Das ‚Lohrheidestadion‘ in Bochum-Wattenscheid wurde aufwendig saniert und ausgebaut, um wieder attraktiv für überregionale Leichtathletik-Wettbewerbe zu werden. Davon profitiert nun auch die SG Wattenscheid 09, die in einer modernen Spielstätte antreten darf. Die Schattenseite ist natürlich, dass dem Stadion der Charme weitestgehend verloren ging. Nur die neuere der beiden überdachten Tribünen auf den Geraden blieb erhalten. Das ältere Modell, die alte Haupttribüne, wurde für einen funktionalen Neubau geopfert. Die beiden Kurven bekamen Dächer spendiert, neue Catering-Kioske wegen im Zuge des Umbaus ebenfalls in die Tribünen integriert. Die aktive SGW-Szene war nicht überraschend wenig erbaut davon, dass Sitzschalen in blau und weiß installiert wurden. Ihren Standort auf der Längsseite musste die Szene aufgeben und supportet nun vom Rande der Südkurve aus. Das Spiel der beiden punktgleichen, die Tabelle anführenden Clubs, war ein guter Anlass sich mal ein Bild von den neuen Gegebenheiten zu machen.
Das Spitzenspiel provozierte dann auch mit über 3.000 Zuschauern den besten Besuch seit dem Umbau. Der Einlass, Organisation und Verpflegungsverkauf konnten mit dem Andrang nicht mithalten, es gab lange Schlangen und alles lief etwas chaotisch ab. Aus dem Hammer Vorort waren gut 200 die meiste Zeit über stumme Leute angereist und bescherten dem Bochumer Club den bestbesuchten Gästeblock der laufenden Spielzeit. Der aktive Block der SGW-Szene umfasst aktuell knapp 40-50 Personen, die aktuell einige Differenzen mit der Vereinsführung ausfechten. So wurde die ersten 19 Minuten und 9 Sekunden geschwiegen und einige Spruchbänder gezeigt, welche auf die Missstimmung Bezug nahmen. Spielerisch war die Veranstaltung leider ein absoluter Flop und wurde ihrem Anspruch als Topspiel nie gerecht. Torchancen gab es auf beiden Seiten kaum, stattdessen waren Fehlpässe heute das bevorzugte Mittel. Kurz und knapp – beide Teams waren grottenschlecht, ein Torerfolg war absolut unmöglich. So wurde mir der Hörgenuss der kultigen Wattenscheider Torhymne leider verwehrt. Mit dem torlosen Remis konnten die Gäste vermutlich etwas besser leben, da sie ein Spiel weniger absolviert hatten als die Nullneuner.
Schul- und Sportzentrum, 500 Zuschauer, Kreispokal Berg Viertelfinale
Ein kleiner Ausflug ins Oberbergische führte mich nach Nümbrecht, wo der gastgebende SSV den FV Wiehl zum Kreispokal-Derby zweier Landesligisten empfing. In Nümbrecht ist eine Art Aufbruchstimmung zu spüren, eine richtig fette neue Tribüne wurde an die Plastikwiese gezimmert. Der ehemalige völlig harmlose Schulsportplatz befindet sich in einer Sanierungsphase, auch sämtliche Leichtathletik-Anlagen werden erneuert, beizeiten soll auch auf der Gegenseite noch eine Tribüne entstehen. Hat man hier was vor? Der Umbau der Anlage wurde zwar durch Bund und Gemeinde möglich gemacht, dennoch ist ein lokal verankertes aber weltweit operierendes Labor- und Medizintechnik-Unternehmen omnipräsent. Elversberg reloaded? So groß wird es aber vermutlich nicht werden. Der SSV war leicht favorisiert, aber was heißt das schon in einem Derby. Beide Clubs hatten die Werbetrommel gerührt und so fanden sich etwa 500 Leute auf der sicherlich bald schmucken Anlage ein, wenn beide Clubs in der Liga die Wege kreuzen, kommen oft gar noch mehr Zuschauer. Im ersten Durchgang setzte der SSV die Favoritenstellung in Feldüberlegenheit um, ohne aber vor dem Tor gefährlich zu werden. Das Blatt wendete sich in Durchgang zwei, der Rivale aus dem Nachbarort wurde mutiger und hatte auch zwei, drei Möglichkeiten zur Führung, insgesamt blieb der Kick aber eine lahme Sache und es ging in die Zugabe. Zu Beginn der zweiten Hälfte der Verlängerung gingen die Gastgeber dann etwas glücklich in Führung, der FV Wiehl vergab die große Ausgleichs-Chance, die sich per Elfmeter bot und so fand das Spiel doch den erwarteten Sieger.
Stadion an der Hafenstraße, 17.617 Zuschauer, 3.Liga
Mit den Saarländern stellte sich eine ziemliche Wundertüte an der Hafenstraße vor. Mit deutlich mehr Qualität ausgestattet, als es der Tabellenplatz hergibt, war der FCS noch immer nicht von den letzten Abstiegssorgen befreit. Nach der Niederlage des glorreichen RWE beim Topspiel in Cottbus in der Vorwoche, stellte sich zudem die Frage, ob die Art und Weise wie diese zustande kam, etwas mit den Köpfen der Rot-Weissen machte. Trotz der Niederlage blieb der Euphorie-Pegel allerdings am Anschlag. Die davor errungenen sieben Siege in Folge haben natürlich eine Erwartungshaltung entstehen lassen, die selbst mich mit meiner vorsichtigen Einstellung endgültig an die Truppe glauben ließ. Unabhängig davon durfte nicht ausgeblendet werden, dass es dabei Spiele gab, die auf der Kippe standen und das Pendel dabei etwas glücklich auf die rot-weisse Seite ausschlug. Ich war zwar durchaus optimistisch, dass die Roten den deutlichen Dämpfer der Vorwoche gut weggesteckt hatten, irgendetwas in mir bereitete mir aber ein schlechtes Gefühl. Vorrangig lag das wohl am Gesetz der Serie. Der RWE hatte seit fast einem halben Jahr daheim nicht mehr verloren, während die Gäste noch länger auswärts nicht mehr gewonnen hatten. Serien reißen irgendwann, genau das ließ in mir die Alarmglocke schrillen. Feld-Moderator ‚Ruthe‘, der vor dem Spiel auf dem Rasen die Aufstellung verliest und dabei ein paar vermeintlich lustige, schlaue Sprüche vom Stapel lässt, schoss deutlich über das Ziel hinaus, als er die Gäste abfällig als ‚Möchtegern-Franzosen‘ diskreditierte. Das war mindestens genauso überflüssig und peinlich, wie die darauf folgenden „Ost-Ost-Ostfrankreich“-Rufe aus dem mit gut 800 Saarländern gefüllten Away-Sektor, die aber eine beinahe natürliche Reaktion auf diese geschmacklose Provokation waren. Nach meiner Meinung braucht es den Clown auf dem Rasen eh nicht. Die Kurve ist schon selbst in der Lage, sich anzuzünden. Kann weg.
Die Roten kamen gut in die Partie und erzielten mit einer traumhaften Kombination die frühe Führung. Nicht zum ersten Mal wurde dann aber mit dem die trügerische Sicherheit verleihenden Gefühl eben jener Führung das Tempo herausgenommen, anstelle die Verunsicherung des Gegners zu weiteren Angriffsbemühungen zu nutzen. Fünf Gäste-Ecken in Serie kurz nach dem Führungstor, von denen zwei schon ins Tor guckten, hätten eigentlich eine Warnung sein müssen. Stattdessen wurde den Blau-Schwarzen, die in der ersten Spielhälfte gefühlte 80% Ballbesitz hatten, nun das Spielgerät überlassen. Ballbesitz ist ja nicht nur wichtig, um das eigene Tor zu verteidigen, denn ohne Ball kann der Gegner Dir nicht weh tun. Ballbesitz taugt auch ganz gut, um selbst gefährlich zu werden und genau das versuchten die Gäste zunehmend, vorrangig über die linke Angriffsseite, wo der sonst starke RWE-Leihverteidiger Hofmann viel Mühe mit dem schnellen, quirligen Pick hatte. Zudem schaltete sich Linksverteidiger Bretschneider immer wieder offensiv mit ein und Abiama auf der rechten Essener Angriffsseite schien etwas überfordert damit, genau das einzudämmen und defensive Aufgaben zu übernehmen. Die Roten gaben den Gästen dann zu viel Raum, waren nicht eng genug am Mann, es fehlte irgendwie das Leben in der Mannschaft, eine klare Körpersprache sieht anders aus.
Das ermöglichte den Ausgleich nach einer halben Stunde, als sich ein Saarbrücker in den Essener Strafraum dribbelte und überlegt abschloss. Golz stand dabei auch nicht optimal und gab die rechte Torhälfte frei. Ein mögliches Foul an Janssen in der Entstehung bleibt diskutabel, ich bin aber eher ein Freund von großzügiger Auslegung. Großzügig blieben auch die Mannen in den roten Trikots, die kurz vor dem Pausenpfiff den Gästen erneut beim Kicken zuschauten, bis die Kirsche endlich im Tor lag. Auch bei diesem Treffer hätte Golz beim Torschuss besser stehen können, den aus spitzem Winkel abgesendeten Ball konnte er nicht entscheidend abwehren, Brünker staubte dankbar ab. Zur Wahrheit gehört aber, dass die Defensive es erst gar nicht so weit kommen lassen durfte. Die eh schon schwere Aufgabe wurde also noch schwieriger. Aber der RWE schüttelte sich und spätestens nach eine Stunde Spielzeit ging es nur noch auf das Tor des heute ganz starken FCS-Schlussmannes Menzel. Die Roten nahmen nun das Herz in die Hand und zeigten auch endlich die letzte Bereitschaft sich zu quälen. Warum nicht von Beginn an? Kopfsache. Natürlich! Abgesehen von der defensiven Schwäche, die durch eine starke Offensive oft kompensiert wird, ist nach meiner Meinung das größte Manko im Team das Fehlen von echten Mentalitätsspielern. Es fehlen einfach zwei, drei Leute im Team, die konsequent vorangehen, die ihre Mitspieler mitreißen.
Das zuletzt oft bemühte Glück war heute auch nicht auf der rot-weissen Seite des Spiels. Angriff auf Angriff rollte auf das Tor des Gegners, echte Torgefahr konnte man aber an einer Hand abzählen. Der Pfosten stand auch im Weg und Menzel hielt den Sieg kurz vor dem Ende mit einem ‚big save‘ fest. Dass Abstiegsgespenst Baumann kurz nach seiner Einwechslung mit dunkelrotem Karton wieder vom Feld geschickt wurde, fiel nicht mehr groß ins Gewicht und wenig später gab es lange Gesichter. Nun wird es hart, aber Aufgeben ist keine Option. Es gilt das Haupt zu heben, die Krone zu richten und zur Attacke zu blasen. Die Stimmungslage ist aber mal wieder schwierig, denn im Essener Norden gibt es ja nur gut oder schlecht, kein ‚dazwischen‘. Die wenigsten RWE-Anhänger können oder wollen Situationen sachlich einordnen. Ich persönlich befinde mich weiter in einer Luxus-Problemlage, denn ich sehe den Aufstieg weiterhin nicht als Muss an, auch wenn ich mich diesem nicht verweigern würde. Die Konstellation der restlichen drei Spieltage lässt alles offen, macht alles möglich. Doch geht es erst einmal darum den dritten Platz zu sichern. Platz vier wäre der Trostpreis und mein persönliches Minimum, das erreicht werden sollte. Berechtigt dieser Tabellenplatz doch zumindest zur Teilnahme am DFB-Pokal, würde sich aber nach der Zwischenbilanz der letzten Wochen wohl dennoch eher wie eine Niederlage anfühlen.
Körperlich nicht ganz auf der Höhe, wollte ich trotzdem nicht den ganzen Tag bei schönem Wetter in den eigenen vier Wänden vergammeln, daher machte ich mich auf zum Topspiel der Oberliga Westfalen im Waldstadion zu Dortmund-Aplerbeck. Zu Gast war der SV Lippstadt, was letztlich auch ausschlaggebender Faktor für diesen Spielbesuch war, denn der Verein darf sich über die Unterstützung einer lebendigen Ultra-Szene freuen. Diese war auch weitestgehend vollständig angereist und positionierte sich auf der überdachten Sitztribüne, die sich in diesem kleinen beengten Stadion ja aus Platzgründen etwas skurril hinter dem Tor befindet. Um den Traum vom Regionalliga-Aufstieg zu wahren brauchten die Gäste einen Sieg. Auf dem schwer zu bespielenden Rasen hatten aber beide Mannschaften Mühe, ein vernünftiges Kombinationsspiel aufzuziehen. Torchancen kam kaum zustande, wenn dann hatten diese allerdings die Gastgeber zu verzeichnen. Diese erzielten auch einigermaßen folgerichtig nach einer guten Stunde mit einem 30-Meter-Freistoß-Flatterball, welcher dem SVL-Schnapper über die Finger rutschte, die Führung. Die Gäste verkrampften etwas bei ihren Ausgleichsbemühungen, in der Box wurde es einfach nicht gefährlich. Da der ASC die sich bietenden Konterchancen aber auch nicht zu nutzen wusste, blieb es beim kleinstmöglichen Sieg-Resultat. Für die Westfalen wird es nun sehr schwer, bei mindestens fünf Punkten Rückstand, einem schlechteren Torverhältnis und nur noch fünf ausstehenden Spielen, das Ziel zu realisieren. Sollte der ASC aufsteigen wird dieser mangels Regionalliga-Tauglichkeit der eigenen Spielstätte übrigens ins ‚Ischelandstadion‘ in Hagen ausweichen. Für meinen Geschmack einigermaßen sinnlos, an solchen Geschichten sind Vereine schon oft genug gescheitert. Eventuell wäre es besser, gesetzte Grenzen zu erkennen.
Der letzte volle Tag brachte uns einen Ausflug zum Tochigi Soccer Club ein. Tochigi ist eine Präfektur etwas nördlich von Tokyo und der Verein spielt in deren Hauptstadt Utsunomiya. Für die Anreise wurden heute öffentliche Verkehrsmittel gewählt, denn wenn man nicht gerade den Shinkansen nutzt, ist Zugfahren in Japan spottbillig. Mit zwei Umstiegen dauerte der 120 Kilometer lange Ritt allerdings gute zweieinhalb Stunden. Vom Bahnhof waren es dann nur zehn Minuten Fußweg zum ‚Kanseki Stadium‘, einem rundherum überdachten Mehrzweckstadion, welches trotz seiner Weitläufigkeit mit seinen beiden Rängen ganz gut anzuschauen ist. Nur 5.000 Zuschauer sollten sich zu diesem Spiel einfinden, aber den beiden Szenen zu lauschen machte trotzdem Spaß. Vor allem die gemessen an der Veranstaltung recht stark besetzte Tochigi-Kurve war gut unterwegs. Beide Kurven waren auch gut beflaggt, die Schwenkfahnen-Hoheit gehörte den Gästen, welche die besseren Lappen am Start hatten. Beide Mannschaften gehören eigentlich der J3-League an. Im Zuge der beschriebenen Umstellung der Saison wurden aber zweite und dritte Liga zusammengelegt und spielen ein gemeinsames Turnier aus. Auf dem Rasen lief bei den Gastgebern nicht viel zusammen. Auch ohne große Torraumszenen konnten die Gäste aus der Präfektur Kanagawa, etwas südlich von Tokyo gelegen, die Zähler recht locker unter Dach und Fach bringen.
Unmittelbar nach dem Spiel fuhren wir zurück nach Tokyo, wo die Doktoren-Gattin zu uns stieß. Wir waren zum Essen verabredet und heute kam ich zum ersten Sushi-Erlebnis meines schillernden Daseins. Ich bin nicht schwierig was Essen angeht, ich probiere alles aus, es gibt nur wenige Sachen, die ich ganz ablehne. Meine Skepsis gegenüber Sushi bewahrheitete sich aber, das ist einfach nichts für mich. Da haben mir Sashimi und Yakitori weitaus mehr zugesagt. Der folgende Tag brachte nach einigen kleinen Einkäufen noch einen Besuch des 332 Meter hohen ‚Tokyo Tower‘. In Stahlfachwerk-Bauweise ist dieses ein fernöstlicher Verwandter des bekannteren Pariser Eiffelturmes, wenn auch im deutlich auffallenderen rot-weißen Kleid. Nicht die schlechteste Farbwahl! Auf die Fahrt auf den Turm verzichteten wir und spazierten noch durch den benachbarten buddhistischen Tempelkomplex Zojo-ji, bevor der Abschied bevorstand. Ein großer Dank an den Dottore, der uns in Tokyo ein hervorragender Fremden- und Restaurantführer war. Mit der Metro fuhren wir zum Flughafen Haneda, dem näheren der beiden internationalen Drehkreuze in der Tokyoter Metropolregion. Als wir am Gate saßen und auf das Boarding warteten, wackelte unter mir auf einmal der Boden. Vor der Ostküste des Nordzipfels der Hauptinsel Honshu bebte der Meeresboden mit einer Stärke von 7,7. Das ist mal gar nicht so ohne und hätte auf dem Festland für schwere Schäden und vermutlich Todesopfer gesorgt. Da das Epizentrum relativ weit von der Küste entfernt lag, kam es nur zu kleineren Beschädigungen an Gebäuden und Infrastruktur. Ein befürchteter Tsunami blieb letztlich aus. In Tokyo war das Beben für mich nur durch leichtes Schwingen des Terminals zwar deutlich spürbar, wild war es aber nicht und so richtig wirklich interessiert hat es auch Keinen der Wartenden.
Mit etwas langem Stopover in Shanghai brachte uns China Eastern wieder sicher nach Frankfurt. Das erste Flugsegment übernahm dabei Shanghai Airlines mit einem ‚Dreamliner‘, den ich zum ersten Mal erlebte. Ich glaube ich habe in der Economy Class noch nie bequemer gesessen, Sitzbreite und Beinfreiheit waren sehr großzügig. In Frankfurt waren dann die E-Gates nicht in Betrieb, was alles unnötig in die Länge zog. Willkommen in Deutschland. Der goldene Abschluss war dann ein völlig verpeilter Typ auf einem Fahrrad, der unverständliches Zeug brabbelnd und zeternd an uns vorbeifuhr, als ich Marcel daheim absetzte. Zurück zur Eingangs an mich selbst gestellten Frage, ob mir Japan gefallen würde. Hat es und zwar sehr gut. Ganz schön, zu sehen, dass es noch eine höfliche, rücksichtsvolle Bevölkerung gibt, die es schafft, ihr Land weitestgehend sauber zu halten und nicht jede Lärmschutzwand oder Brücke mit sinnlosen Tags beschmiert und jede Laterne mit Stickern vollklebt. Auch, dass Fahrpläne ihren Zweck erfüllen und ein hochfrequenter und gut vernetzter öffentlicher Nahverkehr ein eigenes Fahrzeug annähernd überflüssig machen, war erfreulich. Es bleibt die Gewissheit, zu wenig gesehen zu haben, ich hätte es dort doch länger aushalten können.
Kashima Soccer Stadium, 28.777 Zuschauer, J1 League
Und wieder wurde der Schlaf diskriminiert. Am Vorabend waren wir natürlich erst nach Mitternacht zurück. Der Flug mit Hongkong Express nach Hiroshima erforderte das Aufstehen nach nicht einmal fünf Stunden Schlaf. Es ist eine bekannte Floskel, aber langsam fühle ich mich echt zu alt für den Scheiß. Bus A21 brachte uns routiniert zum Flughafen. Die Fahrstrecke zwischen Zentrum und Airport bietet einen guten Einblick in die Struktur Hongkongs, das Meer an hohen Wohnhäusern ist einfach beeindruckend. Überhaupt ist beeindruckend, was und in welchem Tempo gebaut wird, während wir uns in Deutschland in Vorschriften und Genehmigungen verheddern, zu Tode verwalten und keinen Stein auf den anderen bekommen. Mit der Folge, dass die Wohnungsnot größer anstatt, dass Abhilfe geschaffen wird. Diese Probleme scheint es in China und Hongkong nicht zu geben. Der Drei-Stunden-Flug mit dem Low-Coster ‚Hongkong Express‘ war keine Freude, kam aber auch nicht ganz an die Ryanair- oder Wizz-Folter ran. Vor der eigentlichen Ankunftszeit setzten wir auf dem 50 Kilometer von Hiroshima entfernten Airport auf. Die Einreise bereitet man online vor, so dass am Grenzposten alles easy von statten geht – dieses allerdings nur in der Theorie. Der Airport-Bus brachte uns zum Hauptbahnhof von Hiroshima und von dort war es nur ein kurzer Fußweg zum Hotel.
Die restlichen Tageslicht-Stunden reichten noch, um sich in Ruhe den ‚Friedenspark‘ anzusehen. Für alle, die nicht so geschichtssicher sind, folgt hier die Kurzfassung. Als der Zweite Weltkrieg in Europa bereits beendet war, versuchte die renitente japanische Führung noch immer ihre Kriegsziele durchzusetzen, war aber gegen die übermächtigen USA und China längst in der Defensive. Einer Kapitulation stimmten die Japaner aber nicht zu. Um diese zu erzwingen, entschieden sich die USA für den Abwurf einer Atombombe. Am 06. August 1945 wurde in 600 Metern Höhe über Hiroshima eine Atombombe erstmals im kriegerischen Einsatz gezündet. Durch die Druckwelle und die Hitze von 6.000 Grad wurde im Umkreis von zwei Kilometern beinahe jedes Gebäude zerstört und bis zu 100.000 Menschen fanden umgehend den Tod. Weitere 40.000 starben an den Folgen der Verbrennungen und der radioaktiven Vergiftung. Drei Tage später explodierte über Nagasaki eine weitere Atombombe, worauf Japan schließlich in die Kapitulation einwilligte. Zentrales Denkmal des Friedensparks ist der ‚Atomic bomb dome‘, ein Kuppelgebäude, dessen Fassaden die Explosion weitgehend überstanden und welches als Mahnmal in diesem Zustand belassen wurde. Insgesamt 70 größere und kleinere Monumente und Erinnerungsorte gibt es im Park zu sehen. Weiter ging es zum Schloss von Hiroshima, natürlich ein Nachbau, denn das Original fiel der Atombombe zum Opfer. Ein Menü mit Udon-Nudeln beendete diesen Tag.
Der Dienstag war für einen Ausflug nach Miyajima vorgesehenen. Diese Insel liegt in der Bucht vor Hiroshima und beherbergt mit dem Itsukushima-Schrein eines der größten Heiligtümer der Shinto-Religion, neben dem Buddhismus der vorherrschend praktizierte Glaube in Japan. Die Anlage wurde über dem Wasser errichtet und existiert in aktueller Form seit dem 12. Jahrhundert. Die Gläubigen betreten die Schreine durch ein sogenanntes Torii. Auf Miyajima ist dieses vor der Tempelanlage im Wasser platziert und kann prinzipiell nur mit dem Boot durchquert werden, es sei denn es herrscht Niedrigwasser. Wenn man das Tor also optisch auf dem Wasser schwebend erleben will, muss man auf die Gezeiten achten, in unserem Falle sollte das aber gut passen. Man kann die Insel mit einem direkt verkehrenden Boot ab dem Friedenspark erreichen, das ist auch der einfachste Weg. Am Vorabend hatten wir uns noch zum Anleger begeben und von einem schlecht gelaunten und genervten Mitarbeiter die Info bekommen, dass Tickets nur am Abfahrtstag selbst erworben werden können. Das stellte sich als falsch heraus und sämtliche Verbindungen am Morgen waren nun ausgebucht. Also mussten wir umständlich mit der Tram und der normalen Fähre anreisen und verloren zu viel Zeit. Mit dem Ergebnis, dass das Wasser schon fast abgelaufen war, das Torii beinahe auf dem Trockenen lag und Opfer der Selfi-Idioten und Touris wurde. Hiermit dann noch mal ein herzlicher Dank an den Voll-Ochsen, der uns mit den Fake News versorgt hatte. Möge Dir Dein Shinto-Gott drei Wochen blutigen Durchfall bescheren.
Eine weitere Attraktion der Insel sind die Sika-Hirsche. Sie sind an den Menschen gewöhnt, völlig zahm und laufen frei herum. Oder liegen einfach vor Geschäften auf der Fußmatte. Leider halten sich viele Touristen nicht an die Einschränkungen und füttern und bedrängen die Tiere. Im Laufe des Nachmittags begann es dann zu regnen. Von wegen Land der aufgehenden Sonne! Überhaupt summierte sich die Anzahl der Sonnenstunden auf der gesamten Tour bisher auf maximal eine. Nach Rückkehr nach Hiroshima war noch Zeit durch das völlig überfüllte Friedensmuseum zu gehen. Die dort zu sehenden Fotos und Exponate sind natürlich nichts für zarte Gemüter. Um halb acht am Abend bestiegen wir den ‚Shinkansen‘, der uns in weniger als zwei Stunden nach Kyoto schleuderte. Das Zugsystem ist der helle Wahnsinn. Alle paar Minuten fahren Shinkansen-Züge in alle möglichen Richtungen und pflügen dann mit annähernd Tempo 300 durch die Landschaft. Klar, schafft der ICE in Deutschland auch, aber nur für ein paar Minuten und auf wenigen Abschnitten, während das in Japan das Standard-Tempo ist. Zudem kennt Japan keine Verspätungen. Die Züge fahren ausnahmslos pünktlich und am Ziel begrüßte uns der in Blau erstrahlende ‚Kyoto Tower‘. Es war dann schon gegen 22 Uhr als wir im Hotel eintrafen. Da traf es sich gut, dass direkt ums Eck ein kleines unscheinbares Schnellrestaurant war, wo uns Oma und Opa ein vorzügliches Mal zubereiteten.
Ein voller Tag in der alten Kaiserstadt Kyoto lag vor uns und die Wettervorhersage sagte etwas von ‚regnerisch‘. Das traf allerdings nicht so ganz zu. In den Morgenstunden war es noch trocken, begann dann aber im Laufe des Vormittags erst zu nieseln und regnete sich dann dick ein bis es schließlich erbarmungslos schüttete. Undankbar, denn Kyoto hat eine Menge zu bieten und wir wollten dementsprechend ein strammes Programm durchziehen. Um sich zumindest trocken zwischen den Spots bewegen zu können, entschieden wir uns für das ‚Hop on/Hop off‘-Angebot, welches in Kyoto aus zwei ineinander verzahnten Linien besteht. Letztlich brachten wir nicht viel zustande, ein Tag reicht einfach nicht aus, um Kyoto ausreichend zu erkunden, erst recht nicht bei Scheißwetter. Mehr als der Ginkaku-ji-Tempel, das Geisha-Viertel Gion, die Burg Nijo und schließlich der Nishi-Hongan-ji-Tempel war nicht drin. Zum Schluss kübelte es dermaßen, dass ich auf dem kurzen Fußweg zum Hotel völlig durchnässt wurde und die nächste Stunde damit beschäftigt war, Schuhe und Klamotten mit dem Fön einigermaßen trocken zu bekommen. Ein gutes Abendessen in einem Yakitori-Schuppen hob die Laune aber wieder. Yakitori sind kleine, mit allen möglichen Fleisch- und Gemüse-Varianten bestückte Spießchen, die man einfach so lange nachbestellt bis man satt ist.
Am folgenden Vormittag brachte uns der Shinkansen in etwas mehr als zwei Stunden nach Tokyo, mit über 33 Millionen Einwohnern drittgrößer Ballungsraum der Welt. Linksseitig zeigte sich der nicht ganz 3.800 Meter hohe Vulkan Fuji, eines der Wahrzeichen, wenn nicht sogar ‚das‘ Wahrzeichen des Landes. Zunächst verbarg er sein schneebedecktes Haupt noch etwas schüchtern unter eine Wolkenhaube, dann blinzelte er aber doch etwas mutiger hervor. In Tokyo nahm uns dann mein Leibarzt gemeinsam mit Micha, einem weiteren von früheren Reisen bekannten Akteur, der mit dem Leibarzt schon drei Wochen in Ostasien herumgereist war, in Empfang. Nach Mittagessen und Check-in im Hotel war der ‚Tokyo Skytree‘ das Ziel, 634 Meter groß und damit dritthöchstes Gebäude und sogar höchster Rundfunkturm der Welt. Ich bin ja überzeugter Von-oben-Gucker, aber mehr als 20 Euro Eintritt waren mir, beziehungsweise uns zu viel, zumal es für Touris ‚nur‘ bis auf 450 Meter geht. Stattdessen gelangt man im Hochhaus des benachbarten Shopping-Centers for free bis in die oberste Etage und hat von dort auch einen guten Blick über die riesige Metropole. Häuser so weit das Auge reicht. Fast wie in Essen-Schönebeck. Nächster Spot war der Asakusa-Schrein, der leider ziemlich überlaufen war. Am Abend stieß dann Daniels Gattin hinzu und wir konsumierten ein All-you-can-eat-Diner, das so funktioniert, dass man ein bestimmtes Programm an Fleisch und Gemüse für einen festen Zeitraum ordert. Dann kommt eine Schale mit brodelnder Brühe auf den Tisch, in dem alles nach eigenem Gusto zubereitet wird. Auch Bier und Longdrinks waren im Preis enthalten, so dass wir den Laden entsprechend euphorisiert verließen. Den Abschluss des Tages bildete ein Besuch in einer Bar, bevor es ordentlich angeschlagen in die Falle ging.
Das Aufstehen fiel dementsprechend etwas schwerer und Normalform hatte ich erst nach einem zünftig-japanischen Mittagessen wieder erreicht. Danach bewegten wir uns östlich des Zentrums. Erstes Ziel war das Tokyoter Rathaus im Stadtteil Shinyuku. In 200 Metern Höhe bietet es einen tollen Panorama-Blick und der Zutritt ist kostenlos. Weiter ging es fußläufig zum Meiji-Schrein, auch ‚Der Schrein im Wald‘ genannt. Dieser wurde zu Ehren des namensgebenden Kaisers und dessen Frau vor etwas mehr als 100 Jahren erbaut. Der Wald wurde künstlich angelegt und es wurden über 100.000 Bäume aus ganz Japan herangeschafft, um diese Grün-Zone anzulegen. Nach einem weiteren kleinen Spaziergang landeten wir an der berühmten ‚Shibuya Crossing, vielleicht die berühmteste Kreuzung der Welt. Während der Grünphase der Fußgänger sind sämtliche Übergänge der Kreuzung freigegeben. Mehrere hunderttausend Menschen täglich queren täglich die Kreuzung, in der Rush Hour bis zu 2.500 Menschen je Grünphase. Ist natürlich ein beliebter Touri-Spot und nicht wenige der Querenden sind eben Touris die sich mit Selfie-Videos angemessen zum Affen machen.
Nun rückte langsam der Sport wieder in den Mittelpunkt. Mit der Begegnung Tokyo Swallows, eigentlich Tokyo Yakult Swallows und damit so ne Art Betriebsmannschaft des Konzerns, der für sein auf Magermilch basierendes Getränk weltweit berühmt ist und den Verein Anfang der 70er Jahre erwarb, gegen die Yomiuri Giants, dem ältesten und erfolgreichsten Team des Landes, besuchte ich im ‚Meiji-Jingu-Stadion‘ das erste Baseball-Spiel meines Lebens. Es war überwältigend! Und zwar überwältigend langweilig. 28.406 Zuschauer sahen zu, wie die Giganten kurzen Prozess machten und nach drei von neun Innings – es gibt neun Durchgänge, in denen sich beide Teams einmal im Angriff und einmal in der Verteidigung üben dürfen – 7:0 gegen die gastgebenden Schwalben führten. Danach passierte fünf Innings lang… nichts! Im letzten Durchgang durfte dann endlich mal ein Homerun bestaunt werden und die Gastgeber konnten noch einen Ehrenpunkt zum Endstand von 8:1 für die Giants einfahren. Da war ich aber nach zweidreiviertel Stunden Spielzeit schon fast eingeschlafen.
Anders als in den Staaten gibt es in Japan beim Baseball organisierten Support. Stimmung machen immer nur die Fans desjenigen Teams, welches im Angriff ist – eine vermutlich eher ungeschriebene Regel im Höflichen Japan. Die Anfeuerung liegt irgendwo zwischen Kindergeburtstag und Jugendgesangsverein, also ich konnte mit der Veranstaltung letztlich recht wenig anfangen, dafür bin ich wohl zu sehr von unserem geliebten Asi-Sport geprägt. Auch das fehlende Tempo bei dieser Sportart schreckte mich ab, es passiert zwischendurch einfach zu oft zu lange nichts. So blieben die extravagant gestalteten Flutlichtmasten des Stadions mein persönliches Highlight. Abgesehen von den charmanten und kurzberockten Bier-Mäusen (Anm. der Red.: das ist bewundernd und nicht sexistisch gemeint – muss man ja heutzutage drauf hinweisen), die zahlreich herumsprangen und den Gerstensaft an den emsigen Japaner oder die Japanerin brachten. Nicht an den Touri-Dödel, der ein paar Dosen reingeschmuggelt hatte, um die hohen Bierpreise im Stadion zu umgehen.
Der Samstag sollte dann den Fokus endlich mal wieder auf das lenken, weshalb wir den ganzen Zirkus immer veranstalten. Daniels reizende Dame hatte einen Leihwagen organisiert und übernahm außerdem das Steuer für den Ausritt in die circa 100 Kilometer Montanstadt Kashima – herzlichen Dank dafür. Der Rekordmeister der J-League empfing im ‚Kashima Soccer Stadium‘ das beliebteste Teams des Landes, die Urawa Red Diamonds aus Saitama im Tokyoter Speckgürtel, bei dem in den 90er Jahren Uwe Bein und Guido Buchwald kickten. Buchwald führte die Diamanten einige Jahre später als Trainer zum Double-Sieg. Mit etwas mehr als 28.000 Zuschauern war das WM-Stadion von 2002, in dem sich die deutsche Elf zu einem Remis gegen Irland mühte, zu ziemlich exakt zwei Dritteln gefüllt. Die aktuelle Spielzeit ist eine Übergangssaison, da die bisher mit dem Kalenderjahr ausgespielte ‚J League‘ auf den ‚europäischen‘ Modus von Sommer bis Sommer umgestellt wird. Daher dauert die gegenwärtige Saison nur ein halbes Jahr. Die Liga wurde in zwei Staffeln geteilt, die beiden Staffelsieger spielen am Ende in einem Finale den Liga-Meister aus. Während der Rekordmeister schon wieder mit einigen Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze seiner Staffel stand, hingen die Gäste im Mittelfeld des Tableaus fest. Zu wenig für den Anspruch des stolzen Vereins mit seinen noch stolzeren Anhängern. Obwohl die Fans also aktuell mit ihrem Team überhaupt nicht zufrieden sind, waren etwa 3.500 Leute angereist, die auch ordentlich Ballett machten. Aus der Gästekurve schallten Gesänge im italienischen Stil in einer Top-Lautstärke herüber. Die Mitmachquote ging schon an die 90 Prozent, lediglich einige Personen, die sich an den Rand der Gästetribüne zurückgezogen hatten, wollten einfach nur Fußball schauen.
Bei den Geweihträgern auf der anderen Seite wurde als Intro eine zentrale Blockfahne mit gelbem Stern auf rotem Grund gezeigt, deren Hintergrund sich mir nicht erschloss. Die Gesänge der Antlers-Anhänger klangen mehr nach lateinamerikanischem Vorbild, zum Teil schienen es auch eigene Kreationen zu sein. Ein deutlicher Unterschied zu den Urawa-Jungs war im optischen Auftreten zu erkennen. Während des ersten Durchgangs waren Schwenk-Lappen nur in einheitlichem Design in einer durchgehenden Batterie in der ersten Reihe zu sehen. Eigentlich sogar vor der ersten Reihe, denn die Fahnen-Jungs standen auf dem Sims vor der Abgrenzung zum Innenraum. Erst im zweiten Durchgang wurden auch in der Kurve Fahnen geschwenkt, allerdings nicht in einem so schönen geschlossen-wilden Bild wie bei den Diamonds. Die Gäste spielten gar nicht so schlecht mit und hielten die Partie offen. Hinten ließen sie nicht viel zu, hatten vorne einige Möglichkeiten, der Führungstreffer war in der ersten halben Stunde möglich. Insgesamt gab es aber in Durchgang eins nur wenige Strafraum-Szenen oder gefährliche Fernschüsse.
Das änderte sich in der zweiten Halbzeit und da wurden vor allem die – Achtung: Wortspiel! – Platzhirsche gefährlich. Ein Lattentreffer zwanzig Minuten vor dem Ende war schon eine Art Warnglocke und zehn Minuten vor Schluss war es dann so weit. Ein Eckball wurde nicht sauber geklärt und der Nachschuss aus etwa 18 Metern fand aus halbrechter Position den Weg ins lange Eck. Danach waren die Antlers dem zweiten Tor näher als Urawa dem Ausgleich und so fand das Spiel wohl den verdienten Sieger. Nach dem Abpfiff verbeugten sich die Spieler artig in jede Richtung und alles schlich friedlich von dannen. Für Micha war es das letzte Erlebnis der Reise, auf dem Rückweg nach Tokyo wurde er am Flughafen Narita in die Freiheit entlassen. War der Hinweg noch recht geschmeidig gelaufen, sollte der Rückweg durch den einen oder anderen Stau führen, weshalb wir recht spät wieder in Tokyo eintrafen. Marcel und ich mussten einen Unterkunftswechsel vollziehen und wurden am neuen Quartier abgesetzt. Der Abend fand sein Ende in einer kleinen Yaktitori-Bar im Viertel um unser AirBnB. Neben uns war lediglich ein älteres Ehepaar mit einem erwachsenen Sohn anwesend, der wiederholt mit dem Kopf auf dem Tresen einpennte, während seine Eltern gepflegt dem Fusel zusprachen. Auch nicht anders als im Ruhrpott.
Shenzhen Stadium, 16.354 Zuschauer, Chinese Super League
Auf dem Weg nach Shenzhen lag dieser Kick wie auf dem Silbertablett, war aber eben nur ein Zwischenstopp. Nur eine Station mit der Metro war es nun bis zum ‚Lo Wu Border Crossing Point‘. Wenn man von dem ganzen Gewusel vieler Menschen absieht, war der Grenzübertritt noch einfacher als erwartet. Die Ausreise war nur Formsache und bei der Einreise, für die man an einem Automaten seinen Pass scannt und dann fehlende Angaben ergänzt, stand eine freundliche chinesische Beamtin zur Unterstützung bereit. Top Service! Wenn ich daran denke, was es mit Visa-Antrag und Grenz-Prozedere vor Jahren noch für ein Aufwand war, das Reich der Mitte zu bereisen, ist die heutige Abwicklung kaum zu fassen. Ein paar chinesische Yuan wollten getauscht werden und per Metro, die sich null von der in Hongkong unterscheidet, fuhren wir in Richtung Stadion. Die Ticketbeschaffung hatte einer der chinesischen Lieferanten meines Arbeitgebers übernommen, da diese für Nicht-Chinesen ein paar Hürden in den Weg stellt. Die Zutrittsermächtigungen kamen letztlich sogar als Geschenk daher. Heißen Dank dafür, auch wenn der Kollege das Geschmirgel hier nicht lesen kann und wird. Im Vergleich zu meinem ersten Besuch in Onkel Xi’s Riesen-Reich hatte ich nun den Eindruck, dass alles noch strukturierter und organisierter abläuft, als damals. Auch die Überwachung wurde freilich perfektioniert. Das war später bei der Ausreise zu erkennen, als ich den Posten vor meinem Mitfahrer passierte und auf den Bildschirm des Grenzbeamten schielen konnte. Fotos in diversen Situationen auf den Straßen waren von ihm auf einem Splitscreen zu sehen. Die Gesichtserkennung der omnipräsenten Überwachungskameras, die überall auf den Straßen installiert sind, scheint gut zu funktionieren. Big Brother is watching you – der Staatsapparat scheint den Roman ‚1984‘ von George Orwell aufmerksam studiert zu haben.
An seinem heutigen Standort ist der Shenzhen Peng City FC oder Shenzhen Xinpengcheng FC, wie der Club aus dem Mandarin in lateinische Schriftzeichen übertragen heißt, ein echter Traditionsverein. Schon seit 2024 ist der Verein in Shenzhen beheimatet. Ursprünglich hieß der Club Sichuan FC und erlebte einige Namensänderungen, Auflösungen und Neugründungen und wurde schließlich 1.350 Kilometer Luftlinie nach Shenzhen verlegt. Der Club gehört zur ‚City Football Group‘ aus Abu Dhabi die weltweit einige ‚Citys‘ und auch weitere Vereine aus allen Teilen der Welt unter ihrer Kontrolle weiß. Zugpferd der Gruppe ist Manchester City. Das 1993 erbaute ‚Shenzhen Stadium‘ wurde von 2020 bis 2025 offiziell renoviert, de facto aber komplett neu erbaut. Aus einem Stadion mit Laufbahn wurde ein hochmodernes reines Fußballstadion, welches von außen aussieht, als wäre ein UFO gelandet. 16.354 Zuschauer sahen ein wildes Spiel. Die ihren chinesischen Mitspielern überlegenen Ausländer geizten nicht mit Arroganz und Exzentrik, machten aber halt auch den Unterschied aus. Bis auf ein Tor wurden auch sämtliche Treffer von diesen erzielt. Nach ausgeglichenem, aber wildem Start gingen die Gäste im ersten Durchgang mit 3:0 in Führung. Das freute die etwa 400 Gäste-Fans natürlich. Wie viele davon tatsächlich die Reise aus dem über 1.000 km entfernten Yuxi in der südchinesischen Provinz Yunnan auf sich genommen hatten, bleibt fraglich. Auch der Gastverein trieft vor Tradition, wurde dieser doch schon 2021 gegründet.
Die heimische ‚Curva Sud‘ belegte den ganzen Unterrang eben jener Tribüne und bot optisch und auch akustisch einen ordentlichen Auftritt. Das Liedgut beider Szenen orientierte sich in den Melodien schon stark an europäischem Material, während das Einsingen hinter der Kurve und der folgende Einmarsch an Südamerika erinnerte, wie auch die tiefe Basstrommel, die von Snare drums begleitet wurde. Etwas künstlich wirkte das Fahnen- und Zaunbanner-Equipment, kein Wunder, wenn der Verein erst seit zwei Jahren in der Stadt spielt. Da dürfte Temu ganze Arbeit geleistet haben. Das in der ersten halben Stunde äußerst effektive Gäste-Team war dann drauf und dran, den komfortablen Vorsprung zu verspielen. Noch vor dem Seitenwechsel durfte der erste Treffer der Gastgeber bejubelt werden, die unmittelbar nach der Pause auch den schnellen Anschluss herstellten. Die etwas krampfhaften Versuche, den Ausgleich zu erzielen, wurden jedoch nicht belohnt und die Gäste konterten eine Viertelstunde vor dem Ende zum Sieg. Der erneute Anschluss per Elfer in der Nachspielzeit kam zu spät. Mit dem Abpfiff verließen wir das Stadion, fuhren mit der Metro zur Grenze und nach einem kurzen Snack war der China-Exkurs eine knappe Stunde nach dem Spielende auch schon wieder vorbei. Eine weitere Stunde dauerte es, bis wir schließlich in den Hotel-Federn lagen.
North District Sports Ground, 559 Zuschauer, Hongkong Premier League
Der Wecker wurde eigentlich nur für den Notfall gestellt, aber dennoch benötigt. Es fehlte Schlaf. Weiterhin. Aber so läuft das nun mal. Nach dem Erwerb eines neuen Cap nutzten wir die Fähre von Tsim Sha Tsui über den Victoria Harbour zum Central Ferry Pier. Von dort startet Buslinie 15, der sogenannte ‚Peak Explorer‘, denn sie führt über eine kurvenreiche Straße mit vielen Ausblicken auf den ‚Victoria Peak‘. Eine andere Möglichkeit auf den Peak zu kommen ist die Standseilbahn. Mit dieser geht es schneller – sofern man nicht ewig anstehen muss – aber auch mit deutlich höherem monetären Einsatz. Der ÖPNV in Hongkong ist übrigens top! Die Metro fährt in Stoßzeiten sogar im Zwei-Minuten-Takt, Doppelstock-Busse und kleinere Light-Busse fahren ständig irgendwo hin und günstig ist es obendrein. Einen besseren Nahverkehr habe ich möglicherweise noch nirgendwo erlebt. Der ‚Victoria Peak‘ ist sozusagen der Aussichtsturm von Hongkong, denn von dort hat man einen wunderbaren Blick über Central und Tsim Sha Tsui und die dahinter liegenden Stadtteile auf der anderen Seite des Victoria Harbour. Man kann die Aussichtsplattform des auf den Hügel gesetzten Einkaufskomplexes ‚Peak Tower‘ für viel Geld oder einfach kostenlos den unterhalb gelegenen ‚Lions Pavillon‘ für die Aussicht nutzen.
Nun ging es weit in den Norden Hongkongs, wo sich im ‚Northern Districts Sports Ground‘ ein Spiel der Premier League strategisch günstig aufdrängte. Es war dann eigentlich eine ziemlich trostlose Veranstaltung in einem trostlosen Stadion, aber die dramatische Schlussphase riss es mehr als raus. Lange führten die Gäste nach einem Treffer aus der ersten Hälfte. Zwölf Minuten vor dem Ende fiel der Ausgleich und in der zweiten Minute der Nachspielzeit erzielten die Gastgeber gar den Führungstreffer. Aufgrund diverser Schauspieleinlagen wurde die Nachspielzeit länger und länger und schon elf Minuten waren zusätzlich absolviert, als die Lee Man durch einen Strafstoß nach VAR-Entscheid – ja auch hier gibt es diesen unsäglichen Mist – wieder auf Remis stellte. Doch damit noch lange nicht genug, es ging weiter im Minutentakt. Nur eine Minute später drehte das Gäste-Team die Partie wieder komplett. Aber wieder nur eine Zeigerumdrehung weiter setzten die Nördlichen mit dem erneuten Ausgleich den Schlusspunkt unter das Gegurke und die Wett-Mafia wird um einen Haufen Kohle reicher geworden sein.