Donnerstag, 16.07.2020, 19:30

deutschland

FSV Gevelsberg vs FC Gevelsberg-Vogelsang 2:0

Stadion Stefansbachtal, 130 Zuschauer, Testspiel
Mit RWE-Genosse Marcel steuerte ich das Bergische Land an. Der FSV Gevelsberg ist prinzipiell ein ehemaliger Drittligist. Der Verein entsprang einer Fusion aus den Sportfreunden Eintracht und dem VfL Gevelsberg und eben jener VfL verbrachte einige Spielzeiten in der Oberliga Westfalen und zwar zu Zeiten, als die Teilnahme am Oberliga-Spielbetrieb Drittklassigkeit bedeutete. Einst hatte der VfL hehre Ziele, die den Club im bezahlten Fußball sahen. Wie so oft mündete diese Absicht aber in Misswirtschaft und dem tiefen Fall bis in die Kreisliga. Der Fusionsclub FSV hat es nun zumindest wieder bis in die Bezirksliga geschafft. Zu Gast zum zweiten Testspiel nach dem Lockdown war der Stadtrivale aus dem Ortsteil Vogelsang zu Gast im Stadion Stefansbachtal, einer weitläufige Anlage mit einer überdachten Sitz- und einer großen Naturtribüne.  Und der B-Ligist schlug sich im Nieselregen nicht übel, allerdings fehlte das Fortune. Das Higlight dieser Veranstaltung war aber defintiv die leckere, crosse Bratwurst vom Grill.

Sonntag, 12.07.2020, 17:00

litauen

FK Zalgiris Vilnius vs FK Suduva Marijampole 4:0

LFF stadionas, 1.000 Zuschauer, A Lyga

200712zalgiris-suduva

Der heutige Weg führte in die Hauptstadt Vilnius. Vorher strebten wir aber den Schlenker über Trakai mit seiner beeindruckenden Wasserburg an, einem der sehenswertesten Bauwerke des Landes. Dazu verließen wir irgendwann die Autobahn und weiter ging es über Land. Der Bordcomputer unseres gemieteten Dacia Duster, dem Statussymbol für alle die kein Statussymbol brauchen, zeigte noch 80 Kilometer Reichweite bei zu fahrenden 55 Kilometern an. Okay, Dacia ist natürlich die Günstig-Marke des französischen… *hust*… ‚Createur d’Automobile‘. Aber dass bei einer neuwertigen Karre mit gerade mal 3700 Kilometern auf der Uhr einfach mal einen ganzen Tag die Klima ausfällt oder sich nach einem Tankvorgang die digitale Füllanzeige nicht aktualisiert, ist schon eine pikante Randnotiz. Dass aber ab 50 Kilometeren Restreichweite, diese einfach nur noch in Form von drei Strichen, also „—“ angezeigt wird, brachte mich aber etwas auf die Palme. Welcher Vollidiot hat sich denn diesen Scheißdreck ausgedacht?! ‚Createur d’Schrotthaufen‘ würde wohl besser passen! Dass ich die Tankstellen-Dichte außerhalb der litauischen Großstädte, wo die Besiedlung ja auch zugegebenermaßen dünn ist, völlig unterschätzt habe, ist natürlich mein Ding. So rollten wir mit dem gefühlt letzten Tropfen Sprit an die Zapfsäule. Der Wasserburg Trakai winkten wir dann einmal nett zu und fuhren weiter nach Vilnius. Völlig überfüllt der Spot. Damit hatte ich selbst an einem Sonntag nicht gerechnet. Parkraum ist im gleichnamigen Ort auch knapp, weshalb einem alle paar Meter Omma oder Oppa mit selbstgemalten blauen P-Schildern vor die Motorhaube springen, um einen zum Parken in deren Vorgarten zu animieren. Dessen spärliche Quadratmeter werden zum Stundenpreis mit der Absicht vermietet, die vermutlich nicht allzu üppige litauische Rente aufzubessern. So schauten wir uns also lieber die schöne Altstadt von Vilnius an und aßen in Ruhe ein spätes Mittagsmahl, bevor wir uns auf zum LFF stadionas bewegten.
In diesem stand ich vor zehn Jahren schon mal. Damals fand aber etwas Entscheidendes nicht statt, nämlich ein Fußballspiel. Heute wurde zum Topspiel geladen – der Verfolger Zalgiris empfing den Tabellenführer und Meister der letzten Spielzeiten, FK Suduva aus Marijampole, zum Tanz. Beim gestrigen Spiel war ich mit einem Schweizer Angehörigen unserer Bewegung ins Gespräch gekommen, der von einem Online-Vorverkauf zu berichten wusste. Abends hatte ich dann die Eingebung, einfach mal zwei Tix auf Verdacht zu sichern – bei einem Kurs von je EUR 2,70 eine überschaubare Investition. Für litauische Verhältnisse herrschte dann am Stadion ein reger Andrang. Da ich der Meinung war, dass die Online-Tickets nur in der Printversion Gültigkeit erlangten, stellten wir uns etwa 40 Minuten vor Kick-off an der noch geschlossenen – kam mir einigermaßen merkwürdig vor – Biglietteria an. Ich habe ja auch immer gern ein Original-Ticket und unser Vordermann war zuversichtlich, dass der Verkauf bald startet. Tat er nicht. Schließlich kam ein Ordner angelatscht und klärte die auf gut 60-70 Leute angewachsene Warte-Crowd auf, dass es keine Tageskasse mehr geben wird. Da die Online-Tickets auch auf dem Handy gültig waren, wie ich dann feststellte, war das für uns unproblematisch. Im Gegensatz zu den Mitwartenden, die nun hektisch das Smartphone zückten und den Online-Shop nach Tix durchforsteten. Die Scanner am Drehkreuz sind wohl aus russischer Produktion, denn die Registrierung der Barcodes nahm in etwa so viel Zeit in Anspruch, wie die Reise von Vilnius nach Moskau mit der russischen Staatsbahn. Egal – zehn Minuten vor Beginn des Spektakels waren wir drin. Erster Akt war die Übergabe des Autoschlüssels an meine Herzdame, denn die Bierbuden waren geöffnet. Danach wurde kurz Hopping-Koryphäe Teamchef abgegrüßt und ein kleines Quätschken gehalten. Die Schlange vor den zwei halbwegs funktionierenden Scannern (von knapp zehn um das gesamte Stadion) nahm bedrohliche Ausmaße an, wie wir über die unbebaute Hintertor-Seite beobachteten. Diese Bedrohung erkannten wohl auch die Verantwortlichen, denn die Tore wurden geöffnet und es durfte nun einfach jeder rein, ob mit Ticket oder ohne. Auch Litauen ist und bleibt halt Osteuropa.
So waren dann letztlich gut 1.000 Leute im Stadion, davon wohl insgesamt 50 oder 60 aus Marijampole, von denen sich ein Dutzend zu einem kleinen Stimmungsblock formierte. Den gab es auch auf Heimseite mit gut 50 Personen. Zalgiris ist der einzige Club Litauens, der über eine nennenswerte Szene verfügt. Die Jungs im Eckblock hinter dem Tor taten in ihrem Rahmen das Mögliche und unterstützen ihr Team über die gesamte Spielzeit nach Kräften. Auf der Gegengerade positionierte sich auch eine Gruppe, welche anflaggte und ab und an zart mitsupportete. Nach dem ersten Tor wurden gar ein paar dünne Rauchtöpfe in den Vereinsfarben gezündet. Pyro-Hölle Vilinius! Grund zur Freude hatten die Heim-Fans ausreichend, denn Zalgiris – das zu Sowjet-Zeiten elf Saisons in der russischen Elite-Liga mitspielte – zerlegte den bis heute ungeschlagenen und souveränen Tabellenführer regelrecht und packte diesem vier Eier ins Nest. Ein verdienter Sieg, vielleicht etwas zu hoch, aber bitter nötig, um der Saison wieder einen Hauch Spannung zu gönnen, denn Suduva war vor dieser Veranstaltung schon acht Punkte enteilt. Das LFF stadionas ist das Stadion des litauischen Fußballverbandes, welches aktuell auch für die Spiele des Nationalteams genutzt wird. Es ist ein reines Fußballstadion mit einer teilweise gedeckten Haupttribüne und zwei weiteren unüberdachten Tribünen. Eine Hintertorseite ist unbebaut. Der fußballerische Teil unseres Trips war damit beendet. Wir verbrachten noch zwei Tage im wunderschönen Masuren, bevor es von Szymany wieder zurück in den Pott ging.

Samstag, 11.07.2020, 18:00

litauen

FK Panevezys vs FK Riteriai 2:1

Aukstaitijos stadionas, 680 Zuschauer, A Lyga

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Nach einer Nacht in einem schönen Landhotel an einem See vor den Toren Siauliais wurde zunächst der Berg der Kreuze angefahren. Es gibt eine wenig glaubhafte Sage zur Entstehung dieses sonderbaren Ortes. Realistischer wirkt da die geschichtliche Überlieferung, dass die ersten Kreuze zum Gedenken der während der Aufstände gegen die russische Zaren-Regime im 19.Jahrhundert getöteten Litauer aufgestellt wurden. Die Sowjetunion okkupierte dann während des zweiten Weltkrieges Litauen und deportierte Regime-Gegner in die Gulags Sibiriens. Die Rückkehrer stellten dann neue Kreuze zum Gedenken an die in den Arbeitslägern Umgekommenen auf. Auch weitere Unterdrückungs-Maßnahmen durch die Sowjets hatten immer wieder neu aufgestellte Kreuze zur Folge und der Berg, eher ein Hügel, wurde zum Symbol des Widerstands. Zwei Mal wurde der Hügel durch die Sowjets mit Bulldozern von den Kreuzen befreit, aber unmittelbar nach der Zerstörung wurden direkt wieder neue Kreuze aufgestellt. Heute ist er Berg auch religiöser Wallfahrtsort. Die Zahl der Kreuze ist nicht bekannt, aber es sollen über 100.000 sein. Von diesem ganz speziellen Ort fuhren wir über Nebenstraßen, die in Litauen meist gewalzte Sandschotterpisten sind, gemächlich ins nahe Panevezys. Dabei passierten wir kleine Ortschaften, die beinahe ausschließlich aus typisch litauischen Holzhäusern bestehen. Die Häuser wirkten zum Teil so verzogen und abgesackt, dass ein Bewohnen unmöglich schien, aber dieses offensichtlich doch der Fall war.
Am Zielort erwartete in der A-Lyga, der höchsten Spielklasse Litauens, der FK Panevezys den FK Riteriai aus der Hauptstadt Litauen. Die A-Lyga besteht in dieser Saison nur aus sechs Clubs, die mehrfach gegeneinander spielen. Bereits nach wenigen Spieltagen war das kleine Teilnehmerfeld ziemlich gestreckt. Die Gastgeber zierten mit nur einem Sieg das Tabellenende und begrüßten den Vorletzten FK Riteriai zum Kellerduell. Die Stadion-Landschaft Litauens ist recht überschaubar und bietet wenig spektakuläres. In Panevezys steht jedoch eines der wenigen Stadien Litauens die auf jeder Seite über Tribünen verfügen. Eigentlich ist es ein klassisches osteuropäisches Rund. Nur der zentrale Bereich der Haupttribüne, die etwas größer ist, als die übrigen Ränge, ist gedeckt. Mit 4.000 Plätzen ist es eines der größten und ansehnlichsten Stadien des Landes. Ein halbes Dutzend Leute machte von der Haupttribüne aus ein wenig Stimmung. Die Gastgeber spielten überlegen und steuerten mit einer 2:0-Führung einem verdienten und ungefährdeten Sieg entgegen. Ein Foulelfmeter eine Viertelstunde vor dem Ende machte die Nummer noch etwas spannend, gab der Partie aber keine Wendun, so dass die Kontrahenten die Tabellenplätze tauschten und die rote Laterne nun erst einmal in der Hauptstadt leuchtet.

Freitag, 10.07.2020, 19:00

litauen

Siauliu FA vs FK Panevezys II 4:0

Siauliu Savivaldybes stadionas, 500 Zuschauer, 1 Lyga

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Die zweite Auslands-Tour des CoVid19-Zeitalters führte mich gemeinsam mit meiner Herzdame nach Litauen. Dort werden aktuell Fußballspiele mit einer Zuschauerbeschränkung von 500 Personen durchgeführt. Das Land hat die Corona-Situation sehr gut in den Griff bekommen, die Neuinfektionen schwanken zwischen eins und fünf täglich bei einer Bevölkerung von drei Millionen. Überschaubares Risiko also. Die Anreise erfolgte über den polnischen Flughafen Olsztyn-Mazury nahe Szymany. Die Lage in Polen ist zwar nicht so stabil wie in Litauen, nicht einmal wie in Deutschland, aber eben doch unter Kontrolle. Erstes Ziel war Siauliai, eine 100.000-Einwohner-Stadt im Norden des Landes. Hier ging am Abend die Partie des Tabellen-Mittelfeldes der Zweiten Liga zwischen dem gastgebenden FA Siauliai und der Zweitvertretung des A-Ligisten FK Panevezys über die Bühne. Das Savivaldybes stadionas gibt ein für Litauen ziemlich typisches Stadionbild ab. Gegenüber einer recht repräsentativen Haupttribüne mit einem überdachten Bereich befindet sich eine kleine bestuhlte Tribüne ohne Wetterschutz. Offiziell wollten 500 Zuschauer diese Partie sehen, die Wahrheit lag wohl deutlich darunter. Das Resultat wurde einseitiger, als das Spielgeschehen war, aber die Gastgeber wussten ihre Chancen zu nutzen und gewannen auch sicherlich verdient. Stimmung völlige Fehlanzeige, aber Fußball ist in Litauen, wo Basketball die mit Abstand der beliebteste Sport ist, auch eher eine Randsportart.

Donnerstag, 09.07.2020, 19:30

deutschland

OSV Meerbusch vs FC Büderich II 0:1

Sportanlage Krähenacker, 120 Zuschauer, Testspiel
Langsam kommt der Fußball-Amateurzirkus wieder in Schwung. Die ersten Vereine vereinbaren Testspiele und der Blick auf die Ansetzungen zeigt, dass es mehr und mehr werden. Was dieser Blick auch verrät, ist dass nun viele reizvolle Plätze bespielt werden, die sonst wenig genutzt vor sich hin dümpeln. Ein positiver Aspekt der aktuellen Situation. Die Rasenspielflächen haben sich erholt, so dass sich die Platzwarte erstaunlich wenig schwer damit tun, diese für die Nutzung freizugeben. Nun sind Besuche von Testspielen eigentlich nicht mein Ding, davon finden sich nicht viele in meiner Statistik. Der oben beleuchtete Aspekt gepaart mit einer gewissen Fußball-Dehydrierung lassen die Hemmschwelle annähernd auf Null-Niveau sinken. Erster Profiteur war das kleine Stadion des Osterrather SV in Meerbusch. Normal wird hier beinahe ausschließlich auf dem daneben liegenden 08/15-Kunstrasen geknüppelt, derzeit sind aber einige Testspiele im Stadion mit seinem kleinem Ausbau durchgeführt. Bevor die Herrlichkeit wieder vorbei ist, sei es weil die CoVid-Schrauben wieder angezogen werden, weil der Rasen zu sehr gelitten hat, oder das Wetter wieder zu schlecht wird, hieß es also, die Grashalme bei der Wurzel zu packen und machte mich mit Thomas auf den Weg. Sahen noch einige andere der Bewegung ähnlich und so traf ich auf bekannte Gesichter, mit denen schon die eine oder andere Reiseschlacht geschlagen wurde. Der Grill glühte, das gute Schumacher-Alt gab es im Ausschank, kurz – es wurde bei mildem Wetter eine kurzweilige Geschichte und das Geschehen auf dem satten Grün geriet dabei zur Randerscheinung. Der gastgebende A-Ligist schien noch etwas mehr Lockdown-Gewicht mit sich rumzutragen, als die Gäste, die eine Liga tiefer spielen, aber nicht unverdient gewannen. 100 Zuschauer waren zugelassen und diese waren angehalten, sich in einer Liste einzutragen, wie es das Hygienekonzept verlangt. Als auf dieser Liste dann 100 Zeilen gefüllt waren, vergaßen die Verantwortlichen ‚versehentlich‘ das Tor zu verschließen. Mag man als fahrlässig empfinden, aber auf so einer weitläufigen Anlage finden auch deutlich mehr als 100 Leute Platz ohne sich zu dicht auf der Pelle zu hocken. In den kommenden Wochen wird dieses sicherlich nicht das einzige besuchte Testspiel bleiben. War auch ähnlich wie meist beim Zahnarzt – tat gar nicht so weh wie befürchtet.

Exkurs: Gastbeitrag von Christian – Wie alles begann

Werte Leser, ich konnte einen weiteren Weggefährten animieren, einige Zeilen zu seinem ‚Werdegang‘ zu Papier zu bringen. Christian, Ex-Westerwald, heute Hamburg, mit dem ich schon einige Hopping- und Promille-Schlachten geschlagen habe, war so freundlich. Have fun!

Eintracht Frankfurt und die Faszination Groundhopping

Tach ihr Grrrrrrrrrrrrrroooooooooundhopper,
mein Name ist Christian, 86er Jahrgang, also mittlerweile 34 Jahre alt (im Kopf ca. 12, körperlich eher 53) und ich komme gebürtig aus Diez an der Lahn, dem letzten Strich in Rheinland-Pfalz bevor es über eine Brücke ins hessische Limburg geht. Manche mögen mich unter meinen früheren Alias ‚Francoforte‘ im Groundhopping-Forum kennen. Oder schlichtweg PRAHST. Aufgewachsen bin ich im wunderschönen Westerwald, genauer gesagt in 56249 Herschbach, gelegen im Dreieck Hachenburg/Altenkirchen/Montabaur. Spätestens bei letzterem dürfte es klingeln ob der A3 Abfahrt, dem ICE-Bahnhof oder des Outlet Centers. Herschbach an sich mag der ein oder andere Rheinländer kennen, der seit Jahrzehnten auf dem Herschbacher Campingplatz vegetiert. Das benachbarte Freibad ist auch recht bekannt. Und wenn ihr am Kölner Hauptbahnhof in ein Taxi steigt und „Finca Erotica“ als Ziel ausgebt, fährt euch auch jeder Taxifahrer blind ins benachbarte 56269 Dierdorf 😉 . Für die heimische SG Herschbach/Schenkelberg (1.Herrenmannschaft zu gut für die B-Klasse, zu schlecht für die A-Klasse) habe ich selbst ein gutes Jahrzehnt gekickt, angefangen als Staubsauger auf der 6. Dann Verteidiger und schlussendlich im Kasten, wo ich äußerst bemerkenswerte Leistungen zeigte und das Interesse der überregional bekannten Westerwälder Clubs Eintracht Glas-Chemie Wirges und Sportfreunde Eisbachtal auf mich zog. Aber so Sachen wie vier Mal wöchentlich Training, 22 Uhr Bettruhe, nicht rauchen und vor allem nicht saufen(!) kamen natürlich gar nicht in Frage. Tja, und irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem man sich samstags entscheiden musste… selbst kicken oder Waldstadion in Frankfurt am Main. Ich entschied mich für Letzteres. Das Eintracht-Gen vererbte mir unüblicherweise meine Mutter, welche in den 80ern mit einem Eintracht-Fan zusammen war und so die Liebe zur launischen Diva entdeckte. Das ist bis heute unverändert, wenn auch nicht mehr in der Intensität wie früher als sie Dauerkarten-Besitzerin war. Mein Vater ist auch Fußballfan, aber in deutlich geminderter Form. Er ist ein echtes Pott-Original aus Wanne-Eickel und bis heute Fan der Borussia vom Niederrhein. Wie sowas zustande kommt, habt ihr schon im Gastbeitrag des Bottroper Kollegen Marco lesen können. Die Wege waren kurz, jeden Samstag war man woanders und bleibt schlussendlich irgendwo hängen. Da ich aber als klassisches Scheidungskind in der Vereins-Findungs-Phase nicht den Kontakt/Bezug zu Papa hatte, war es also meine Mutter, die mich in dieser Hinsicht entscheidend prägte.
So datiert mein erster nachweisbarer Stadionbesuch vom 03.04.1991. Die Frankfurter Eintracht zerlegte im alten Waldstadion die Gladbacher Borussia mit 5:1. Erinnerungen natürlich Zero. Aber irgendetwas muss da passiert sein, denn ab diesem Zeitpunkt nervte ich meine Mutter und meinen Onkel (auch Gladbacher bis heute) und sie fuhren immer wieder mit mir nach Frankfurt. Meine ersten bewussten Erinnerungen habe ich an mein erstes Auswärtsspiel. Es war Mittwoch, der 1. Mai 1996, ich war gerade 10 Jahre alt geworden. Wir fuhren nach Köln ins alte Müngersdorfer Stadion. Die Eintracht musste siegen um noch eine Chance auf den Klassenerhalt zu haben. Man verlor 0:3 und ich erlebte den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte live. PRÄGEND! Spielte die SGE zu Beginn der 90er noch eine Top-Rolle im deutschen Fußball, war es Jupp Heynckes, der den Verein auf dem Gewissen hat und binnen kürzester Zeit zum Totengräber mutierte! Er verbannte die mit Abstand besten Spieler (Jay-Jay Okocha, Maurizio Gaudino, Anthony Yeboah) und nach und nach begann der freie Fall bis kurz vor die Drittklassigkeit! Ich lege es jedem ans Herz sich kurz Zeit zu nehmen und den folgenden Link anzuklicken: Heynckes bei der SGE.
Die Zweitligazeit ab 1996/1997 war dann auch die Phase, während der ich mehr und mehr Heimspiele sah und ab 1999/2000 war es meiner Mutter dann zu viel des Guten. Sie fuhr mich dann stets nach Limburg zum Bhf und ich fuhr allein nach Frankfurt. Die Zugfahrt war ja in der Dauerkarte inklusive. Mit 14 Jahren den Jung allein in die große Stadt schicken? Heute undenkbar, war aber damals so. Hat mir bis heute nicht geschadet (Anm. d. Korrektur: Bist Du Dir da sicher??). Zu der Zeit erhielt man bei der Eintracht beim Kauf einer ermäßigten Eintrittskarte auch nur ein halbes Ticket!!! Das hätte mir gleich seltsam vorkommen müssen welchen Verein ich da unterstütze 😉 . Nach und nach ergaben sich die ersten Kontakte innerhalb der Frankfurter Fanszene und ab 2005 fuhr ich ‚organisiert‘ zum Fußball wie es so schön heißt. Ich fand meinen Platz im Bus der ‚Geiselgangster‘, deren Zaunfahne bis heute bei den Heimspielen rechts unten in der Nordwestkurve hängt (utopisch großer Lappen in grün-gelb-rot). Mit den Jungs aus dem Bus gründeten wir die GGC (Geiselgangster Crew) und machten das, was man so macht. Busfahren, saufen, singen, Weibergeschichten, Zaunfahne aufhängen, supporten, meistens verlieren, zurück zum Bus, Heimfahrt. Was hatten wir geniale Fahrten. An einem Mittwoch nach Cottbus. 2006 die erste internationale Fahrt nach Brøndby, ein Traum! Nachts auf einem zentralen Platz in København ein spontanes 20 gegen 20 gegen die Dänen, welches gewonnen wurde. Was waren wir Kings, hehe! In der Gruppenphase das Spiel bei Fenerbahçe, als man haarscharf die K.O.-Phase verpasste und ein Dönermesser nur knapp am Schädel vorbeisäbelte. Tolle Reisen in viele weitere Länder folgten, unvergessen natürlich der Coup 2018/2019 als man erst im Halbfinale im Elfmeterschießen bei Chelsea scheiterte. Und die erste Rostock-Fahrt 2008…. an Bord vier 6er Kisten Borisov Wodka, an denen sich acht Profi-Trinker versuchten. 23 Flaschen wurden vernichtet! Mein Mitleid mit der einen übrig geblieben Pulle, die völlig umsonst 1.500 km quer durch Deutschland eierte, nicht getrunken wurde und schlussendlich an der hinteren Bustreppe zerbrach (R.I.P.). Ein bunter Haufen war der Geiselgangster Bus. Ultras, Kutten, Hools, Allesfahrer. Es war eine wunderschöne Zeit, die zwischen 2010 und 2011 an einer Frauen-Geschichte zu Ende ging…
Durch Kontakte in der Fanszene machte ich dann ab 2005 auch meine ersten Länderpunkte. Mit weiteren Ultras ging es einige Male zu den Freunden nach Bergamo und Innsbruck. Die Sache mit Tivoli Nord zerbrach dann über die Jahre, aber nahezu jeder Frankfurter pflegt die individuellen Kontakte weiter. Bergamo hingegen berührt mich heute noch sehr stark. Mit Leuten wie Boccia trank ich gemeinsam Grappa und weiß einfach wie es vor Ort aussieht, wie sich das Geschehen am Spieltag gestaltet. Soll nicht protzig klingen, aber ich bin stolz drauf. Umso trauriger in welchem Ausmaß Corona dort tobte! Die Spende ans Krankenhaus, welche durch Innsbrucker organisiert wurde und zu 100% vor Ort ankam, war für mich Ehrensache. Man fuhr auch mal einfach so nach Frankreich oder Kroatien. Oder samstags zu fünft im Ford Ka(!) nach Torino zum Derby. Rückkehr Sonntagmorgen um 7 Uhr. Auto abstellen, kurz auf den Pott, rein in den Bus zum Auswärtsspiel nach Bielefeld! 2009 machte ich meine erste große Reise nach Südamerika. In 3 Wochen wurde Brasilien besucht mit DEM Highlight Fla-Flu im Maracana. Iguazu Wasserfälle – WAHNSINN! Argentinien und Uruguay wurden auch besucht. Estadio Centenario zu Montevideo, bis heute eine meiner TOP Erinnerungen. 2016 gab es ebenfalls eine dreiwöchige Tour durch Afrika (Äthiopien, Südafrika, Mosambik, Swasiland, Botswana, Lesotho). Auch das war schlichtweg bombastisch und bleibt für immer unvergessen, genauso wie mein Aufenthalt im türkischen Knast 2011.
2012 geschah dann etwas, was mein Leben verändern sollte. Zusammen mit Freund Tobias fuhren wir zum Auswärtsspiel nach Rostock. Mit im Gepäck hatte er einen Arbeitskollegen namens Daniel, Hansa Fan! Da er eine Schwester in Hamburg hat, schlug er vor schon einen Tag vor dem Spiel und somit am Samstag anzureisen. Suff/Party und Übernachtung in Hamburg, dann hat man Sonntag auch nur noch 1,5 Std. nach Rostock! Gesagt, getan. Abends ging es dann noch auf den Kiez. Daniel kam gar nicht erst mit und musste schon nach der Bundesliga in der Sportschau dem Alkohol Tribut zollen. Als Tobi eine Kneipe mit den Worten „EY IHR WICHSER!“ betrat, entschied ich ihn in ein Taxi zu setzen, dem Fahrer 50€ zusammen mit der Adresse von Daniels Schwester zu geben und zog dann mit der Schwester, Katrin, alleine weiter. Wir waren uns ganz sympathisch, irgendwann in der Nacht fiel der erste Kuss im ‚FRIEDA B‘ und über den weiteren Verlauf der Nacht schweigt der Gentleman natürlich. Sonntag nach dem Spiel in Rostock fuhr Kati uns zum Flughafen nach Rostock-Laage und wir landeten spät abends in Köln. Ich suchte über zwei Stunden mein Auto und fand es einfach nicht mehr. Herr je, welche Leistung! Montag auf der Arbeit wurde dann Urlaub für Mittwoch bis Freitag eingereicht und so stand ich Mittwoch wieder in HH bei Kati auf der Matte! Wir kamen zusammen, hatten ein Jahr Fernbeziehung und ich entschied mich letztlich im März 2013 dem Westerwald den Rücken zu kehren und fortan mein Leben in Hamburg zu verbringen! Mit Kati bin ich immer noch zusammen und seit 2018 verheiratet. 2016 wurden wir Eltern und so bin ich mittlerweile im 8. Jahr in der Freien und Hansestadt Hamburg ZU HAUSE. Ich fühle mich hier pudelwohl und wüsste nicht was sich daran ändern sollte. Man soll nie NIE sagen, aber aktuell alles tippi toppi in HH. Ich würde ja gerne zurück, nicht in die Westerwälder Heimat, sondern direkt nach Frankfurt, wo ich auch drei Jahre gewohnt habe. Aber meiner Frau ist das zu asozial mit der Bahnhofsgegend und den unzählbaren Fixerstuben. Da habe ich kein Verständnis für! Die RTL II Reportagen über Frankfurt und Hamburg nehmen sich nix 😀 !
Seit meinem Umzug nach Hamburg hat sich meine Liebe zur Frankfurter Eintracht aber nicht verändert. Es gab bisher keine Saison, in der ich kein Spiel live im Stadion sah. Die Dauerkarte habe ich zur Saison 2013/2014 abgegeben, aber es folgten dennoch immer wieder Spielbesuche, wenn auch nicht mehr mit der letzten Konsequenz. Man wird älter, die Prioritäten verschieben sich und ob man zum 12. oder 13. Mal nach Wolfsburg fährt oder auch nicht ist dann auch völlig belanglos. Stand jetzt war es das aber mit der SGE und mir. Klar, man befand sich schon seit etlichen Jahren in der Kommerzblase des sogenannten modernen Fußballs. Aber inmitten einer Pandemie den Spielbetrieb durchzuprügeln und somit der kompletten Gesellschaft den Mittelfinger zu zeigen, war bei mir der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich fand es derart widerlich wie auf die komplette Gesellschaft geschissen wurde und weiterhin wird, dass ich für mich beschloss unter diesen Umständen keine DFB-/DFL-Veranstaltung mehr zu besuchen, zumal sich die SGE in der Phase auch nicht mit Ruhm begoss. Dem System Profifußball in Deutschland wurde nun bis zur völligen Entblößung aufgezeigt, wo es hakt und wie krank dieses System wirklich ist. Wenn sich nicht grundlegende Sachen wirklich ändern, gehe ich diesen Weg nicht mehr mit und sage bis hier hin und nicht weiter! Ich habe derzeit sämtliche Social Media Kanäle über die Bundesligen und auch die SGE entfernt, bekomme so gut wie nichts mehr mit. Ich könnte die Ergebnisse der letzten Spiele nicht nennen, wirklich nicht. Und es interessiert mich auch nicht wirklich! Fußball ohne Fans ist NICHTS! Meinetwegen müssen die auch gar nicht mehr anfangen und das System kann vor die Hunde gehen! Was mir wirklich FEHLT ist das Drumherum, die Leute, das Miteinander, das Dummgebabbel, die Suff-Eskapaden mit langjährigen Begleitern und Weggefährten, von denen einige wirkliche FREUNDE geworden sind. Der Fußball an sich als Sport ist mir mittlerweile egal. Ich könnte mir niemals mehr ein Spiel im TV zweier anderer Mannschaften anschauen. Das finde ich gnadenlos langweilig. Meinetwegen könnten auch Kaninchen-Rennen im Waldstadion stattfinden; so lange da paar tausend Asoziale am Start sind und es ‚Äppler‘ und Binding Export gibt, wäre das okay!
Das Größte was ich mit der Eintracht je erlebt habe, war zweifelsohne der Pokalsieg 2018 gegen die Bayern. Der „Spieltag“ an sich begann für mich am Samstagvormittag, als ich einen ICE von Hamburg nach Berlin enterte. Und ich musste mich regelrecht selbst zum Hauptbahnhof schleppen – ich hatte einfach kein Bock und nicht den Hauch von Motivation! Naja, was soll´s, Finalticket war besorgt und es ist nun mal das Endspiel. Nach 2006 und 2017 immerhin schon mein drittes Finale, auch wenn die Vorzeichen 2018 schlechter denn je standen. Die Bayern hatten in ihrer typisch asozialen Art und Weise bereits im April die Verpflichtung von Trainer Niko Kovac für die Folgesaison bekanntgegeben. Ab diesem Zeitpunkt gewann die SGE kein Match mehr und verspielte am letzten Spieltag in Gelsenkirchen in einer unfassbar deprimierenden Art und Weise noch die lange so sicher geglaubte EL-Teilnahme. Die Köpfe hingen tief und es war alles angerichtet für den höchsten Finalsieg in der Geschichte des Wettbewerbs. Ich hatte nicht mal mehr Bock auf einen zweiten Kick am Nachmittag und widmete mich frühzeitig dem Suff.
Doch es kam bekanntlich anders. Nachdem Ante Rebić bereits zwei Mal Bayern-Keeper Ulreich durch BRUDAAA SCHLAG DEN BALL LANG Spielzüge düpiert hatte, lief die Nachspielzeit und die Bayern bekamen noch einmal eine Ecke. Nach dessen Ausführung traf Boateng den rechten Fuß von Martínez und Schiri Zwayer eilte zum TV zwecks Beweis-Sichtung. Ich war in meinem Sitz versunken, mir kamen die Tränen und man wartete – wie vermutlich 99% des Landes – auf Zwayers Deuten zum Elfmeterpunkt. Doch er gab Eckball. Um es mit den Worten von Kevin-Prince Boateng zu sagen: „Eine Männer-Entscheidung“. Was folgte ist bekannt. Eine schlecht getretene Hereingabe infolgedessen Mijat Gacinovic in bester Forrest Gump Manier ein 70 Meter Solo zum 3:1 ins verwaiste Bayern-Tor vollendete. Es brachen alle Dämme, eine Erleichterung in unvorstellbarem Ausmaß platzte aus 25.000 Eintracht-Fans heraus. 30 Jahre ohne Titel, für Generationen der erste Titel überhaupt und dann dieser Abend des 19. Mai 2018! Endlich musste man nicht dem Sieger Spalier stehen, sondern der goldene Konfetti-Regen war einem selbst gewidmet. Wir hatten was gewonnen! Und zwar nicht den Tsunami-Cup 2005, ein Benefiz-Turnier für die Flutopfer Asiens an Weihnachten 2004. Nein, ein bedeutender Titel!
Bezeichnend die Szene, als Vereinslegende Charly Körbel es nicht schaffte, die einfache Aufgabe zu bewältigen, einfach nur den scheiß Pokal ein paar Stufen hinauf zu seinem vorgesehenen Platz zu tragen. Trotz zahlreicher Proben wusste er nicht mehr was er machen musste und reckte, wie 30 Jahre zuvor beim 1988er Endspiel, den Pokal einfach selbst gen Berliner Nachthimmel. Großartig! Und auf der Gegenseite warfen die Bayern-Spieler um Sandro Wagner & Co. ihre Silbermedaille ins Publikum und erwiesen dem Sieger, bis auf wenige Ausnahmen, nicht einmal den gebührenden Respekt! Elende Mistvögel, euch sollen auch heute noch vom Himmel herabfallende Kackeklumpen im Nacken treffen! Ich blieb noch lange in meinem Sitz hocken und verließ als einer der Letzten das Stadion, da man es einfach noch nicht fassen konnte was sich dort ereignet hatte. An diesem Abend schloss ich auch meinen inneren Seelenfrieden mit dem Berliner Olympiastadion, so dass ich beschloss diese Kultstätte nie mehr zu betreten. Die vergangenen Besuche hier waren meist scheiße, es war fast immer arschkalt und nass und sportlich gewann meist die Hertha. Zudem musste man im Gästeblock Minimum in Reihe 20 aufwärts stehen um überhaupt die Torlinie sehen zu können. Trotz des erhabenen Baus hasste ich dieses Stadion. Doch an diesem Abend schloss sich der Kreis und besser konnte es nie mehr werden! Erst Stunden später realisierte ich, dass man 2018/2019 nun doch international spielen sollte! Das war durch die Eindrücke der letzten Stunden völlig an mir vorbeigegangen. Keine Meisterschaft, kein Pokalsieg wird für mich jemals größer sein als dieser! Ende der Durchsage.
Naja, mehr als abzuwarten, wie sich das kranke System entwickelt bleibt mir momentan nicht. Solange habe ich mehr Zeit für meine kleine Familie und im Rahmen der familiären Möglichkeiten eben auch für meine zweite Leidenschaft, das Groundhopping. 1.245 Grounds in 71 Ländern sind bisher zusammengekommen. Ist für mich nicht viel. Was habe ich schon LPs bewusst sausen lassen. Algerien… Visum im Pass, gebuchte Top-Flüge mit Lufthansa und dann wird das Algier-Derby kurzfristig abgesagt respektive verschoben. Call it a Klassiker. KEIN BOCK, einfach auf der Couch geblieben. Fünf Tage Aserbaidschan, auch wieder Visum im Pass. Zwei Stunden vor Abflug plötzlich große Unlust, KEIN BOCK, also einfach schlafen gelegt und ne Woche zu Hause erholt. Kasachstan… Server-Ausfall der Airline beim Check-in am Tegel Airport. 200 Russen/Ukrainer wüten und toben. Gelacht und einfach wieder zurück nach Hamburg gefahren, KEIN BOCK auf sowas! Im Endeffekt wäre ich vier Stunden zu spät in Kyiv zwischengelandet, ich hätte den Anschluss nach Astana verpasst und somit auch meinen anvisierten Länderpunkt Kasachstan! Die Alternative Frauen-Fußball in Kyiv wurde als nicht lohnend erachtet. Alles richtig gemacht also! Ihr seht schon, der klassische Groundhopper bin ich nicht und so sehe ich mich auch nicht, zumal mir der Fußball an sich wie erwähnt sowieso egal ist. Das Drumherum macht es für mich aus. Das Reisen, die Eindrücke, die Stadien und natürlich das Geschehen auf den Rängen. Bei einem klassischen Top-Duell auf den Rängen schaue ich fast gar nicht aufs Feld, sondern ausschließlich in Heim- und Gästeblock. Ultras/Fanatiker faszinieren mich bis heute und die Stimmung ist mir x-fach wichtiger als das Match. Ich würde niemals zu Real vs. Barca fahren. Ticket teuer, nur Kunden am Start und das Spiel an sich juckt mich 0,0. Wenn ich mal in der 70. Minute kein Bock mehr habe und es von jetzt auf gleich utopisch anfängt zu schütten, dann fahre ich auch mal nach Hause! Aber wer 90 Minuten dort verharren muss, der soll das so machen. Ich winke dann nett und sage Ciao. Jedem das seine.
Lieber Micha, ich glaube wir kennen uns seit 2009/2010. Bleib so wie du bist, ein großartiger Mensch und toller Weggefährte. Auch wenn man sich nicht mehr so oft sieht wie zu meiner Zeit im Westerwald, so sind zukünftige Meet n‘ Greets durch Deine familiäre Wurzel in Hamburg ja ohnehin gesichert. Du hast einen tollen Blog, den ich jederzeit aufmerksam verfolge und die Beiträge auch wirklich lese und nicht nur den Daumen nach oben drücke, hehe 😉 Ich habe früher selbst viel geschrieben und weiß was das für ein Berg an Arbeit ist, vor allem die Konstante macht’s da immer regelmäßig am Ball zu bleiben. Respekt! Ich wünsche dir in allen Lebenslagen jederzeit nur das Beste und für dich und Sase weiterhin trautes Eheglück. Abgegrüßt!

Sonntag, 28.06.2020, 14:00

deutschland

SGS Essen vs FC Bayern München 0:3

Stadion Essen, 20 Zuschauer, Bundesliga
Manchmal dauert es lange bis zu seinem ersten Mal und man soll nie „Nie“ sagen. Die weiterhin besondere Situation führte dazu, dass ich mir tatsächlich zum ersten Mal ein Damen-Fußballspiel angesehen habe. Ich habe aber ein paar Ausreden parat… es war eine gute Chance das eigene ‚Wohnzimmer‘ mal wieder von innen zusehen, denn wer weiß, wann der RWE mal wieder vor Publikum antreten darf. Außerdem wohne ich in dem Stadtteil, in dem die SGS beheimatet ist, und ich habe immer gesagt, dass ich auf jeden Fall mal ein Spiel des Bundesligisten aus meinem Stadtteil besuchen muss. Und zuletzt hatte sich RWE-Kollege Marco auch für dieses Spiel angesagt, so dass man einen Gesprächspartner hatte. Ich kann mit der weiblichen Variante des geliebten Sports grundsätzlich nicht viel anfangen, was sich auch bestätigte. Klar können auch die Mädels mit dem Ball umgehen, teilweise treten da individuell sogar recht starke Fähigkeiten zu Tage. Aber das Spiel ist deutlich langsamer und von einer gänzlich unterschiedlichen Athletik geprägt, als bei den Herren der Zunft. Dass in manchen aussichtsreichen Situationen, sei es beim Spielaufbau oder auch vor dem Tor, teils klägliche Abspiele oder Abschlüsse zu sehen waren – geschenkt, das passiert auch in der männlichen Sparte oft genug. Aber nach meinem Erachten fehlt dem Damen- im Vergleich zum Herren-Fußball irgendwie der richtige ‚Kick‘. Im doppelten Sinne halt. Oder, wie es ein nicht unbekannter Anhänger unserer Bewegung mal ausdrückte – Damen-Fußball ist eine komplett andere Sportart! Der FC Bayern wurde als Tabellenzweiter seiner Favoritenrolle gerecht. Dabei stand die SGS auf dem vierten Tabellenplatz nicht weit dahinter, aber das Gefälle zwischen den zwei, drei Top-Teams und dem Rest der Liga ist bei den Damen einfach riesengroß. Es kann zumindest für dieses Spiel auch der Mythos bedient werden, dass der FCB im Zweifelsfalle von den Unparteiischen eher begünstigt wird. Wurde der SGS nach einer kritischen Aktion im Sechzehner ein Strafstoß verweigert, bekamen die Bayern-Mädels in einer vergleichbaren Situation einen Elfer zugesprochen. Letztlich siegte der FCB aber aufgrund einer starken ersten Hälfte verdient, vielleicht ein Tor zu hoch. Die SGS hat nun noch das Pokalfinale vor der Brust. Oder vor den Brüsten. Gegner ist dann der alles überstrahlende Branchen-Primus VfL Wolfsburg. Alles andere als eine Niederlagen mit drei oder vier Toren Unterschied käme dann einem Wunder gleich. Überhaupt wird es die SGS mittel- bis kurzfristig schwer haben. Der Trend im Damen-Fußball geht dahin, dass sich immer mehr Clubs dem männlichen Branchenführer der Stadt anschließen, um von der besseren Infrastruktur und einem besseren Marketing, sowie stärkerer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu profitieren. Dass sich die SGS dann an den RWE hängt, sehe ich nicht. Eine sicherlich sehr gute Nachwuchsarbeit wird aber nicht ausreichen, um langfristig auf höchster Ebene mitzuhalten. Mein Fazit nach dem Erstbesuch: sollen sie ruhig kicken, sollen sich diejenigen das ansehen, die Gefallen daran finden. Mich hat dieses Erlebnis aber dem Damen-Fußball bestimmt nicht näher gebracht – das erste Spiel wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch das letzte sein.

Exkurs: Deutscher Meister 1955

Deutscher Meister ist nur der RWE!

Heute vor 65 Jahren wurde der glorreiche RWE zum einzigen Mal Deutscher Fußballmeister. Rot-Weiss hatte sich als recht überlegener Sieger der Oberliga West für die Endrunde um den Titel qualifiziert. Unter Trainer Fritz Szepan, der vor der Saison von der Blauen Brut nach Essen gewechselt war – heutzutage beinahe undenkbar – spielte das wohl beste RWE-Team aller Zeiten. Dazu gehörten neben anderen ‚der fliegende Schulmeister‘ Nationaltorhüter Fritz Herkenrath, der Held von Bern ‚Boss‘ Helmut Rahn, der Offensiv-Stratege August Gottschalk und der quirlige Außenstürmer Franz ‚Penny‘ Islacker.
Die Endrunde wurde mit acht Mannschaften durchgeführt. Teilnehmer waren die Meister der vier Oberligen West, Nord, Süd und Südwest, sowie der Meister der sogenannten Vertragsliga Berlin. Drei weitere Teilnehmer wurden durch die vier Oberliga-Vizemeister in einer Qualifikation ermittelt. Die Roten wurde in Gruppe Zwei gelost und traf auf den SV Bremerhaven, Kickers Offenbach und Wormatia Worms. Auch diese Runde gewann der RWE überlegen mit vier Punkten Vorsprung auf den Zweiten aus Bremerhaven und qualifizierte sich damit für das Finale. Dieses fand am 26. Juni 1955 im Niedersachsenstadion zu Hannover statt. Offizielle 76.000 Zuschauer waren gekommen, inoffiziell wird von über 80.000 gesprochen, nicht wenige davon waren aus dem Ruhrgebiet angereist, unter anderem in drei Sonderzügen. Der damalige Essener Oberbürgermeister unterbrach für dieses Spiel eigens seine Kur.
Der Gegner hieß 1.FC Kaiserslautern mit einer exzellent besetzten Mannschaft. Mit den beiden Werners Kohlmeyer und Liebrich, Horst Eckel und dem Walter-Fritz standen noch vier Weltmeister von 1954 in der Elf. Die Roten Teufel gingen früh in Führung aber Islacker konnte schnell ausgleichen. Bis zum Seitenwechsel konnte Rot-Weiss dann eine 3:1-Führung herausschießen. Die Führung hatte der Niederländer Johannes ‚Fred‘ Röhrig, der schon als Profi-Spieler in Frankreich tätig war, erzielt und Islacker hatte mit seinem zweiten Tor die Führung ausgebaut. Aber die Elf vom Betzenberg kam zurück, erzielte kurz nach dem Wiederanpfiff den Anschlusstreffer und glich dann per Elfmeter aus. Penny Islacker hatte sich zwanzig Minuten vor Ende am Knie verletzt und humpelte nur noch über den Platz, denn Auswechselungen war zu dieser Zeit noch nicht erlaubt. Aber die Geschichte wollte es, dass sich genau dieser Spieler fünf Minuten vor Ende in eine Flanke von Berni Termath warf und mit dem Kopf aus Abseits-verdächtiger Position den Siegtreffer erzielte. Eine Bronzeplastik mit Namen ‚Penny ihm sein Knie‘, welche natürlich das bandagierte Knie von Penny Islacker darstellt, schmückt seit einigen Jahren den Spielertunnel im neuen Stadion.
Damit sicherte sich der glorreiche RWE eine Gravur auf der berühmtesten Radkappe des Landes. Bei der Rückkehr in die Ruhrmetropole bereiteten an die 100.000 Menschen der Mannschaft einen triumphalen Empfang. Es ist leider sehr wahrscheinlich, dass dieser Meistertitel für den RWE der einzige bleiben wird, aber genau aus diesem Grunde ist dieser auch so besonders und die Meister-Mannschaft wird in Essen durchaus noch verehrt. Das alles passierte natürlich noch deutlich vor meiner Geburt, so dass die ganz große emotionale Nähe zu diesem Ereignis fehlt. Aber dennoch hat diese Mannschaft für mich und wohl für jeden anderen Rot-Weissen einen ganz besonderen Stellenwert.
Foto-Quelle: G.Klaut.