Exkurs: Stadion Mathias Stinnes

Stadion Mathias Stinnes in Essen

Die Essener Lost Ground-Perle schlechthin ist natürlich das ‚Stadion Mathias Stinnes‘ in Essen-Karnap, direkt am nördlichen Stadtrand neben dem Müllheizwerk gelegen. Erbaut wurde es 1925 und in den 50er Jahren von der Zeche Mathias Stinnes übernommen, die dem Stadion auch den Namen des Gründers dieses mit dem Ruhrgebiet verankerten Unternehmen verlieh. Die Zeche baute das Stadion zu einer modernen Anlage mit einem Fassungsvermögen von über 20.000 Zuschauern aus und die TSG Karnap 07, damals zweitgrößter Essener Sportverein, zog auf die Anlage um. Die Fußballabteilung der TSG erlebte damals eine erfolgreiche Phase und spielte in den höchsten Ligen auf Verbandsebene vor mehreren tausend Zuschauern. Nach der Fusion mit Schwarz-Gelb Karnap zum FC Karnap 07/27 verließ der neu gebildete Club das Stadion und zog auf die Anlage an der Lohwiese um. Stattdessen wurde das Stadion nun von der A-Jugend und der zweiten Mannschaft von Rot-Weiss Essen für den Spielbetrieb genutzt.
Nach Sanierung der Bezirkssportanlage an der Seumannstraße in Altenessen, wo heute auch das Nachwuchs-Leistungszentrum von RWE seinen Platz hat, wechselten die beiden Teams aber dorthin. Auch der marokkanisch-stämmige Verein Bader SV und das Freizeitliga-Team von Rot-Weiß Altenessen nutzten die Anlage, richteten ihre Heimspiele aber überwiegend auf dem Hartplatz hinter dem Stadion aus. Auch die gehörlosen Sportler hatten hier ihre Heimat und ebenso wurde der Rasen des Stadions für Rugby und American Football genutzt. Im Jahre 1956 wurde das erste Länderspiel einer Deutschen Damen-Nationalmannschaft im Mathias-Stinnes-Stadion ausgerichtet – inoffiziell, da der Frauen-Fußball seinerzeit noch nicht durch den DFB legitimiert war. Gegner waren die Niederlande und vor über 17.000 Zuschauern endete die Partie mit einem 2:1-Sieg.
Nachdem die RWE-Teams das Stadion nicht mehr nutzten, lag der Rasenplatz brach und die Ränge wurden nicht mehr gepflegt. 2011 wurde das alte Sportheim mit der integrierten Turnhalle abgerissen und 2012 das Stadion für den Spielbetrieb endgültig geschlossen. Viele Pläne gab es für das Areal, vom Reiterhof über einen Alten- und Jugendtreff bis zum türkischen Zentrum – realisiert wurde nichts davon. Im Herbst 2015 begann der Anfang vom Ende. Mit dem Aufkommen der Flüchtlingswelle wurden Flächen für die Errichtung von Auffangheimen gesucht und die Stadt befürwortete, nicht mehr genutzte Sportplätze als Standorte zu nutzen. Auch das Stinnes-Stadion wurde ausgewählt. Zu diesem Zweck wurde die Nordöstliche Ecke der Stehtribüne mitsamt dem charakteristischen Tunnel eingerissen und entfernt, um den Zugang zu vereinfachen. Die schöne Anlage wurde verstümmelt. Ein gutes Jahr später war die errichtete Zeltstadt verlassen und wurde wieder entfernt.  Zurück blieb eine geschichtsträchtige, von der jüngsten Nutzung gezeichnete Spielstätte. Das Spielfeld war verloren, teilweise asphaltiert und mit Kies verfüllt worden. Lediglich die verbliebenen Stehränge und die alte Haupttribüne, von der nur noch die Ränge übrigblieben, nachdem in den 60er Jahren eine Lokomotive vom dahinter liegenden Bahndamm in die Tribüne gerutscht war, zeugen noch von einem ehemals stolzen kleinen Stadion.
Der alte Hartplatz wurde ebenfalls zu einem Großteil entfernt, der Rest ist überwuchert. Man findet im Dickicht noch drei alte Flutlichtmasten und Teile des Stankett. Hinter dem ganzen Gestrüpp entdeckt man das alte Kabinengebäude, welches dem Vandalismus zum Opfer gefallen ist. Das gesamte Gelände gehört dem Energiekonzern RWE, der nur das nötigste für die Sicherung des Areals unternimmt, und sonst nichts damit anzufangen weiß. Bei allem Verständnis für die finanziell angespannte Situation der Kommune wurde es verpasst, diese charakteristische, an eine vergangene Zeit erinnernde Anlage zu erhalten. Gebäude werden unter Denkmalschutz gestellt – warum ist das bei traditionsreichen Stadien nicht möglich?
Die drei Foto-Blöcke in diesem Beitrag zeigen den Zustand des Stadions in den Jahren 2008, 2012 und 2020.

Rückblick: UEFA-Cup-Finale, 21. Mai 2003

spanien

Celtic FC vs FC Porto 2:3 n.V.

Estadio Olímpico de Sevilla, 52.972 Zuschauer, UEFA-Cup Finale

Heute vor 17 Jahren erlebte ich in Sevilla das UEFA-Cup-Finale zwischen dem Club, der mir international am Herzen liegt, dem Celtic Football Club aus Glasgow, und dem FC Porto. Es sollte bis dato das letzte Mal sein, dass Celtic außerhalb Schottlands auf sich aufmerksam machte.
Am 24. April 2003 saß ich mit Michael und Martin, Anhänger der Mönchengladbacher Borussia, zu denen ich über meine Schwester Kontakt bekam, die uns wegen unseres gemeinsamen Faible für den Celtic Football Club zusammen brachte, vor dem Fernseher und schaute das Rückspiel im Halbfinale des UEFA-Cup zwischen Boavista und Celtic. Das Hinspiel war mit einem 1:1 zu Ende gegangen, die Tore fielen kurz nach der Pause binnen zwei Minuten – Henrik Larsson glich das Eigentor eines Teamkollegen aus. Zur Halbzeit des Rückspiels, beim Stande von 0:0, schlossen wir den Pakt, zum Finale nach Sevilla zu reisen, falls Celtic es noch packen sollte. Während der Celtic Park im Hinspiel mit 60.000 Fans aus allen Nähten platzte, befanden sich im Estadio de Bessa gerade einmal knapp über 10.000 Zuschauer. Lange sah es danach aus, dass uns der Trip nach Andalusien verwehrt bleiben sollte, aber in der 80. Minute traf Henrik Larsson, zu dieser Zeit ja so eine Art Lebensversicherung für Celtic, zum Sieg, ebnete damit den Weg zum Finaleinzug und verhindert ein reines Porto-Finale.
Die Kelten hatten in der Qualifikations-Runde, in der sich auch damals schon nur eher das Fallobst des europäischen Vereins-Fußball gegenseitig ausdünnte, noch ein Freilos genossen. In Runde eins machte der litauische Vertreter aus Marijampolé wenig Probleme und wurde mit insgesamt 10:1 aus dem Wettbewerb entsorgt. In der zweiten Runde gelang schon ein kleiner Coup und die Blackburn Rovers wurden mit zwei Siegen ausgeschaltet. In Runde drei trafen die Schotten auf Celta de Vigo, auch kein Leichtgewicht, aber Dank der Auswärtstor-Regel erreichten die Hoops das Achtelfinale. Dort wartete der VfB Stuttgart. Das Hinspiel gewann Celtic nach Rückstand durch Kuranyi noch mit 3:1. Und so fuhren wir nach Stuttgart zum Rückspiel, zusätzlich an Bord war Michaels Vater. Im Schwabenland trafen wir uns mit einigen Jungs eines Celtic Supporters Club, zu dem die beiden Gladbacher damals schon Kontakt hatten. Nach völlig überraschender früher 2:0-Führung der Gäste, die einen schönen Jubelsturm im Gästeblock das alten Gottlieb-Daimler-Stadions bedeutete, war früh klar, dass die grün-weiße Europa-Reise wohl ihre Fortsetzung finden sollte. Am Ende siegte der VfB zwar noch, aber das verhinderte nicht das Weiterkommen des Europapokalsiegers der Landesmeister von 1967. Die Reise zu den Schwaben hatte sich gelohnt. Im Viertelfinale hieß der Gegner nun Liverpool FC und es gelang das Kunststück, auch diese Hürde zu nehmen. Das wäre heute sicher ein Ding der Unmöglichkeit, aber damals war die Schere zwischen den reichen Clubs und denen in der zweiten und dritten Reihe noch nicht ganz so weit auseinander gegangen, so dass solche Ergebnisse möglich waren. Zu Hause im ‚Paradise‘ reichte es zwar nur zu einem 1:1, aber an der Anfield Road siegte Celtic sensationell mit 2:0. Zwar war Liverpool damals natürlich nicht so stark besetzt wie heute, aber mit Michael Owen, Sami Hyypiä, Steven Gerrard und Co auch alles andere als Durchschnitt.
Einen Tag nach dem Sieg bei Boavista buchten wir unsere Flüge. Kein Plan mehr, ob es damals einfach noch nicht so viele Lowcost-Verbindungen gab, oder ob halb Schottland und Irland bereits alle Flüge in den spanischen Süden über Nacht weggeschnappt hatte. Jedenfalls ging es mit Germanwings nach Madrid und da wir in Madrid spät landeten, übernachteten wir dort. Unsere Reisegruppe wurde komplettiert durch den Gladbacher Fanbeauftragten ‚Tower‘, der als einziger von uns über seine Kontakte bereits ein Ticket für das Finale hatte, und zwei weitere Borussen-Fans. Diese beiden, an deren Namen ich mich nicht erinnere, schieden für den Spielbesuch aber am nächsten Morgen im Bahnhof Atocha aus, da sich einer der beiden seine Geldbörse mit allen Moneten klauen ließ und das Final-Budget damit weg war. Sein Kumpel entschied sich solidarisch ebenfalls auf den Stadionbesuch zu verzichten. Mit dem Schnellzug fuhren wir aber alle gemeinsam nach Sevilla. Ich weiß gar nicht wieso, aber wir hatten sogar noch eine Unterkunft bekommen, drei Betten in einer Jugendherberge weit im Süden der Stadt. Seriöse Quellen sprachen nachher von über 70.000 Celtic-Fans, die nach Sevilla reisten. Man kennt die britische Mentalität. Auch wenn den Leuten klar ist, dass sie das Stadion niemals betreten werden, reisen Sie zum Spiel, um ihrer Mannschaft nahe zu sein. Das läuft bei den englischen Clubs oder den National-Teams bei den wichtigen Turnieren ja nicht anders. Das eigentliche Kontingent je Club umfasste nicht einmal 20.000 Karten.
Mittags kamen wir in Sevilla an, checkten kurz ein und bewegten uns früh Richtung Stadion. Das hübsch-hässliche Estadio Olimpico, ein Olympiastadion, ohne dass in Sevilla jemals Olympia stattfand – es wurde zwecks Bewerbung für Olympia 2004 errichtet – liegt weit draußen am nordwestlichen Stadtrand. Die beiden anderen Gladbacher lieferten wir noch an einem Public Viewing ab. Sevilla war auf seine Gäste nicht gut vorbereitet und hatte nicht mit diesen schottischen Menschenmassen gerechnet, daher organisierten zwei Glasgower Zeitungen noch kurz vor knapp ein Public Viewing in Sevilla für all jene, die nicht ins Stadion gelangten. Wir drei standen nun vor der anspruchsvollen Aufgabe, irgendwie an Tickets zu kommen. Wir hatten vereinbart, dass wir die Kosten für die drei Tickets zusammenrechnen und dann fair teilen. Von den Schotten wurde natürlich annähernd gar nichts verkauft, daher mussten wir uns an die Portugiesen-Mafia halten. Und es wurde eine verdammt zähe Nummer. Irgendwann hatten wir riesiges Glück und konnten schon mal ein Ticket zum Originalpreis von einem Celtic-Fan erwerben. Die Celtic-Fans sind solidarische und faire Leute. Wenn diese was abgaben, dann nur an die eigenen Leute und ohne jeden Gewinn. So wurde eine Frau im Celtic-Trikot, die ein Ticket mit Gewinn verkaufen wollte, von anderen Celtic-Fans übelst beschimpft und beleidigt. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff schlugen wir zu und kauften von einem Portugiesen die beiden uns fehlenden Tickets für je 180 EUR. In Summe mit dem dritten Ticket waren das knapp 400 EUR, also etwas über 130 pro Person. Bis heute ist dieses das teuerste Ticket, dass ich je erworben habe, aber auch ohne Final-Sieg, war es das rückblickend auf jeden Fall wert! Die bange Frage, ob die Dinger echt waren, wurde dadurch eliminiert, dass wir den Porto-Tünnes mit zu den Drehkreuzen schleppten und erst entließen, als es grün aufleuchtete. Nun waren wir zwar alle drei an verschiedenen Plätzen im Stadion, aber wir waren drin! Das Stadion zeigte sich zu drei Vierteln in Grün und Weiß getaucht, lediglich die kleinere der Kurven war mit Porto-Fans gefüllt, die ich auch nur nach den eigenen Toren kurz hören konnte. Die knapp 40.000 Celtic Fans entwickelten eine ungeheure Lautstärke, so dass mein Tinnitus, mit dem ich mich heutzutage plage, eigentlich dort seinen Ursprung haben muss.
Der FC Porto ging favorisiert ins Spiel. Wenn man sich die Aufstellung von damals ansieht, kann man nur mit der Zunge schnalzen und der Trainer der Portugiesen war kein geringerer als José Mourinho. So richtig kann ich mich ans Spiel gar nicht erinnern, aber Porto ging mit dem Pausenpfiff in Führung. Es war trotz Anstoß um 20:45 Uhr noch unerträglich heiß und die Stadion-Logistik war eine totale Katastrophe, denn schon Mitte der ersten Hälfte gingen die Getränke aus. In der Pause wurden sogar Ordner vor den Toiletten postiert, welche die Leute hindern sollten, Wasser aus den Hähnen zu trinken, da dieses nicht sauber war und Durchfallerkrankungen begünstigen konnte. Stattdessen wurden kostenlos bis oben mit Eiswürfeln gefüllte Becher ausgegeben. Immer wenn nach fünf Minuten etwas Eis geschmolzen war, konnte man einen kleinen Schluck trinken. Geiler Scheiß! Unmittelbar nach dem Seitenwechsel glich Henrik Larsson aus und wildfremde Schotten wurden zu meinen besten Freunden und rissen mich in ihre Arme. Es dauerte nicht lange und Porto erzielte die erneute Führung, aber Henrik Larsson glich postwendend wieder aus und wieder geriet ich in den Jubel-Sog und purzelte mit ein paar Leuten die Stufen runter. Ich würde behaupten bis zum Ende der Spielzeit war es ein offener Schlagabtausch, aber bezeugen kann ich es nicht mehr. Verlängerung also und nach fünf Minuten Gelb-Rot für Celtics Baldé, was sich als Todesstoß herausstellte. Porto drehte auf und die Kelten kamen kaum noch aus der eigenen Hälfte. Fünf Minuten vor Ende der Extra-Time war es soweit und es klingelte im Kasten. Der Rest war abartiges Zeitspiel in Blau und Weiß, plötzlich bekam die halbe Mannschaft des FC Porto Muskelkrämpfe, aber der Fairness halber sei angemerkt, dass es insgesamt wohl ein verdienter Sieg für die Portugiesen war. Schade, das war für Celtic die historische Chance, international noch mal einen Titel zu holen, das wird wohl nie wieder passieren.
Als Treffpunkt hatten wir drei den Übertragungswagen des ZDF ausgemacht – warum waren die eigentlich mit einem eigenen Fahrzeug dort? Ich musste hinter der Porto-Kurve vorbei und sah, dass dort noch Getränke verkauft wurden. Nie empfand ich zwei halbe Liter alkoholfreies Bier als so köstlich und nie hab ich so ne Brühe so schnell in den Hals gegossen. Am ZDF-Wagen tauschten wir dann erst mal unsere individuellen Erlebnisse aus, als plötzlich die Tür aufging und Reporter Thomas Wark herauskam, den wir um eine Flasche Wasser baten. Mit Herrn Wark quatschten noch ne Runde, da er sich wunderte, was drei Deutsche dazu trieb den Celtic FC in Sevilla zu supporten. Dann ging das Drama in die nächste Runde. Die Spanier versagten organisatorisch kläglich auf ganzer Linie und so wurde kein ÖPNV bereitgestellt. Da der Ground am Stadtrand hinter einem Park und einem Industriegebiet liegt, gab es nun nur die Möglichkeit auf den eigenen Füßen dort weg zu kommen. Also latschten 50.000 Leute wie auf dem Rückweg von einem Feldzug in die Stadt. Dort waren die Bars natürlich alle überfüllt und ein freies Taxi war logischerweise auch nicht aufzutreiben. Unser Hostel befand sich sieben oder acht Kilometer entfernt am anderen Ende der Stadt. Wir waren im Arsch wie Sau, aber es half ja nix, also liefen wir die komplette Strecke, immer den Fluss Guadalquivir entlang. Da natürlich viel mehr Menschen in der Stadt waren, als es Betten gab, lagen in allen brauchbaren Ecken und auf Bänken oder Rasenflächen die Schotten und pennten. Es sah aus wirklich aus wie nach einer großen Schlacht. Am nächsten Morgen ging es für uns wieder per Zug nach Madrid und mit dem Flieger heim. Dieses Erlebnis wird mir trotz des unerfreulichen Endes für Celtic sicherlich immer in Erinnerung bleiben.

Gastbeitrag von Marco: Wie alles begann – Die Liebe zum RWE

Mein rot-weisser Weggefährte Marco erlag meinem Werben um einen Beitrag darüber, wie er den Weg zum Fußball und letztlich an die Hafenstraße gefunden hat. Vielen Dank dafür!

Wie alles begann – Die Liebe zum RWE

Da der Autor von groundfever.com während der Corona-Krise akute Probleme hat, seine Leser mit aktuellen Berichten zu versorgen, holt er sich in dieser schweren Zeit Hilfe von billigen Arbeitskräften, um so halbwegs über die Runden zu kommen… Heute hat er mich als Gastarbeiter engagiert und nun haue ich ein paar Buchstaben in die Tastatur und erzähle von meinem Werdegang als Fußballfan.
Schon als Kind führte für mich eigentlich kein Weg am runden Leder vorbei, da mein Vater selbst aktiv im Verein spielte und ich somit die Sonntage im Kinderwagen auf den Fußballplätzen in Bottrop und Umgebung verbrachte. Mit fünf oder sechs durfte ich dann selbst beim VfB Bottrop auf dem Feld stehen und in der F-Jugend um Punkte kämpfen. An meine ersten Spiele live im Stadion kann ich mich zwar erinnern, aber die genauen Paarungen kenne ich nicht mehr. Mit etwa zehn Jahren ging es mit Papa regelmäßig samstags zu Bundesligaspielen in der ersten und zweiten Liga. Da er eigentlich keinen Verein hat, für den sein Herz schlägt, ging es zu den NRW-Clubs nach Bochum, Duisburg, Essen, Mönchengladbach und Co – Hauptsache der Ball rollte.
Die Elf vom Niederrhein hatte es mir besonders angetan und so verbrachten wir die Zeit aber meist am Bökelberg. Zunächst immer zusammen auf der Haupttribüne, auf die wir uns immer irgendwie mogelten. Keine Ahnung, wie mein Vater es immer wieder schaffte, uns kostenlos ins Stadion zu bringen. Ein Ordner links, ein Ordner rechts und wir im Gedränge einfach durch die Mitte. Die Tribüne wurde mir dann scheinbar irgendwann zu langweilig und so verabschiedeten wir uns hinter dem Haupteingang meist und ich bog allein links ab in die Nordkurve. So begannen also meine ersten Stunden als Fan. Nach Spielende trafen wir uns dann wieder und es ging ab nach Hause. Spätestens montags nervte ich Papa: „Fahren wir nächsten Samstag wieder ins Stadion?“ Meine Jugendliebe hielt zwar nicht für die Ewigkeit, aber die Borussia bleibt für immer in guter Erinnerung und hat einen Platz in meinem Herzen. Ein gelegentlicher Seitensprung zu besonderen Spielen ist auch noch heute drin!
Am 20.05.1993 hat es mich voll erwischt! Feiertag, Aufstiegsrunde zur 2.Bundesliga, Rot-Weiss Essen gegen Preußen Münster. Vormittags stand ich noch mit dem Tennisschläger in der Hand auf dem Centre Court beim legendären Gerscheder SV. Meine Vereinskollegen Olli und Andre fragten: „Hey, kommst du gleich auch mit an die Hafenstraße?“ Auch hier war ich vorher schon öfter auf der Haupttribüne und  von Lothars Schreck vom Niederrhein und den Kokosnüssen (die wurden hier jahrelang verkauft) war ich da auch schon immer begeistert. Diesmal war es aber anders. Nun stand ich mit Kollegen auf der Fan-Tribüne. Die Stimmung auf den vollbesetzten Stufen kam mir plötzlich viel intensiver vor, als bisher in anderen Stadien. Ich fieberte von der ersten Spielminute mit und freute mich über jedes rot-weisse Tor. Und es fielen einige. Das war meine Geburtsstunde als RWE-Fan. Wir schickten die Münsteraner mit 4:1 nach Hause! Die restlichen Spiele in der Relegation verpasste ich zwar noch, aber beim Aufstieg im letzten Spiel in Münster war ich trotzdem irgendwie live dabei. Ich hatte zeitgleich ein Spiel beim SV Rhenania Bottrop und stand im Tor. Die Zuschauer dahinter hörten Radio und so war ich bestens informiert. Beim Abpfiff in Münster jubelte auch ich auf dem Spielfeld stehend mit.
In der Saison 1993/94 ging es in der Meisterschaft zwar zunächst nur zum VfL Bochum, aber immerhin hatte ich da schon recht viele Heimspiele gesehen, unter anderem die Siege im Pokal gegen den FC St. Pauli, MSV Duisburg und TeBe Berlin. Tja, und direkt im ersten Jahr wartete DAS Highlight auf mich: es ging mit dem RWE nach Berlin zum Pokalendspiel gegen den SV Werder Bremen. Ich musste aber auch schnell erfahren, dass es nicht nur Höhepunkte mit den Roten gibt. Der Lizenzentzug stand bereits vor dem Pokalfinale fest. Nach nur einem Jahr 2.Bundesliga hießen die Gegner in der folgenden Saison nun also VfB Wissen, SV Edenkoben, SC Hauenstein und Co. Für mich ging es deshalb aber nicht auf Abstand. ‚Jetzt erst recht‘ lautete das Motto und auch mehrere Auswärtsspiele wurden besucht. Danke dafür nochmal an Olli und Andre, die sich immer gern als Fahrer zur Verfügung stellten. Mit der Zeit lernte ich so auch immer wieder neue Leute kennen und so fühlte ich mich von Spiel zu Spiel immer mehr als Teil der Fanszene. Besonders vorheben möchte ich an dieser Stelle Krösus und Marcel, die scheinbar schon da überall waren, wo der RWE spielte. So kam es dann auch, dass ich 1999 zum ersten Mal Mitglied in einem Fanclub wurde. Seitdem bin ich ein Red Baron und mehr oder weniger Allesfahrer seit gut 20 Jahren. Im Schnitt dürften es sicher immer gut 28-30 von 34 Meisterschaftsspielen pro Saison gewesen sein, dazu etliche Pokalspiele auf Landes- und Verbandsebene, Testspiele und A-Jugendspiele. Als Entschuldigung für verpasste Spiele galten eigentlich nur die Kicks der eigenen Fußballkarriere oder Urlaube im Ausland.
Als Fan des FC Bayern hat man es bestimmt leichter, da gibt es immer was zu feiern. Hier zwei traurige Beispiele:
1) bis heute warte ich auf einen Klassenerhalt in Liga 2 – immer ist der RWE direkt wieder abgestiegen
2) erst 2007 nach über 30 Anläufen erlebte ich meinen ersten Auswärtssieg in der 2.Liga
Aber wie sang man früher so schön nach Gegentoren: „Das kann doch einen Essener nicht erschüttern! Keine Angst, keine Angst RWE!“ Die Liga wird für mich auch weiterhin keine Rolle spielen. Die Dauerkarte wird gekauft und auch auswärts wird gefahren, egal ob nach Burghausen, Salmrohr, Greifswald oder Cottbus II. Denn eins steht fest: Der FC Bayern wird uns einen Titel niemals wegnehmen, den Niederrheinpokal gewinnen die nie!
Ich hoffe, wir sehen uns bald alle in den Fußballstadien dieser Welt wieder. Bleibt gesund!

Rückblick: DFB-Pokal-Finale, 14. Mai 1994

deutschland

Rot-Weiss Essen vs Werder Bremen 1:3

Olympiastadion, 76.391 Zuschauer, DFB-Pokal Finale

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Heute vor 26 Jahren stand der glorreiche RWE zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte im DFB-Pokal-Finale. Und das als Zweitligist. Dieses Spiel ist für mich noch immer das High-End-Erlebnis mit meinem Herzensclub. Emotional gab es vergleichbare Erlebnisse und hinsichtlich Tifo und Support – auch wenn es vor allem in Hälfte zwei verdammt laut und die Stimmung wirklich nicht übel war – deutlich bessere, aber ein DFB-Pokalfinale werde ich mit meinem Verein wohl nie mehr erleben.
Ich habe (fast) alle Spiele dieser Pokal-Saison gesehen. Es fing alles ganz harmlos an. In der ersten Runde bekam der RWE ein Freilos, was damals noch möglich war, da sich eine Anzahl von Clubs für die erste Hauptrunde im DFB-Pokal qualifizierte, die nicht sofort auf das Schema des K.O.-System passte. In der zweiten Runde wurde der 1.FC Bocholt als Gegner gelost, was eine kurze Anreise bedeutete. An einem frühen Mittwoch-Abend im August gewannen die Roten am Hünting etwas glücklich mit 3:2, denn der glorreiche Deutsche Meister von 1955 geriet in der Schlussphase gegen den Oberligisten noch gewaltig ins Schwimmen. In Runde Drei war dann der FC St.Pauli an der Hafenstraße zu Gast und wieder hieß das Ergebnis 3:2. Dieses Mal aber nach Verlängerung und dramatischem Verlauf. Bis 20 Minuten vor Ende der regulären Spielzeit hieß es  0:2. Aber es war Freitag-Abend und das Flutlicht brannte – schon immer beste Voraussetzung für denkwürdige Pokal-Abende. In der Nachspielzeit fiel noch der Ausgleichstreffer und in der Extra-Time der umjubelte Siegtreffer gegen die Hansestädter. Im Achtelfinale hieß der Gegner MSV Duisburg, damals Bundesligist. Volles Haus und wieder ein Abendspiel, dieses Mal unter der Woche. Und es wurde gegen die Meidericher ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Nach starker Leistung und einem verdientem 4:2-Sieg stand der RWE im Viertelfinale. Die Losfee meinte es nun nicht ganz so gut und schickte meinem Verein nach Jena, Anstoß auf einem Dienstag um 17:30 Uhr.
Das hinderte den mittlerweile auf den Pokal-Geschmack gekommenen Rot-Weiss-Anhang nicht, die Mannschaft zahlreich zu begleiten. Ein Sonderzug wurde auf die Beine gestellt, der am frühen Morgen den Essener Hauptbahnhof verließ. Kalt war es an diesem November-Tag und bei einem Aufenthalt im Herforder Bahnhof, um einen Regelzug passieren zu lassen, zog ein ganz Schlauer die Notbremse, die dann einfror und sich nicht mehr löste. Wäre nur eine Randnotiz, wenn der Defekt nicht ausgerechnet an dem Waggon eingetreten wäre, in dem der Verfasser seinen Platz hatte. Die Passagiere dieses Waggons sollten sich also auf die übrigen ungefähr zehn Wagen verteilen. Der defekte Waggon musste mitten aus dem Zugverband heraus rangiert werden, das kostete Zeit. Und Nerven. Denn es war nun frühzeitig klar, dass ein pünktliches Eintreffen zu Spielbeginn in Jena nicht mehr möglich war. Das war das Zeitproblem. Das Problem mit den Nerven hatten aber nicht die feiernden und bierseligen RWE-Fans, sondern die feinen Herren Beamten der den Zug begleitenden Hundertschaft. Die umsteigenden Fans waren natürlich daran interessiert, mit ihren Freunden und Bekannten zusammen zu bleiben. Ich war von meiner Gruppe getrennt worden und wollte mich zu diesen begeben. Das passte einem der im Gang stehenden Beamten nicht, denn dieser forderte mich unfreundlich auf, mich in das hinter mir befindliche Abteil zu setzen. Mein Einwand, dass ich nur zu meinem Leuten wollte, beantwortete der Uniformierte mit einem massiven Stoß vor meine Brust, der mich einen Meter zurück warf.
Nun reagierte ich mit ein paar leckeren Stauder in der Blutbahn leider nicht mehr allzu sensibel, was dazu führte, dass ich umgehend aus dem Zug entfernt wurde. Und mein bester Kumpel, der mich aus einiger Entfernung verbal verteidigt hatte, gleich mit. Überragende Aktion von Team Schnittlauch, aber was will man auch von Leuten erwarten, die in der Sonderschule nur die Fächer Singen und Klatschen belegt haben. Damit wir bei Minustemperaturen auf dem Bahnsteig nicht so frieren mussten, war die nun übernehmende Bahnpolizei so freundlich, uns bei der Herforder Hauptwache abzuliefern, wo wir uns noch ne Zeit lang sinnlosen Bullen-Hirnschiss anhören mussten, bis wir wieder raus geschmissen wurden. Heißen Dank. Immerhin bekamen wir unseren Biervorrat zurück, der uns die Rückfahrt verkürzte. Ich räume ein, dass meine Reaktion auf das aggressive Vorgehen dieses Berufsverfehlers sicherlich nicht dem Deeskalations-Lehrbuch entstammte. Dennoch sehe als Verursacher dieser Situation in erster Linie den OrdnungsKrawallhüter, denn hätte der mich einfach nur zwei Abteile weiter ziehen lassen, wäre nichts geschehen. Die Nummer damals ist sicherlich mitentscheidend für meine heutige Meinung zu Polizeieinsätzen bei Großveranstaltungen. Wenn es denn was Gutes hatte, dann dass uns nach dem Spiel nicht die Extremitäten wegen Erfrierungen amputiert werden mussten. Denn bei 15 Grad minus musste der RWE nach 120 torlosen Minuten ins Elfmeter-Schießen, wo Kult-Torwart Franky Kurth den entscheidenden Ball hielt, und die Roten in die Vorschlussrunde beförderte
Halbfinale also und es waren nur noch Werder, Dynamo und TeBe Berlin mit im Rennen. Gebannt wurde die Auslosung verfolgt und mit dem Heimspiel gegen die Ligen-Gefährten aus Berlin hätte die Ausgangslage nun nicht besser sein können. Die Berliner stellten damals allerdings eine Star-besetzte Truppe, waren damit zwar dennoch Schlusslicht der zweiten Liga, aber auch nicht im Vorbeigehen zu besiegen. Eigens für dieses Spiel wurde auf der Fläche der kurz zuvor wegen Baufälligkeit abgerissenen legendären Westkurve eine Stahlrohr-Tribüne errichtet, um das Fassungsvermögen zu erhöhen. 24.000 Zuschauer, ausverkauft, hieß es dann und vom violetten Berlin war nur ein Dutzend Fans an diesem Dienstag-Abend im März nach Essen gekommen. Es war ein richtig gutes Fußballspiel, die Roten waren das bessere von zwei engagierten Teams und gewannen verdient mit 2:0. Finale, BÄÄÄM! Dabei war die Situation damals eine besondere, denn der glorreiche RWE hatte bereits im November rückwirkend die Lizenz für die laufende Zweitliga-Spielzeit entzogen bekommen. Zu den Lizensierungs-Unterlagen war eine Nebenvereinbarung zwischen dem Präsidenten und dem Haupt-Gläubiger des Vereins getroffen worden, was dem Aufsichtsrat erst im Herbst gewahr wurde. Der Präsident wurde abgewählt und der Verein entschied sich zur Selbstanzeige, in der Hoffnung, milde bestraft zu werden.
Der DFB wäre aber nicht der DFB, wenn er das nicht anders bewertet hätte. Sachlich zwar wohl korrekt, denn die Roten hätten die Lizenz wohl gar nicht erst erhalten, wenn die Vereinbarung dem Lizenzantrag beigefügt worden wäre. Aber so ein Urteil sendet natürlich ein Signal an mögliche Nachahmer. Besser man schweigt sich aus, statt zur Aufklärung beizutragen, wenn letzteres das Strafmaß nicht positiv beeinflusst. Pikanterweise hatte der für diese Entscheidung mitverantwortliche Vorsitzende des DFB-Ligenausschusses Mayer-Vorfelder kurz nach der Bekanntgabe des Lizenzentzugs in seiner gleichzeitig ausgeübten Funktion als Präsident des VfB Stuttgart den RWE-Trainer Jürgen Röber geangelt. Man muss ihn einfach liebhaben, diesen wunderbaren Deutschen-Fußball-Korruptions-Verband. Es wurde zwar noch ein Einspruch verhandelt, aber kurz nach dem Halbfinal-Sieg gegen TeBe war die Entscheidung final besiegelt. Die restliche Saison bestand also nur aus Freundschaftsspielen, denn dem RWE waren alle Punkte aberkannt worden und es wurde fortan an ohne Wertung gespielt. Das galt aber nur für die Roten – für den Gegner zählte der Spielausgang. Da werden sich einige Clubs in den Arsch gebissen haben, die noch Punkte gegen den RWE ließen. Für echte Emotionen blieb also nur der Pokal und der Fußballgott wird schon wissen, warum, er einen vom DFB – sorry – gefickten Verein genau in diesem Moment in dessen hochgelobtes Pokalfinale führte.
Ich habe nie länger für eine Karte angestanden, als für dieses Spiel. Zwei Stunden vor Öffnung der Vorverkaufsstelle in meinem Stadtteil fand ich mich ein und stand ungefähr an Position 300. Wir waren eine Reisegruppe von gut zehn Leuten. Freundin, Kumpel, Schwester, Freundin von Schwester, Schwester vom Kumpel, Freund von Schwester vom Kumpel undsoweiter. Mit dem ICE ging es früh morgens los und obwohl jeder Final-Teilnehmer nur 15.000 Tickets zugesprochen bekam, hatten sich über irgendwelche Quellen gut 25.000 Essener – einige Quellen schätzen sogar 30.000 Rote – versorgt, waren in die Hauptstadt gereist und tauchten den Ku-Damm in Rot und Weiss. Die Fanfreundschaft zum SV Werder, die aber sicherlich nicht jeder teilte, erlebte damals ihre Hochphase. Ein optimaler Gegner für eine große Party und für mich natürlich aufgrund meiner Sympathie für den Club von der Weser noch mal eine zusätzliche Kirsche. Die Aufstellung bereitete Kopfzerbrechen, denn Ingo Pickenäcker, wichtiger Verteidiger, ging verletzt und nur fit gespritzt in die Partie, was sich als Fehlentscheidung herausstellte.
Die Roten zeigten in Hälfte eins leider auch zu viel Respekt vor der Aufgabe und Werder schoss locker eine 2:0-Führung heraus. Das änderte sich nach dem Wechsel. Kurz nach der Pause erzielte Bangoura den Anschlusstreffer und die Bremer kamen ins Wanken. Gehörig sogar. Es spielte nur noch der RWE, aber dieser verschissene Ausgleichstreffer wollte einfach nicht fallen. Kurz vor dem Ende setzte der SVW dann durch einen berechtigten Elfmeter, der wegen Handspiel nach einem Konter verhängt wurde, den Schlusspunkt. Die Essener Mannschaft wurde natürlich dennoch für diesen letztlich starken und mutigen Auftritt zurecht gefeiert und das Aufatmen bei den Verbandsbossen, dass der Pokal nicht in die Stadt der Aufständischen ging, spürte man bis in den Ruhrpott. Während des Spiels hatte es immer wieder Unmutsbekundungen gegen den DFB gegeben, in die nach und nach auch die sich solidarisierenden Bremer Freunde einstimmten, so dass sich die Stadionregie nicht zu blöde war, während des laufenden Spiels laute Musik einzuspielen, um das aus an die 50.000 Kehlen gegrölte „Tod und Hass dem DFB“ zu übertönen. Auch während der Pokal-Übergabe hörte man nur die RWE-Gemeinde. Nach dem Kick brauchte ich ein paar Minuten allein, um das Erlebte sacken zu lassen. Dann ging es noch für ein paar Stunden auf den Ku-Damm, aber der Akku war völlig leer gesogen und ich war froh als wir in aller Frühe den Zug nach Hause bestiegen. Ein wahrhaft unvergessliches Erlebnis!

Rückblick: Aufstiegsrunde 1993

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Saison 1992/1993 – Die Aufstiegsrunde zur 2.Liga

Im Sommer des Jahres 1993 erlebten die Anhänger der Rot-Weissen eine der nicht allzu häufig auftretenden Phasen der Glückseligkeit. Der RWE war einigermaßen souverän durch die Oberliga Nordrhein, damals drittklassiges Niveau, marschiert und fieberte nun der Aufstiegsrunde zur 2.Liga entgegen. Diese Runden waren damals noch notwendig, weil es unterhalb der zweiten Liga Deutschlandweit zehn Oberligen gab. Eigentlich eine ziemlich geile, weil emotionsgeladene Sache und diese Aufstiegsrunden dauerten ja auch gute drei Wochen, gingen aber nach einer anstrengenden regulären Saison an die Substanz. Zudem war die Planung für die kommende Spielzeit ob der Ungewissheit, in welcher Liga man nun antreten würde, äußerst schwierig, da diese Runden erst kurz vor dem Saison-Schluss zu Ende gingen.
In 1993 wurde in drei Gruppen jeweils ein Aufsteiger ermittelt. Eine Gruppe umfasste die Meister der in drei Staffeln spielenden Oberliga Nordost, in der zweiten Gruppe spielten die Meister Baden-Württembergs, Hessens, Bayerns und dem Vizemeister der Oberliga Nord, welcher als einziger Tabellenzweiter antreten durfte, da die Nord-Oberliga ein sehr weites Gebiet umfasste. Und in der dritten Gruppe kämpfte der RWE mit den Meistern Westfalens, Preußen Münster, des Südwestens, Eintracht Trier, und des Nordens, dem VfL Herzlake. Die Preußen und der RWE gingen als Favoriten in die Runde – es war nahezu klar, dass der Platz an der Sonnen zwischen diesen beiden Clubs ausgemacht würde. Der Trierer Eintracht wurden Außenseiter-Chancen eingeräumt und der VfL aus dem 4000-Einwohner-Kaff Herzlake im Emsland war das unbeschriebene Blatt, das aber zurecht keiner auf der Rechnung hatte.
Rot-Weiss hatte damals eine der Mannschaften, die dem RWE-Anhang wohl am positivsten in Erinnerung geblieben sind. Neben Schnapper und Fan-Liebling Frank Kurth, standen Identifikationsfiguren wie Jörg Lipinski, Olli Grein, Jürgen Margref und Christian Dondera im Kader und Trainer war der beliebte Jürgen Röber. Am frühen Abend an Christi Himmelfahrt, dem 20.05.1993 brachte der erste Spieltag die favorisierten Teams direkt zueinander. An der Hafenstraße empfing der glorreiche RWE die Preußen vor über 20.000 Zuschauern. Und spielte wie entfesselt! Dabei waren die Preußen mit Torhüter Zdenko Miletic, Christos Orkas, Ralf Lewe und vor allem Ansgar Brinkmann wirklich nicht übel besetzt. Dazu kam mit Trainer Hans-Werner Moors, der schon bei RWE tätig war und Jürgen Serr, der erst vor der Saison ins Münsterland wechselte noch zusätzliche Brisanz ins Spiel. Auch wenn die Münsteraner nach der 2:0-Führung der Rot-Weissen zum Anschlusstreffer kamen, geriet der Sieg nie in Gefahr und so ging es mit gehörigen Selbstvertrauen am Sonntag darauf nach Herzlake.

Es war zum rot-weissen Konvoi aufgerufen worden und am Stadion sammelten sich hunderte Autos, die sich zusammen mit einem Bus des RWE-Fanclubs auf den Weg machten. Auf der Autobahn verteilten sich die Fahrzeuge mit eingeschalteter Warnblinkanlage über alle Spuren und juckelten hinter dem an der Spitze fahrenden Bus her. Die A31 war damals noch nicht lückenlos und endete bei Ochtrup. Von dort zog sich dann ein endloser RWE-Wurm über die Dörfer und brachte die Anwohner zum Staunen. Gut 2.000 Rote hatten es ins kleine, aber wirklich feine Hasetalstadion geschafft, dass mit 6.500 Zuschauern aus allen Nähten platzte und bis heute Rekordbesuch für ein Heimspiel des VfL Herzlake ist. Und der Underdog brachte die Gäste auch gehörig ins Schwitzen. Zwar konnte der Führungstreffer des VfL in der zweiten Halbzeit ausgeglichen werden, aber der gewonnene Punkt fiel in die Kategorie ‚glücklich‘. Vorbereiter für den Ausgleichstreffer war Achim Reichel, Ex-Bundesliga-Profi des KSC, der erst kurz vor dem Ende der regulären Oberliga-Saison verpflichtet worden war.
Die Personalie Reichel sollte noch für erhöhten Puls im rot-weissen Lager, denn nach dem Spiel in Herzlake hieß es plötzlich, dass keine Spielberechtigung vorgelegen hätte. Der VfL legte natürlich Protest ein und RWE setzte Reichel zur Vorsicht nicht weiter ein. Einige Tage später kam dann Entwarnung vom DFB, dass Rot-Weiss kein fehlerhaftes Handeln nachzuweisen sei. Reichel wurde vorsichtshalber dennoch nicht mehr aufgestellt und kam daher nur zu zwei Einsätzen im Dress des Deutschen Meisters von 1955. Für die Aufstiegsrunde wurde auch noch der vereinslose Oliver Pagé, der in Leverkusen und Dresden Bundesliga-Erfahrung gesammelt hatte, verpflichtet. Einen Vertrag für die folgende Spielzeit lehnte Pagé ab und wurde stattdessen Priester einer Freikirche. Klingt merkwürdig, war aber so. Pagé fand aber auf Umwegen zurück ins Fußballgeschäft und ist heute Leiter des Nachwuchs-Leistungszentrum von RWO. Und dann war da noch Olivier Djappa, der ebenfalls für die Aufstiegsrunde aus Kamerun verpflichtet und als Top-Stürmer vermeldet wurde. Djappa spielte in dieser Aufstiegsrunde wenig, blieb aber eine weitere Saison. Aber so richtig wurden RWE und Djappa nicht warm miteinander und er zog von dannen. Bezeichnend, dass er in den folgenden Jahren zunächst in Fulda und dann in Reutlingen reichlich die gegnerischen Netze beulte.

Der dritte Spieltag der Runde führte die Roten in die alte Römerstadt. An dieses torlose Spiel an einem Samstag-Nachmittag im Moselstadion habe ich wenig Erinnerung, außer dass es brütend heiß war und dass wieder eine stattliche Anzahl an Essenern auch zu diesem Spiel gereist war. 14.000 Zuschauer sorgten für eine Rekordkulisse an der Mosel. Markus Osthoff, dem noch erfolgreiche Jahre an der Wedau bevor standen, war damals der Top-Stürmer bei der Eintracht. Außerdem verbrachte Jürgen Mohr den Karrieren-Spätsommer an der Mosel und Mathias Hamann, Bruder von Didi Hamann, spielte ebenfalls in Trier. Zur damaligen Zeit bestand meine Rot-Weiss-Clique aus meiner Schwester und Ihrer besten Freundin, sowie meinem besten Freund. Wir hatten für das Wochenende Quartier bei unseren Verwandten in der Nähe von Wittlich aufgeschlagen und daher eine kurze An- und Abreise. Unser Verwandter aus der Eifel war damals einer der maßgeblichen Sponsoren des FSV Salmrohr, der als Dorf-Club ja einige gute Jahre erlebte. Da die Trierer Eintracht und der FSV erkannt hatten, dass die Region nur einen ambitionierten Verein verträgt, waren beide Clubs ein Jahr zuvor eine Kooperation eingegangen, deren Priorität natürlich auf der Eintracht lag. Nach einem Heim- und zwei Auswärtsspielen standen die Roten also nach der damals noch gültigen Zwei-Punkte-Wertung mit 4:2 Zählern vor den folgenden beiden Heimspielen sehr gut da.
Die Rückserie dieser Gruppe wurde in umgekehrter Abfolge gespielt, daher stellte sich die Eintracht nur vier Tage nach dem torlosen Remis an der Essener Hafenstraße vor. 14.800 Zuschauer sahen eine souveräne Essener Mannschaft, die nie einen Zweifel daran ließ, wer als Sieger vom Feld gehen würde. Das ungefährdete 3:0 war wohl das nervenschonendste Spiel dieser Aufstiegsrunde. Zum vorletzten Spiel und letzten Heimspiel kam am darauf folgenden Sonntag der mittlerweile chancenlose VfL Herzlake nach Essen. Einfache Nummer sollte man meinen und so waren offenbar alle, die gegen Trier schon da waren, erneut gekommen. Lediglich 100 Leute schienen verhindert, denn 14.700 Personen füllten die Ränge, darunter allerdings auch eine Busladung aus dem Emsland. Die Gäste waren aber offenbar nicht bereit nur die Statisten bei einer Spaßveranstaltung zu geben und gingen früh in Führung. Der Schreck saß. Und zwar so tief, dass der supersichere Elfmeter-Schütze Lipinski die Chance zum Ausgleich mit einem verschossenen Strafstoß liegen ließ und erst Pickenäcker den Gleichstand mit einem weiteren Elfer herstellte. Danach hatten die wirklich tapfer für ihre Ehre kämpfenden Gäste nichts mehr entgegen zu setzen. Auch wenn die wilde Fahrt erst in der zweiten Hälfte abging. Drei Eier legten die Roten dem VfL noch ins Nest, unter anderem ein kurioses Ding, als der Gäste-Schnapper Goran Curko den angreifenden Olli Grein austanzen wollte, aber letztlich nur ein Tänzchen mit sich selber hinbekam und der Haken-Olli die Kugel quasi nur noch ins leere Gehäuse schieben musste.
Für den Serben Curko war Herzlake die erste Station in Deutschland und das Sprungbrett für dir Profi-Karriere. Ich habe Curko aber eigentlich nur aus Bielefeld in Erinnerung, wo er nach unterirdischen Leistungen von den eigen Fans fortlaufend mit Schmährufen bedacht wurde und daraufhin mitten im Spiel einfach vom Platz ging. Eigentlich hatten alle gehofft, der Aufstieg könnte mit einem Heimsieg in trockenen Tüchern sein, aber die Preußen blieben dran und gewannen ihr vorletztes Spiel in Trier, es sollte also zum Showdown in Münster kommen. Die VfL-Spieler lagen erschöpft auf dem Rasen und nachdem die Roten für den klaren Sieg ausgiebig gefeiert worden waren, hörte man schon vereinzelte VfL-Rufe von Essener Seite, die immer lauter wurden und die Gäste-Spieler wurden letztlich zu einer Ehrenrunde bewegt. War ja grundsätzlich auch eine sympathische Truppe und daraus entstand für ein paar Jahre tatsächlich eine kleine Fanfreundschaft. Die kleine Szene des VfL war immer mal wieder an der Hafenstraße zu Gast und umgekehrt fuhren Essener Abordnungen ins Emsland. Das endete als der VfL nach ein paar Jahren aus finanziellen Gründen den Rückzug auf Kreis-Ebene antreten musste, als sich der jahrelange Mäzen, ein Möbelhersteller, zurückzog. Heute hat sich der der Verein auf Bezirksebene etabliert. Mehr ist für Provinz-Vereine in heutiger Zeit auch einfach nicht realistisch.

Am Sonntag den Juni 1993 fand also das entscheidende Spiel zwischen Preußen Münster und Rot-Weiss Essen statt. Ich kann mich nicht erinnern, besondere Nervosität verspürt zu haben. Die Roten hatten bisher eine starke Runde gespielt, allerdings auch auswärts weniger überzeugt als daheim. Dennoch – der Druck lag bei den Gastgebern, da dem RWE ein Unentschieden genügt hätte. RWE hatte 8:2 Punkte auf dem Konto, Preußen 7:3. Jürgen Serr hatte die Stimmung noch unnötig mit unsensiblen Äußerungen angeheizt und die Rot-Weissen damit wahrscheinlich zusätzlich motiviert. 3.000 Tickets hatten die Münsteraner nach Essen gesendet, natürlich viel weniger als Nachfrage bestand. Unter den 21.000 Zuschauern im alten Preußen-Stadion an der Hammer Straße waren dann trotzdem über 8.000 Essener Anhänger, manche Quellen geben sogar 10.000 an. Keine Ahnung wie viele Rote es wirklich ins Stadion geschafft hatten, aber es waren definitiv viele!
RWE startete in die Partie, wie es besser nicht hätte sein können. Nach vier Minuten stürmte Dondera mit der Kugel über das halbe Feld und wurde regelwidrig gestoppt. Ein Fall für Harry Kügler, der den fälligen Freistoß aus über zwanzig Metern ins untere rechte Toreck drosch. Ich meine, dass dann lange Zeit nicht viel zwingendes passierte. Es gab ein paar Chancen hüben und drüben, aber die Preußen schienen mit dem noch höheren Druck nicht recht umgehen zu können und die Roten brauchten ja nach vorn eh kaum was machen. Nach einer Stunde hatten die Münsteraner ihre größte Chance zum Ausgleich, als der Ball gegen den Pfosten prallte und der Nachschuss nicht genutzt wurde. Als eine Viertelstunde vor dem Ende Olli Grein eine abgefälschte Flanke von Thomas Ridder einköpfte, war das der Todesstoß für die Gastgeber. Kurz danach erzielte Dondera das 3:0 und der Drops war endgültig gelutscht, der Fisch gegessen, die Wiese gemäht, der Sack zu, die Kuh vom Eis! Den Ehrentreffer kurz vor dem Schlusspfiff nahm kaum einer wahr und mit dem letzten Pfiff der Saison ergoss sich die rot-weisse Masse auf den Rasen des Preußen-Stadions. Soweit ich mich erinnere blieb aber alles weitestgehend friedlich und als man sich vor Ort genug ausgetobt hatte fuhr der ganze Haufen zurück zu Hafenstraße, wartete dort auf die Mannschaft und die Party ging in die zweite Runde.
Ich hab mit meinem Fahrstuhlverein ja nun schon einige Aufstiege erlebt, genau gesagt sieben. Aber dieser Aufstieg im Jahr 1993 ist der, der mir am nachhaltigsten und am liebsten in der  Erinnerung geblieben ist. Das Gesamtpaket stimmte einfach und der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft und die Interaktion mit der Kurve war großartig. Letztlich war der Aufstieg auch einfach nur verdient, da die Roten ihre Gruppe mit 10:2 Punkten und 15:4 erzielten Toren ohne Niederlage eindrucksvoll beherrschten. Nur der RWE!

Gastbeitrag von Malte: Groundhopping und der VfB Oldenburg

GROUNDFEVER geht neue Wege. Ich habe mich entschlossen, in dieser Zeit, in der unsere Leidenschaft in ein künstliches Koma versetzt wurde, in loser Folge und ohne zeitliche Regel einige Gast-Autoren um Beiträge zu bitten, in denen die Verfasser erzählen, wie sie zum Verein ihres Herzens und die Begeisterung für Fußball-Reisen gekommen sind. Den Anfang macht Malte aus Oldenburg, Anhänger des VfB, der die Seite GLOBALTRIPS im Netz betreibt. Mein bis heute einziger Besuch im Oldenburger Marschwegstadion datiert übrigens aus dem Jahr 1996, als der glorreiche RWE nach Führung aus der ersten Hälfte das Spiel in der Schlussphase noch abgab. Über 20 Jahre her – ich bin alt! Vielen Dank für Deinen Beitrag, Malte.

Groundhopping und der VfB Oldenburg – wie alles begann!

Es ist Dienstag, der 15.08.2006. Im Oldenburger Marschwegstadion fertigt gerade der Fünftligist VfB Oldenburg den alten Rivalen und damaligen Drittligisten Kickers Emden mit 3:0 ab und zieht in die nächste Runde des NfV-Pokals ein. Mitten in der jubelnden Menge steht ein elfjähriger Junge und ist fasziniert. Dieser elfjährige Junge war natürlich ich. Meine Brüder nahmen mich mit ins Stadion und ich war direkt infiziert. Es war die perfekte Zeit, um zum VfB zu stoßen. Ein Jahr zuvor hatte die Mannschaft unter Joe Zinnbauer den Aufstieg knapp verpasst, was in dieser Saison nachgeholt werden sollte. Es folgte für mich schnell die erste Auswärtsfahrt. Mit dem Zug ging es zur zweiten Mannschaft des SV Wilhelmshaven, wo bei bestem Wetter 4:1 gewonnen wurde.
Die kleine, familiäre Fanszene, der auch meine Brüder angehörten, beeindruckte mich zunehmend und ich wollte unbedingt jedes Spiel sehen, egal ob Heim oder Auswärts. Die Saison verlief erfolgreich und hatte sogar das eine oder andere Spiel zu bieten, an welches man sich auch heute noch gerne zurück erinnert. Dabei fällt mir spontan die 0:3 Niederlage in Rehden ein, bei der aus Protest gegen die Eintrittspreise von einer stillgelegten Bahnanlage aus supportet wurde. Oder das Auswärtspiel in Havelse, zu dem sich dank finanzieller Hilfe von Sponsoren vier Busse aus Oldenburg auf den Weg nach Garbsen machten, ebenso wie eine Gruppe sportlich orientierter Schlachtenbummler, die mit dem Zug anreiste. Mit dazu zählt natürlich auch der letzte Spieltag. Der VfB hatte es in eigener Hand, es fehlte nur ein Sieg um diese Saison mit dem Aufstieg zu krönen. Und die Blauen ließen nichts anbrennen und gewannen gegen den TuS Lingen vor 8000 Zuschauern mit 4:0. Müsste ich fünf Spiele aussuchen, die mir emotional im Gedächtnis geblieben sind, dann gehört dieses ganz sicher dazu. Es folgte eine große Party im Stadion, am Fanprojekt und anschließend mit offizieller Feier am Stadthafen.
In der darauffolgenden Saison in Liga 4, damals noch Oberliga Nord, warteten dann auch direkt die nächsten Highlights, aber auch die erste herbe Enttäuschung. Da ich Gästefans im Marschwegstadion nicht kannte, fieberte ich schon vor der Saison den Spielen gegen Holstein Kiel und natürlich den Erzrivalen SV Meppen entgegen. Auf diese Spiele blicken noch viele VfBer gerne zurück. Im Oktober war der haushohe Favorit und Tabellenführer aus Kiel im Marschwegstadion zu Gast und ging folgerichtig auch mit 2:0 in Führung. Unserem jungen Team gelang aber eine legendäre Aufholjagd, die zehn Minuten vor dem Ende durch einen ebenso legendären Freistoß von Ghasemi-Nobakht mit dem Siegtreffer gekrönt wurde. Ekstase pur unter den 6300 Zuschauern im Stadion. Nur zwei Wochen später waren dann die Emsland-Schweine zu Gast, die mit 3:0 direkt wieder nach Hause geschickt wurden. Die Hinrunde wurde sensationell auf dem zweiten Tabellenplatz beendet. Das war auch wichtig, denn nach dieser Saison sollte es eine Reform geben, die die beiden Regionalligen zur neuen 3.Liga zusammenschloss. Um sich also für die neue vierte Liga, die neue Regionalliga, zu qualifizieren musste man mindestens den fünften Platz erreichen. Der Sechst- und Siebtplatzierte würden in der Relegation antreten müssen.
Der VfB Oldenburg wäre nicht der VfB Oldenburg, wenn man nicht die Rückrunde so verkackt hätte, dass man am letzten Spieltag auf die Schützenhilfe von Holstein Kiel hoffen musste, um zumindest noch die Relegation zu erreichen. Zwar ging das noch irgendwie gut, allerdings verkackte man anschließend auch die Relegation in bester Oldenburger Manier. Es ging also nach nur einem Jahr wieder zurück in Liga 5. In dieser Saison schaffte es der VfB endlich mal in die landesweite Presse. Aber anders, als man es sich erhofft hatte. Nach einer souveränen Saison, die man vier Punkte vor Eintracht Nordhorn auf Platz 1 beendete, folgten die Aufstiegsspiele gegen den Goslarer SC. Der VfB und Aufstiegsspiele. Wie eben angemerkt, passt das nicht zusammen. Nachdem man im Hinspiel in Goslar mit 1:0 gewann, waren die Erwartungen in Oldenburg und dem Umland sehr groß. Im Rückspiel fanden sich 12000 Zuschauer zusammen, von denen wahrscheinlich nur die mitgereisten Südniedersachsen noch dran glaubten, dass der VfB das ganze aus der Hand gibt. Aber wie war das noch gleich? Der VfB wäre nicht der VfB, wenn…
1:2 für Goslar und der Traum wurde zum Albtraum. Kurz nach Abpfiff entlud sich Frust und Enttäuschung in einem Platzsturm mit anschließendem Handgemenge. Ausgang bekannt. Beim Gedanken daran flossen auch Wochen später noch Tränen. Der bis heute schwärzeste Tag in meinem Fan-Dasein und in der jüngeren Vereinsgeschichte. Innerhalb des Vereins und der Fanszene herrschte Chaos, viele Stadionverbote und „Geisterspiele“ wurden verhängt. Außerdem eilt dem VfB seitdem auch ein unrühmlicher Ruf voraus.
Erst im Jahr 2012 konnte man sich im Zuge der nächsten Reform für die vierte Liga qualifizieren, in der man bis heute verweilt. Zwischenzeitlich machte sich auch bei mir eine kleine Lethargie breit, was dazu führte, dass ich nach jahrelanger Mitgliedschaft in verschiedenen Fangruppen das Geschehen nur noch von Außen betrachtete und nicht mehr ins Stadion ging. Der graue Alltag auf norddeutschen Sportplätzen, die man teilweise zum dritten oder vierten Jahr in Folge besuchte, motivierten irgendwann nicht mehr. Das fing erst einige Zeit später wieder an, als Freunde von mir mich wieder motivieren konnten, mit ins Stadion zu kommen. Mittlerweile allerdings auf der Haupttribüne und nur noch gelegentlich im Fanblock auf der Gegengerade. Das klingt jetzt schon irgendwie wie ein alter Hase. Meine ersten Jahre mit dem VfB waren aber auch einfach extrem turbulent. Da muss man sich erst dran gewöhnen, nicht jedes Jahr um den Aufstieg mitspielen zu können und auch mal einige Jahre im Tabellenmittelfeld herumzukrebsen.
2015 ging ich schon einige Zeit wieder regelmäßig ins Stadion und fuhr auch wieder auf Auswärtsspiele. Im Frühjahr fragte mich mein Bruder, der es selbst aus privaten Gründen kaum noch ins Stadion schafft, ob ich Lust hätte mit ihm zusammen nach Schottland zu fliegen, um sich ein ein Spiel von Heart of Midlothian anzuschauen. Ich war zu dieser Zeit noch nie geflogen und, außer gelegentlicher Ausflüge in die benachbarten Niederlande, auch nie im Ausland. Ich war also direkt angetan von der Idee und wir machten uns dann im Januar für ein Wochenende auf den Weg nach Edinburgh. Ich war als Fan eines Viertligisten natürlich irgendwie anders mit dem Fußball verbunden, als nur die „großen“ Vereine in der Champions League zu verfolgen. Mir hatten es schon immer mehr die Traditionsvereine angetan, die ich fast alle durch Kicker-Stecktabellen oder durchgemachte Nächte vorm Fußball Manager kannte. Das Wochenende in der schottischen Hauptstadt gefiel mir so gut, dass ich drei Monate später mit zwei Freunden direkt wieder verreisen wollte. Wir entschieden uns für eine Woche in Amsterdam und schon hatte ich auch meine erste Reise selbstständig organisiert. Im Oktober führte uns der Weg nach langer Überlegung nach Lissabon. Aus heutiger Sicht eine absolute Chaosplanung. Da wir früh morgens von Düsseldorf aus abflogen, mussten wir schon einen Abend zuvor zum Flughafen fahren und die Nacht dort verbringen. Mit Iberia flogen wir erst nach Madrid und nach einem dreistündigen Aufenthalt weiter nach Lissabon. Alles extrem unnötig, kann man doch von Hamburg einfach und günstig direkt nach Lissabon fliegen. Aber gut, die Erfahrungen muss man nunmal auch selbst machen.
Auf den ersten Reisen war mir persönlich Fußball nicht so wichtig. Ich schaute meist erst nach der Buchung, ob irgendwas in der Nähe ist und so machte ich den Länderpunkt Portugal ziemlich spontan mit dem Besuch bei Sporting Lissabon in der Europa League. Auch die folgenden Reisen nach Marrakesch, Barcelona oder Split besuchte ich keine Spiele. Das lag aber eher daran, dass ich mich nach meinen Mitreisenden richtete, die allesamt nur in den Fußballpausen Urlaub oder Semesterferien hatten. Man kann also sagen, dass mich vor dem Groundhoppen schon das Reisefieber gepackt hat. Man erlebt halt auch ohne Fußball zu schauen sehr viel wenn man unterwegs ist. Ob es zwielichtige Apotheker in Marrakesch ist oder nächtlich barfuß durch Barcelona zu irren, weil man es nicht hinbekommt, seine Schuhe anzuziehen. Anekdoten gibt es viele, die ich nicht alle aufzählen kann, darf oder möchte. Ist wahrscheinlich besser so. 😀
Damit angefangen, meine Reisen nach Fußball zu richten, habe ich erst im Jahr 2018. Ist also noch gar nicht so lange her. Ich habe dann echt lange mit mir gerungen, mal alleine zu verreisen, nachdem ich zuvor für jede Tour eigentlich jemanden gefunden hatte, der mich begleitet. Irgendwann wollte ich aber meine Mitmenschen nicht jedes Mal nerven und auch nicht auf eine Reise verzichten, weil ich keine Begleitung fand. Im April 2018 verreiste ich dann das erste Mal alleine. Zumindest zum Teil. Ich flog alleine nach Mailand, um das Derby zu besuchen, welches an einem Mittwochabend nachgeholt wurde. Am Samstag traf ich mich mit einem Freund aus Kiel, mit dem ich nach Genua zum Derby weiterfuhr. Ich hatte ja mittlerweile ein bisschen Erfahrung und mit Italien auch nicht das exotischste Ziel auserkoren. Allein unterwegs zu sein kann wirklich entspannt sein. Man kann jeden Tag selbst gestalten und braucht auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Genau so wie man deutlich mehr aus sich selbst herauskommen und auf die Menschen zugehen muss. Das fällt dem gemeinen Norddeutschen ja bekanntlich auch nicht so leicht. Bei mir klappte das unerwartet gut, auch wenn ich bis heute lieber jemanden dabei habe, mit dem ich das Erlebte teilen kann.
Um mir die Zeit alleine zu vertreiben, fing ich an Berichte zu schreiben, da ich selbst immer schon gerne Reise- und Hoppingberichte gelesen habe. Im Zuge dessen entstand dann auch meine Homepage. Vorbild dafür war auch Michas „Groundfever“-Seite, dessen Berichte ich immer gerne gelesen habe, auch um mir Anregungen zu holen. Bis zum heutigen Tage bin ich bei 19 Länderpunkten im Fußball und 22 besuchten Ländern angekommen. Tendenz natürlich steigend. Ich bin gespannt, wie sich die Reisebranche und Groundhoppingszene in Zukunft entwickeln wird und hoffe natürlich, dass wir alle bald wieder unserer Leidenschaft nachgehen können.

In diesem Sinne: bleibt gesund! Und vielen Dank an dich, Micha, für Deinen Gastbeitrag auf meiner Seite. Wenn die Zwangspause vorbei ist geht das erste Bier auf mich!