
Rot-Weiss Essen vs FC St.Pauli 2:0
Stadion an der Hafenstraße, 18.800 Zuschauer, DFB-Pokal 1.Runde

Sankt Pauli im Pokal. Kein Traumlos. Natürlich um Längen besser, als Gegner der Kategorie Hoffenheim oder Paderborn, aber dafür anstrengend, zumindest was das Fan-Klientel angeht. Klagen auf hohem Niveau, grundsätzlich hat der RWE bei den DFB-Pokal-Teilnahmen der letzten Jahre nie Los-Pech erlebt, wenn man mal vom Spiel gegen den Leipziger Filialbetrieb des Energydrink-Herstellers aus Fuschl am See absieht. Ich befürchtete jedenfalls, dass sich die Kurven verbal und optisch an Peinlichkeiten überboten, doch glücklicherweise rissen sich beide Seiten weitestgehend am Riemen, wohl auch aufgrund vorheriger ‚Verhaltensanweisungen‘ der führenden Gruppen. In dieser waren sich die Gäste allerdings nicht zu schade, von der ‚Faschoverseuchten‘ Essener Kurve zu sprechen. Natürlich gibt es in der Westkurve einzelne Personen mit rechtsextremer Einstellung, vermutlich gar kleinere Gruppen. Wie in fast jeder deutschen Kurve. Unter tausenden Besuchern. Ein ganzes Publikum darauf zu reduzieren ist nicht nur polemisch und heuchlerisch, sondern auch brandstiftend. Der RWE-Anhang ließ sich davon nicht groß provozieren. Und auch in der braunen – ich finde ja diese Vereinsfarbe bei genau diesem Club so eine herrliche Satire – Kurve ist ja nicht jeder Anwesende linksextrem. Klar gibt es darunter genug Personen dieser Ausrichtung, natürlich insbesondere bei ‚Ultra Sankt Pauli‘. Aber auch bei Sankt Pauli hegt eben nicht jedes Kurvenmitglied extreme Denkweisen. Politischer Extremismus, egal ob rechts oder links, ist einfach scheiße – so und nicht anders!
Dennoch traurig, dass sich der gesamte Block instrumentalisieren ließ. Auf ein „Nazis raus!“ Richtung Essener Publikum, was man mit viel Wohlwollen noch als allgemeinen Aufruf werten konnte, folgte ein hüpfendes „Nie, nie, nie wieder Deutschland“, an dem die ganze Blockbesatzung teilnahm. Wat woll’n se denn stattdessen, was ist die Alternative? Zurück in die Weimarer Republik oder gar die Lehnsherrschaft? Wenn, dann wäre der Ruf nach einem ‚anderen‘ Deutschland angemessen. Aber die dargebotene Parole war nichts anderes als billiger Antifa-Populismus und der gescheiterte Versuch, das Heim-Publikum zu provozieren, welches den rebellischen Mist einfach mit RWE-Gesängen übertönte. Zudem erfreut sich sicher auch ein angemessener Teil des Pauli-Anhangs an den doch recht üppigen Sozialleistungen, die unser ach so fieser Staat für sozial (und geistig?) Benachteiligte bereitstellt. Die Westkurve eröffnete mit einer simplen aber effektiven Choreo, welche die Kurve oberhalb des fetten Banners am Zaun mit der Aufschrift ‚Oldschool Fußball Hafenstraße‘ mit roten und weißen Pappen in die Clubfarben teilte. Dann wurde per Blockbanner ein Fan ausgebreitet, der einen klassischen RWE-Pokal-Schal aus den 90ern präsentierte, und dieser langsam nach unten gereicht. Leider wurden die Pappen im oberen Bereich zu früh gelüftet, daher gibt es deutlich Abzüge in der Ausführung.
Ein erstes Spruchband wurde auch bald gezeigt. „Awareness ist, wenn USP Kinder fickt“ nahm Bezug auf einen Arbeitskreis von Ultras Sankt Pauli, der damit befasst ist, die Kurve in einen sicheren Raum zu verwandeln, nachdem vor ein paar Jahren sexuelle Übergriffe erwachsener Kurvenmitglieder gegenüber Minderjährigen bekannt wurden. Eigentlich zeitlich etwas überholt, aber das Thema ist ja dennoch irgendwie immer aktuell. Der Gästeanhang ging nicht darauf ein und ansonsten hielt sich der Spruchband-Terror in Grenzen. Einigkeit bestand nur bei der konzentrierten Protest-Aktion gegen den Videobeweis. USP wurde von einigen befreundeten Gruppen unterstützt. ‚Schickeria München‘, Infamous Youth‘ aus Bremen, ‚Ultras Hapoel‘ aus Tel Aviv und ‚Ultras Inferno‘ von Standard Liege hatten Überhänger über dem USP-Banner platziert, der dadurch selbst kaum noch in Erscheinung trat. Die Stimmung aus dem Gästeblock hätte ich brachialer erwartet. Offenbar ist man aber nur bei den politischen Parolen laut. Ansonsten schallerte nur der simple „Sankt Pauli“-Schlachtruf vernünftig, der Rest war viel selbstverliebtes Geträller. Auch nach dem Zwei-Tore-Rückstand wurde die Sangesstrategie nicht geändert, eher untauglich um die leblose Mannschaft noch mal für eine Schlussoffensive wachzurütteln. Die ‚Westkurve‘ war gut aufgelegt und bei den großen Spielen steigt ja mindestens die Gegentribüne bei den Gassenhauern immer gut mit ein. Da ich da aber selbst mittendrin bin, fällt es mir immer schwer, die Wirkung zu beurteilen, denke aber, es war ordentlich. Nach wie vor verhindern die offenen Ecken eine wirklich brutale Lautstärke. Ich bin von der Optik geschlossener Stadien selten begeistert, aber der Stimmung in Essen kann das nur gut tun. Im Herbst sollen die Arbeiten ja endlich beginnen.
Die Roten waren direkt gut drin im Spiel und ließen den Kiez-Kickern wenig Raum zur Entfaltung. So verlagerte sich das Spielgeschehen öfter in die von den Gästen verwaltete Hälfte, gefährlich wurde es aber nur auf der anderen Seite, wenn das Team vom Millerntor dort mal auftauchte. Allen voran der Niederländer Kaars hätte den Führungstreffer erzielen müssen, schaffte es aber die Kirsche, etwas in Rücklage geraten, aus dreieinhalb Metern über das leere Tor zu chippen. Dann kam auch die gute Seite des Spiels zu ersten Chancen. Jansen scheiterte aber erst am Außennetz und dann frei vor dem FCSP-Schlussmann genau an diesem. Die Gäste kamen auch zu weiteren brandgefährlichen Situationen, hatten aber das Visier nicht richtig justiert. Jansen dann aber endlich schon, als er zehn Minuten vor der Pause nach einer No-Look-Flanke von Obuz sträflich frei gelassen zur Führung einnickte und die Hafenstraße im Jubel versinken ließ. Und noch keine zehn Minuten waren in Durchgang zwei gespielt, als Hofmann dann genau schaute, wohin er flanken wollte und Telalovic volley mit der Innenseite die Führung technisch anspruchsvoll verdoppelte. Die Hamburger kamen danach überhaupt nicht mehr zu zwingenden Aktionen, die rot-weisse Defensive stand deutlich sicherer und viel besser zugeordnet als im ersten Durchgang, der RWE war dem dritten Treffer näher als die Gäste ihrem ersten. So ging die Partie recht unaufgeregt zu Ende, weil der RWE clever und konzentriert verteidigte. Und ohne überheblich zu sein – ich habe diesen Sieg so dermaßen für möglich gehalten, dass ich ihn nicht als totale Sensation empfinde.
















