Jahresrückblick

2020 – ein Rückblick

Das Jahr 2020 hat es sich auf unrühmliche Weise verdient, darauf zurückzublicken. Wer hätte Anfang 2020 gedacht, welche Entwicklung sich nur zwei Monate später abzeichnen sollte. Nach ein paar Tagesausflügen nach Belgien und in die Niederlande, wurden ansprechende Wochenenden auf Gran Canaria mit dem ‚Derbi Canario‘, in Maribor beim slowenischen Clasico mit dem 30jährigem Jubiläum der ‚Viole Maribor‘ und eine Woche später tiefer auf dem Balkan beim Topspiel der bosnisch-herzegowinischen Liga zwischen Banja Luka und FK Sarajevo und dem ‚Veciti Derbi‘, dem ‚Ewigen Derby‘, bei Cvezda in der serbischen Hauptstadt, verbracht. Dieses war auch das erste Belgrad-Derby für die Frau Gemahlin, die ja Pyro-Exzessen nicht abgeneigt ist. Danach kam der Bruch. Da sich das inzwischen allesbeherrschende Virus in Italien eingenistet hatte, wurde der Flug zum ‚Derby del Tirreno‘ zwischen Pisa und Livorno nicht angetreten. Ebenso wenig wie die kurzfristig als Ersatz aus dem Boden gestampfte Tour in den schlesischen Kohlenpott. Da war allerdings eher fehlende Motivation am Morgen des Abfluges der Grund – ein Phänomen, welches immer mal wieder auftritt. Stattdessen besuchte ich die eher fade Vorstellung des geliebten RWE in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Und danach fiel der Vorhang. SARS-CoV-2 hatte Europa fest im Griff und die Fußbälle verschwanden im Materialraum. Die geplante Westafrika-Tour über Ostern fiel ebenso aus, wie vorgesehene Wochenend-Reisen.
Ich empfand die folgenden Wochen dennoch als wenig belastend. Vermutlich auch, weil mein Arbeitsplatz von der Entwicklung nicht betroffen war und mein Leben bis auf den Stillstand des Hobbys in normalen Bahnen verlief. Einige Wanderungen mit der Herzdame und Fahrradtouren mit dem rot-weissen Gefährten Marco boten Ausgleich. Erste Länder in Südost-Europa nahmen dann den Liga-Betrieb wieder auf und Anfang Juni traf ich nach kurzer Risiko-Abwägung die Entscheidung, mit dem Auto über Budapest zu den Halbfinalspielen des serbischen Pokals zu reisen. Highlight war das erneut besuchte ‚Ewige Derby‘, dieses Mal mit Partizan als Gastgeber. Schon außergewöhnlich innerhalb von fünf besuchten Spielen zwei Mal den Belgrad-Clasico zu sehen, aber diese Paarung lohnt ja auch immer. Nach Antritt der Heimreise nach dem letzten Spiel des Road-Trips im ungarischen Zalaegerszeg hätte die Tour beinahe ein unrühmliches Ende genommen, als am späten Abend auf irgendeiner gottverlassenen, grenznahen Landstraße in West-Ungarn plötzlich ein ausgewachsener Hirsch die Fahrbahn betrat und diese in aller Ruhe querte. Warum auch immer hatte ich diese Stelle aber in einer weisen Eingebung äußerst vorsichtig passiert – eine Eigenschaft, die bei mir nicht allzu oft zu Tage tritt, wenn ich ein Lenkrad in der Hand habe.
Der Juli ergab einen wunderbaren Ausflug nach Masuren und Litauen, der nicht nur dem Fußball galt, sondern auch der Kultur und der Ahnen-Forschung, denn die Mutter der Gattin stammt aus Marienwerder, heute Kwidzyn, in Westpreußen. Eher unspektakulär ging es dann durch den Sommer. Zunächst mit prinzipiell eher ungeliebtem Testspiel-Terror, aber nachdem im Heimatland auch wieder vor den Ball getreten wurde, war das vorherrschende Motto ja zunächst „Nehmen, was kommt!“. Einige Male führte es mich nach Ostdeutschland und auch Tschechien wurde bereist. Auch während des Sommerurlaubes auf einer Rundreise über Sachsen, Tschechien, Österreich ins Allgäu, in dessen Verlauf ein paar Spiele in kultigen, abgeranzten aber auch idyllischen Grounds besucht wurden. Größere Reisen waren mir aufgrund eines engen privaten Terminkalenders nicht möglich, weshalb ich die dafür günstigste Phase im Spätsommer ungenutzt lassen musste.
Tja und Anfang November war es dann wieder vorbei. Es ergab sich noch die Möglichkeit, ein paar Spiele des glorreichen RWE zu sehen, aber das machte unter Ausschluss der Öffentlichkeit auch nicht wirklich viel Freude. Irgendwie sowieso völlig absurd, wenn nicht gar tragisch, dass die Roten derzeit im absoluten Aufwind sind und dieses keiner live im Stadion sehen darf. Und dass nun, während die Mannschaft bisher eine überragende Saison spielt, ungeschlagen an der Tabellenspitze überwintert und im DFB-Pokal nach Siegen über Bundesligist Bielefeld und Zweitligist Düsseldorf im Achtelfinale steht, diejenigen, die den ganzen Mist der letzten Jahre mitgemacht und dem Verein die Treue gehalten haben, außen vor sind, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Hinter vorgehaltener Hand wird schon gemunkelt, dass genau dieses, das Erfolgsgeheimnis ist, da die Rot-Weissen nun druckbefreit vor leeren Rängen antreten. Jedenfalls wurde mit Christian Neidhardt offenbar der richtige Mann für die Mission Aufstieg verpflichtet und vorne regelt Top-Torjäger Simon Engelmann.
Klar dürfte sein, dass es noch Monate und vermutlich sogar deutlich länger dauern wird, bis wieder ein Stück Normalität in die Fußballstadien zurückkehrt. Es bleibt die Hoffnung, dass es noch im kommenden Jahr irgendwann so weit sein wird, nur der Glaube daran fehlt mir. Aber nach schlechtesten Zeiten folgten auch immer wieder gute, das wird auch künftig so sein und daher gilt es wohl, Geduld und die Fassung zu bewahren.

Dortmund – Mi., 16.12.2020, 14:00

BV Borussia Dortmund 09 U23 vs SC Rot-Weiß Oberhausen 2:2

Man muss ja auch mal schauen, was die Konkurrenz so macht…! Da derzeit eh keine Zuschauer zugelassen sind, und der Spielbetrieb im Stadion Rote Erde relativ hohe Kosten bedeutet, trägt die U23 des BVB ihre Heimspiele derzeit auf dem vereinseigenen Gelände im Dortmunder Osten aus. Der BVB-Fußballpark in Hohenbuschei wurde in den letzten Jahren sukzessive ausgebaut. Da hat der Verein schon ein extrem hochwertiges Trainingszentrum, welches nach und nach durch Administrationsgebäude und weiter Spielfelder ergänzt wurde, errichtet. Vor drei Jahren erhielt ein Spielfeld, auf dem auch die U19 und die U17 des Clubs ihre Spiele austragen, eine Tribüne, die schon was hermacht und den Platz deutlich aufwertet. Da ich dort noch nie war und die Personalabteilung mir signalisiert hatte, dass ich mal die Überstunden nach und nach loswerden soll, bot sich der Besuch an diesem Mittwoch-Nachmittag an. Der ungewöhnliche Anstoßtermin fand seinen Grund darin, der Austragung der Partie größtmögliche Sicherheit zu geben, war es doch schon das Nachholspiel vom Nachholspiel. Der erste Ausfall war einem positiven Testergebnis innerhalb des BVB-Teams geschuldet, der zweite dichtem Nebel am Mittwoch-Abend der letzten Woche. Um diese Gefahr auszuschließen, sollte das Spiel nun bei den im Vergleich zum Abend höheren Temperaturen am frühen Nachmittag ausgetragen werden. In der vergangenen Woche hatte RWO einen fulminanten Start mit einem verwandelten und einem verschossenen Elfmeter hingelegt, ehe bereits nach zwölf Minuten bei Führung der Gäste abgebrochen wurde. Auch heute kamen die Jungs von der Emscher gut in die Partie und dominierten die Anfangsviertelstunde, ehe der BVB-Nachwuchs in Fahrt kam. Dennoch ging Oberhausen kurz vor der Pause nicht unverdient in Führung. Der vor der Saison vom SV Rödinghausen in die Bierstadt gewechselte Trainer Enrico Maaßen schien während der Halbzeit an den richtigen Stellschrauben gefummelt zu haben. Die Schwarz-Gelben kamen völlig verwandelt aus der Kabine und gaben Vollgas. RWO kam gar nicht mehr ins Rollen und die Gastgeber nutzten das, um die Partie zu drehen. Überraschender Weise kamen nach dem Führungstreffer aber die Gäste wieder in Schwung. RWO schnürte den BVB in der Schlussphase ein und nach mehreren verpassten Gelegenheiten krönte Verteidiger Stappmann seine konzentrierte Defensivleistung mit dem Ausgleichstreffer. Gut für den glorreichen RWE, dessen Ausgangslage für die restliche Spielzeit ohne eigenes Zutun damit weiter verbessert wurde.

Lotte – Sa., 12.12.2020, 14:00

VfL Sportfreunde Lotte vs Rot-Weiss Essen 0:2

Stadion am Lotter Kreuz, 70 Zuschauer, Regionalliga West
Heuer ergab sich die nach Wochen mal wieder die Chance, die aktiven Angestellten des Herzens-Clubs bei der Ausübung ihrer Tätigkeit zu beobachten. Im Stadion am Lotter Kreuz war ich mit den Roten ja nun schon einige Male zu Gast. Bisher kannte ich die Bude allerdings nur mit der riesigen Werbetafel hinter dem östlichen Tor, welche für die Drittliga-Jahre glücklicherweise einer vierten Tribüne weichen musste, die das Stadion nun komplettiert. Das was ich im bisherigen Saisonverlauf bei wenigen anderen Live-Erlebnissen und ab und an über den Stream zu sehen kam, setzte sich auch am Autobahnkreuz fort – die Roten machen das richtig gut. Dabei war es heute wirklich nicht überragend, was da auf dem Grün hingeschmirgelt wurde. Aber eben sachlich, souverän, unaufgeregt, konzentriert, mit einigen optisch feinen Aktionen und vor allem mal wieder widerlich abgezockt und kaltschnäuzig vor dem Tor. Wirklich hochkarätige Möglichkeiten wurden nur wenige kreiert, aber von diesen dann eben zwei genutzt, was den deutlichsten Unterschied zu den gastgebenden Sportfreunden ausmachte. Denn diese machten ihre Sache auch gar nicht so übel und präsentierten sich über weite Strecken als ebenbürtiger Gegner, was ich aber auch erwartet hatte. Ob deren Leistung bleibt es weiter ein Rätsel, warum die Sportfreunde bisher lediglich 13 Punkte gesammelt haben. Der RWE zieht – ungeachtet der Tatsache, dass der aktuell einzige ernsthafte Konkurrent noch einige Nachholspiele zu absolvieren hat – einsame Kreise an der Tabellenspitze. Gepeinigt von den Holzfuß-Truppen der vergangenen Jahre habe ich mich ja zum absoluten Pessimisten entwickelt. Die aktuelle Mannschaft macht aber wirklich Spaß und Mut und langsam reift auch in mir der Hoffnungsfunke, dass es in dieser Saison vielleicht etwas werden könnte mit dem ersehnten Aufstieg in Liga Drei. Angesichts der vielen blutleeren Auftritte, die man in den vergangenen Spielzeiten ertragen musste, entbehrt es nun nicht einer gewissen Tragik, dass man diese Entwicklung meist nur aus der Ferne betrachten kann oder eben in einem beinahe menschenleeren Stadion. Die Hafenstraße wäre sicherlich bei jedem Heimspiel verdammt gut gefüllt und auch auswärts würde ein dick und fett vierstelliger Mob dem Deutschen Meister von 1955 folgen. Auch als absoluter Realist kann ich mich daher ab und an nicht von der Trauer darüber befreien, diese Aufbruchsstimmung nicht mit meinem Gefährten feiern zu können, Siege nicht vor fünfstelliger Kulisse in Essen-Vogelheim auskosten zu dürfen, diese wohltuende Phase nicht live aufsaugen zu dürfen. Aber (Achtung, hier spricht der Realist), es ist, wie es ist! Es wurden auch schon Stimmen laut, die meinen, dass es ein Plus sein könnte, dass die Rot-Weissen vor leeren Rängen ihrem Ziel entgegen streben. Denn so beflügelnd wie eine volle, brachial laute Hafenstraße sein kann, so erdrückend kann diese auch sicher wirken, wenn es mal wieder nicht läuft und schnell Kritik laut wird. Dieser Aspekt wurde ja in der Vergangenheit gern mal als Entschuldigung der Aktiven bemüht. Ich bin allerdings unmissverständlich der Meinung, dass es für jeden Spieler ein Privileg bedeuten muss, für Rot-Weiss Essen vor großer Kulisse aufzulaufen. Bleibt zu hoffen, dass der rot-weisse Anhang vielleicht für die letzten Saisonspiele noch die Gelegenheit bekommt den ermutigenden Auftritten des Teams beizuwohnen.

Exkurs: John Thomson

John Thomson, Celtic FC

Als ich im Herbst des vergangenen Jahres nach Aberdeen reiste, um dort den von mir verehrten Celtic Football Club aus Glasgow spielen zu sehen, schaute ich mir am Vortag noch das Spiel der Raith Rovers in Kirkcaldy an. Auf dem Weg dorthin hielt ich in Cardenden an und besuchte auf dem örtlichen Friedhof die Grabstätte von John Thomson. In der Zeit von 1927 bis 1931 spielte Thomson 164 Mal als Torhüter für den Celtic Football Club und vier Mal für Schottland. Zwei Mal gewann er mit Celtic den FA-Cup, ein Meistertitel war ihm nicht vergönnt. Es wären sicherlich noch etliche Spiele und wohl auch Titel mehr geworden, wenn am 5. September 1931 nicht das Schicksal auf seine übelste Weise zugeschlagen hätte, und das auch noch ausgerechnet im Old Firm beim großen Rivalen Rangers. 80.000 Zuschauer mussten in Ibrox mit ansehen, wie Thomson sich kurz nach dem Seitenwechsel mutig dem angreifenden Sam English entgegenwarf. Der Keeper prallte hart gegen das Knie von English und blieb regungslos liegen. Thomson wurde umgehend von Sanitätern auf dem Feld behandelt und ins Hospital gebracht. Da es in Folge des beim Zusammenprall erlittenen Schädelbruchs zu einer schwerwiegenden Hirnschwellung kam, war eine Notoperation erforderlich, welche leider nicht erfolgreich war. Am Abend verstarb John Thomson im Alter von 22 Jahren.
Thomson wurde wenige Tage nach seinem Tod auf dem Bowhill Cemetery in Cardenden, dem Ort in dem er unweit seines Geburtsortes Kirkcaldy aufwuchs, beerdigt. Circa 30.000 Leute nahmen an der Beisetzung teil, von denen viele die 90 Kilometer von Glasgow bis Cardenden zu Fuß bewältigten. Weitere annähernd 20.000 Menschen kamen an der Queen Street Station in Glasgow zusammen, um die Züge mit den Trauergästen zu verabschieden. John Thomson war zwar für einen Torhüter relativ klein und schmächtig, wurde aber für seine enorme Sprungkraft, die ihm zu seinem Erfolg verhalf, bewundert. Bis heute halten viele Celtic Supporter John Thomson für den besten Torhüter, der je für Celtic gespielt hat. Seit 2008 wird Thomson in der Hall of Fame des Schottischen Fußballs geführt und auch heute besuchen noch viele Anhänger seine letzte Ruhestätte und hinterlassen unterschiedlichste Celtic-Devotionalien. Sein Grabstein trägt die Inschrift „They never die who live in the hearts they leave behind“. In seinem Heimatort wird jährlich mit einem Jugendfußball-Turnier an ihn erinnert.
Sam English traf am Tod Thomsons keine Schuld – es war ein Unfall. Das schützte ihn aber nicht davor, in den folgenden Spielen von Zuschauern angefeindet zu werden. Nach einem Jahr wechselte er zermürbt nach Liverpool. Als er 1938 seine Karriere bei Hartlepool United beendete, soll er seine restliche Karriere nach dem Unglück mit Thomson als „seven years of joyless sports“ bezeichnet haben.

Exkurs: Die Vestische Kampfbahn

Vestische Kampfbahn in Gladbeck

Als ich während der ersten Lockdown-Phase viel mit dem Rad unterwegs war, führte mich der Weg auch mal ins nahe Gladbeck. Ziel war dort die ‚Vestische Kampfbahn‘, welche heute nur noch den lieblosen und charakterfreien Namen ‚Stadion Gladbeck‘ trägt. Mein erster Besuch hier hat in den frühen 90er Jahren stattgefunden. Der glorreiche RWE trug ein Freundschaftsspiel aus, welches dick und fett zweistellig gewonnen wurde. Den Gegner kann ich allerdings nicht mehr sicher benennen. Blass kann ich den Nebelschwaden den Namen VfB Kirchhellen erkennen, aber wirklich sicher bin ich mir nicht. Ein weiteres Mal weilte ich vor einigen Jahren zum Pokalfinale des Kreises Gelsenkirchen in diesem wundervollen Rund. Fußballspiele finden eher selten in der Kampfbahn statt. Diese wird überwiegend für leichtathletische Disziplinen genutzt. Was schade ist. Denn das unter Denkmalschutz stehende Stadion ist genauso beeindruckend wie gepflegt. Mit seinem wuchtigen Hauptportal, den weiteren beiden Zugangstunneln und den weitläufigen, unbefestigten Rängen fühlt man sich in andere Zeit versetzt. Genau 37.612 Zuschauer finden Platz, 1.400 davon auf der Sitztribüne, die erst vor gut zehn Jahren mit einer zeltartigen Konstruktion überdacht wurde. Bis in die 80er Jahre waren Sitzplätze überhaupt nicht vorhanden und die weiten Ränge boten ausschließlich Stehplätze. Eröffnet wurde die Kampfbahn 1928. Einen dauerhaft nutzenden Verein gab es nie. In den Jahrzehnten vor und nach dem Krieg wurden einzelne Endrunden-Spiele um die westdeutsche Meisterschaft und die deutsche Meisterschaft ausgetragen. Die STV Horst-Emscher ging zu Zeiten der Oberliga West der Fußlümmelei in der Kampfbahn nach. Nach der Jahrtausendwende spielte Germania Gladbeck zu Oberliga-Zeiten im Stadion und auch der SV Zweckel war kurzzeitiger Nutzer. Wenn sich die Gelegenheit bietet, werde ich sicher mal wieder in diesem Stadion zu Gast sein.

Bergisch Gladbach – Sa., 07.11.2020, 14:00

SV Bergisch Gladbach 09 vs Rot-Weiss Essen 0:2

Stadion an der Paffrather Straße, 30 Zuschauer, Regionalliga West
Der unterklassige Fußball ruht in ganz Deutschland. Ganz Deutschland? Nein! Eine unbeugsame Regionalliga im Westen Deutschlands hört nicht auf, Fußball zu spielen. Als Schwellen-Liga zwischen Profi- und Amateurfußball wurde die Regionalliga West als professionell strukturierte Liga eingestuft, in der Menschen beschäftigt werden, die den überwiegenden Teil Ihres Lebensunterhaltes durch den Fußball beziehen. Damit fällt diese Liga nicht unter die Corona-Schutzmaßnahmen, welche den Amateursport zunächst bis Ende November verbieten. Wo also gespielt wird, besteht auch immer irgendwie die Chance als Zuschauer dabei zu sein, auch wenn diese sicherlich klein ist. Dank freundlicher Unterstützung des Heimvereins war es mir möglich, das Spiel der Roten in Bergisch Gladbach im Stadion zu verfolgen. Natürlich hält sich der Spaßfaktor in Grenzen, aber unter dem Strich bleibt das aktuell äußerst selektive Erlebnis, die Mannschaft des Herzens-Clubs spielen zu sehen. Das tat diese dann überzeugend, wenn auch ohne große Glanzpunkte zu setzen. Die Gastgeber hauten wohl so ziemlich alles raus was geht und machten wirklich ein ordentliches Spiel, aber das reichte nicht gegen eine kombinationsstarke und hochkonzentrierte Rot-Weiss-Elf. Der es allerdings im ersten Durchgang nicht gelang die Überlegenheit in brauchbare Torchancen zu verwandeln. Viel effektiver wurde es auch nach der Pause nicht. So musste ein Elfmeter zur Führung herhalten. Letztlich machten die Roten aus ihrer Überlegenheit zu wenig und so wären die Gastgeber kurz vor dem Ende beinahe zum schmeichelhaften Ausgleich gekommen. Schnappmann Davari, der in diesem für einen Keeper sehr undankbaren Spiel nur dieses einzige Mal ernsthaft geprüft wurde, verhinderte den Treffer mit einer starken Parade. Durch den zweiten Nachschuss nach einem weiteren Strafstoß in der Schlussminute machte der RWE dann spät den Deckel drauf. Aber das sind diese Spiele, bei denen alle nur über die Höhe des Sieges diskutieren, die aber eben auch erst mal gewonnen werden wollen. Abhaken, weiter marschieren!

Halberstadt – So., 01.11.2020, 13:30

VfB Germania Halberstadt vs SV Babelsberg 03 2:2

Friedensstadion, 337 Zuschauer, Regionalliga Nordost
Letzter Akt vor dem neuerlichen Lockdown und ein halbwegs vernünftiges Spiel sollte es noch sein. Bei der finalen Abwägung zwischen Meuselwitz und Halberstadt fiel die Entscheidung für das Vorharzland aufgrund des etwas kürzeren Heimweges, wohlwissend dass die Partie ohne aktive Gäste-Szene stattfinden sollte, da diese sich mehr oder weniger freiwillig in der Corona-Auszeit befindet. Das war allerdings beim Spiel in Sachsen nicht anders, auch wenn es dort die Hygienevorschriften waren, welche die Anwesenheit von Gäste-Fans verboten. Die Fahrt aus Thüringen nach Sachsen-Anhalt führte mich durch den Naturpark Südharz. Schöne Ecke, war mir bis dato gar nicht bekannt. Der VfB Germania war ziemlich bescheiden in die Saison gestartet, hatte sich aber zuletzt gefangen und die Abstiegsplätze verlassen. Etwas besser hatte es der Club aus der Filmstadt gemacht, mehr als ein solider Mittelfeldplatz im Tableau sprang aber auch nicht dabei raus. Ungefähr so war dann auch das Spiel anzuschauen. Ein solider Regionalliga- Kick ohne großen Glanz, möchte ich attestieren. Vier gerecht verteilte Tore gab es zu sehen, passt schon so. Ein etwas bessere Kulisse hatte ich mir allerdings doch erhofft. Die Ultras Halberstadt unterstützen ihr Team auch eher sporadisch, sendeten im zweiten Durchgang aber sogar eine schwarze Rauchsäule in den trüben Himmel. Das rief den Stadionsprecher auf den Plan, der den Jungs durch die Blume direkt mal ne Abreibung androhte – so eine Ansage habe ich auch nicht gehört. So ging es ohne großen Aufreger in die neuerliche Corona-Pause. Fühlte sich so ein bisschen an wie die letzte Hülse im Bierkasten, die letzte Praline in der Schachtel, die letzte Tankstelle vor der Autobahn. Der Vorhang ist also erst einmal wieder gefallen, nun heißt es wieder wochenlang auf bessere Zeiten zu hoffen. Zugegeben – der Glaube an eine positive Wende noch in diesem Jahr fehlt mir. Ich fürchte, da ist eher wieder ein langer Atem nötig.

Suhl – Sa., 31.10.2020, 14:00

1.Suhler SV 06 vs FSV 06 Eintracht Hildburghausen 2:1

Auestadion, 156 Zuschauer, Landesklasse Thüringen Staffel 3
Selbst die Hools aus Liverpool haben Angst vor Motor Suhl! Dass ich diese Nahtod-Erfahrung überhaupt machen durfte, hatte einzig und allein der alles beherrschende Virus zu verantworten. Zunächst zeichnete sich ab, dass immer mehr Kreise und Verbände den Spielbetrieb bereits aussetzen würden, obwohl die neuerlichen Beschränkungen erst ab Montag gelten sollten. Daher schien der Blick in die östlichen Regionen ratsam, da die Lage dort noch weniger instabil war und die Verbände gewillt schienen, das letzten Wochenende vor der staatlich angeordneten Amateursport-Pause für den Spielbetrieb zu nutzen. Ursprünglich sollte es dann heute zu Viktoria Berlin gehen, das Regionalliga-Spiel wurde aber wegen einer CoVid-Diagnose eines Spielers abgesagt. Kein Problem, denn mit dem Spiel des 1.FC Frankfurt/Oder war eine gute Alternative gegeben. Aber auch bei dessen Gegner wütete kurzfristig das Virus, was zur Spielabsage führte. Dann halt Blau-Weiß 90, immerhin ein ehemaliger Bundesligist, im schönen Volksparkstadion Mariendorf, dort war aber der Rasen unbespielbar und der Kunstrasenplatz der eigentlich genutzten Anlage des Vereins, auf den verlegt wurde, wenig attraktiv. Dazu sollte die Partie wegen des gefährlichen Gegners Hansa Rostock unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Wohlgemerkt der zweiten Mannschaft des FC Hansa!! Paranoia alléz! Also musste wohl oder übel, die Richtung geändert, und andere Bundesländer in die Verlosung genommen werden. Anker Wismar schien attraktiv, aber in der Gegend bot sich bei eventueller plötzlicher Absage keine vernünftige Alternative. Sachsen schien die Lösung zu sein, aber die Kickers Markkleeberg mussten ohne Zuschauer auskommen, das örtliche Gesundheitsamt wollte es so. Bei Frischauf Wurzen wäre das bestimmt anders, dachte ich, aber das war auch nur meine Meinung, denn auch hier waren keine Besucher erlaubt. Das alles konnte online eruiert werden – immerhin.
Tief in Thüringen, einem der wenigen nicht ganz so stark von Infektionen betroffenen Landstriche, wurde ich dann fündig. Beim 1.Suhler SV 06 wurde ohne große Aufregung die angesetzte Landesklasse-Partie geplant. Nebenbei hätte es bei nicht zu später Absage brauchbare Alternativen gegeben. Der Suhler SV ist der Nachfolgeverein des DDR-Clubs BSG Motor Suhl, der es Mitte der 80er Jahre gar für eine Saison in die DDR-Oberliga schaffte. Ein One-Hit-Wonder im Tasmania Berlin-Style. Mit nur fünf Punkten und einem Sieg aus 26 Spielen stiegen die Thüringer sang- und klanglos wieder ab. Die BSG gehörte übrigens dem Motorenwerk Simson, in dem das DDR-Kult-Moped ‚Schwalbe‘ hergestellt wurde. Nach der Wende nahm die Betriebssportgemeinschaft den Nahmen 1.Suhler SV 06 an, den der Verein schon vor dem zweiten Weltkrieg trug. Dessen Auestadion ist in der DDR-Zeit hängen geblieben. Unverkennbare Merkmale des nostalgischen Rundes sind die noch funktionstüchtige alte Anzeigetafel, die antiquierte Lautsprecheranlage und der charakteristische Sprecherturm. Auch die verwitterten Stufen erzählen DDR-Fußballgeschichte. Auf ihre eigene Art zeigt sich eine wundervolle Spielstätte. Bis vor wenigen Jahren türmte sich hinter einer der Geraden ein utopisch monströser Plattenbau-Riese auf, der dem Stadion eine ganz spezielle Kulisse gab, der aber rückstandslos (und auch rücksichtslos) abgerissen wurde. Dass der Bau weggerissen wurde, hat sicherlich auch mit dem Einwohnerschwund der Stadt zu tun. Im Vergleich zur Vorwendezeit hat Suhl gerade mal noch knapp 60% seiner Einwohner. Die Gegend – so schön sie landschaftlich auch ist – gehört zu den strukturschwachen der Republik.