Essen – Sa., 15.08.2026, 14:00

Rot-Weiss Essen vs TSV Havelse 1:0

Stadion an der Hafenstraße, 16.547 Zuschauer, 3.Liga
Als ich am frühen Freitag-Morgen wegen aktueller Sehnensymptomatik zur Magnetfeldtherapie in der Praxis meines Vertrauens antanzte, die auch den Mannschaftsarzt für den RWE stellt, kam mir aus dem Therapieraum Lucas Brumme, Linksaußen beim glorreichen Deutschen Meister von 1955, entgegen. „Der wird doch wohl gegen Havelse nicht ausfallen“, dachte ich mir. Keine sechs Stunden später wurde genau das in einer Mitteilung des Vereins veröffentlicht. Ersetzt wurde Brumme durch Neuzugang Pesch, es sollte die einzige Änderung sein, die Trainer Koschinat vornahm. Endlich wieder Hafenstraße und gewohnte Wege, das Hafenstübchen hat sich für die neue Spielzeit sogar schön herausgeputzt und das Modell der alten Haupttribüne des ‚Georg-Melches-Stadion‘ hat in der ‚Kleinen Gruga‘ auch seinen Platz gefunden. Mit dem Turn- und Sportverein aus dem Garbsener Stadtteil Havelse, Profiteur der Pleite der Münchner Löwen und dadurch in der Liga verblieben, stellte sich ein äußerst undankbarer Gegner zum ersten Heimspiel der Saison an der Hafenstraße vor. Die Aufgabe war schon bedingt durch die Auswärtsklatsche im Saarland am ersten Spieltag groß genug. Dass gegen den kleinen Verein aus dem Hannoveraner Speckgürtel sämtliche Anhänger in Rot und Weiss einen Sieg erwarteten, bestenfalls noch einen deutlichen, machte es nicht einfacher. Dabei wurde dem TSV durchaus eine gewisse Reife zugeschrieben. Der Mannschaft wurde eine höhere Kader-Qualität bescheinigt, als in der Saison zuvor. Der RWE hatte mit dem Gastverein vereinbart, dass dessen Anhängern lediglich der Gäste-Sitzplatzbereich zugestanden wurde, der für nicht einmal drei Dutzend TSV-Fans immer noch überdimensioniert war. Der Auswärtssteher wurde dagegen für das Heimpublikum geöffnet. Dieses aber auch überschaubarem Erfolg, denn lediglich circa 200 Personen verloren sich im Block.
Für mich war die Perspektive heute mal eine andere, da ich über einen meiner bewährten Reise-Mitstreiter den VIP-Bereich ‚Assindia‘ in Anspruch nehmen durfte. Da sich die Aufmerksamkeit mit zunehmender Spieldauer mehr und mehr auf den Zapfhahn konzentrierte, konnte für die Aktion eigentlich kaum ein besseres Spiel als dieses gegen einen unattraktiven Gegner herhalten. Die Westkurve blieb heute frei von besonderen Aktionen, wenn man von zwei Transparenten zur Begrüßung rückkehrender Stadionverbotler absieht. Der RWE nahm von der ersten Sekunde an das Heft in die Hand und dominierte seinen Gegner. Der Nachmittag hätte früh in entspannte Bahnen gelenkt werden können, wenn die Offensivabteilung nicht eine eklatante Abschlussschwäche offenbart hätte. Beste Gelegenheiten blieben von Jansen und Telalovic ungenutzt, was aber auch an Gäste-Schnapper Hanin lag, der einen phantastischen Tag erwischt hatte und die rot-weissen Angreifer verzweifeln ließ. Den Gästen boten sich in der ersten Hälfte nur eine Möglichkeit, eine gefährliche Torchance zu kreieren. Dass es dazu nicht kam, resultierte aus einem ungenauen Zuspiel des Ex-Rot-Weissen Voufack. Die einzige wirkliche Chance für den TSV sahen die Zuschauer kurz nach dem Seitenwechsel, als ein Torschuss am langen Pfosten vorbeistrich.
Jansen vergab dann erneut für den RWE und ein Strafstoß musste schließlich her, um einen verdienten Sieg zu erringen. Dabei war das Foul, welches nach einer guten Stunde Spielzeit für den Elfmeterpfiff ursächlich war, unstrittig. Die Gäste-Gemüter rieben sich schließlich an einer Szene zuvor, in welcher dem TSV wohl ein berechtigter Freistoß verweigert wurde, der die Szene zu Elfmeter gar nicht hätte entstehen lassen. So ist es eben in einer Liga ohne Video-Referee und der RWE hat es in der vergangenen Spielzeit oft genug andersherum erfahren. Fehlentscheidungen gleichen sich auf Strecke eh aus. Daher weiterhin: Anti VAR! Telalovic ließ sich die Möglichkeit nicht entgehen, schickte Hanin ins falsche Eck und verwandelte wuchtig zur Führung. Da dann auch weiterhin Chancen ausgelassen wurden, das Spiel zu entscheiden, Obuz zweifach und Telalovic vergeben gute Möglichkeiten, blieb die Situation fragil. Wer aber auf eine Schlussoffensive der Gäste gewartet hatte, wartet auch heute noch – es gab sie nicht. Offenbar wird die Qualität des TSV (noch?) überschätzt. Mit dem prinzipiell überzeugenden Sieg, wenn auch im Ergebnis dünne, kehrt dann auch wieder Ruhe ein im Essener Norden. Wie es sich für einen emotional aufgeladenen Verein gehört, dem seine Tradition eher Bürde als Geschenk bedeutet, waren im rot-weissen Anhang nach der Auftaktschlappe schon wieder deutliche Stimmungsschwankungen und Weltuntergangstheorien zu vernehmen. Wie es gelaufen wäre, hätte der Kontrahent heute anders geheißen, bleibt Theorie und der TSV war letztlich schon ein optimaler Aufbaugegner. Die in Saarbrücken offen zu Tage getretenen Schwächen haben sich aber in so kurzer Zeit sicherlich nicht von allein erledigt. Man darf gespannt bleiben.