Rückblick: UEFA-Cup-Finale, 21. Mai 2003

spanien

Celtic FC vs FC Porto 2:3 n.V.

Estadio Olímpico de Sevilla, 52.972 Zuschauer, UEFA-Cup Finale

Heute vor 17 Jahren erlebte ich in Sevilla das UEFA-Cup-Finale zwischen dem Club, der mir international am Herzen liegt, dem Celtic Football Club aus Glasgow, und dem FC Porto. Es sollte bis dato das letzte Mal sein, dass Celtic außerhalb Schottlands auf sich aufmerksam machte.
Am 24. April 2003 saß ich mit Michael und Martin, Anhänger der Mönchengladbacher Borussia, zu denen ich über meine Schwester Kontakt bekam, die uns wegen unseres gemeinsamen Faible für den Celtic Football Club zusammen brachte, vor dem Fernseher und schaute das Rückspiel im Halbfinale des UEFA-Cup zwischen Boavista und Celtic. Das Hinspiel war mit einem 1:1 zu Ende gegangen, die Tore fielen kurz nach der Pause binnen zwei Minuten – Henrik Larsson glich das Eigentor eines Teamkollegen aus. Zur Halbzeit des Rückspiels, beim Stande von 0:0, schlossen wir den Pakt, zum Finale nach Sevilla zu reisen, falls Celtic es noch packen sollte. Während der Celtic Park im Hinspiel mit 60.000 Fans aus allen Nähten platzte, befanden sich im Estadio de Bessa gerade einmal knapp über 10.000 Zuschauer. Lange sah es danach aus, dass uns der Trip nach Andalusien verwehrt bleiben sollte, aber in der 80. Minute traf Henrik Larsson, zu dieser Zeit ja so eine Art Lebensversicherung für Celtic, zum Sieg, ebnete damit den Weg zum Finaleinzug und verhindert ein reines Porto-Finale.
Die Kelten hatten in der Qualifikations-Runde, in der sich auch damals schon nur eher das Fallobst des europäischen Vereins-Fußball gegenseitig ausdünnte, noch ein Freilos genossen. In Runde eins machte der litauische Vertreter aus Marijampolé wenig Probleme und wurde mit insgesamt 10:1 aus dem Wettbewerb entsorgt. In der zweiten Runde gelang schon ein kleiner Coup und die Blackburn Rovers wurden mit zwei Siegen ausgeschaltet. In Runde drei trafen die Schotten auf Celta de Vigo, auch kein Leichtgewicht, aber Dank der Auswärtstor-Regel erreichten die Hoops das Achtelfinale. Dort wartete der VfB Stuttgart. Das Hinspiel gewann Celtic nach Rückstand durch Kuranyi noch mit 3:1. Und so fuhren wir nach Stuttgart zum Rückspiel, zusätzlich an Bord war Michaels Vater. Im Schwabenland trafen wir uns mit einigen Jungs eines Celtic Supporters Club, zu dem die beiden Gladbacher damals schon Kontakt hatten. Nach völlig überraschender früher 2:0-Führung der Gäste, die einen schönen Jubelsturm im Gästeblock das alten Gottlieb-Daimler-Stadions bedeutete, war früh klar, dass die grün-weiße Europa-Reise wohl ihre Fortsetzung finden sollte. Am Ende siegte der VfB zwar noch, aber das verhinderte nicht das Weiterkommen des Europapokalsiegers der Landesmeister von 1967. Die Reise zu den Schwaben hatte sich gelohnt. Im Viertelfinale hieß der Gegner nun Liverpool FC und es gelang das Kunststück, auch diese Hürde zu nehmen. Das wäre heute sicher ein Ding der Unmöglichkeit, aber damals war die Schere zwischen den reichen Clubs und denen in der zweiten und dritten Reihe noch nicht ganz so weit auseinander gegangen, so dass solche Ergebnisse möglich waren. Zu Hause im ‚Paradise‘ reichte es zwar nur zu einem 1:1, aber an der Anfield Road siegte Celtic sensationell mit 2:0. Zwar war Liverpool damals natürlich nicht so stark besetzt wie heute, aber mit Michael Owen, Sami Hyypiä, Steven Gerrard und Co auch alles andere als Durchschnitt.
Einen Tag nach dem Sieg bei Boavista buchten wir unsere Flüge. Kein Plan mehr, ob es damals einfach noch nicht so viele Lowcost-Verbindungen gab, oder ob halb Schottland und Irland bereits alle Flüge in den spanischen Süden über Nacht weggeschnappt hatte. Jedenfalls ging es mit Germanwings nach Madrid und da wir in Madrid spät landeten, übernachteten wir dort. Unsere Reisegruppe wurde komplettiert durch den Gladbacher Fanbeauftragten ‚Tower‘, der als einziger von uns über seine Kontakte bereits ein Ticket für das Finale hatte, und zwei weitere Borussen-Fans. Diese beiden, an deren Namen ich mich nicht erinnere, schieden für den Spielbesuch aber am nächsten Morgen im Bahnhof Atocha aus, da sich einer der beiden seine Geldbörse mit allen Moneten klauen ließ und das Final-Budget damit weg war. Sein Kumpel entschied sich solidarisch ebenfalls auf den Stadionbesuch zu verzichten. Mit dem Schnellzug fuhren wir aber alle gemeinsam nach Sevilla. Ich weiß gar nicht wieso, aber wir hatten sogar noch eine Unterkunft bekommen, drei Betten in einer Jugendherberge weit im Süden der Stadt. Seriöse Quellen sprachen nachher von über 70.000 Celtic-Fans, die nach Sevilla reisten. Man kennt die britische Mentalität. Auch wenn den Leuten klar ist, dass sie das Stadion niemals betreten werden, reisen Sie zum Spiel, um ihrer Mannschaft nahe zu sein. Das läuft bei den englischen Clubs oder den National-Teams bei den wichtigen Turnieren ja nicht anders. Das eigentliche Kontingent je Club umfasste nicht einmal 20.000 Karten.
Mittags kamen wir in Sevilla an, checkten kurz ein und bewegten uns früh Richtung Stadion. Das hübsch-hässliche Estadio Olimpico, ein Olympiastadion, ohne dass in Sevilla jemals Olympia stattfand – es wurde zwecks Bewerbung für Olympia 2004 errichtet – liegt weit draußen am nordwestlichen Stadtrand. Die beiden anderen Gladbacher lieferten wir noch an einem Public Viewing ab. Sevilla war auf seine Gäste nicht gut vorbereitet und hatte nicht mit diesen schottischen Menschenmassen gerechnet, daher organisierten zwei Glasgower Zeitungen noch kurz vor knapp ein Public Viewing in Sevilla für all jene, die nicht ins Stadion gelangten. Wir drei standen nun vor der anspruchsvollen Aufgabe, irgendwie an Tickets zu kommen. Wir hatten vereinbart, dass wir die Kosten für die drei Tickets zusammenrechnen und dann fair teilen. Von den Schotten wurde natürlich annähernd gar nichts verkauft, daher mussten wir uns an die Portugiesen-Mafia halten. Und es wurde eine verdammt zähe Nummer. Irgendwann hatten wir riesiges Glück und konnten schon mal ein Ticket zum Originalpreis von einem Celtic-Fan erwerben. Die Celtic-Fans sind solidarische und faire Leute. Wenn diese was abgaben, dann nur an die eigenen Leute und ohne jeden Gewinn. So wurde eine Frau im Celtic-Trikot, die ein Ticket mit Gewinn verkaufen wollte, von anderen Celtic-Fans übelst beschimpft und beleidigt. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff schlugen wir zu und kauften von einem Portugiesen die beiden uns fehlenden Tickets für je 180 EUR. In Summe mit dem dritten Ticket waren das knapp 400 EUR, also etwas über 130 pro Person. Bis heute ist dieses das teuerste Ticket, dass ich je erworben habe, aber auch ohne Final-Sieg, war es das rückblickend auf jeden Fall wert! Die bange Frage, ob die Dinger echt waren, wurde dadurch eliminiert, dass wir den Porto-Tünnes mit zu den Drehkreuzen schleppten und erst entließen, als es grün aufleuchtete. Nun waren wir zwar alle drei an verschiedenen Plätzen im Stadion, aber wir waren drin! Das Stadion zeigte sich zu drei Vierteln in Grün und Weiß getaucht, lediglich die kleinere der Kurven war mit Porto-Fans gefüllt, die ich auch nur nach den eigenen Toren kurz hören konnte. Die knapp 40.000 Celtic Fans entwickelten eine ungeheure Lautstärke, so dass mein Tinnitus, mit dem ich mich heutzutage plage, eigentlich dort seinen Ursprung haben muss.
Der FC Porto ging favorisiert ins Spiel. Wenn man sich die Aufstellung von damals ansieht, kann man nur mit der Zunge schnalzen und der Trainer der Portugiesen war kein geringerer als José Mourinho. So richtig kann ich mich ans Spiel gar nicht erinnern, aber Porto ging mit dem Pausenpfiff in Führung. Es war trotz Anstoß um 20:45 Uhr noch unerträglich heiß und die Stadion-Logistik war eine totale Katastrophe, denn schon Mitte der ersten Hälfte gingen die Getränke aus. In der Pause wurden sogar Ordner vor den Toiletten postiert, welche die Leute hindern sollten, Wasser aus den Hähnen zu trinken, da dieses nicht sauber war und Durchfallerkrankungen begünstigen konnte. Stattdessen wurden kostenlos bis oben mit Eiswürfeln gefüllte Becher ausgegeben. Immer wenn nach fünf Minuten etwas Eis geschmolzen war, konnte man einen kleinen Schluck trinken. Geiler Scheiß! Unmittelbar nach dem Seitenwechsel glich Henrik Larsson aus und wildfremde Schotten wurden zu meinen besten Freunden und rissen mich in ihre Arme. Es dauerte nicht lange und Porto erzielte die erneute Führung, aber Henrik Larsson glich postwendend wieder aus und wieder geriet ich in den Jubel-Sog und purzelte mit ein paar Leuten die Stufen runter. Ich würde behaupten bis zum Ende der Spielzeit war es ein offener Schlagabtausch, aber bezeugen kann ich es nicht mehr. Verlängerung also und nach fünf Minuten Gelb-Rot für Celtics Baldé, was sich als Todesstoß herausstellte. Porto drehte auf und die Kelten kamen kaum noch aus der eigenen Hälfte. Fünf Minuten vor Ende der Extra-Time war es soweit und es klingelte im Kasten. Der Rest war abartiges Zeitspiel in Blau und Weiß, plötzlich bekam die halbe Mannschaft des FC Porto Muskelkrämpfe, aber der Fairness halber sei angemerkt, dass es insgesamt wohl ein verdienter Sieg für die Portugiesen war. Schade, das war für Celtic die historische Chance, international noch mal einen Titel zu holen, das wird wohl nie wieder passieren.
Als Treffpunkt hatten wir drei den Übertragungswagen des ZDF ausgemacht – warum waren die eigentlich mit einem eigenen Fahrzeug dort? Ich musste hinter der Porto-Kurve vorbei und sah, dass dort noch Getränke verkauft wurden. Nie empfand ich zwei halbe Liter alkoholfreies Bier als so köstlich und nie hab ich so ne Brühe so schnell in den Hals gegossen. Am ZDF-Wagen tauschten wir dann erst mal unsere individuellen Erlebnisse aus, als plötzlich die Tür aufging und Reporter Thomas Wark herauskam, den wir um eine Flasche Wasser baten. Mit Herrn Wark quatschten noch ne Runde, da er sich wunderte, was drei Deutsche dazu trieb den Celtic FC in Sevilla zu supporten. Dann ging das Drama in die nächste Runde. Die Spanier versagten organisatorisch kläglich auf ganzer Linie und so wurde kein ÖPNV bereitgestellt. Da der Ground am Stadtrand hinter einem Park und einem Industriegebiet liegt, gab es nun nur die Möglichkeit auf den eigenen Füßen dort weg zu kommen. Also latschten 50.000 Leute wie auf dem Rückweg von einem Feldzug in die Stadt. Dort waren die Bars natürlich alle überfüllt und ein freies Taxi war logischerweise auch nicht aufzutreiben. Unser Hostel befand sich sieben oder acht Kilometer entfernt am anderen Ende der Stadt. Wir waren im Arsch wie Sau, aber es half ja nix, also liefen wir die komplette Strecke, immer den Fluss Guadalquivir entlang. Da natürlich viel mehr Menschen in der Stadt waren, als es Betten gab, lagen in allen brauchbaren Ecken und auf Bänken oder Rasenflächen die Schotten und pennten. Es sah aus wirklich aus wie nach einer großen Schlacht. Am nächsten Morgen ging es für uns wieder per Zug nach Madrid und mit dem Flieger heim. Dieses Erlebnis wird mir trotz des unerfreulichen Endes für Celtic sicherlich immer in Erinnerung bleiben.