Essen – So., 26.04.2026, 16:30

Rot-Weiss Essen vs 1.FC Saarbrücken 1:2

Stadion an der Hafenstraße, 17.617 Zuschauer, 3.Liga
Mit den Saarländern stellte sich eine ziemliche Wundertüte an der Hafenstraße vor. Mit deutlich mehr Qualität ausgestattet, als es der Tabellenplatz hergibt, war der FCS noch immer nicht von den letzten Abstiegssorgen befreit. Nach der Niederlage des glorreichen RWE beim Topspiel in Cottbus in der Vorwoche, stellte sich zudem die Frage, ob die Art und Weise wie diese zustande kam, etwas mit den Köpfen der Rot-Weissen machte. Trotz der Niederlage blieb der Euphorie-Pegel allerdings am Anschlag. Die davor errungenen sieben Siege in Folge haben natürlich eine Erwartungshaltung entstehen lassen, die selbst mich mit meiner vorsichtigen Einstellung endgültig an die Truppe glauben ließ. Unabhängig davon durfte nicht ausgeblendet werden, dass es dabei Spiele gab, die auf der Kippe standen und das Pendel dabei etwas glücklich auf die rot-weisse Seite ausschlug. Ich war zwar durchaus optimistisch, dass die Roten den deutlichen Dämpfer der Vorwoche gut weggesteckt hatten, irgendetwas in mir bereitete mir aber ein schlechtes Gefühl. Vorrangig lag das wohl am Gesetz der Serie. Der RWE hatte seit fast einem halben Jahr daheim nicht mehr verloren, während die Gäste noch länger auswärts nicht mehr gewonnen hatten. Serien reißen irgendwann, genau das ließ in mir die Alarmglocke schrillen. Feld-Moderator ‚Ruthe‘, der vor dem Spiel auf dem Rasen die Aufstellung verliest und dabei ein paar vermeintlich lustige, schlaue Sprüche vom Stapel lässt, schoss deutlich über das Ziel hinaus, als er die Gäste abfällig als ‚Möchtegern-Franzosen‘ diskreditierte. Das war mindestens genauso überflüssig und peinlich, wie die darauf folgenden „Ost-Ost-Ostfrankreich“-Rufe aus dem mit gut 800 Saarländern gefüllten Away-Sektor, die aber eine beinahe natürliche Reaktion auf diese geschmacklose Provokation waren. Nach meiner Meinung braucht es den Clown auf dem Rasen eh nicht. Die Kurve ist schon selbst in der Lage, sich anzuzünden. Kann weg.
Die Roten kamen gut in die Partie und erzielten mit einer traumhaften Kombination die frühe Führung. Nicht zum ersten Mal wurde dann aber mit dem die trügerische Sicherheit verleihenden Gefühl eben jener Führung das Tempo herausgenommen, anstelle die Verunsicherung des Gegners zu weiteren Angriffsbemühungen zu nutzen. Fünf Gäste-Ecken in Serie kurz nach dem Führungstor, von denen zwei schon ins Tor guckten, hätten eigentlich eine Warnung sein müssen. Stattdessen wurde den Blau-Schwarzen, die in der ersten Spielhälfte gefühlte 80% Ballbesitz hatten, nun das Spielgerät überlassen. Ballbesitz ist ja nicht nur wichtig, um das eigene Tor zu verteidigen, denn ohne Ball kann der Gegner Dir nicht weh tun. Ballbesitz taugt auch ganz gut, um selbst gefährlich zu werden und genau das versuchten die Gäste zunehmend, vorrangig über die linke Angriffsseite, wo der sonst starke RWE-Leihverteidiger Hofmann viel Mühe mit dem schnellen, quirligen Pick hatte. Zudem schaltete sich Linksverteidiger Bretschneider immer wieder offensiv mit ein und Abiama auf der rechten Essener Angriffsseite schien etwas überfordert damit, genau das einzudämmen und defensive Aufgaben zu übernehmen. Die Roten gaben den Gästen dann zu viel Raum, waren nicht eng genug am Mann, es fehlte irgendwie das Leben in der Mannschaft, eine klare Körpersprache sieht anders aus.
Das ermöglichte den Ausgleich nach einer halben Stunde, als sich ein Saarbrücker in den Essener Strafraum dribbelte und überlegt abschloss. Golz stand dabei auch nicht optimal und gab die rechte Torhälfte frei. Ein mögliches Foul an Janssen in der Entstehung bleibt diskutabel, ich bin aber eher ein Freund von großzügiger Auslegung. Großzügig blieben auch die Mannen in den roten Trikots, die kurz vor dem Pausenpfiff den Gästen erneut beim Kicken zuschauten, bis die Kirsche endlich im Tor lag. Auch bei diesem Treffer hätte Golz beim Torschuss besser stehen können, den aus spitzem Winkel abgesendeten Ball konnte er nicht entscheidend abwehren, Brünker staubte dankbar ab. Zur Wahrheit gehört aber, dass die Defensive es erst gar nicht so weit kommen lassen durfte. Die eh schon schwere Aufgabe wurde also noch schwieriger. Aber der RWE schüttelte sich und spätestens nach eine Stunde Spielzeit ging es nur noch auf das Tor des heute ganz starken FCS-Schlussmannes Menzel. Die Roten nahmen nun das Herz in die Hand und zeigten auch endlich die letzte Bereitschaft sich zu quälen. Warum nicht von Beginn an? Kopfsache. Natürlich! Abgesehen von der defensiven Schwäche, die durch eine starke Offensive oft kompensiert wird, ist nach meiner Meinung das größte Manko im Team das Fehlen von echten Mentalitätsspielern. Es fehlen einfach zwei, drei Leute im Team, die konsequent vorangehen, die ihre Mitspieler mitreißen.
Das zuletzt oft bemühte Glück war heute auch nicht auf der rot-weissen Seite des Spiels. Angriff auf Angriff rollte auf das Tor des Gegners, echte Torgefahr konnte man aber an einer Hand abzählen. Der Pfosten stand auch im Weg und Menzel hielt den Sieg kurz vor dem Ende mit einem ‚big save‘ fest. Dass Seuchenvogel Baumann kurz nach seiner Einwechselung mit dunkelrotem Karton wieder vom Feld geschickt wurde, fiel nicht mehr groß ins Gewicht und wenig später gab es lange Gesichter. Nun wird es hart, aber Aufgabe ist keine Option. Es gilt das Haupt zu heben, die Krone zu richten und zur Attacke zu blasen. Die Stimmungslage ist aber mal wieder schwierig, denn im Essener Norden gibt es ja nur gut oder schlecht, kein ‚dazwischen‘. Die wenigsten RWE-Anhänger können oder wollen Situationen sachlich einordnen. Ich persönlich befinde mich weiter in einer Luxus-Problemlage, denn ich sehe den Aufstieg weiterhin nicht als Muss an, auch wenn ich mich diesem nicht verweigern würde. Die Konstellation der restlichen drei Spieltage lässt alles offen, macht alles möglich. Doch geht es erst einmal darum den dritten Platz zu sichern. Platz vier wäre der Trostpreis und mein persönliches Minimum, das erreicht werden sollte. Berechtigt dieser Tabellenplatz doch zumindest zur Teilnahme am DFB-Pokal, würde sich aber nach der Zwischenbilanz der letzten Wochen dennoch wie eine Niederlage anfühlen.