gastgeber hatte mit einer großen Blockfahne eröffnet, die einen Ultra mit einem LKS-Doppelhalter zeigte. Eben diese Doppelhalter waren danach zu hunderten rechts und links davon im Block zu sehen. Am Zaun prangte ein Banner mit dem einfachen aber aussagekräftigen Hinweis, dass es nur einen Club in der Stadt gibt. Obligatorisch, dass dazu Fackeln gezündet wurden, die aber im noch zu hellen Tageslicht nicht so prall rüber kamen. Rüber kamen dann aber ein paar Dutzend zwielichtige LKS-Hools und zwar auf der Gegenseite an den Gästesektor. Nach einigem grimmigen Gepose wurde der Widzew-Anhang dann aus dem Nichts mit Silvester-Raketen beschossen. Kranker Mist. Das hat mit Hooliganismus dann auch nichts mehr zu tun, sondern ist vorsätzliche Körperverletzung und wenn es ganz dumm läuft auch noch mit Todesfolge. Für die Widzewiany war das ein Deja Vu, denn selbiges hatten sie vor wenigen Wochen schon bei GKS Katowice erlebt. Ein neuer Trend? Hoffentlich nicht, denn das ist eine Nummer zu groß! Obwohl Ochrona und Policija in Polen ja mittlerweile gut ausgerüstet und geschult für solche unberechenbaren Aktionen sind, passierte aber annähernd nichts. Die Staatsmacht wirkte überfordert.
Mit Beginn von Hälfte zwei gab es auf LKS-Seite eine weitere Blockfahne, auf der ein paar erlegte Widzew-Kibole zu sehen waren. Das zugehörige Spruchband lautete „Die Ungläubigen erwarten ihr Schicksal“. Oberhalb der Blockfahne stiegen ein paar dünne Rauchfahnen auf. Nach dem die Blockfahne runtergezogen wurde, brannte die Kurve natürlich lichterloh und raketenähnliche Geschosse wurden gezündet. Sah sehr geil aus und dazu wurde mit hunderten kleinen Schwenkern gewedelt. Beinahe zeitgleich startete dann auch der Gästeblock seine Aktion. Aus mehreren Stoffbahnen wurde die Titelseite einer Zeitung nachgebildet, auf welcher die Schlagzeile „Neues Bordell, alte Huren“ prangte. Die Botschaft dahinter war natürlich klar. Da die Justierung der einzelnen Bahnen aber gar nicht so einfach war, brauchte es einen zweiten Versuch, was dem Widzew-Anhang erst einmal eine Ladung Häme einbrachte. Dann stieg eine stattliche schwarze Rauchwolke unter das Stadiondach und zu guter Letzt wurden rechts und links massiv Fackeln entzündet. Guten Aktion insgesamt.
Da geriet das Spiel dann natürlich zur Nebensache, welches zwar nicht hochklassig aber äußerst spannend war. LKS ließ ein paar sehr gute Einschussmöglichkeiten aus und Widzew blieb immer gefährlich. Solche emotionsgeladenen Derbys gehen dann ja gerne mal torlos aus, siehe Krakow vor zwei Tagen, aber Widzew setzte zehn Minuten vor dem Ende den entscheidenden Treffer und holte sich damit Platz zwei, der zum direkten Aufstieg berechtigt, zurück. Der Away-Sektor war natürlich in totaler Ekstase. Somit setzte es für LKS im lange ersehnten, endlich fertig gestellten neuen Stadion die zweite Niederlage im zweiten Spiel und während Widzew gemeinsam feierte, bat die LKS-Kurve ihr Team zum ersten Krisengipfel im neuen Zuhause.

Warszawa – Mo., 02.05.2022, 16:00

KKS Lech Poznan vs RKS Raków Czestochowa 1:3

Stadion Narodowy im. Kazimierza Górskiego, 35.694 Zuschauer, Puchar Polski Finale
Das Nationalstadion Polens, in dem jedes Jahr am 02.05. das Finale des polnischen Pokals ausgetragen wird, liegt gut sichtbar am östlichen Ufer der Weichsel. Es erinnert ein wenig an die Arena in Frankfurt, auch weil es mit einer verschließbaren Zeltdach-Konstruktion ausgestattet ist. Tja, was dann geschah, hatten wir uns anders vorgestellt. Zwar war das Traum-Finale in der Vorschlussrunde geplatzt, da Legia gegen Rakow ausgeschieden war, aber das Finale des Puchar Polski ist ja dennoch eine Reise wert. Ein paar Tage vorher sickerte dann durch, dass die Warschauer Stadtführung die Präsentation von größeren Fahnen und Bannern untersagt hatte. Das war gleichbedeutend mit dem Aus für die Choreos beider Szenen. Zwar wurden noch Stellungnahmen von beiden Seiten veröffentlicht, verbunden mit der Bitte das Verbot zurückzunehmen, doch die Stadtspitze blieb hart. Auch eine Intervention des Fußballverbandes brachte keinen Erfolg. Ob das auch so gelaufen wäre, wenn Legia das Finale erreicht hätte…???
Die Hoffnung stirb bekanntlich zuletzt, daher glimmte der Funke, dass die Szenen dennoch erschienen und entsprechende Trotz-Aktionen zeigten, doch beim Betreten des Stadions erblickten wir eine annährend vollkommen leere Lech-Kurve. Die Kolejorz-Szene wählte den Weg des Boykotts und stand komplett draußen vor den Toren des Stadions. Natürlich ein ernüchternder Anblick, aber ja eigentlich auch die einzig richtige Reaktion. Der Rakow-Anhang enterte spät seine Kurve, blieb dann aber stumm und ohne optische Aktionen. Viel mehr kann ich erst mal nicht berichten, denn das Interesse am Spiel ging mir völlige verloren. Bis tief in die zweite Halbzeit hielt ich mich im Umlauf des Stadions auf, quatschte mit Bekannten, die ebenfalls vor Ort waren und schaute mir aus der Ferne den schweigenden Lech-Mob an. Die Schluss-Viertelstunde sah ich mir dann, allerdings ohne rechtes Interesse. Der Rakow-Capo erklomm dann das Podest und die Blau-Roten supporteten in der letzten Viertelstunde ihr Team mit eher angezogener Handbremse. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man.

Kraków – So., 01.05.2022, 17:30

KS Cracovia vs Wisla Kraków 0:0

Stadion Cracovii im. Józefa Pilsudskiego, 14.191 Zuschauer, Ekstraklasa
Cracovia hatte ich schon mal gegen Legia gesehen und das war damals einigermaßen enttäuschend. Die Heim-Kurve zeigte sich grottenschlecht und Legia, normal ja eine Garantie für einen guten Job, spulte eher ein Sparprogramm ab. Sportlich hat sich Cracovia, in der Zeit vor und nach dem zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich, in der jüngeren Geschichte aber eher Kategorie Abstiegskandidat und Fahrstuhlmannschaft, in den letzten Jahren stabilisiert und erreichte ordentliche Platzierungen. Dazu konnte in der letzten Saison erstmalig der Pokal gewonnen werden. Man hat grundsätzlich den Eindruck, dass Cracovia der kleinere der beiden Krakower Clubs ist. Auf den Rängen mag sich das bestätigen, aber außerhalb des Stadions hat der Verein reichlich Anhänger und innerhalb der Stadt hatte man auf den Nebenkriegs-Schauplätzen lange Zeit die Oberhand. Ein wenig an Argentinien erinnernd geht es in den Kurven aber nicht nur um den Support, sondern auch um Verstrickungen in die Kriminalität. Bei Kämpfen abseits der Spiele wurden schon oft, Hieb- und Stichwaffen eingesetzt, was mit Hooliganismus natürlich nichts mehr zu tun hat.
‚Der Heilige Krieg‘ wird dieses Spiel genannt, wovon dann aber nicht viel zu spüren war. Es war natürlich ein Stadt-Duell aber es hob sich nicht grundlegend von anderen heißen Spielen in Polen ab. Wisla steckt auch tief im Abstiegskampf und benötigte dringend Punkte. In einer ausgeglichenen Partie hätte es hüben wie drüben einen späten Helden geben können, aber auf beiden Seiten wurde je eine hervorragende Möglichkeit in der Nachspielzeit ausgelassen. So fehlte eben das Salz in der Suppe, ein torloses Remis ist selten geeignet Emotionen anzuheizen. Auf beiden Seiten gab es Pyro-Aktionen zu sehen. Cracovia brachte deren zwei in Verbindung mit einer Choreo, je eine in beiden Hälften. Die etwa 500 Wisla-Leute ließen es nur einmal leuchten. Das noch sehr neue und moderne Stadion gefällt mir gut. Es hat für den Verein genau die richtige Größe und sein eigenes Gesicht.