München – Mo., 14.11.2022, 19:00

TSV München von 1860 vs Rot-Weiss Essen 1:1

Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße, 15.000 Zuschauer, 3.Liga
Morgens um zwanzig vor acht ging es mit dem Railjet der ÖBB vom Bahnhof Budapest-Keleti los. Etwas über 650 Kilometer waren es bis München. On-time wurde bei Freilassing die Grenze gequert, um dann auf den letzten 150 Kilometern über eine halbe Stunde Verspätung aufzubauen. Da stimmt grundlegend etwas nicht bei der Netz-Logistik der Deutschen Bahn. Am Münchener Hauptbahnhof sammelten mich dann meine Rot-Weiss-Leute ein und hinauf ging es auf Giesings Höhen, wo noch für eine Mahlzeit in einer Balkan-Giftküche – welch ein Fraß! – eingekehrt wurde, bevor wir die Oldschool-Bude der Sechz’ger betraten. Vor ein paar Jahren war ich mal zu einem Regionalliga-Spiel dort und vor beinahe 30 Jahren auch schon mit dem Deutschen Meister von 1955. Anfang der 90er waren sowohl 1860 als auch der RWE frisch aus der damals drittklassigen Oberliga aufgestiegen und es war das erste Auswärtsspiel der Saison, dass mit einem humorlosen 1:0-Sieg für die Löwen endete. Obwohl vor gut zehn Jahren umfangreiche Sanierungs- und Umbaumaßnahmen durchgeführt wurden, hat sich optisch zum Glück wenig verändert und dieses traditionsreiche Stadion konnte sein Aussehen weitgehend konservieren. Am auffälligsten ist sicher der Neubau der Gästetribüne, die Sicht auf das Spielfeld ist aus dieser allerdings sehr bescheiden. 1500 Rot-Weisse hatten sich auf den Weg an die Grünwalder Straße gemacht und das Gästekontingent damit ausverkauft. Respekt an uns selber, aber wie schon einmal erwähnt, macht es momentan auch richtig, richtig Laune, der Mannschaft hinterher zu fahren.
Zum Intro wurde in der Gästekurve schön gezündelt, sieht ja bei Abendspielen immer prächtig aus. Die Löwen-Kurve zog in Hälfte zwei mit einer großen Pyro-Einlage ordentlich nach und auch so gingen zwischendurch in der Westkurve immer wieder mal ein, zwei Fackeln an. Auf beiden Seiten war die Stimmung dann sicherlich nicht schlecht. Allerdings kam die Lautstärke der Löwen-Kurve auf Gästeseite nicht so recht an, was aber andersherum sicher ebenso empfunden wurde. Beide Hintertor-Tribünen sind halt unüberdacht, das nimmt dem Support schon ordentlich Kraft. Die Sechz’ger traten dominant auf und hatten bis auf wenige Phasen deutlich mehr Spielanteile. Torchancen blieben aber Mangelware, da die rot-weisse Deckung sicher stand. Mehr als zwei, drei gute Chancen kreierte der RWE aber auch nicht, weshalb die Partie eher von der Spannung lebte. Mit einem Punkt war ich dementsprechend natürlich zufrieden und als ich langsam die Überzeugung gewann, dass der RWE das torlose Remis über die Zeit bringen würde, gab es nach einem schlechten Klärungsversuch im Sechzehner eine Unachtsamkeit und Elfmeter für die Gastgeber. Golz ist leider kein Elfmeterkiller, zwar oft in der richtigen Ecke, aber die Bälle erreicht er nicht. Die Löwen gingen also in Führung und nun war ich mir genauso sicher, dass die Roten nicht zurückkommen würden. Aber die Truppe hat einfach Moral und darf in dieser Saison nie angeschrieben werden. In der Nachspielzeit segelte eine letzte Freistoß-Flanke in den Löwen-Strafraum und Kopfball-Ungeheuer Bastians war zur Stelle und glich aus. Im Gästeblock purzelte nun natürlich alles durcheinander und auch wenn der Punkt glücklich zustande kam, halte ich ihn für nicht unverdient, da die Mannschaft sich nie aufgegeben hat.
Nach Spielschluss gab es dann noch eine wunderbare Einlage der bayrischen Polizei-Nazis, welche zunächst einige normale Zuschauer durchließen und dann den Ultras und allen noch in der Kurve verbliebenen übrigen Anhängern die Abreise untersagten und das natürlich auf absolut ‚deeskalierende‘ Weise. Ein Lob an den Essener Haufen, der sich der Brisanz der Lage bewusst war und die Ruhe bewahrte. Nach einer guten halben Stunde durfte dann durch ein Spalier an Einsatzkräften in Kampfausrüstung in feindseliger Atmosphäre das Stadion verlassen werden. Zweck dieser aufwändigen und fragwürdigen Nummer war offensichtlich die Festsetzung zweier Personen, die man beim Zündeln infiziert zu haben meinte. Ich halte mich ja prinzipiell von derartigen Geschichten fern, aufgrund der räumlichen Situation waren wir dieses Mal aber halt mittendrin. Dass die Uhren polizeiseitig beim Fußball in Bayern anders gehen ist ja bekannt. Nach meiner Meinung wird dort mit Kanonen auf Spatzen geschossen und Polizei-Unterabteilungen wie BFE und USK, die ja beim Fußball eingesetzt werden, erinnert ganz stark an die staatlichen Prügel-Truppen östlicher und arabischer Diktaturen. Da muss sich dann auch kein Staatsdiener wundern, wenn sich die Akzeptanz für sein Auftreten stark in Grenzen hält. Und wenn es nach mir geht, kann der Freistaat seinem Namen auch gerne gerecht werden.

Budapest – So., 13.11.2022, 18:00

Vasas FC vs Mezökövesd Zsóry FC 1:0

Illovszky Rudolf Stadion, 1.328 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság I
Eile war geboten und erneut wurde ein Taxi benötigt. Dieses wurde auch zeitnah gefunden, aber ein pünktliches Erscheinen beim (für mich) dritten Kick des Tages war utopisch und das war uns auch vorher klar. Mit plus 14 Minuten trafen wir Deutsche Bahn-like am ‚Illovszky Rudolf Stadion‘ von Vasas, dem unbedeutendsten der vier großen Budapester Clubs, ein. Auch hier steht ein kleiner Neubau und auch hier hat man sich etwas für die Gestaltung der Fassade einfallen lassen, denn diese leuchtet in der Dunkelheit abwechselnd in den Vereinsfarben rot und blau. Auch so ist der kleine Kasten mit seinen asymmetrisch angelegten Dächern kein Einheitsbau und verfügt zudem noch über recht extravagante Flutlichtmasten. Wir kamen gerade noch rechtzeitig um das Tor des Tages um eine knappe Minute verpasst zu haben. Viel los war nicht, die heimische Szene, sofern überhaupt eine existiert, war offenbar im Streik, denn ihr Team ist das einzige, das aktuell noch schlechter steht, als der soeben besuchte Honved FC. Aus dem etwa 130 Kilometer östlich von Budapest gelegenen Mezökövesd waren etwa 70 Anhänger mitgereist, die ihr Team sporadisch und erfolglos unterstützten. Auch in dieser Partie blieb das Spielniveau überschaubar. Gegen Ende der ersten Hälfte zog dichter Nebel ins Stadion und es wurde eine richtige Waschküche. Glaube kaum, dass die Zuschauer hinter den Toren das gegenüberliegende Gehäuse noch erkannt haben, aber es gab ja auch nicht viel zu sehen. Es blieb beim knappsten aller Siegresultate für die Gastgeber und dadurch rückt der Tabellenkeller richtig eng zusammen. Wir machten uns mit Öffis auf in unsere schräge Stamm-Pinte und ließen den letzten gemeinsamen Abend gesellig ausklingen.

Budapest – So., 13.11.2022, 15:45

Budapest Honvéd FC vs Ferencvárosi TC 0:2

Bozsik Aréna, 4.938 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság I
‚Bozsik Arena‘ heißt der Neubau von Honved Budapest und ist wie das alte Stadion, welches an gleicher Stelle stand und der neuen Bude weichen musste, benannt nach Jozsef Bozsik, einem der bekanntesten Spieler des Vereins und Mitglied der ungarischen ‚Goldenen Elf‘ der 50er Jahre. Ein noch berühmterer Honved-Spieler ist natürlich Ferenc Puskas, der für Honved in 349 Pflichtspielen unglaubliche 358 Treffer erzielte und nach diesem ist die Straße benannt, an der das Stadion liegt. Die in den Vereinsfarben gehaltene Außenhaut unterscheidet den Bau von anderen Neubauten. Gerade einmal 8.200 Zuschauer passen hinein, was für diesen Verein allerdings vollkommen ausreicht. Insgesamt hält sich das Zuschaueraufkommen beim Fußball in Ungarn ja eh sehr in Grenzen. Selbst gegen den Erzrivalen aus der Stadt, und wohl prestigeträchtigsten Verein des Landes kamen, gerade einmal knapp 5000 Leute ins Stadion. Gründe dafür waren aber sicherlich auch die unsinnige Restriktion, nur mit Club-Karte des Vereins zum Ticketkauf für dieses Spiel berechtigt gewesen zu sein, als auch die sportlich verheerende Lage. Als Vorletzter schwebt Honved in akuter Abstiegsgefahr.
Die Gäste hatten ihr komplettes Karten-Kontingent verkauft, allerdings war der Block damit alles andere als voll und bot noch reichlich Platz. Ich hatte mir ja ein ordentliches Intro des Away-End erhofft, aber mehr als das Wedeln mit einem Haufen von kleinen grünen und weißen Fähnchen gab es nicht zu sehen. Die Honved-Kurve überraschte dagegen mit einer stattlichen schwarzen Rauchwolke und ein paar Fackeln. Support gab es von beiden Seiten dauerhaft, allerdings kam die ja doch eher kleine Honved-Szene nicht gerade brachial rüber und die Fradi-Leute spulten ein Standard-Programm ab. Auch wenn ich meine Erwartungshaltung grundsätzlich niedrig ansetze, war das schon recht dürftig, aber mit einem attraktiveren Gegner als Ferencvaros kann man dieses Stadion ja kaum besuchen. Vermutlich ist das eh ein Klagen auf hohem Niveau, denn einen brutalen Stimmungskracher bekommt man in einem ungarischen Liga-Spiel ja auch nur selten zu geboten. Ein Kracher war es auch sportlich nicht. Das Niveau der Partie hing irgendwo zwischen deutscher Dritter Liga und Regionalliga. Honved konnte vermutlich auch nicht mehr als das Gezeigte und das, was Fradi da anbot, war auch nicht sehr ansehnlich, reichte aber für die biederen Gastgeber aus.

Budapest – So., 13.11.2022, 13:00

BKV Elöre SC vs Füzesgyarmati SK 3:0

Sport utcai stadion, 100 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság III Keleti csoport
Stress war am heutigen Morgen nicht angesagt. Der Doc machte sich mit Ziel MTK-Stadion früher auf den Weg als ich. Um halb zwölf am Morgen wurde dort zweite Liga angestoßen. Da ich dort erst vor zwei Jahren ein Spiel gesehen hatte, brach erst etwas mehr als eine Stunde später mit beinahe identischem Ziel auf. Denn nur einen Steinwurf entfernt wurde auf der anderen Straßenseite beim BKV Elöre um 13:00 Uhr ein Drittliga-Kick angepfiffen. Schon schräg, dass sich diese beiden Spiele überschnitten, anstatt etwas versetzt anzustoßen um noch den einen oder anderen Zuschauer des Zweitliga-Spiels abzugreifen. Aber da eh kein Eintritt erhoben wurde, war das auch zu vernachlässigen, da macht es am Ende keinen Unterschied macht ob vor zehn Zuschauern mehr oder weniger gebolzt wird. Prunkstück und einziger Ausbau der Anlage ist die dicke, fette, betagte Tribüne und die ist mal ein absoluter Hingucker. Das Spiel war zwar auch gar nicht so schlecht anzusehen, aber das alte Bauwerk hätte auf jeden Fall mehr Besucher verdient gehabt. Meinen Unmut zog der einzige ehrenamtliche Ordner auf sich, der mich frecherweise beim Fotografieren störte, weil man irgendeinen beschissenen Bereich zwischen Tribüne und Spielfeld nicht betreten sollte, obwohl dieses eh durch einen Zaun gesichert war. So ein Unfug bei knapp einhundert sesselfurzenden Zuschauern. Auch sein Hinweis, dass er diese Regelung nicht erfunden hat, schützte ihn dann nicht mehr vor meinem Unmutsanfall und blieb etwas ratlos und verschüchtert schauend zurück. Dass ich letztlich auf der anderen Seite unmittelbar an den Spielfeldrand herankam, störte dann aber keinen. Inkonsequenz alléz! Mit dem Herrn Doktor, der nach Spielende bei MTK zu mir aufgeschlossen hatte, ging es dann mit dem Taxi in den Stadtteil Kispest.

Felcsút – Sa., 12.11.2022, 14:15

Puskás Akadémia FC vs Debreceni Vasutas SC 2:1

Pancho Arena, 1.670 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság I
Da der glorreiche RWE erst am Montag an der legendären Grünwalder Straße anzutreten hatte, eröffnete sich die Möglichkeit für eine kleine Wochenend-Tour. Am Freitag schwebte ich in der ungarischen Hauptstadt ein und traf mit meinem Doktor aus dem Saarland zusammen. Nach einem gerstenreichen Abend in einer zweifelhaften Spelunke, trennten sich am Morgen erst einmal unsere Wege. Der Mediziner reiste nach Pacs, während ich den öffentlichen Nahverkehr bemühte, um mit zwei Umstiegen ins 40 Kilometer westlich von Budapest gelegene Felcsut zu gelangen. In Felcsut befindet sich die ‚Pancho Arena‘, ein wirklich spezieller Stadionbau mit einer aufwendigen hölzernen Dachkonstruktion und einer einzigartigen Fassade, die fast an einen buddhistischen Tempel erinnert. In diesem spektakulären kleinen Stadion wird Erstliga-Fußball gespielt. Das dort ansässige Team ist benannt nach dem wohl größten ungarischen Fußballer, der sich vermutlich im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, für welches Projekt sein Name missbraucht wird. Der Puskas Akademia FC ist eigentlich gar kein richtiger Verein, sondern aus der Jugendabteilung des Liga-Rivalen Fehervar FC entstanden. Da der PAFC vor einigen Jahren die höchste Spielklasse erreichte, in der ja auch der Stammverein aktiv ist, der immer noch eine Art Aufsichtsrecht über die Akademie ausübt, spielen also nun zwei Teams in der Liga, die auch heute noch in irgendeiner Form miteinander verbunden sind. Wie das dem Wettbewerb genügt, vermag ich nicht zu beurteilen.
Felcsut ist ein kleines Dorf mit nicht einmal 2000 Einwohnern und hier steht also ein schickes Stadion, dessen Bau vermutlich nicht billig war, zumal auch noch eine umfassende Sport-Infrastruktur existiert. Felcsut ist auch der Heimatort des ungarischen Staats-Despoten Viktor Orban. Dass es diesen Verein auf und mit diesem Niveau ohne die Förderung das Staatspräsidenten nicht geben würde, ist ein offenes Geheimnis. Jedenfalls erscheint dieses Produkt reichlich sinnlos, auch wenn der ‚Verein‘ sportlich eine ordentliche Rolle spielt. Interessieren tut das nämlich eher keinen. Die offizielle vierstellige Zuschauerzahl zweifle ich an und wenn nicht gut 100 Anhänger des Eisenbahner-Vereins aus dem Osten des Landes angereist wären, die etwas Atmosphäre anzettelten, wäre ich vermutlich eingepennt, da die Nummer sonst die Attraktivität eines drittklassigen Handball-Testspiels hatte. Passend dazu wurde von auf Heimseite von ein paar Kids nervtötend rumgetrötet. Ungefähr so hatte ich das alles auch erwartet, aber dieses ungewöhnliche Stadion muss man ja mal gesehen haben. Mit einem Last Minute-Sieg behielt Puskas‘ Gefolgschaft die Zähler nicht ganz unverdient im Dorf und ich machte mich bewaffnet mit einer Büchse ‚Soproni‘ von der Tankstelle – dieses Mal ohne Umstieg – mit dem Regionalbus auf den Rückweg nach Budapest, wo ich mich mit meinem Leibarzt zur flüssigen Diagnostik im selben merkwürdigen Etablissement des Vorabend wieder vereinigte.

Essen – Mi., 09.11.2022, 19:00

Rot-Weiss Essen vs SV Meppen 0:0

Stadion an der Hafenstraße, 16.467 Zuschauer, 3.Liga
Angeschlagene Boxer sind gefährlich. Und verletzte Tiere kämpfen erst recht um ihr Leben. Um mal mit ein paar Floskeln zu beginnen. Dementsprechend rechnete ich auch nicht mit einem einfachen Spiel gegen einen vermeintlich schwachen Gegner, der seit elf Spielen sieglos war und in den letzten sechs Spielen gerade mal ein mickriges Törchen erzielt hatte. Und ich erwartete auch keine verunsicherte Gäste-Elf, die uns einen souveränen Sieg ermöglicht, sondern eine spielstarke Mannschaft und ein ausgeglichenes Spiel. Das war es dann aber in Hälfte eins gar nicht, denn die Gäste aus dem Emsland waren das bessere von zwei wenig ansprechend auftretenden Teams. Körperlich waren sie viel robuster und präsenter, mit großem Willen und Bereitschaft dorthin zu gehen, wo es weh tut. Die Roten kamen überhaupt nicht in die Partie und hatten große Probleme mit den teilweise körperlich deutlich kräftigeren Meppener Recken. Daher gehörten auch die ersten Szenen den Niedersachsen und man durfte dankbar für deren aktuelle Abschlussschwäche sein, denn ein abgezockteres Team hätte den einen oder anderen Versuch sicherlich über die Torlinie gebracht. Nach einer etwa zehnminütigen Unterbrechung wegen eines medizinischen Notfalleinsatzes bei einem weiblichen Ordner – die Dame wurde glücklicherweise aber bei Bewusstsein und ansprechbar abtransportiert – vergab Berlinksi die einzige gute Gelegenheit für den RWE in Hälfte eins kurz vor dem Seitenwechsel. Der Meppener Schlussmann lenkte seinen Schuss um den Torpfosten.
Hälfte zwei sah dann etwas ausgeglichener aus, was sich aber weniger durch größere Torgefahr der Roten als viel mehr durch nun auch ausbleibende Gelegenheiten auf Gästeseite zeigte. Nur noch wenige Strafraumszenen waren zu verzeichnen und es blieb letzlich auch beim torlosen Remis gegen in den letzten zehn Minuten nach Platzverweis in Unterzahl spielende Emsländer, die sich diesen Punkt mehr als verdienten. Das Resultat stört mich auch nicht, als Aufsteiger sollte man vor allem nach dem desolaten Saisonstart demütig bleiben. Die Art und Weise wie das Resultat zustande kam, ärgert mich aber schon, denn aus diesem Blickwinkel war mehr drin. Die Entscheidungen von Trainer Dabrowski kann ich Gesamten nicht nachvollziehen. Unverständlich war der Einsatz des bisher unscheinbaren Sponsel für den verletzungsbedingt ausgefallenen Rechtsverteidiger Wiegel. Da hatte wohl nicht nur ich den jungen, agilen und bei den bisherigen Einsätzen starken Kourouma erwartet. Stattdessen spielte Sponsel trotz einer farblosen Leistung mit vielen Unsicherheiten sogar durch. Die Wechselmöglichkeiten wurden nicht ausgenutzt, eine Möglichkeit dem Spiel mehr neue Impulse zu geben somit vertan. Außerdem vermisste ich jegliche taktische Idee, dem zunächst erstaunlich druckvollen Spiel der Gäste durch Umstellung oder Systemänderung zu begegnen. In dieser Hinsicht war das ein Rückfall in alte Zeiten und für mich ein leiser Beweis, dass Dabrowski in seiner Spielidee einfach nicht flexibel genug ist. Dabro bemängelte nachher fehlende Dynamik und Esprit im Spiel – den Schuh darf er sich für sein Coaching allerdings auch selbst anziehen.
Ich liebe Flutlichtspiele, da diese oft eine besondere Atmosphäre provozieren. Nicht umsonst gelangen die beiden bisherigen Heimsiege unter künstlichem Licht. Die Stimmung war vor wieder ordentlich voller Hütte auch okay, aber irgendwie auch nicht mehr als das. Wie schon gegen Zwickau sprang der Funke von den Stehern nicht so auf die Sitzer über, auch da war noch mehr Potential drin. Unerwartet viele, nämlich an die tausend Emsländer sorgten über beinahe die gesamte Spielzeit für guten Gäste-Support und boten ein schönes Intro mit kleinen Glitzer-Schwenkern, Blinkern und einem die Mannschaft motivierenden Zaunbanner. Grundsätzlich bin ich mit der bisherigen Ausbeute einverstanden, zu Hause war aber sicher mehr möglich, auch wenn die Truppe nun daheim seit sechs Spielen ungeschlagen ist, wobei jedoch zu viele Remis zu Buche stehen. Wettgemacht wird das durch eine wirklich stabile Auswärtsbilanz, wo sicherlich mehr Erträge eingefahren wurden, als erwartet. Am Montag geht es im letzten Spiel vor der WM-Pause zu den Sechz’gern. Ein Bonusspiel, bei dem es mehr um das Erlebnis geht, als dass Zählbares zu erwarten ist. Chancenlos sehe ich uns dennoch nicht.

Oldenburg – So., 06.11.2022, 13:00

VfB Oldenburg vs Rot-Weiss Essen 3:5

Marschwegstadion, 7.797 Zuschauer, 3.Liga
Vor 26 Jahren war ich das erste und einzige Mal am Marschweg und sah eine unspektakuläre Niederlage des glorreichen RWE in einer Saison an deren Ende beide Kontrahenten abstiegen und sich seitdem nicht mehr begegneten. Ein ‚bisschen‘ wilder war die Begegnung heute dann schon. Ich sagte vor dem Spiel noch, dass das wieder so eine unvorhersehbare Begegnung ist, die 4:0 oder 0:4 ausgehen kann, habe aber doch nicht erwartet, dass das so in der Art zutrifft. Den Gästeblock machten wir mal wieder proppevoll und auch auf der Haupttribüne sammelten sich noch gut 200-300 Rot-Weisse, obwohl der VfB „aus Sicherheitsgründen“ keine Sitzplatzkarten nach Essen schickte. Ging ja offensichtlich gut auf dieses Konzept. Es macht momentan echt absolut Bock, diesem Verein zu folgen. Beinahe unglaublich, welche Massen wir in Bewegung setzen und wie voll die Bude auch immer bei den Heimspielen ist. Die VfB-Szene zeigte zu Spielbeginn eine aufwändig gestaltete Choreo zum 125jährigen Jubiläum des Vereins. Zunächst wurden bemalte Stoffbahnen hochgehalten und am Zaun prangte ein Banner mit der Entstehungsgeschichte des VfB. Nach dem herunterlassen der Stoffbahnen wurden kleine Fähnchen zunächst festgehalten und danach geschwenkt und das Zaunbanner entfernt. Darunter prangte ein weiteres Banner in den Vereinsfarben mit einem Zukunftsschwur. Auf den Stoffbahnen wurden sehr detaillierte Szenen abgebildet, die leider aufgrund des flachen Winkels der Stehtribüne aus der Ferne nicht gut abzulesen waren. Dennoch war die Mühe, die hineingesteckt wurde, offensichtlich und auch im Ablauf ist die Choreo definitiv gelungen.
Der Gästeblock beschränkte sich auf das übliche farbenfrohe Fahnenbild. Aufgrund des bekannten Konflikts mit dem Verein sind aktuell alle optischen Aktionen auf Eis gelegt, der Support wird davon aber nicht berührt, die Mannschaft bedingungslos unterstützt. Die Gastgeber nahmen in der Anfangsphase recht druckvoll das Heft in die Hand und kreierten einige Chancen. Der Lohn für die Mühen war ein berechtigter Strafstoß, den der Ex-Essener Wegner, der den VfB im Sommer in die Dritte Liga geschossen hatte, zur Führung nutzte. Für den RWE wirkte das wie ein Weckruf. Plötzlich ging viel mehr nach vorn und der sprintstarke, wieder mal schwer ins Spiel gekommene, aber dann doch recht stark spielende Ennali erreichte einen eigentlich zu lang geratenen Pass Sekundenbruchteile vor dem irgendwie träge – oder sah das aufgrund Ennalis Tempo nur so aus? – herauseilenden Tormann Mielitz und wurde von diesem im Sechzehner zu Fall gebracht. Folgerichtig gab es ebenfalls Elfer, denn Bastians sicher verwandelte. Die Roten hatten den Moment auf Ihrer Seite und Berlinski konnte einen abgewehrten Bastians-Schuss vor dem Pausenpfiff zur Führung verwerten. Kurz nach dem Wiederanpfiff streichelte erneut Bastians eine Tarnat-Flanke mit den Haarspitzen durch die Mielitz-Hosenträger zum 3:1 ins Netz und man hatte das Gefühl, dass die Partie nun eigentlich ruhig nach Hause gespielt werden kann. Es blieb beim Gefühl, denn nach einer guten Stunde erzielte Starke bei einem schnellen Konter mit einem humorlosen Strahl den Anschluss.
Als ich bei einem Eckstoß für die Gastgeber dann unkte, dass der letzte Treffer heute noch nicht gefallen sei, wurde das Orakel schon Realität und der doppelte Starke flugkopfballte zum Ausgleich ein. Kurzer Schockmoment und eigentlich war das Momentum nun bei den Hausherren, aber es dauerte nur wenige Minuten, bis ein Rother-Kopfball – der Junge ist seit dem Mannheim-Spiel auch endlich in Essen angekommen – zur erneuten Führung ins Netz abgefälscht wurde. Nun entwickelte sich ein intensives Spiel mit schnellen Richtungswechseln und Chancen hüben wie drüben und trotz dieser Dynamik war ich einigermaßen siegesgewiss. In der Schlussminute hatte Ennali dann einen Geistesblitz und spielte einen Freistoß im Mittelfeld schnell auf die Außenbahn. Beinahe ein Wunder, dass es ihn noch gibt, den schnell ausgeführten Freistoß, der nicht vom Schiri zurückgepfiffen wird…! Der Konter endete in einem Querpass im Strafraum, der von einem VfB-Akteur ins eigene Netz gegrätscht wurde. Dahinter hätte aber der nach vorn geeilte Ennali auch einschussbereit gestanden. Damit war er safe, der dritte Auswärtssieg in Folge, bei dem sicherlich auch das Glück dem Tüchtigen half. RWE ist so eine Art Mannschaft der Stunde und hat nun ein kleines Polster zu den Abstiegsrängen aufgebaut. Seit fünf Spielen sind die Roten nun ungeschlagen und dabei mit drei Auswärtserfolgen und zwei Heim-Remis absurderweise in der Ferne erfolgreicher als an der Hafenstraße. Aber in dieser verrückten Liga ist alles möglich und es gilt wachsam und mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.  Abschließend noch ein Dank an VfB-Supporter Malte für das Bier nach dem Spiel und die Hefte. Schön, dass wir uns endlich mal persönlich kennengelernt haben.

Bremen – Sa., 05.11.2022, 18:30

SV Werder Bremen vs FC Meineid 04 2:1

Weserstadion, 42.100 Zuschauer, Bundesliga
Irgendwie kam mal wieder alles anders. Ursprünglich sollte dieses Wochenende für den jährlichen Familien-Wochenendtrip mit Eltern und Schwester mit abschließendem Besuch des RWE-Spiels in Oldenburg herhalten. Eine Erkrankung meiner Mutter kam dazwischen, so dass die Reise storniert werden musste. Das ermöglichte dann den Spielbesuch in Bremen, der sich mir natürlich aufgrund des Spieltermins und eben dem Auftritt der Roten in Oldenburg quasi aufzwängte. Auf Vermittlung der RWE-Kollegen Marco und als finalem ‚Dealer‘ Micha bekam ich für meine Herzdame und mich zwei Steh-Tickets für das längst ausverkaufte Spiel gegen die blaue Brut. Eigentlich bin ich für Stehtribünen zu alt, aber hier galt ja nun „Take it or leave it“. Der Anblick des Weserstadions unter Flutlicht löste dann Vorfreude aus. Die Stadien, welche noch über Masten verfügen, die dann diese charakteristische Lichtkuppel in den Himmel zeichnen, werden ja leider immer mehr zur Minderheit. Manchmal habe ich aber den Eindruck, ich bin gar nicht so oft beim Fußball. Anders ist eigentlich nicht zu erklären, dass ich die Anreise zum Weserstadion derart falsch einschätzte, dass wir viel zu knapp dort auftauchten und ein geordneter Einzug in den Unterrang der Ostkurve nicht mehr möglich war. Dennoch fanden wir eine Position, von der wir das Spielfeld überblicken konnten und dank ‚großzügiger‘ Arbeitsauffassung des Ordnerpersonals konnten wir gegen Ende der ersten Hälfte auf zwei nicht belegte Sitzplätze im Oberrang genau auf Höhe der Mittellinie wechseln.
Zu diesem Zeitpunkt führte der SVW bereits nach einem schön herausgespielten Treffer, der ja nur von Niklas Füllkrug erzielt werden konnte. Dabei waren die Meineidler in Hälfte eins über weite Phasen das bessere und ballsicherere Team, konnten aber daraus kein Kapital schlagen. Das Ostkurven-Intro zum Spiel musste übrigens aufgrund logistischer Probleme ausfallen. Mehr ist mir darüber aber auch nicht bekannt und so blieb es beim schon bekannten „Weserstadion unantastbar“-Banner und einem schönen Fahnenbild. In der Halbzeitpause konnte ich dann mehr oder weniger verabredet ein paar Worte mit Schnitzer-Stefan wechseln. Nach dem Seitenwechsel war es zunächst ein ähnliches Bild wie im ersten Durchgang. Die Mannschaft aus der verbotenen Stadt schien weiter eine Nuance besser unterwegs zu sein, aber bei den sich bietenden Möglichkeiten war Schnapper Pavlenka heute ein echter Rückhalt. Tja und wer die Chancen nicht nutzt und gegen ein Sturmduo Füllkrug und Ducksch antreten muss, schaut dann in die Röhre, denn auch Letzterer erzielte eine Viertelstunde einen schönen Treffer nach einem Alleingang bei einem Konter. In der Folgezeit verpasste es der SV Werder einen höheren Sieg sicherzustellen, da der finale Pass bei den sich nun bietenden Konterchancen wieder und wieder zu schlampig gespielt wurde. Stattdessen markierten die Unausprechlichen noch den sicherlich verdienten Anschluss, der aber der einzige Makel des Abends bleiben sollte. Ab ins Bremer Nachtleben.