
Kashima Antlers vs Urawa Red Diamonds 1:0
Kashima Soccer Stadium, 28.777 Zuschauer, J1 League

Und wieder wurde der Schlaf diskriminiert. Am Vorabend waren wir natürlich erst nach Mitternacht zurück. Der Flug mit Hongkong Express nach Hiroshima erforderte das Aufstehen nach nicht einmal fünf Stunden Schlaf. Es ist eine bekannte Floskel, aber langsam fühle ich mich echt zu alt für den Scheiß. Bus A21 brachte uns routiniert zum Flughafen. Die Fahrstrecke zwischen Zentrum und Airport bietet einen guten Einblick in die Struktur Hongkongs, das Meer an hohen Wohnhäusern ist einfach beeindruckend. Überhaupt ist beeindruckend, was und in welchem Tempo gebaut wird, während wir uns in Deutschland in Vorschriften und Genehmigungen verheddern, zu Tode verwalten und keinen Stein auf den anderen bekommen. Mit der Folge, dass die Wohnungsnot größer anstatt, dass Abhilfe geschaffen wird. Diese Probleme scheint es in China und Hongkong nicht zu geben. Der Drei-Stunden-Flug mit dem Low-Coster ‚Hongkong Express‘ war keine Freude, kam aber auch nicht ganz an die Ryanair- oder Wizz-Folter ran. Vor der eigentlichen Ankunftszeit setzten wir auf dem 50 Kilometer von Hiroshima entfernten Airport auf. Die Einreise bereitet man online vor, so dass am Grenzposten alles easy von statten geht – dieses allerdings nur in der Theorie. Der Airport-Bus brachte uns zum Hauptbahnhof von Hiroshima und von dort war es nur ein kurzer Fußweg zum Hotel.
Die restlichen Tageslicht-Stunden reichten noch, um sich in Ruhe den ‚Friedenspark‘ anzusehen. Für alle, die nicht so geschichtssicher sind, folgt hier die Kurzfassung. Als der Zweite Weltkrieg in Europa bereits beendet war, versuchte die renitente japanische Führung noch immer ihre Kriegsziele durchzusetzen, war aber gegen die übermächtigen USA und China längst in der Defensive. Einer Kapitulation stimmten die Japaner aber nicht zu. Um diese zu erzwingen, entschieden sich die USA für den Abwurf einer Atombombe. Am 06. August 1945 wurde in 600 Metern Höhe über Hiroshima eine Atombombe erstmals im kriegerischen Einsatz gezündet. Durch die Druckwelle und die Hitze von 6.000 Grad wurde im Umkreis von zwei Kilometern beinahe jedes Gebäude zerstört und bis zu 100.000 Menschen fanden umgehend den Tod. Weitere 40.000 starben an den Folgen der Verbrennungen und der radioaktiven Vergiftung. Drei Tage später explodierte über Nagasaki eine weitere Atombombe, worauf Japan schließlich in die Kapitulation einwilligte. Zentrales Denkmal des Friedensparks ist der ‚Atomic bomb dome‘, ein Kuppelgebäude, dessen Fassaden die Explosion weitgehend überstanden und welches als Mahnmal in diesem Zustand belassen wurde. Insgesamt 70 größere und kleinere Monumente und Erinnerungsorte gibt es im Park zu sehen. Weiter ging es zum Schloss von Hiroshima, natürlich ein Nachbau, denn das Original fiel der Atombombe zum Opfer. Ein Menü mit Udon-Nudeln beendete diesen Tag.






Der Dienstag war für einen Ausflug nach Miyajima vorgesehenen. Diese Insel liegt in der Bucht vor Hiroshima und beherbergt mit dem Itsukushima-Schrein eines der größten Heiligtümer der Shinto-Religion, neben dem Buddhismus der vorherrschend praktizierte Glaube in Japan. Die Anlage wurde über dem Wasser errichtet und existiert in aktueller Form seit dem 12. Jahrhundert. Die Gläubigen betreten die Schreine durch ein sogenanntes Torii. Auf Miyajima ist dieses vor der Tempelanlage im Wasser platziert und kann prinzipiell nur mit dem Boot durchquert werden, es sei denn es herrscht Niedrigwasser. Wenn man das Tor also optisch auf dem Wasser schwebend erleben will, muss man auf die Gezeiten achten, in unserem Falle sollte das aber gut passen. Man kann die Insel mit einem direkt verkehrenden Boot ab dem Friedenspark erreichen, das ist auch der einfachste Weg. Am Vorabend hatten wir uns noch zum Anleger begeben und von einem schlecht gelaunten und genervten Mitarbeiter die Info bekommen, dass Tickets nur am Abfahrtstag selbst erworben werden können. Das stellte sich als falsch heraus und sämtliche Verbindungen am Morgen waren nun ausgebucht. Also mussten wir umständlich mit der Tram und der normalen Fähre anreisen und verloren zu viel Zeit. Mit dem Ergebnis, dass das Wasser schon fast abgelaufen war, das Torii beinahe auf dem Trockenen lag und Opfer der Selfi-Idioten und Touris wurde. Hiermit dann noch mal ein herzlicher Dank an den Voll-Ochsen, der uns mit den Fake News versorgt hatte. Möge Dir Dein Shinto-Gott drei Wochen blutigen Durchfall bescheren.
Eine weitere Attraktion der Insel sind die Sika-Hirsche. Sie sind an den Menschen gewöhnt, völlig zahm und laufen frei herum. Oder liegen einfach vor Geschäften auf der Fußmatte. Leider halten sich viele Touristen nicht an die Einschränkungen und füttern und bedrängen die Tiere. Im Laufe des Nachmittags begann es dann zu regnen. Von wegen Land der aufgehenden Sonne! Überhaupt summierte sich die Anzahl der Sonnenstunden auf der gesamten Tour bisher auf maximal eine. Nach Rückkehr nach Hiroshima war noch Zeit durch das völlig überfüllte Friedensmuseum zu gehen. Die dort zu sehenden Fotos und Exponate sind natürlich nichts für zarte Gemüter. Um halb acht am Abend bestiegen wir den ‚Shinkansen‘, der uns in weniger als zwei Stunden nach Kyoto schleuderte. Das Zugsystem ist der helle Wahnsinn. Alle paar Minuten fahren Shinkansen-Züge in alle möglichen Richtungen und pflügen dann mit annähernd Tempo 300 durch die Landschaft. Klar, schafft der ICE in Deutschland auch, aber nur für ein paar Minuten und auf wenigen Abschnitten, während das in Japan das Standard-Tempo ist. Zudem kennt Japan keine Verspätungen. Die Züge fahren ausnahmslos pünktlich und am Ziel begrüßte uns der in Blau erstrahlende ‚Kyoto Tower‘. Es war dann schon gegen 22 Uhr als wir im Hotel eintrafen. Da traf es sich gut, dass direkt ums Eck ein kleines unscheinbares Schnellrestaurant war, wo uns Oma und Opa ein vorzügliches Mal zubereiteten.







Ein voller Tag in der alten Kaiserstadt Kyoto lag vor uns und die Wettervorhersage sagte etwas von ‚regnerisch‘. Das traf allerdings nicht so ganz zu. In den Morgenstunden war es noch trocken, begann dann aber im Laufe des Vormittags erst zu nieseln und regnete sich dann dick ein bis es schließlich erbarmungslos schüttete. Undankbar, denn Kyoto hat eine Menge zu bieten und wir wollten dementsprechend ein strammes Programm durchziehen. Um sich zumindest trocken zwischen den Spots bewegen zu können, entschieden wir uns für das ‚Hop on/Hop off‘-Angebot, welches in Kyoto aus zwei ineinander verzahnten Linien besteht. Letztlich brachten wir nicht viel zustande, ein Tag reicht einfach nicht aus, um Kyoto ausreichend zu erkunden, erst recht nicht bei Scheißwetter. Mehr als der Ginkaku-ji-Tempel, das Geisha-Viertel Gion, die Burg Nijo und schließlich der Nishi-Hongan-ji-Tempel war nicht drin. Zum Schluss kübelte es dermaßen, dass ich auf dem kurzen Fußweg zum Hotel völlig durchnässt wurde und die nächste Stunde damit beschäftigt war, Schuhe und Klamotten mit dem Fön einigermaßen trocken zu bekommen. Ein gutes Abendessen in einem Yakitori-Schuppen hob die Laune aber wieder. Yakitori sind kleine, mit allen möglichen Fleisch- und Gemüse-Varianten bestückte Spießchen, die man einfach so lange nachbestellt bis man satt ist.








Am folgenden Vormittag brachte uns der Shinkansen in etwas mehr als zwei Stunden nach Tokyo, mit über 33 Millionen Einwohnern drittgrößer Ballungsraum der Welt. Linksseitig zeigte sich der nicht ganz 3.800 Meter hohe Vulkan Fuji, eines der Wahrzeichen, wenn nicht sogar ‚das‘ Wahrzeichen des Landes. Zunächst verbarg er sein schneebedecktes Haupt noch etwas schüchtern unter eine Wolkenhaube, dann blinzelte er aber doch etwas mutiger hervor. In Tokyo nahm uns dann mein Leibarzt gemeinsam mit Micha, einem weiteren von früheren Reisen bekannten Akteur, der mit dem Leibarzt schon drei Wochen in Ostasien herumgereist war, in Empfang. Nach Mittagessen und Check-in im Hotel war der ‚Tokyo Skytree‘ das Ziel, 634 Meter groß und damit dritthöchstes Gebäude und sogar höchster Rundfunkturm der Welt. Ich bin ja überzeugter Von-oben-Gucker, aber mehr als 20 Euro Eintritt waren mir, beziehungsweise uns zu viel, zumal es für Touris ‚nur‘ bis auf 450 Meter geht. Stattdessen gelangt man im Hochhaus des benachbarten Shopping-Centers for free bis in die oberste Etage und hat von dort auch einen guten Blick über die riesige Metropole. Häuser so weit das Auge reicht. Fast wie in Essen-Schönebeck. Nächster Spot war der Asakusa-Schrein, der leider ziemlich überlaufen war. Am Abend stieß dann Daniels Gattin hinzu und wir konsumierten ein All-you-can-eat-Diner, das so funktioniert, dass man ein bestimmtes Programm an Fleisch und Gemüse für einen festen Zeitraum ordert. Dann kommt eine Schale mit brodelnder Brühe auf den Tisch, in dem alles nach eigenem Gusto zubereitet wird. Auch Bier und Longdrinks waren im Preis enthalten, so dass wir den Laden entsprechend euphorisiert verließen. Den Abschluss des Tages bildete ein Besuch in einer Bar, bevor es ordentlich angeschlagen in die Falle ging.










Das Aufstehen fiel dementsprechend etwas schwerer und Normalform hatte ich erst nach einem zünftig-japanischen Mittagessen wieder erreicht. Danach bewegten wir uns östlich des Zentrums. Erstes Ziel war das Tokyoter Rathaus im Stadtteil Shinyuku. In 200 Metern Höhe bietet es einen tollen Panorama-Blick und der Zutritt ist kostenlos. Weiter ging es fußläufig zum Meiji-Schrein, auch ‚Der Schrein im Wald‘ genannt. Dieser wurde zu Ehren des namensgebenden Kaisers und dessen Frau vor etwas mehr als 100 Jahren erbaut. Der Wald wurde künstlich angelegt und es wurden über 100.000 Bäume aus ganz Japan herangeschafft, um diese Grün-Zone anzulegen. Nach einem weiteren kleinen Spaziergang landeten wir an der berühmten ‚Shibuya Crossing, vielleicht die berühmteste Kreuzung der Welt. Während der Grünphase der Fußgänger sind sämtliche Übergänge der Kreuzung freigegeben. Mehrere hunderttausend Menschen täglich queren täglich die Kreuzung, in der Rush Hour bis zu 2.500 Menschen je Grünphase. Ist natürlich ein beliebter Touri-Spot und nicht wenige der Querenden sind eben Touris die sich mit Selfie-Videos angemessen zum Affen machen.






Nun rückte langsam der Sport wieder in den Mittelpunkt. Mit der Begegnung Tokyo Swallows, eigentlich Tokyo Yakult Swallows und damit so ne Art Betriebsmannschaft des Konzerns, der für sein auf Magermilch basierendes Getränk weltweit berühmt ist und den Verein Anfang der 70er Jahre erwarb, gegen die Yomiuri Giants, dem ältesten und erfolgreichsten Team des Landes, besuchte ich im ‚Meiji-Jingu-Stadion‘ das erste Baseball-Spiel meines Lebens. Es war überwältigend! Und zwar überwältigend langweilig. 28.406 Zuschauer sahen zu, wie die Giganten kurzen Prozess machten und nach drei von neun Innings – es gibt neun Durchgänge, in denen sich beide Teams einmal im Angriff und einmal in der Verteidigung üben dürfen – 7:0 gegen die gastgebenden Schwalben führten. Danach passierte fünf Innings lang… nichts! Im letzten Durchgang durfte dann endlich mal ein Homerun bestaunt werden und die Gastgeber konnten noch einen Ehrenpunkt zum Endstand von 8:1 für die Giants einfahren. Da war ich aber nach zweidreiviertel Stunden Spielzeit schon fast eingeschlafen.
Anders als in den Staaten gibt es in Japan beim Baseball organisierten Support. Stimmung machen immer nur die Fans desjenigen Teams, welches im Angriff ist – eine vermutlich eher ungeschriebene Regel im Höflichen Japan. Die Anfeuerung liegt irgendwo zwischen Kindergeburtstag und Jugendgesangsverein, also ich konnte mit der Veranstaltung letztlich recht wenig anfangen, dafür bin ich wohl zu sehr von unserem geliebten Asi-Sport geprägt. Auch das fehlende Tempo bei dieser Sportart schreckte mich ab, es passiert zwischendurch einfach zu oft zu lange nichts. So blieben die extravagant gestalteten Flutlichtmasten des Stadions mein persönliches Highlight. Abgesehen von den charmanten und kurzberockten Bier-Mäusen (Anm. der Red.: das ist bewundernd und nicht sexistisch gemeint – muss man ja heutzutage drauf hinweisen), die zahlreich herumsprangen und den Gerstensaft an den emsigen Japaner oder die Japanerin brachten. Nicht an den Touri-Dödel, der ein paar Dosen reingeschmuggelt hatte, um die hohen Bierpreise im Stadion zu umgehen.







Der Samstag sollte dann den Fokus endlich mal wieder auf das lenken, weshalb wir den ganzen Zirkus immer veranstalten. Daniels reizende Dame hatte einen Leihwagen organisiert und übernahm außerdem das Steuer für den Ausritt in die circa 100 Kilometer Montanstadt Kashima – herzlichen Dank dafür. Der Rekordmeister der J-League empfing im ‚Kashima Soccer Stadium‘ das beliebteste Teams des Landes, die Urawa Red Diamonds aus Saitama im Tokyoter Speckgürtel, bei dem in den 90er Jahren Uwe Bein und Guido Buchwald kickten. Buchwald führte die Diamanten einige Jahre später als Trainer zum Double-Sieg. Mit etwas mehr als 28.000 Zuschauern war das WM-Stadion von 2002, in dem sich die deutsche Elf zu einem Remis gegen Irland mühte, zu ziemlich exakt zwei Dritteln gefüllt. Die aktuelle Spielzeit ist eine Übergangssaison, da die bisher mit dem Kalenderjahr ausgespielte ‚J League‘ auf den ‚europäischen‘ Modus von Sommer bis Sommer umgestellt wird. Daher dauert die gegenwärtige Saison nur ein halbes Jahr. Die Liga wurde in zwei Staffeln geteilt, die beiden Staffelsieger spielen am Ende in einem Finale den Liga-Meister aus. Während der Rekordmeister schon wieder mit einigen Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze seiner Staffel stand, hingen die Gäste im Mittelfeld des Tableaus fest. Zu wenig für den Anspruch des stolzen Vereins mit seinen noch stolzeren Anhängern. Obwohl die Fans also aktuell mit ihrem Team überhaupt nicht zufrieden sind, waren etwa 3.500 Leute angereist, die auch ordentlich Ballett machten. Aus der Gästekurve schallten Gesänge im italienischen Stil in einer Top-Lautstärke herüber. Die Mitmachquote ging schon an die 90 Prozent, lediglich einige Personen, die sich an den Rand der Gästetribüne zurückgezogen hatten, wollten einfach nur Fußball schauen.
Bei den Geweihträgern auf der anderen Seite wurde als Intro eine zentrale Blockfahne mit gelbem Stern auf rotem Grund gezeigt, deren Hintergrund sich mir nicht erschloss. Die Gesänge der Antlers-Anhänger klangen mehr nach lateinamerikanischem Vorbild, zum Teil schienen es auch eigene Kreationen zu sein. Ein deutlicher Unterschied zu den Urawa-Jungs war im optischen Auftreten zu erkennen. Während des ersten Durchgangs waren Schwenk-Lappen nur in einheitlichem Design in einer durchgehenden Batterie in der ersten Reihe zu sehen. Eigentlich sogar vor der ersten Reihe, denn die Fahnen-Jungs standen auf dem Sims vor der Abgrenzung zum Innenraum. Erst im zweiten Durchgang wurden auch in der Kurve Fahnen geschwenkt, allerdings nicht in einem so schönen geschlossen-wilden Bild wie bei den Diamonds. Die Gäste spielten gar nicht so schlecht mit und hielten die Partie offen. Hinten ließen sie nicht viel zu, hatten vorne einige Möglichkeiten, der Führungstreffer war in der ersten halben Stunde möglich. Insgesamt gab es aber in Durchgang eins nur wenige Strafraum-Szenen oder gefährliche Fernschüsse.



























