Exkurs: Lost Grounds in Essen

Lost Grounds in Essen

Meine schöne Heimatstadt hat einige verlassene Fußballplätze zu bieten, von denen der eine mehr, der andere weniger sehenswert ist. Einige davon habe ich in den vergangenen Tagen besucht und der nachfolgende Text und die Bilder beschreiben diese Lost Grounds.
Etwas abseits der Aktienstraße in Essen-Bedingrade lag der Platz des VfB Borbeck. Von diesem ist heute nichts mehr zu sehen, es ist eine wild überwucherte Fläche, die lange brach lag, zwischendurch als Pferdekoppel genutzt wurde und nun verwildert. Der Platz findet nur in diesen Text, weil er gewissermaßen den Ursprung meiner eigenen ‚Fußball-Karriere‘ bedeutet. Und auch wieder nicht. Denn als ich mit 13 Jahren beim VfB mit dem Kicken begann, war der Verein soeben auf die Anlage an der Ardelhütte in Essen-Schönebeck umgezogen, wo er im Jahr 2000 mit Grün-Weiß Schönebeck zur SG Schönebeck fusionierte, heute als SGS Essen durch das Damen-Bundesligateam Republik-weit ein Begriff.
An der Serlostraße, eingerahmt von Wohnbebauung, liegt der ehemalige Sportplatz von TuRa 1886, einem traditionsreichen Verein aus Essen-Altendorf. Mein Vater spielte dort in seiner Jugend in den 50er Jahren. Der Platz ist nichts Besonderes, dieser ist nur auf einer Seite mit einigen Stufen ausgebaut, die unter der sprießenden Vegetation schon nicht mehr auszumachen sind. Und doch bin ich dort als Gäste-Spieler eigentlich immer ganz gerne aufgelaufen. Vor zwei Jahren bezog der Verein den neuen Sportplatz im Krupp-Park, den er sich mit zwei anderen Clubs teilen muss.
Der Sportplatz am Altenbergshof gehört zu den durch Flüchtlings-Unterkünfte verstümmelten Plätzen. Auf dem ehemaligenm Spielfeld wurden große Zelte zur Unterbringung der eintreffenden Flüchtlinge errichtet. Es ist die alte Anlage des VfB Essen-Nord und des BV Eintracht 16. Außer dem Eingangsportal und ein paar Stufen ist nicht viel übrig von einer eigentlich ganz kultigen Sportstätte. Das ehemalige Spielfeld wird nun von einem eingezäunten Spazierweg durchschnitten und eine Hälfte als Betriebsfläche für eine benachbarte Baustelle genutzt.
Zu den schönsten ehemaligen Essener Sportanlagen zählt sicherlich der Platz Am Lindenbruch in Essen-Katernberg. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort. In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg erlebte der Club seine erfolgreichste Zeit, spielte in der höchsten Spielklasse, der Oberliga West, vor mehreren tausend Zuschauern und hatte mit ‚Boss‘ Helmut Rahn DEN späteren Weltmeister für ein Jahr unter Vertrag, bevor dieser zum glorreichen RWE wechselte. Eine kurze Hochphase hatten die Sportfreunde noch Ende der 80er Jahre, als die Oberliga Nordrhein erreicht wurde. Danach ging es hinab bis auf Kreisliga-Niveau. Vor drei Jahren wurde die Fusion mit dem Nachbarn DJK Katernberg vollzogen und nach abgeschlossener Sanierung dessen Sportanlage die wundervolle Anlage Am Lindenbruch aufgegeben. Es ist eine Schande.
Über den Sportplatz im Gleisdreieck oder auch Sportplatz Kumpelweg ist mir wenig bekannt. Nach meinem Wissen wurde die Anlage weitestgehend für den Freizeitliga-Spielbetrieb genutzt, aber ich habe auch mal irgendwo aufgeschnappt, dass der TBV Frillendorf einige Jahre dort verbracht haben soll. Heute hat sich eine Hundeschule des Geländes bemächtigt. Das alte kleine Gebäude mit Umkleiden und Ausschank steht aber noch. Auch kann man anhand der Grasnarbe noch den Spielfeldrand erahnen, obwohl sich der Hartplatz zum Teil in ein Rasenfeld verwandelt hat.
Unweit des Gleisdreiecks liegt der Sportplatz an der Hubertstraße. Dort war der bereits angeführte TBV Frillendorf beheimatet, ebenso wie der FC Essen 85, mit dem der Club zu Beginn des Jahrtausends zum ESV Frillendorf fusionierte. Uwe Reinders entstammt übrigens der Jugend des TBV. Nach der Saison 2014/15 wurde der Verein aufgelöst und der Platz sich selbst überlassen. Es war das vermutlich speziellste Spielfeld auf Essener Gebiet. Der Platz war so kurz, dass bei Ballannahme an der Mittellinie und anschließender Drehung schon nach wenigen Schritten die Strafraumgrenze erreicht war. Zwischen Seitenauslinie und Strafraum lagen auch nur etwas mehr als zwei Meter, so dass Einwürfe gefährlicher wurden als jede Ecke, auch weil an den Eckfahnen kaum Anlauffläche vorhanden war und durch die Nähe der Vegetation zum Spielfeld um die Eckfahnen schon großflächig Rasen wuchs. Dass der Platz ein stattliches Gefälle aufwies, so dass man eine Halbzeit bergab und eine bergauf spielte, komplettierte die Einmaligkeit dieses Platzes.
Hinter dem Gymnasium an der Wolfskuhle befand sich der gleichnamige Sportplatz, der vom VfB Wacker Steele und dem SV Isinger Kray genutzt wurde. Wacker Steele wurde vor einigen Jahren aufgelöst und der SV Isinger zog in seinen angestammten Stadtteil an die Schönscheidtstraße um. Der Platz an der Wolfskuhle wird nun von einem Mountainbike-Sportverein genutzt, der die Fläche nach seinen Ansprüchen umgestaltete. Von der Nutzung als Fußballfeld zeugen nur noch die Flutlichtanlage und der alte Unterstand.
An der Stadtgrenze zu Hattingen, dort wo Essen schon von den Ausläufern des Bergischen Landes berührt wird, findet man noch immer den alten Rasenplatz der DJK Borussia Byfang, den der Verein irgendwann Ende der ersten Dekade des Jahrtausends verließ. Danach nutzte der Verein kurze Zeit die Bezirkssportanlage in Überruhr und nach der Fusion mit dem SV Kupferdreh zur SG Kupferdreh-Byfang wurde das Wilhelm-Haneke-Stadion – eine durchaus sehenswerte Amateur-Sportanlage – die neue Heimat. Oben zwischen Byfangs Feldern und Wiesen, scheint der Rasenplatz nur auf seine Reaktivierung zu warten. Man hat den Eindruck, als ob nicht zu viel Aufwand betrieben werden müsste, um den Platz wieder bespielbar zu machen. Auch das kleine Sozialgebäude mit Kabinen und Clubheim wirkt unversehrt. Schade, dass diese idyllische Anlage, vermutlich aufgrund der Instandhaltungskosten, nicht weiter genutzt wird. Dieser Platz ist einer der wenigen in Essen, auf denen selber nie gespielt habe.
Weit im Essen Süden liegt unterhalb der Bundesstraße 224 der Sportplatz Am Volkswald. Hier spielte der SC Werden-Heidhausen, der in den 90ern aus der Fusion des SV Heidhausen und ASV Werden hervorging. Der SCWH spielte bis 2012 auf diesem Platz und zog dann nach Werden auf die runderneuerte Anlage Im Löwental um. Auch diesem Platz wurde das Schicksal zuteil, dass zur Beherrschung der großen Flüchtlingswelle ein Zeltdorf aufgebaut wurde. Dementsprechend sieht das alte Spielfeld aus. Die Umkleide und das Clubheim des Vereins blieben stehen, fielen aber dem Vandalismus zum Opfer.

Exkurs: Wie alles begann – Die Liebe zum RWE

Wie alles begann – Teil 1

Die Liebe zum glorreichen RWE

Ich bin ja eher ein Spätzünder. Für Fußball habe ich mich lange nicht interessiert. Als in der 5. oder 6. Klasse des Gymnasiums schon alle über Fußball fachsimpelten, hatte ich noch überhaupt keinen Plan und habe anderen nur nachgeplappert. HSV, 1.FC Köln, das waren Fußballvereine, das war mir klar, aber warum sollte man sowas gut finden?! Das einzige was ich früh gelernt habe ist, dass man den FC Bayern scheiße finden muss. Aus diesem Bewusstsein resultierte dann auch zunächst mal die Sympathie für den SV Werder Bremen. An einem Februar-Samstag im Jahre 1985 schaute ich mit meinem Vater die Tagesschau um 20:15 Uhr. Früher wurde am Ende der Nachrichtensendung ein kurzer Bericht vom Bundesliga-Topspiel des Tages gezeigt – in den heutigen Zeiten des Pay-TV undenkbar – und der SV Werder zog den Bayern die Lederhosen mit 4:2 aus. Damit wurde ich zunächst eher zufällig Anhänger der Bremer und erklärte die Dauerwelle der Nation direkt zu meinem Idol, denn Käthe Völler erzielte zwei Treffer. Da sich die Fußball-Begeisterung in meiner Familie in Grenzen hielt und ich mit gerade mal 12 Jahren noch ziemlich jung war, blieb ich zunächst überwiegend Sofa-Fan und hörte samstags die Fusek-Live-Schalte im Radio. Im September desselben Jahres konnte ich dann meinen Vater überreden, mit mir das Spiel des SV Werder bei Fortuna Düsseldorf zu besuchen. An einem nasskalten Freitag-Abend erlebten wir im Gästeblock des guten, alten Rheinstadions vor wenigen tausend Besuchern einen ungefährdeten 4:1 Sieg der Grün-Weißen. Zwei Wochen später traute ich mich dann auch ohne väterliche Begleitung ins Stadion. Einer meiner Klassen-Kameraden erwärmte sich ebenfalls für den SVW und so machten wir uns gemeinsam auf den krass weiten Weg zum Auswärtsspiel nach Bochum. Ich erinnere mich, dass er mit grün-weißem Strickschal und ich mit grünem Adidas-Shirt bekleidet die zwei Stationen mit der Bahn zum Ruhrstadion fuhren und sich erwachsene Leute nicht zu blöde waren, zwei in den falschen richtigen Farben gekleidete Kinder anzufeinden. Weil wir keinen Plan hatten, wohin wir mussten, landeten wir natürlich auch noch in der Ostkurve, verzogen uns – nach dem wir den Faux pas bemerkt hatten – an den Rand zur Geraden und jubelten dort leise über einen 3:2-Sieg.
Bis zum Besuch eines Spiels im Weserstadion sollte dann noch mehr als ein Jahr vergehen. Nach monatelangem Gezeter hatte ich meine Eltern dann endlich soweit und wir verbrachten 1986 Anfang November ein Wochenende in der Nähe von Bremen mit meinem persönlichen Höhepunkt, dem Besuch des Spiels des SV Werder gegen Bayer Uerdingen. Im strömenden Regen standen wir in der damals noch unüberdachten Ostkurve des alten, weitläufigen Weserstadions und wurden Zeuge eines deutlichen 5:1-Sieges mit drei Toren meines Idols. Irgendwann im Laufe des Spiels kamen zwei Kutten-Fans die Stufen runter gelatscht und rempelten alles und jeden an, während sie sich den Weg durch die Menge nach unten bahnten. Meinem Vater gefiel dieses Verhalten offenbar nicht ganz so gut und er trat dem hinteren der beiden satt in den Allerwertesten. Dieser drehte sich wie von der Tarantel gestochen streitlustig um und suchte seinen Widersacher. Aber er erblickte ja nur einen harmlosen schmächtigen Familienvater mit Frau und Kind unter einem Regenschirm. Dieser kam dennoch als einziger für den Arschtritt in Frage, was die Kutte wohl nicht mit dem soeben Erlebten in Einklang bringen konnte und verdattert von dannen zog. Die Bindung zu Werder Bremen ging nie verloren, der Verein ist heute nach dem RWE und neben der Sympathie für den Celtic Football Club aus Glasgow einer der drei Vereine, die mir wirklich am Herzen liegen und wenn es die Pläne zulassen supporte ich den SVW auch live in den Stadien der Republik.
Mein erstes Stadion-Liveerlebnis gehörte allerdings dem glorreichen RWE, nur war mir damals noch nicht klar, welche Beziehung sich einmal entwickeln sollte. Genauer gesagt war mir dieser Spielbesuch im April 1984 sogar ziemlich egal, weil ich mit Fußball noch nichts anfangen konnte. Mein Klassenkamerad Olli hatte anlässlich seines Geburtstags zu diesem Spiel geladen, Fortuna Köln war zu Gast und obwohl die Roten die Partie für sich entschieden, ließ mich das Erlebnis ziemlich kalt. Stattdessen übte ich mich mit ein oder zwei anderen, die ähnlich desinteressiert waren, im Weit-Rotzen über einen Wellenbrecher, bis uns der Ordnungsruf von Ollis Vater stoppte. Klick gemacht hat es dann im Sommer 1986. RWE spielte in der Nord-Gruppe der Aufstiegsrunde zur zweiten Bundesliga und ich erinnere mich, dass ich damals immerhin schon auf die Ergebnisse der Roten achtete. Nach schwachem Start in dieser Gruppe mit vier anderen Teams, hatten sich die Rot-Weissen gefangen und kletterten im Tableau nach oben. Am ersten Spieltag der Rückrunde war der VfB Oldenburg zu Gast und besagter Kumpel Olli fragte mich, ob ich Lust hätte, mit zur Hafenstraße zu kommen. Hatte ich und weil wir zu klein waren, um uns zwischen die Erwachsenen auf die Tribüne zu stellen, platzierten wir uns unten vor der mächtigen Gegengerade am Zaun zum Spielfeld. Damals stiefelte noch ein Verkäufer mit einer Sackkarre der Spielfeldseite des Zaunes auf und ab und verkaufte Cola aus Dosen. Gute alte Zeit. Ich meine, der einzige Treffer des Spiels fiel spät, ich habe irgendwie die 80. Minute in Erinnerung, und brachte Rot-Weiss den Sieg. An den brachialen Torjubel erinnere ich mich noch heute und genau dieser war mein Schlüsselerlebnis – der RWE hatte mich am Kragen gepackt und ich ihn in mein noch so unschuldiges Fußballherz geschlossen. Ich hatte mich Hals über Kopf verliebt! Einige Tage später war am vorletzten Spieltag der Runde der SC Charlottenburg zu Gast. Der FC St.Pauli war schon durch und zwischen den Roten und dem Verein aus der heutigen Hauptstadt ging es nun in diesem vorentscheidenden Spiel um den zweiten Platz in dieser Gruppe, der auch zum Aufstieg berechtigte. RWE gewann knapp mit 3:2 und damit stand das Tor zur Zweiten Liga nun weit offen und die Roten ließen nichts mehr anbrennen und marschierten ein paar Tage später mit einem fulminanten 5:1 Auswärtssieg im Münsteraner Preußenstadion gegen den ASC Schöppingen – heute ein Kreisliga-Club – hindurch. Meine Liebe zum glorreichen RWE hält an, vermutlich bis dass der Tod uns scheidet. Ende der 90er hatten wir beide für zwei oder drei Saisons mal weniger Kontakt und sahen uns nur wenige Male im Jahr, aber diese Phase hat uns gut getan und nun lieben wir uns wieder wie am ersten Tag. Manchmal Meistens stellt mein Verein unsere Beziehung ziemlich auf die Probe, aber grundsätzlich schweißt uns das ja nur noch mehr zusammen. Eine echte Liebe kann halt nichts erschüttern. Der RWE wird immer mein Herzens-Club bleiben, egal was auch geschieht!

Exkurs: Estadio Insular Gran Canaria

Estadio Insular in Las Palmas, Gran Canaria

Ende Januar war ich auf Gran Canaria zu Gast und besuchte das Derbi Canario zwischen der UD Las Palmas und dem CD Tenerife. Das Spiel fand im Estadio de Gran Canaria statt, einem Mehrzweckstadion in der Peripherie der Stadt, das mir trotz Laufbahn gut gefallen hat. Seit 2003 trägt die Unión Deportiva ihre Heimspiele in diesem weiten, imposanten Rund aus. Interessanter ist aber eigentlich die alte Spielstätte des Vereins, das Estadio Insular, das mitten in der Stadt lag nach am Hafen lag und noch liegt. Das Estadio Insular war ein reines Fußballstadion, das nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet wurde. Wenige Jahre später ging die Unión Deportiva Las Palmas aus der Fusion von fünf lokalen Clubs hervor und trug fortan die Heimspiele im Insular aus. Anfang der 50er Jahre wurde das anfangs recht kleine Stadion erweitert. Nur die Haupttribüne wurde gedeckt, wie es für die älteren Stadien Spaniens typisch ist. Besonders Merkmal des engen kompakten Grounds war, dass die zur Landseite gelegene Hintertor-Tribüne alle anderen überragte, da der ansteigenden Hang als Fundament genutzt wurde. Da diese Tribüne mit leichter Rundung angelegt wurde, erinnerte die Form des Insular beinahe an wenig an den letzten Grundriss des noch kompletten Georg-Melches-Stadions, als dieses noch über alle vier Tribünen verfügte. Das letzte Spiel, das im Estadio Insular vor der Schließung statt fand, war ein Freundschaftsspiel gegen Penarol Montevideo im Sommer des Jahres 2003.
Bis 2014 wurde das schöne individuelle Stadion seinem Schicksal überlassen und gammelte weitestgehend unbeachtet vor sich hin. Dann konnte sich die Stadtverwaltung endlich durchringen, den immer wieder diskutierten Plan umzusetzen, das alte Stadion in einen Park zu verwandeln. Was auch sehr gut gelungen ist, wie ich selber feststellen durfte. Die beiden Hintertor-Tribünen blieben erhalten. Die dem Atlantik zugewandte Tribüne blieb beinahe unberührt. Der obere Bereich wurde mit – inzwischen leider etwas ausgeblichenen – Fotoplanen versehen, welche Kurvenszenen vergangener Tage zeigen, abgedeckt, der untere Bereich blieb als Stehtraverse erhalten, welche durch ein paar Sitzgelegenheiten ergänzt wurde. Die Ecktürme blieben unberührt, wie auch die historische Außenfassade – ein eindrucksvolles Merkmal dieses schönen Stadions. Die andere Kopfseite wurde mit bepflanzten Segmenten etwas aufgelockert, in den übrigen Bereichen wurden die alten Stufen belassen und in den Vereinsfarben gestrichen. Die alte Haupttribüne blieb in sanierter Form erhalten. Aktuell werden hier aber wieder Bauarbeiten durchgeführt, es scheinen Warmgebäude errichtet zu werden, deren Sinn sich mir noch nicht erschloss. Lediglich die alte Gegentribüne musste komplette weichen. Im Inneren wurde das alte Spielfeld als Parkanlage angelegt. Außerdem wurde ein Veranstaltungsbereich eingerichtet. Im Häuser-Dschungel von Las Palmas ist dieses Gelände ein ganz spezieller Rückzugsort und der Beweis, dass alte Stadien nicht immer dem Erdboden gleich gemacht werden müssen, sondern in alternativer Nutzung erhalten bleiben können. Damit wird schließlich auch ein großes Stück Identität eines Vereins bewahrt, was den Anhängern des Vereins eine ganze Menge bedeutet.

Sonntag, 08.03.2020, 14:00

deutschland

Bonner SC vs Rot-Weiss Essen 1:3

Stadion Bonn im Sportpark Nord, 1.295 Zuschauer, Regionalliga West

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Pisa gegen Livorno sollte es werden an diesem Wochenende. Wäre unter normalen Bedingungen sicher ein gutes Ding geworden. Beide Clubs sind sich länger nicht begegnet und werden es auch erst einmal nicht mehr, da Livorno ja vor dem Abstieg kaum noch zu retten ist. Der welterobernde Virus machte den Ausflug zunichte. Der persönlichen Abwägung, wie riskant die Anreise wohl wäre, half die italienische Regierung auf die Sprünge, die für sämtliche Sportveranstaltungen bis in den April ein Zuschauerverbot aussprach. Das so was in der Art ja zu befürchten war, hatte ich vor ein paar Tagen noch ein paar günstige Flüge nach Katowice geschossen, aber eine gute Stunde vor der Weckzeit wach geworden entschied ich, an diesem Wochenende in der Heimat zu bleiben, schaltete den Wecker aus und drehte mich um. Was Polen anging stand da nun aber nicht die Risiko-Abwägung einer möglichen Ansteckung – die ich sowieso ohne jede unnötige Aufregung betrachte – im Vordergrund, sondern schlicht die Faulheit und weitere kleine Faktoren, die mich in Summe zu meiner Entscheidung kommen ließen. Daher konnte ich in Ruhe dem glorreichen RWE ins ansehnliche Stadion im Sportpark Nord in der ehemaligen Bundeshauptstadt folgen. Wieder so ein Spiel, in dem die Roten zum Siegen verpflichtet waren. Etwa 600 Gäste-Fans waren angereist und stellten vermutlich ähnlich entsetzt wie ich fest, dass das Geläuf in seinem Zustand dem glich, das am Mittwoch in Wattenscheid ein vernünftiges Aufbauspiel unmöglich gemacht hatte. Immerhin war der tiefe Boden heute auch ein Problem für die Gastgeber, die auch ein Team sind, welches versucht, über spielerische Fähigkeiten zum Erfolg zu kommen. War also dementsprechend eine wenig ansehnliche Geschichte, mit dem Unterschied, dass ein überlegen spielender RWE mal in Führung ging. Lief zuletzt ja meist anders herum. Die Mannschaft versäumte es aber, eben diese Führung auszubauen und durfte sich dann mit dem Ausgleichstreffer des BSC auseinander setzen. Die Ruhe ging aber nicht verloren. Geduldig wurden weitere Chancen erarbeitet, deren zwei zu einem sicheren und verdienten Sieg verarbeitet wurden. Der Hoffnungsfunke glimmt weiter.

Mittwoch, 04.03.2020, 19:30

deutschland

TuS Haltern vs Rot-Weiss Essen 1:1

Lohrheidestadion, 3.200 Zuschauer, Regionalliga West

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Was war das denn bitte? Statt drei fest eingeplanten Punkten nur ein mickriger Zähler, was den Abstand auf den Relegationsplatz wahrscheinlich weiter vergrößern wird. Knapp die Hälfte der Liga-Spiele dieser Saison habe ich gesehen und gemessen daran, war das wohl die schlechteste Saisonleistung. Unfassbar, welch zwei unterschiedliche Gesichter die Mannschaft zeigen kann. Dabei war es ja nicht mal ein richtiges Auswärtsspiel, da die Anlage in Haltern kaum eines Kreisliga-Spiels würdig ist und die TuS aus diesem Grunde für die Partien gegen die Alemannia, RWO und den glorreichen RWE, also die Clubs mit den menschenfressenden Fans in dieser Liga, in die Wattenscheider Lohrheide ausweichen muss. Eher sogar ein Heimspiel, denn unter den 3200 Zuschauern waren maximal 500 den Gastgebern zugetan. Ich hatte aus Essen sogar noch mehr Leute erwartet, bei einem Auswärtsspiel, welches nach der Partie in Oberhausen die kürzeste Anreise bedeutete. Die Roten kamen gut in die Partie und hätten nach fünf Minuten führen müssen, aber das große Manko bleibt die Verwertung klarster Torchancen. Haltern kam danach besser in die Partie und früh beschlich mich ein negatives Gefühl. Das schockt normal nicht sonderlich, denn lange Jahre trogen mich meine Ahnungen massiv. In den letzten Monaten hat sich das aber leider geändert und das Spiel nahm den befürchteten Lauf. Die TuS ging nach einem mies verteidigten langen Ball in den Sechzehner glücklich in Führung und kämpfte dann leidenschaftlich um jeden Quadratmeter Rasen. Spielerisch zeigten sich die nominellen Gastgeber sicherlich etwas eingeschränkt, aber mit Herzblut und individuellen Fähigkeiten machten sie das wett und den Roten das Leben mehr als schwer. Das Team wuchs über seine Leistungsgrenze hinaus und das änderte sich auch nach der Pause nicht. Natürlich war der Boden extrem schwer bespielbar, weshalb das Kurzpassspiel der Rot-Weissen, eine Stärke der Mannschaft, nicht den gewünschten Erfolg brachte. Es wurden also deutlich mehr lange Bälle gespielt als üblich, aber die langen Bälle waren zumeist nicht lang und verwandelten sich in Fehlpässe und das in überdurchschnittlicher Zahl. Auch von den gefühlten 50 Flanken in den Strafraum, fand kaum eine mal einen Abnehmer. Haltern setzte dafür zunehmend empfindliche Konter und hatte mehr als ein Mal die Chance den fiesen Kick vorzuentscheiden.
Möglicher Knackpunkt für das TuS-Bemühen war dann eine Strafstoß-Entscheidung nach einer guten Stunde, und zwar für die TuS. Was aus der Entfernung nach klarem Elfer aussah, wurde von den Roten fassungslos massiv reklamiert, so dass der Referee letztlich Rücksprache mit seinem Assistenten an der Linie nahm und die Entscheidung revidierte. Bis in die Schluss-Viertelstunde hätte ich dennoch von einem nicht unverdienten Sieg für Haltern gesprochen, aber die Mannen vom Stausee ergingen sich dann in exorbitantem Zeitspiel und wiederholten anderen Unsportlichkeiten, was der ganzen Nummer einen sehr faden Beigeschmack gab und den guten Eindruck zerstörte. Man kann den RWE-Kämpen nicht vorwerfen, es nicht immer wieder und bis zum Ende versucht zu haben. Der Lohn dafür war der späte Ausgleichstreffer durch Neuzugang Pronichev, der die totale Blamage etwas milderte, die Realität aber sicher nicht überdeckte. Verdient, unverdient, ich weiß es nicht, jedenfalls hilft das Remis keinem der beiden Vereine wirklich weiter. Eher unfreiwillig landete ich nicht bei meinen Leuten im Gästeblock, sondern auf der alten Haupttribüne und muss sagen, dass es nicht schlecht von der anderen Seite herüber schallte. Das war schon starker Support und der RWE-Anhang zeigte sich zwar mit zunehmender Spieldauer gefrustet, unterstützte das Team aber weiter und war daher sicher auch ein Faktor für den späten Treffer. Was ich genervt zur Kenntnis nahm und mittlerweile auch ziemlich ermüdend finde, war das Hopp-Bashing auf das die Ultra-Gruppen wohl nicht verzichten wollte. Immerhin war die Szene schlau genug, die Nummer vor dem Anpfiff durchzuziehen, um eine mögliche Spielunterbrechnung zu vermeiden. Aber die Meinungsäußerung war sowohl verbal als auch non-verbal nicht subtil, sarkastisch oder mit Humor vorgetragen, sondern einfach nur stumpf, plump und beleidigend, was auch durch die Kritik an der Kollektiv-Bestrafung nicht rettete. Dass der DFB ein korrupter, arroganter, verlogener, antiquierter Sanierungsfall ist, dem die Gemeinnützigkeit längst entzogen gehört, ist unstrittig und es ist legitim, dass immer und immer wieder zu kritisieren und in Erinnerung zu rufen. Aber dann auch direkt und nicht über die Hopp-Schiene, denn diese Thematik ist nicht unsere Baustelle und auch eine Auseinandersetzung, für die es keine einvernehmliche Lösung geben wird. Der Verband und die Ultra-Szenen des Landes streiten derzeit also intensiv, wer den Längsten hat und egal, wer am Ende meint, diese Auseinandersetzung für sich entschieden zu haben, der Ausgang wird nur Verlierer kennen. Beide Seiten täten gut daran, reflektierter zu handeln, aber es prallen da nur Dickköpfe aufeinander, so etwas ging noch nie gut aus. Mal sehen wie gut die Saison für die Roten endet, denn der Strohhalm hat sich einen dünnen Faden verändert. Und dennoch – zur Aufgabe ist es zu früh.

 

Sonntag, 01.03.2020, 18:00

serbien

FK Crvena Zvezda vs FK Partizan 0:0

Stadion Rajko Mitic, 38.271 Zuschauer, SuperLiga

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Das Veciti Derbi, das ewige Derby. Zum 162. Male trafen Roter Stern und Partizan in Belgrad aufeinander. Vermutlich ist es das meist gehoppte Spiel weltweit, denn mit der Eintrittskarte erwirbt man auch gleich die Garantie einer guten Show auf den Rängen. Ich mag diese Szene-Massenaufläufe ja nicht sonderlich, aber letztlich ist man selber irgendwie Teil des Ganzen und natürlich ziehen die Top-Derbys des Kontinents zwangsläufig immer viele Leute der Bewegung an. Und alle paar Jahre kann man sich der Pilgerfahrt ja mal anschließen. Klar, mal fackelt es mehr, mal weniger. Mal ist die Choreo aufwendiger, mal weniger aufwendig. Mal ist es lauter, mal weniger laut. Aber es lohnt sich ja so oder so doch immer wieder und ganz nebenbei mag ich Belgrad, das ist schon ne feine Stadt mit vielen verschiedenen Gesichtern. Vom Nachmittagsspiel in Vozdovac machten wir uns zu Fuß auf den zweieinhalb Kilometer langen Weg zum Marakana, wie das Stadion Rajko Mitic im Volksmund genannt wird, herüber und schoben zwischendurch noch ne fette Pljeskavica zwischen die Kauleisten. Das Marakana ist eine diese Spielstätten, die von einer gewissen Mystik umgeben werden. Hier schoss Würstchen-Ulli im Finale 1976 seinen Elfer in den Nachthimmel von Belgrad und ebnete der damaligen Tschechoslowakei den Weg zum EM-Titel und ‚Auge‘ Augenthaler brachte die Roten Sterne mit seinem Eigentor in der Schlussminute des Halbfinal-Rückspiels im Europacup der Landesmeister – jaja, damals hieß der unverwässerte Wettbewerb noch so – ins Finale von Bari. Dort erlebte Zvezda dann die größte Stunde der Vereinsgeschichte und holte den Cup ins damalige Jugoslawien. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf begann der Ausverkauf und große Spieler wie Prosinecki, Mihajlovic und Savicevic verteilten sich – auch begünstigt durch den ausbrechenden Balkan-Krieg – über Europa. Man muss kein Prophet sein, um festzustellen, dass der Verein solche Triumphe nie wieder erleben wird. Seinen Spitznamen bekam der Tempel, weil er nach seiner Erbauung Anfang der 60er Jahre die erste Zeit als reines Stehplatz-Stadion mit einem Fassungsvermögen von 110.000 Menschen fristete. Heute ist das weite aber durchaus beeindruckende Rund nicht mal mehr für die Hälfte zugelassen und ausverkauft sind die Derbys auch beinahe nie, aber gut gefüllt ist das Marakana dann immer, heute kamen über 38.000 Zuschauer. Gute 6.000 davon werden den Gästen, deren Stadion ja nur 500 Meter entfernt liegt, die Daumen gedrückt haben. Wie immer in zwei getrennten Blöcken, denn es gibt verfeindete Gruppen bei den Grobari, den Totengräbern. Eine kleine Gruppe hat sich abgespalten, dabei geht es weniger um die Macht in der Kurve, als vielmehr um kriminelle Machenschaften, Drogengeschäfte, ein Konflikt, der schon Tote unter den Anhängern gefordert hat. Traurige Sache. Fußball-Kurven sind keine Opernhäuser und ich mag das rauhe Klima ja auch. Gesunde Rivalität ist okay, die darf sich auch mal non-verbal äußern, wenn es im Zuge der ‚Stand your ground‘-Einstellung zu einer zünftigen Keilerei kommt. Aber nur, wenn es im Rahmen bleibt, eher ein Spiel als Ernst. Zu bleibenden Schäden oder gar Todesfolge darf es aber niemals kommen!
Zvezda zog ein riesiges Spruchband hoch, hinter dem Bengal-Fackeln gezündet wurden, welche das Transparent von hinten durchleuchteten – sah gut aus. Dazu wurden einige Breslauer abgebrannt und Silvesterraketen in den Nachthimmel gejagt. Starkes Intro. Die Gäste blieben erst einmal blass. Es fackelte dann bis zur Pause immer wieder mal in der Kurve der Roten Sterne, aber die große Show blieb noch aus. Die hatte nach dem Halbzeit-Tee zunächst die Partizan-Kurve für sich. Eine richtig fette Pyro-Aktion, die den Away-Bereich quasi komplett in Brand setzte. Was für ein Bild! Die Nummer hatte eine starke Rauchwolke zur Folge, die in Richtung Sterne-Kurve zog. Diese wollten sich aber wohl nicht lumpen lassen und öffneten ihrerseits das Fackel-Arsenal. Dicke, von Bengalos durchsetzte Rauchwolken quollen in den Nachthimmel. Leider stand aber immer noch der Qualm der Grobari-Show im Innenraum, so dass der Anblick der Zvezda-Vorstellung optisch etwas geschmälert wurde. Während es dann bis Spielschluss in der Heim-Kurve durchgehend immer wieder irgendwo brannte, beschäftigten sich die Gäste damit, einige Sitze anzuzünden. Den Unsinn habe ich nie verstanden, die Feuerwehr klärte das letztlich. War wieder eine kurzweilige Nummer, auch wenn es das Derby nach subjektivem Eindruck schon intensiver gab. Es fehlte halt auch das Salz in der Suppe, Tore fielen nämlich keine. Der sportliche Nährwert war eh nicht sehr vitaminreich, das war ziemliches Gegurke ohne große Höhepunkte. Gefühlt habe ich bei den live gesehen Derbys zwischen diesen beiden Teams noch nie ein Tor gesehen, aber hauptsächlich reist man ja auch wegen der Show auf den Rängen an.

Sonntag, 01.03.2020, 14:00

serbien

FK Vozdovac vs FK Vojvodina 1:2

Stadion Shopping Center, 1.000 Zuschauer, SuperLiga

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Vor dem Derby am Abend gab es noch die Option auf ein weiteres Spiel. Zum einen gab es die Möglichkeit nach Timisoara zu reisen, um dem Topspiel der zweiten rumänischen Liga beizuwohnen. Das hätte eine kurze Nacht bedeutet, was ich dem Weibe nicht zumuten wollte. Dann gab es die Option ein Stündchen Fahrzeit auf sich zu nehmen, um das Spiel der zweiten serbischen Liga in Smederevo zu sehen. Das hätte aber Eile nach Spielschluss notwendig gemacht. Naja und dann gab es noch die bequemste Variante, einfach in Belgrad zu bleiben und den SuperLiga-Kick des Stadtteilvereins FK Vozdovac zu besuchen. Um den Aufwand zum Wohlwollen der Dame gering zu halten, bekam Letzteres den Zuschlag. Begleitumstand war allerdings, dass dieser Kick natürlich sämtliche Derby-Touristen anzog und der Ground quasi von diesen überrannt wurde. Ja, man ist Teil dieses Wahnsinns, aber es widert mich halt dennoch an. Ich würde schätzen, dass mindestens 100 Leute oder auch noch mehr keinen emotionalen Bezug zu dieser Veranstaltung hatten. Augen zu und durch. Das besondere am kleinen Stadion ist, dass es auf dem Dach eines Shopping Centers errichtet wurde. Klingt komisch, ist aber so. Vergleichbares existiert auch auf dem Dach einer Metro-Filiale in Berlin, allerdings dort nur in Form eines normalen Fußballfeldes. Aus Novi Sad waren gut 100 Leute mitgekommen, um ihr Team zum Sieg zu supporten. Damit war zu rechnen, denn Vojvodina dürfte hinter den beiden großen Belgrader Clubs Szene-technisch die dritte Kraft in Serbien sein. Überrascht hat mich, dass sich auch auf Heim-Seite etwa 35 Personen hinter einem ‚Invalidi Vozdovac‘-Banner zusammen fanden, um aktiv mitzumachen. War jetzt alles natürlich nicht der Kracher, immerhin fielen drei Tore und in der Halbzeit-Pause konnte ich ein Quätschken mit Tim aus Duisburg halten.

 

Samstag, 29.02.2020, 16:30

bosnien-herzegowina

FK Borac Banja Luka vs FK Sarajevo 0:2

Gradski Stadion, 8.000 Zuschauer, Premijer Liga

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Mit der verehrten Gatten reiste ich mit dem rosa-violetten Billigbomber in die serbische Hauptstadt Belgrad. Für den heutigen Samstag bot sich ein Ausflug ins bosnische Banja Luka an. Die Mietwagen-Übernahme dauerte aufgrund großen Andrangs leider ewig, so dass der anvisierte Zwischenstopp an einem monumentalen Kriegsdenkmal ausfallen musste. Der FK Borac legte in den letzten Jahren eine ziemlich Fahrstuhl-Karriere hin, stieg mehrfach auf und wieder ab, wurde dazwischen aber tatsächlich auch mal bosnischer Meister. Nach dem neuerlichen Aufstieg erlebt der Club aktuell einen kleinen Höhenflug. Mit nur drei Punkten Rückstand auf Tabellenführer FK Sarajevo hat Borac gute Titelchancen und besagter Spitzenreiter war heute zu Gast, Punktgleichheit konnte also erreicht werden. Das Gradski – Gradski bedeutet nichts anderes als städtisch – Stadion ist schon älteren Datums, wurde aber vor einigen Jahren einer Sanierung unterzogen. Lange Jahre musste der Ground mit zwei Tribünen auskommen. Im Zuge der Sanierung wurde dann die Nordkurve errichtet und gab der aktiven Szene eine neue Heimat. Für die Gäste wurde lediglich eine kleine Tribüne mit etwa 250 Plätzen am Rande der gegenüber liegenden Kurve angelegt. Knapp 10.000 Plätze bietet das Stadion nun. Ob Gäste anreisen dürfen, weiß man in Bosnien zu Spielbeginn ja nie so recht. Die Staatsmacht fährt eine rigorose Taktik. Away-Fans dürfen erst deutlich nach Spielbeginn in Stadionnähe und ein gesammelter Bus-Transfer ist Pflicht. Ebenso werden die Gäste auch eine Viertelstunde vor Schluss wieder rausgeschmissen, damit diese vor Spielschluss aus dem Stadionumfeld verschwunden sind. So blickten wir bei Anpfiff in einen leeren Gäste-Käfig. Aber nach etwa zehn Minuten kamen Polizei-Fahrzeuge hinter den Gästeblock gerast und die Ordnungshüter entstiegen hektisch ihren Wagen. Kurz darauf fuhren fünf vollgepackte Busse vor. Sarajevo war eingetroffen und mit ihnen einige Freunde aus Elbflorenz, um das zehnjährige Bestehen der Freundschaft zwischen der Horde Zla und Ultras Dynamo zu feiern. Bis alle Gäste kontrolliert und im Gästeblock waren, war es beinahe Halbzeit und es wurde seitens Horde Zla auch auf Support verzichtet, bis alle Mann drin waren. Ist bei den Spielen mit Beteiligung der großen Clubs schon etwas krank. Viele sehen nur 30 bis 45 Minuten vom Spiel und es gibt halt auch nur Support, so lange alle Mitgereisten im Block sind. Dadurch, dass der Away-Bereich vor Spielschluss geleert wird, können die Gäste-Teams im Falle eines Auswärtssieges diesen also nie mit ihren Anhängern feiern.
Zu Spielbeginn passierte auf den Rängen daher noch herzlich wenig. Der Borac-Block zündete zwei Fackeln und ließ dann eine dünne Rauchsäule aufsteigen. Mitte der ersten Hälfte wurde es dann lebhafter. Die Heimkurve zeigte ihre vorbereitete Choreo. Mit Luftballons und einer Blockfahne wurde die serbische Nationalflagge abgebildet und ein großes Banner mit dem Wortlaut „Willkommen in der Republik Srpska“ am Zaun präsentiert. Es wurde also mal wieder Politik ins Stadion getragen, wird in der ethnisch zerrissenen Balkan-Region ja gern mal gemacht. Der Staat Bosnien-Herzegowina besteht aus der Republik Srpska und der Föderation Bosne i Herzegovine. Diese beiden einzigen Bundesstaaten des Landes sind einander nicht wirklich freundlich gesinnt und waren ja auch Gegner im Bosnien-Krieg. Sarajevo ist, obwohl nur zu einem kleinen Teil der Republik Serbien zugehörig, per Verfassung Hauptstadt des Landes und beider Bundesstaaten. Banja Luka ist aber prinzipiell ohne offiziellen Titel Hauptstadt der Srpska, da dort die Regierung und die Administration sitzt. Die Choreo sollte also die Gäste wohl mal daran erinnern, wo sie sich befinden. Spielerisch war es schwere Kost. Borac gelang nicht viel und die Gäste netzten kurz vor dem Pausenpfiff zur Führung ein. Nach dem Wechsel waren dann auch die Away-Fans akustisch dabei. Grundsätzlich war das von beiden Seiten in Ordnung. Der Support auf dem Balkan ist nach meiner Meinung immer schwer zu bewerten, weil die dunklen, kehligen Männerstimmen keine brachiale Lautstärke zulassen. Eine gute Viertelstunde war dann im zweiten Durchgang gespielt, als die Borac-Szene eine schöne Pyro-Aktion brachte. Und plötzlich war es etwas dunkler. Ein Flutlichtmast in der Heimkurve war ausgefallen, weil der Verteilerkasten Feuer gefangen hatte. Zuerst dachte ich, eine Fackel hätte sich verirrt, aber es muss sich schlicht um einen Kurzschluss gehandelt haben. Der Schriri war jedenfalls von Zweifeln geplagt und bat die Akteure in die Kabine. Totaler Schwachsinn, Licht war noch genug da, aber vielleicht musste er sich erst den Segen der TV-Anstalten und Verbandsbosse holen und nach etwas mehr als zehn Minuten ging es dann weiter. Den Gastgebern hatte die Unterbrechung nicht geholfen, denn Sarajevo hatte die Geschichte im Griff und stellte das auch mit dem zweiten Treffer zwanzig Minuten vor Schluss klar. Der Meister wird als auch in dieser Saison sehr wahrscheinlich wieder aus Sarajevo kommen. FK und Zeljeznicar müssen das nur noch unter sich klären, wer die Schale nachher in den Himmel reißen darf. Auf dem Rückweg nach Belgrad erlebten wir dann noch eine absolute Dämels-Aktion eines Franzosen, der es an der letzten Mautstation vor der Grenze eine gute Idee fand, die Straßengebühr zu prellen und in Tuchfühlung hinter uns durch die Schranke und an uns vorbei preschte. War aber nicht wirklich zu Ende gedacht, die Nummer, denn fünf Kilometer weiter sahen wir den Schwachkopf an der Landesgrenze wieder. Und zwar umringt von vier Grenzschützern, die sich der Sache annahmen. Ich sag es immer wieder – Franzosen gehören auf einen eigenen Planeten, bei denen stimmt was nicht unter der Hirnrinde.