Sonntag, 19.01.2020, 12:15

niederlande

VV Venlo vs PSV Eindhoven 1:1

Stadion De Koel, 7.059 Zuschauer, Eredivisie

200119vvv-psv

Aufgrund der Nähe zu meinem Heimatort ist in den Niederlanden ja nicht mehr viel zu holen. Erst recht nicht in den oberen Spielklassen und in der Eredivisie gar nix mehr. Die Spielbesuche dort sind aber mittlerweile auch so lange her, dass es legitim erscheint, den einen oder anderen Ground mal aufzufrischen, zumal seit einiger Zeit zu beobachten ist, dass es in den niederländischen Fanszenen mehr Leben gibt und immer öfter Bilder von ansprechenden Choreografien und Pyro-Aktionen einiger Gruppen über die Grenze schwappen. Die Szenen des VVV und des PSV gehören da zwar nicht wirklich zu, aber aufgrund eigener kurzer Anfahrt und der räumlichen Nähe beider Vereine, hielt ich den Besuch dieser Partie für eine gute Idee. Am Stadion wurde in den deutlich über zehn Jahren nach meinem Besuch rein gar nichts verändert. Kann aber bald passieren – es ist wohl der Neubau der Hintertor-Tribüne für die VVV-Fans geplant, wie ein Plakat vor dem Stadion verkündet. Das Stadion De Koel – die Kuhle – wirkt mit der abstrakt angelegten Haupt- und der westlichen Hintertor-Seite also so speziell wie zuvor. Eigentlich ein ziemlicher Schrott-Ground, aber eben auf individuelle Weise. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Gäste-Sektor, der sich das Prädikat ‚besonders beschissen‘ mehr als verdient. Toll war es da oben im Eck wohl nie, aber mit der Plexiglas-Wand davor ist dem ganzen nun die Klobrille aufgesetzt worden. Vor allem die Sicht aus dem Block ist absolut indiskutabel, wie ein aus dem Block gepostetes Foto auf einem sozialen Netzwerk zeigte. Da die Glaswand den engen Sektor fast bis oben abschließt, drang auch der Support des PSV-Anhang kaum nach draußen. Gift für die Atmosphäre, was die da gebaut haben, eine echte Frechheit. So brachte auch der mit 550 PSV-Fans ausverkaufte Away-Sektor nicht den erhofften Support. Außer einem dumpfen Getrommel, dass mich an Dschungel-Filme erinnerte, kam nicht viel an. Die aktive VVV-Seite hat leider rein gar nichts drauf, das war mehr als schwach und so war es dann doch das übliche Holland-Feeling. Aber wenn sich die Entwicklung fortsetzt, werden die Veränderungen irgendwann in jede Fan-Szene Einzug halten, alles eine Frage der Zeit. Falls der Verband nicht dazwischen grätscht, denn auf die zunehmende Anzahl an Pyro-Shows wird jedenfalls schon kritisch geschaut. Ich war erstaunt, wie viel Deutsche im Publikum waren. Und damit sind nicht die Angehörigen der Hopping-Szene gemeint, von denen aber auch genügend identifiziert werden konnten, sondern tatsächlich Leute mit VVV-Fanartikeln, die am Verein interessiert sind. Auch unter Berücksichtigung der Grenznähe – die Kuhle liegt gerade mal ein paar hundert Meter von der Landesgrenze entfernt – schwer nachvollziehbar. Denn da bietet der Niederrhein oder das nahe Ruhrgebiet doch attraktivere Alternativen, um Fußball zu schauen. Beide Teams begannen mit drei Deutschen in der Anfangsformation, bei den Gastgebern befinden sich drei weitere im Kader. Der PSV war in der ersten Hälfte klar spielbestimmend und die Führung schien nur eine Frage der Zeit, aber beste Gelegenheiten wurden ausgelassen. Der VVV hatte nicht viel dagegen zu setzen, wurde aber mutiger und bekam im zweiten Durchgang einen Elfmeter zugesprochen, der für die Führung genügte. Der Philips‘ Sport Vereniging – immer noch Werksverein des Philips-Konzerns – fiel nicht mehr allzu viel ein, aber als alle mit dem Außenseiter-Sieg abgeschlossen hatten, kam der PSV mit der letzten Aktion in der Nachspielzeit zum Ausgleich.

Samstag, 18.01.2020, 15:30

deutschland

Düsseldorfer TSV Fortuna 1895 vs SV Werder Bremen 0:1

Arena Düsseldorf, 46.000 Zuschauer, Bundesliga

200118f95-svw

Es wurde mal wieder Zeit, die Jugendliebe SV Werder zu unterstützen. War ja bitter nötig, da der Verein mal wieder mit dem Rücken zu Wand steht. Deshalb nahm ich auch extra meine Mama mit, die ich ja seinerzeit auch mit der Werder-Leidenschaft angesteckt habe und die in der jüngeren Vergangenheit als Talisman exzellente Arbeit leistete und eine stattliche persönliche Sieges-Serie vorzuweisen hat. Auch heute hat das ja wieder hervorragend funktioniert. Wäre sie Allesfahrerin stünde dem fünften Meistertitel wohl nichts im Wege. Der im Gedächtnis abrufbare stadionnahe, kostenlose Parkplatz konnte immer noch genutzt werden. Einige Jahre her, dass ich in dieser schmucklosen Arena zu Gast war. Und ich hatte beinahe verdrängt, wie gesichtslos sich dieser funktionale Mehrzweck-Bau offenbart. Mehr Nicht-Identifikation mit der Fortuna ist ja kaum noch möglich. Man findet kaum ein Indiz, das auf den Hauptnutzer hinweist, das ist nach wie vor schwach. Aber nicht mein Problem und auch nicht das des SVW, der sich hier mit ganz anderen Sorgen auseinander zu setzen hatte. Werder hatte stark fünf, sechs Anfangsminuten, dann waren aber auch die Gastgeber im Spiel und erarbeiteten sich ein kleines Übergewicht und ein paar mehr oder weniger gute Möglichkeiten. Auch die Grün-Weißen hatten ein paar Situationen vor dem Tor unter anderem ein ganzes dickes Ding in einer 1:1-Situation, das ungenutzt blieb. Torlos ging es in die Pause und das wurde dem Spiel auch gerecht, denn wirklich Bundesliga-würdig war das von beiden Seiten nicht. Das änderte sich nach dem Wechsel, denn plötzlich waren die Gäste von der Weser wach und drückten auf den Führungstreffer, der aber ausblieb. Als diese Druckphase zu Ende ging gelang dann doch die viel umjubelte Führung, wobei der Fortuna-Schnapper als Bande herhalten musste. Nun hatte ich eine richtig wütende Fortuna erwartet. Die war es vielleicht auch, aber sie fand kein wirkliches Mittel, um die Partie umzubiegen. Hektisch wurde es noch in der Nachspielzeit, die mit einer Gehirnerschütterung des Neu-Bremers Vogt und der Ampelkarte für Torschütze Moisander für die Bremer wenig Erfreuliches mit sich brachte. Unter dem Strich ein wahnsinnig wichtiger Dreier gegen einen Tabellen-Nachbarn und vor dem Hintergrund, dass andere Konkurrenten punkten konnten. Die Fortuna-Kurve fand ich regelrecht enttäuschend. Ich kann mich von früher noch an brachiale Schlachtrufe erinnern und auch wenn ich den Verein nicht sonderlich mag, hatte die Kurve doch meinen Respekt. Die heutige Performance war aber wirklich mager – auch wenn ich aufgrund der Nähe zum Away-Sektor natürlich zwangsläufig hauptsächlich den Bremer Anhang wahrnahm – und auch der Umfang der aktiven Masse kam mir klein vor. Dass motivierende Spruchband zum Intro enthielt dazu nach meinem Erachten noch einen grammatikalischen Fehler – ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass die Rechtschreibreform da Spielraum lässt. Schien aber keinem groß aufzufallen, sonst wäre Ultra-Deutschland wohl darüber hergefallen. Auch den Werder-Anhang hatte ich schon stärker erlebt, auch zahlenmäßig, denn gerade im Westen ist der SVW ja immer well-supported. Zwar waren die benachbarten Bereiche zum Gästeblock gut in Grün und Weiß durchtränkt, aber dennoch blieb das hinter anderen Spielen zurück. Wie auch der Support, der nicht wirklich schlecht war, aber das Potential wurde halt nicht voll abgerufen. Zu große Anspannung? Wer weiß es schon und ist am Ende auch nachrangig. Meine Mutter behielt ihre weiße Weste der letzten Jahre, da hat der SVW derzeit einen echten Joker in der Hinterhand.

Samstag, 11.01.2020, 15:00

deutschland

Rot-Weiss Essen vs FC Groningen

Stadion Essen, 800 Zuschauer, Testspiel

200111rwe-fcg

Weil der Terminkalender mal wieder viel zu voll war, traf ich erst einige Minuten nach Anstoß ein und es ließ sich erahnen, dass sich nur ein paar hundert Unentwegte her bequemt hatten. Daher erwog ich ernsthaft, den Rückzug anzutreten, enterte dann aber doch das zweite Wohnzimmer. Testspiele gegen holländische Vereine wurden in der Vergangenheit meist genauso schnell wieder abgesagt, wie sie angesetzt wurden. Umso erstaunlicher, dass diese Partie nun tatsächlich durchgeführt wurde. Dass keine Kulisse wie bei den Liga-Spielen erwartet werden durfte, war klar, aber Spiele gegen internationale Gegner sind selten und daher hatte ich mit mehr Interessierten gerechnet. So wie ich auch mit mehr Gäste-Anhängern gerechnet habe, als den letztlich 29 Personen im Away-Sektor. Es wurde gemunkelt, dass sich auch eine Fraktion Erlebnisorientierter auf den Weg machen wollte – was natürlich der Grund ist, warum es selten zu Vergleichen mit niederländischen Clubs kommt – was wiederum entsprechendes Klientel auf rot-weisser Seite anzog, das in Bergeborbeck herum schlich. Letztere fanden aber keinen Gegner und verschwanden daher auch schnell wieder aus dem Stadion-Umfeld. Als ich das Stadion zur zehnten Spielminute betrat, leuchtete mir bereits ein 0:2 von der Anzeigetafel entgegen. Waren wohl zu Beginn nicht ganz wach, die Roten. Aber sie kamen besser ins Spiel und zum Ausgleich, gleichzeitig der Pausen-Stand. Was dann in Hälfte zwei geschah, vergisst man besser schnell wieder. Nicht eine Torchance wurde herausgespielt und in der Defensive wurde mit Gastgeschenken nicht gegeizt. Die Groninger agierten überlegen und gewannen verdient, aber sicher um zwei Tore zu hoch, was die Folge der Nachlässigkeiten in der rot-weissen Hintermannschaft war. Testspiele geben ja nur selten einen realistischen Messwert für die Pflichtspiele wieder, aber an der Defensive muss weiter gearbeitet werden.

Sonntag, 05.01.2020, 14:30

belgien

Zutendaal VV vs K. Hoeselt VV 4:4

Sportcomplex Kerkeberg, 120 Zuschauer, 2e Provinciale Limburg B

200105zutendaal-hoeselt

Und weil es so schön(?) war, gleich noch einmal Belgien. Und um die Widerstandsfähigkeit einem Härtetest zu unterziehen, ging es gleich mal eine Klasse tiefer. Tweede Provinciale heißt das dann und fällt schon untere schwere Kost. Da wir zu viert waren – Sascha, Björn und Pascal – wurde diese Last zumindest auf vier Schultern verteilt. Der Zutendaal VV erfreut sich einer neu gestalteten Anlage mit einem recht ansehnlichem Sozialtrakt. Nicht ganz so ansehnlich war dann das Ball-Gerülpse auf dem Platz. Nicht ganz verwunderlich, denn die Gastgeber zierten den letzten Tabellenplatz. So war der Gast aus Hoeselt auch spielbestimmend und ging beinahe zwangsläufig in Führung. Die spielerischen Mittel der Zutendaaler waren begrenzt, aber was stimmte waren Kampf und Einsatz und daher konnte Hoeselt nie entscheidend davon ziehen. Als eine Viertelstunde vor Schluss der Anschlusstreffer zum 3:4 fiel gerieten die Gäste schwer ins Trudeln und kassierten kurz vor dem Ende durch einen sehenswerten Volley-Treffer noch den Ausgleich. Mit diesem Punktgewinn verließen die Gastgeber dann auch das Tabellenende. Acht Treffer machten den Kick zumindest zu einer unterhaltsamen Angelegenheit. Der unverzichtbare Frituur-Besuch rundete diesen Ausflug ab.

Samstag, 04.01.2020, 20:00

belgien

KFC Lille vs KFC De Kempen 4:1

Sportcentrum Balsakker, 650 Zuschauer, 1e Provinciale Antwerp

200104lille-kempen

Eigentlich sollte der Start ins neue Fußballjahr anders aussehen, doch die Flugpreis-Götter für das ersehnte Ziel waren nicht günstig gestimmt. Und so begann ich das Fußballjahr, wie ich schon viele Fußballjahre begonnen habe – mit einem unterklassigen Spiel in Belgien. Bin mir gar nicht sicher, ob ich den relativen Aufwand auch betreiben würde, wenn es die Frituur-Kultur nicht gäbe. In Lille, aus Eindhoven in Richtung Antwerpen strebend, nicht weit hinter der Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien, fand das Topspiel der höchsten Spielklasse der Provinz Antwerpen zwischen dem Tabellenführer und seinem Verfolger statt. Der KFC de Kempen aus dem benachbarten Tielen war zu Besuch und etwa 600 bis 700 Zuschauer, davon gut die Hälfte Anhänger der Gäste, wollten sich das Spektakel ansehen. Die recht gut anzuschauende Partie wurde lange Zeit auf Augenhöhe geführt und die Gastgeber gingen mit einem knappen 1:0-Vorsprung in die Pause. Nach dem Seitenwechsel zeigte sich der KFC Lille wacher, de Kempen kam nicht direkt ins Spiel zurück, und die Gastgeber nutzten das eiskalt im Stile einer Spitzen-Mannschaft zu drei weiteren Treffern. Das nun zu befürchtende Debakel wendete das Gäste-Team ab, mehr als Ergebniskosmetik war aber nicht mehr drin.

Samstag, 28.12.2019, 14:00

tunesien

Stade Tunisien vs Club Sportif de Hammam-Lif 2:0

Stade Hedi Ennaifer, 1.000 Zuschauer, Ligue 1

191228st-hamam

Das Frühstücks-Buffet war für arabische Verhältnisse beinahe sensationell, Abzüge gab es dennoch, weil die typischen Fladenbrote fehlten, die ich in orientalischen Gefilden als unentbehrlich erachte. Dann latschten wir mal irgendwann los durch die Medina, die sich in ihren verwinkelten Gassen und dem Gewusel von keiner anderen unterscheidet. Auf der anderen Seite wurden wir am Place de la Kasbah vor dem Rathaus wieder ausgespuckt. Dort befinden sich ein paar mehr oder weniger wichtige Gebäude – nichts, was mir nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Weiter ging es zum Bab Saadoun, einem der alten Stadttore von Tunis.
Dieses war aber nicht das eigentliche Ziel, sondern die Tram-Haltestelle daneben, wo wir trotz Nachfrage in die falsche Bahn geschickt wurden. War aber auch egal, so näherten wir uns unserem Ziel halt nur von der anderen Seite. Stade Tunisien ist die dritte Kraft in Tunis, was so auch nicht ganz stimmt, denn der Club ist in der westlichen Vorstadt El Bardo beheimatet. Wenn man von Tunis nach El Bardo fährt, merkt man den Ortswechsel allerdings nicht, denn die Städte sind zusammen gewachsen. Stade Tunisien verkörpert also El Bardo und Angehörige und Fans des Vereins sind auch bemüht, das deutlich hervorzuheben. Anfang der 60er Jahre war der Club sogar recht erfolgreich und konnte eine Hand voll Meisterschaften einfahren, spielt aber heute nur noch die dritte Geige. Als wir einen Ordner interviewten, wo es denn Tickets zu kaufen gibt, erklärte uns dieser, dass das nur im Vereins-Cafe möglich ist, welches gut 15 Minuten Fußweg entfernt liegt. Keine halbe Stunde vor Spielbeginn eine ziemlich undankbare Sache. Also machten wir und der Ordner mal gemeinsam ein ratloses Gesicht, bis er sich entschied uns einfach unentgeltlich ins Stadion zu führen. Merci bien! Das Stade Hedi Ennaifer ist etwas speziell. Die mittig mit einem Dach ausgestattete Haupttribüne deckt gerade mal das mittlere Drittel des Spielfeldes ab. Die Gegenseite kommt deutlich gewaltiger daher. Diese besteht aus fünf Blöcken, die von außen zum mittleren Block ansteigen. Die seitlich angebauten Tribünenaufgänge sind als Zinnen-Türme errichtet worden. Hat schon einen sehr eigenen Charakter, die etwas betagte Bude. Mittlerweile darf der Club auch die Top-Spiele gegen ES und CA in diesem Stadion austragen, bis vor kurzem musste dafür nach Radès ausgewichen werden.
Es formierte sich um die Bardo Boys eine aktive Fanszene auf der Gegentribüne, bei der mal mehr mal weniger Bewegung zu beobachten war. Sangestechnisch war es schwer zu bewerten, da sich auf der Haupttribüne auch etwa zwei Dutzend Leute, bestehend aus jungen Erwachsenen, Teenies und Kindern formierten, die das Team unterstützten und vor sich hin trällerten. ST, wie der Verein im Volksmund kurz genannt wird, spielt eine gute Saison, ist aktuell Zweiter der Tabelle, profitiert dabei aber davon, dass Espérance deutlich weniger Spiele ausgetragen hat und Club Africain aufgrund einer verspäteten Transfer-Zahlung mit sechs Punkten Abzug bestraft wurde. Auch heute lief es gut, ST kontrollierte die Partie gegen den Abstiegskandidaten aus dem nahen Hammam-Lif und fuhr einen ungefährdeten Heimsieg ein. Nach Spielschluss ging es für uns zurück in die Stadt, ich musste mich Kopfschmerz-geplagt mal etwas ablegen, ehe wir uns mit der Nahrungsaufnahme beschäftigten und danach durch die schmuddeligen Bars des Viertels zogen. Also mit dem Suff ist es in den Maghreb-Staaten offenbar generell so eine Sache. Jedenfalls fühlte ich mich in absolut jedem Schuppen an den damals recht unvermittelten Spelunken-Besuch in Algier erinnert, als wir mehr zufällig in einem üblen Suff-Loch landeten, wo vermutlich seit dem Tod Mohammeds nicht mehr sauber gemacht worden war und die Kakerlaken – auch auf den Tischen – eine Riesen-Fiesta feierten. Die beschriebenen Insekten bekamen wir hier zwar nicht zu Gesicht, aber ausnahmslos jeder Laden, den wir für ein Bier betraten war auf seine Art ein Erlebnis für sich. Von großer Sauberkeit hält dort jedenfalls niemand was. Die Böden sahen überall aus als wäre gerade die größte Party der Welt zu Ende gegangen, es war laut, verraucht, und es wurde nicht getrunken, es wurde einfach nur schonungslos gesoffen. Die feinen Herren Muslime… wenn es dunkel ist, sieht Allah ja nicht, was die so treiben. Wir steuerten vier oder fünf Läden an, ein wirklicher Genuss war es nicht, eher eine Sozialstudie. Je später der Abend und je voller die Muselmanen, desto häufiger wurden wir angequatscht, manchmal freundlich, meistens aber nervig. Jedenfalls hatten wir irgendwann die Nase voll und zogen uns ins Hotel zurück, wo noch ein paar kleine Weißblechgebinde mit gehopftem Inhalt als Schlummertrunk auf uns lauerten.
Am Sonntag wollten wir den kurzen Trip eigentlich noch mit einem unterklassigen Kick garnieren. Die Wahl zwischen dritter und vierter Liga entschied der Drittliga-Kick für sich, da die Entfernung zum Flughafen vom vermeintlichen Spielort geringer war. Erst einmal hieß es aber, die Zeit bis dahin totzuschlagen. Viel hat Tunis nicht zu bieten, damit ist man mit einem ausgedehnten Spaziergang durch. Wir hätten uns auch direkt wieder dem Alkohol-Genuss hingeben können, denn als wir am späten Vormittag mal los latschten, hingen die ersten Polsterfüße in den Spelunken schon wieder am Glas. Ließ sich durch die großen Fenster der Bars hervorragend erkennen. In Tunis scheint Allah auch bei Tageslicht schlecht zu sehen. Wir schlugen uns mal quer durch die Markthallen. Gerüche-Leistungskurs war angesagt und spätestens nach dem Fischmarkt reichte es dann auch.
Gepäck aus dem Hotel geholt und ab in die Straßenbahn. Fahrpläne gibt es nicht, man stellt sich einfach an die Haltestelle bis die passende Linie kommt. Eine Fahrt in Zone eins kostet umgerechnet gerade mal 15 Cent. Am Bab Saadoun stiegen wir aus und liefen zum lokalisierten Sportplatz im Stadtteil Omrane, wo wir das Spiel vermuteten. Der Platz wurde aber gerade renoviert, außer nem Baustellen-Ground war dort nix zu holen. Ich hatte morgens im Netz auf den letzten Drücker noch Ansetzungen in arabischer Schrift gefunden. Hätte man sich mal von der Rezeptionistin übersetzen lassen sollen – Anfängerfehler. Die Bestürzung hielt sich stark in Grenzen. Stattdessen fuhren wir zurück ins Zentrum, aßen noch einen ordentlichen Kebab-Teller und fuhren dann zum Flughafen. Ein Taxi zu finden war dann auch noch eine Aufgabe, denn frei waren die wenigsten und zum Flughafen will auch nicht jeder. Der Kranich brachte uns sicher und überpünktlich nach Frankfurt zurück, wo wir deutlich vor der angekündigten Zeit um viertel nach acht aufsetzten. Dann verdiente sich die Bahn einen weiteren Pluspunkt, denn trotz Zugbindung gewährte uns der Zugbegleiter die Mitfahrt in einem früheren Zug. Ich hatte noch nie Probleme mit der Bahn!! Und wieder kamen wir zu früh am Ziel an, so dass unser Zug noch auf der Hohenzollernbrücke warten musste, bis Einfahrt in den Kölner Hauptbahnhof gewährt wurde. S-Bahn rüber nach Deutz, das Auto stand noch unbehelligt am gewählten dunklen Fleck und ziemlich genau um Mitternacht endete die Reise dann in der schönsten Stadt des Ruhrgebiets.

Freitag, 27.12.2019, 20:00

tunesien

Espérance Sportive de Tunis vs Association Sportive Vita Club 0:0

Stade Olympique de Ràdes, 25.000 Zuschauer, CAF Champions League

191227est-vita

Da mein Arbeitgeber die Belegschaft über die Feiertage in den Zwangsurlaub schickte, wollte ich unbedingt irgendwas machen. Der Fokus lag auf der afrikanischen Champions League und dem der Europa League gleichzusetzenden Confederation Cup . Leider ergab die Auslosung nicht die erhoffte attraktive schwarz-afrikanische (Das ist ja ein mit unbedarftem Gemüt gerne verwendeter Begriff, aber hat dieser nicht auch einen diskriminierenden Unterton…? Naja letztlich bin eh kein Freund davon jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.) Konstellation, so dass die Wahl letztlich auf Tunesien fiel. Ein Ziel, bei dem ich schon ein Mal gescheitert war, als ich Flüge zum Derby zwischen den Big Playern des Landes, den Hauptstadt-Clubs Espérance und Club Africain, gebucht hatte, das Spiel aber Nordafrika-like wenige Tage vorher verschoben wurde. Terminsicherheit bekommt man in den Maghreb-Staaten prinzipiell halt nur bei internationalen Spielen, ein Kriterium, das nun erfüllt wurde. Leider stellte sich kein attraktiver Gegner in Tunis vor, so dass natürlich kein Stimmungs-Highlight zu erwarten war. Hinzu kam, dass der afrikanische Kontinental-Verband CAF als Veranstalter der Champions League jüngst harte Strafen für das Abbrennen von Pyrotechnik angedroht hat, so dass auch optisch nicht mit großem Tifo zu rechnen war. Eine Zeit lang quälte ich mich mit der Pro-Contra-Abwägung herum, buchte dann aber schließlich eigentlich viel zu teure Flüge. Das war der andere Negativ-Aspekt. Tunesien ist kein Billigziel und in der Weihnachtszeit werden die Preise durch Feiertags-Flüchtlinge und in Deutschland lebende Tunesier auf Heimatbesuch in die Höhe getrieben. Aber das nahm ich nun in Kauf und RWE-Gefährte Marcel entschied sich, mich zu begleiten. Früh am Freitag-Morgen wurde dieser eingesammelt und mit dem eigenen Kraftfahrzeug fuhren wir nach Köln Deutz, wo das Finden eines Parkplatzes eine echte Herausforderung war. Aufgrund der benachbarten KölnArena ist der gesamte Parkraum im Stadtteil mit Parkschein-Gebot belegt, was bei drei Tagen Standzeit keine Option war. Lufthansa Express-Rail brachte uns von Deutz nach Frankfurt – wo wir fünf Minuten zu früh(!) einfuhren – und von dort ging es mit der Lufthansa weiter nach Tunis, wo wir am späten Vormittag landeten. Die Taxi-Mafia versagte auf ganzer Linie. Kaum einer sprach uns offensiv an und nach erster Ablehnung zogen sich die Vertreter der berüchtigten Branche direkt hinter die Front zurück. Ja verdammt – niemand da, der uns bescheißen wollte? Der erwählte Droschkenkutscher fragte dann auch direkt brav ob er den Taxameter einschalten und wir eine Quittung haben wollen! Ja was war denn da los, ich dachte wir seien in einem arabischen Land?!
Das erste Ziel sollte das Trainingsgelände von Espérance Sportive sein, das sich unmittelbar neben dem Stadtzentrum befindet, da der Vereins-Website zu entnehmen war, dass dort der Vorverkauf für das abendliche Spiel stattfindet. Keine sechs Dinar später (ein Dinar entspricht ungefähr 30 Euro-Cent) kamen wir dort an. Unfassbar günstig, da fällt es nicht schwer, Trinkgeld zu geben, zumal der Mann ein sehr angenehmer Fahr-Dienstleister war. Vor dem Ticketschalter fand dann schon ein wenig mehr Arabien statt, denn ein paar aufdringliche Jugendliche boten uns mit einigem Nachdruck Tickets an. Da wir die Echtheit nicht einschätzen konnten, kauften wir natürlich am Schalter und da wir selbst während der Kaufabwicklung weiter von der Seite angequatscht wurden, verlor der Ticket-Opa unter großer Verärgerung mal ein paar deutliche und laute Worte und danach war die Situation bereinigt. Zu Fuß ging es zum Hotel Carlton, wo wir schon einchecken durften. Viel mehr Zeit als für ein spätes Mittagessen und für einen Orientierungsspaziergang blieb dann nicht mehr, bevor wir vom Bahnhof mit dem Vorort-Zug nach Radès eibelten. Denn dort steht der Austragungsort des heutigen Spiels, das Stade Olympique de Radès. Die Gelehrten streiten sich über das Fassungsvermögen, aber letztlich ist es auch fast egal, ob nun 60.000 oder 65.000 hinein passen. Macht auf jeden Fall was her das Ding. Helle Farben dominieren, der Haupttribüne wurde eine orientalisch anmutende Fassade gegönnt. Die Dachkonstruktion wird von acht Masten gehalten, an denen Beleuchtungen installiert wurden, welche das Stadion noch erhabener wirken lassen. Das vollständig überdachte Oval verfügt über zwei  Ränge. Für den Zugang zum Oberrang wurden acht spiralförmige Aufgänge errichtet, die ein wenig an das Mailänder San Siro im Kleinformat erinnern. Nur die Geraden waren heute geöffnet, sowie ein Block einer Kurve, welcher die Gäste beherbergte. Im Laufe der ersten Halbzeit wuchs der Anhang der Kongolesen auf über 200 Personen an, was circa 200 Personen mehr waren, als ich erwartet hatte. Die wenigsten davon werden aus dem Kongo angereist sein, denn es dürfte sich überwiegend um in Tunesien lebende Migranten gehandelt haben. Ab und an wurde ein wenig unorganisiert supportet, nichts Wildes. Die Ränge der Geraden füllten sich ordentlich, so dass ich etwa 25.000 Zuschauer schätzte.
Das eigentliche Heimstadion, das sich Espérance mit Club Africain teilt, ist das Stade El Menzah in Tunis, ein schöner aus vielen einzelnen Tribünen-Elementen bestehender 40.000er, aber beide Clubs tragen schon seit einiger Zeit viele Heimspiele in Radès aus. Die internationalen Events sowieso, die Ligue 1 Tunesienne betreffend ist da irgendwie keine wirkliche Regel zu erkennen, abgesehen von den Derbys, die zuletzt immer in Radès über die Bühne gingen. Aufgrund der bereits angeführten Restriktionen durch den CAF war also optisch nichts los, aber die Stimmung war insgesamt dennoch nicht übel. Gesungen wurde immer irgendwo und oft genug stimmten annähernd alle Zuschauer ein in teilweise lange anhaltende sehr schöne Melodien, von denen ich viele vorher nirgends gehört hatte. Der Tunesier an sich, scheint dem Spiel allerdings hochkonzentriert zu folgen, denn am lautesten wurde es absurder Weise vor dem Spiel und während der Halbzeitpause, die komplett durchgesungen wurde und während der man sich auch traute zwei, drei Fackeln zu zünden. Ein richtiger Stimmungskern war nicht auszumachen, die Initiative kam immer wieder aus verschiedenen Bereichen des Stadions. Der Sound kam mir auch irgendwie anders vor, als man es sonst gewohnt ist und ich brauchte bis tief in die zweite Hälfte, bis der Groschen fiel, woran das lag – es wurden keine unterstützenden Rhythmus-Instrumente, also keine Trommeln genutzt. Spielerisch war Espérance deutlich überlegen, die Statistik sollte nachher über 70% Ballbesitz beweisen, aber dennoch sollte die Partie torlos zu Ende gehen. Den Gastgebern fehlte das viel bemühte sogenannte Spielglück. In den entscheidenden Momenten sprangen zurück prallende Bälle grundsätzlich zum Gegner. Außerdem ließ eine erstaunlich disziplinierte und großgewachsene Gäste-Defensive kaum etwas zu und die wenigen guten Möglichkeiten wurden vom kongolesischen Torwart entschärft, der fehlende Körpergröße durch Furchtlosigkeit und Einsatzfreude wettmachte und sich todesmutig in jedes Getümmel schmiss. Hätte er nicht – vor allem in der Schlussphase – durch erbärmliches Zeitspiel die Masse gegen sich aufgebracht, wäre das eine glatte Eins gewesen. Aber man kann es ihm kaum verdenken, denn der unerwartete Punktgewinn beim haushohen Favoriten war eine große Überraschung und wurde von der Mannschaft vor der Gäste-Kurve entsprechend zelebriert.
Der Rückweg nach Tunis bot noch eine kleine Herausforderung, denn der öffentliche Nahverkehr kam mit Spielschluss ziemlich zum Erliegen. Ein Taxifahrer, der auch beim Spiel und mit seinem Fahrzeug schon im Feierabend war, nahm uns dann freundlicher Weise unentgeltlich mit. Shukran! Im Zentrum von Tunis bieten sich einige Möglichkeiten, um an Bier und andere alkoholische Getränke zu kommen. Schwierig ist das allerdings am muslimischen Feiertag, dem Freitag, der ja heute war. Als glücklicher Umstand erwies es sich, dass keine hundert Meter entfernt von unserem Hotel eine Bar geöffnet hatte, in der wir noch ein paar Bier schluckten, aber bald von viel zu lauter muselmanischer Live-Musik vertrieben wurden.