Gagnoa – Sa., 01.04.2023, 15:30

Agir FC Guibéroua vs Zoman FC 1:0

STade Biaka Boda, 160 Zuschauer, Ligue 2
Trotz der frühen Uhrzeit sah es in Adjamé am heutigen Morgen nicht besser aus als am Vortag. Unser Yango-Fahrer brachte uns direkt vor den Hof, so konnten wir uns jedem Gemokel entziehen. Ein gescheites Mädel von UTB adoptierte uns ahnungslose Bleichgesichter bis zur Abfahrt, begleitete und bis in den Bus und verschaffte uns dort gute Plätze in der ersten Reihe. Nicht ganz unwichtig, da man in den engen Gefährten mit fünf Sitzen je Reihe nur dort etwas Beinfreiheit genießt. Gagnoa war das Ziel und aus angekündigten „minimum drei bis vier Stunden“ Fahrzeit für 270 Kilometer wurden deren sechs. Nun ja, gelogen war es ja nicht. Der Blick aus dem Busfenster gab einen guten Einblick in die Landschaft und wie die Menschen in den weniger dicht besiedelten Gegenden leben. Die Hotel-Frage war noch ungeklärt, lediglich eine kleine Vorab-Recherche war betrieben worden. Wir versuchten es erfolgreich mit dem Aho-Hotel und buchten zwei Einzelzimmer. Die preiswerten Räume waren besetzt, dennoch schlugen wir beim teuren Kurs von je 25.000 CFA zu, denn wenn man in Afrika halbwegs vernünftig wohnen will, wird es selten günstig. Gagnoa ist eine Stadt von circa 180.000 Einwohnern und hat offensichtlich außer schrottreifen Minibussen nicht allzu viel zu bieten.
Wir hatten eh Termine und fuhren per Taxi zum anderen Ende der Stadt, wo sich das ‚Stade Biaka Boda‘ befindet, denn dort fand der für heute ausgewählte Zweitliga-Tanz statt. Weiße Nasen verirren sich bestimmt selten hier in die Provinz und so wurden wir teils offen, teils verstohlen angestaunt, blieben aber auch hier unbelästigt. Das Stadion, auch Spielstätte des hiesigen Erstligisten, verfügt über zwei Tribünen, von denen eine ziemlich verranzt daherkommt und kaum zugänglich ist, es sei denn man trägt eine lange Hose. Da wir kurzbehosten Weißmenschen uns im hohen Gras nicht dem ganzen blutsaugenden Viechzeugs zum Festmahl hingeben wollten, konnten wir uns nur bedingt annähern. Man darf letztlich auch nicht das am gesamten Golf von Guinea recht hohe Malaria-Risiko außer Acht lassen, zumal es sich um die gefährliche Variante der ‚Malaria Tropica‘ handelt. Die Gäste waren das überlegene Team auf überschaubarem Niveau, aber die Lokalmatadore siegten durch einen ganz späten Treffer, der entsprechend gefeiert wurde. Die verbleibenden Tagesaufgaben waren nun Essen, Bier trinken und einigermaßen früh zu Bett gehen, was in genau der Reihenfolge erfolgreich abgearbeitet wurde.

Abidjan – Fr. 31.03.2023, 15:30

Lanfiara Sport d’Attécoubé vs ASC Ouragahio 1:2

Stade Robert Champroux, 200 Zuschauer, Ligue 2
Um kurz nach sieben verließ ich dann meinen Leibarzt, der mit einem späteren Flug in Richtung Portugal weiterreiste, und nahm ein Moto zum nahen Flughafen. Am für die Fußgänger bestimmten Zugang quasselte der zuständige Beamte dann irgendwas auf mich ein. Es stellte sich heraus, dass die Schleuse zum Durchleuchten defekt war. Zwei Einheimische strandeten ebenfalls und wir wurden zur etwa zwei Kilometer entfernten Fahrzeug-Zufahrt geschickt. Die beiden hielten ein Auto an, in das ich mich einfach mit hineinsetzte. Niemand protestierte und einer der beiden bezahlte den Fahrer am Ziel. Besten Dank dafür. Air Cote d’Ivoire brachte mich mit einer etwas verwohnten De Havilland-Propellermaschine in 70 Minuten sicher nach Abidjan, der mit über 5 Mio Einwohnern größten Stadt der Elfenbeinküste. Die ersten Taxi-Mafiosi wurden umschifft – einer rief 20.000 CFA auf, über 30 Euro, dafür musste ich ihn erstmal auslachen – und eine SIM-Karte wurde erworben, die gefühlt auch viel zu teuer war. Ein findiger Ivorer beschaffte mir dann über die Uber-gleiche App ‚Yango‘ ein Fahrzeug für faire 3.400 CFA zum Hotel. Der erste Eindruck zeigte, dass Abidjan deutlich aufgeräumter ist als Lomé und erst recht als Cotonou, allerdings war der Verkehr viel dichter und die Hauptstraßen oft zugestaut. Das Moto-Fahren hatte hier nun ein Ende. Das Yango-Taxi und ein mit modernen Bussen ausgestatteter ÖPNV waren nun die Mittel der Fortbewegung. Nach dem Check-in im recht ordentlichen aber auch recht teuren Hotel ‚Lavida‘ im Stadtteil Marcory führte der erste Weg zum Fußballverband. Die ersten Kilometer bewältigte ich zu Fuß, um erste Eindrücke aufzusaugen, für den restlichen Weg rief ich ein Yango.
Beim Verband wurde ich freundlich begrüßt, man musste mir aber mitteilen, dass die erste Liga am bevorstehenden Wochenende komplett pausiert, da ASEC, der Vorzeige-Club des Landes, ein Spiel im Confederations-Cup, mit der Europa League zu vergleichen, austrug. Die ganze Liga pausierte, weil ein einziger Club international antrat – this ist Africa. Das er erst tief in den Rechner schauen musste, um das herauszufinden, war die Kirsche auf der Bananentorte. Der Spielplan der zweiten Liga wurde mir aber in die Hand gedrückt und da sowieso in denselben Stadien gespielt wird, wie auf höchstem Niveau und sich die Zuschauerpräsenz beim Liga-Fußball generell in Grenzen hält, war das dann auch egal. Ein wenig schlenderte ich durch das benachbarte Marktviertel. Finde ich ja immer wieder spannend, aus der Markthalle selbst trieben mich aber die für europäische Nasen wenig erträglichen Gerüche schnell wieder hinaus. Dann holte ich mir neben dem Hotel beim Vietnamesen was zu essen, verzog mich aufs Zimmer und wartete auf meine neue Reisebegleitung, die dann gegen 21:00 Uhr eintraf – günstig, dass ich mich beim Vornamen nicht umgewöhnen musste. Die Kondition reichte nur noch für den Besuch in einer Bar neben dem nahen ‚Stade Robert Champroux‘, wo wir uns länger aufhielten als geplant, was an einem heftigen Unwetter lag, welches die Straße komplett unter Wasser setzte. Daher mussten wir uns erstmal gedulden, bis wir den Laden trockenen Fußes verlassen konnten.
Die Wartezeit vom Vorabend schlug sich natürlich im Bierkonsum nieder, da war es praktisch, dass der Donnerstag keine Aufgaben mit sich brachte. Dauerte dann auch etwas, bis wir uns mal aus dem Zimmer lösten. Zunächst klapperten wir zwei nahe kleine Stadien in der Hoffnung auf unterklassigen Fußball ab. Der eine Ground, ein Sandplatz mit Tribüne wurde aber offensichtlich für regulären Spielbetrieb hat nicht mehr genutzt, dafür hätten auch erstmal die alten Autoreifen und dicken Steine vom Feld geräumt werden müssen. Und beim anderen Stadion fehlte das Spielfeld, dort wurde gerade saniert. Großartige Pläne für die Gestaltung des Tages hatten wir nicht geschmiedet, daher entschieden wir spontan mal nach Petit Bassam an die Küste zu fahren. Yango regelte den Transport. Die Gegend, in der wir ausstiegen sah wenig vertrauenerweckend aus, aber wir stellten uns mal der Herausforderung und fanden tatsächlich eine einfache Bar am Strand. Der Service war gut, an den durstigen Weißbroten konnte man ja auch ordentlich verdienen. Der Strand war allerdings völlig vermüllt, so krass hatte ich das noch nie gesehen, ziemlich ernüchternd. Es war offensichtlich, dass der ganze Plastikscheiß nicht achtlos dorthin geworfen, sondern angespült worden war, da kann einem wirklich Angst und Bange um unsere Meere werden. In Afrika wird aber auch einfach zu wenig Aufklärung betrieben, wie Entsorgung und Recycling zu funktionieren haben, man sieht und merkt, dass die meisten Einwohner eine zu sorglose Einstellung pflegen. Mit Einbruch der Dunkelheit fuhren wir zurück in unsere Hood, verköstigen uns mit Shawarma und Fleischspießen, bevor wir in der Bar vom Vorabend einkehrten.
Am Freitag-Vormittag brachen wir auf in Richtung des Stadtteils Plateau, ein Geschäftsviertel mit vielen Hotels bekannter Ketten. Dazu nahmen wir die Personenfähre vom gegenüberliegenden Stadtteil Treichville, dem heimlichen Herz der Stadt. Der Anleger mit Abfahrten in verschiedene Richtungen, war nicht so einfach zu durchschauen. Als wir den Matrosen eines anlegenden Bootes fragten, ob dieses nach Plateau fährt, verneinte er. Als uns wenig später ein Ober-Mokel fragte, warum wir im Boarding-Bereich rumlungern, war es plötzlich doch das richtige Schiff. Einfach nur überragend, dass der Bootsjunge nicht mal wusste, wohin sein Kahn fährt. Afrika, ich liebe Dich! Die Kommunikation hatte sich durch die Abreise meines halb-französischen Hausarztes natürlich erschwert, auch wenn ich mir einige hilfreiche Wörter und die Zahlen hatte eingeprägt hatte. Lücken wurden mit Händen und Füßen oder dem Google-Übersetzer gestopft. In Plateau angekommen latschten wir am ‚Stade Félix Houphouet-Boigny‘, der eigentlichen Heim-Spielstätte von ASEC vorbei, welche aktuell für den Afrika-Cup im kommenden Jahr modernisiert wird, zur ‚Cathédrale Saint-Paul‘, die wuchtig daherkommt, aber keine Schönheit ist. Papst Johannes Päule II. hatte seinerzeit persönlich den Grundstein gelegt. Weiter ging es nun mal mit dem Linienbus in den Stadtteil Adjamé, wo die meisten Busgesellschaften ihre größten Abfahrts-Höfe haben. Wir waren von der Rezeptionistin des Hotels leidlich gewarnt worden, aber so dermaßen tief in Afrika war ich bisher noch nie abgetaucht.
Erstaunlicherweise wurden wie, wie auch vorher in Benin und Togo, kaum behelligt. Der weiße Mann fällt auf, der weiße Mann wird bemerkt und angeschaut, aber nur in seltenen Fällen angesprochen oder gar belästigt. In den Abendstunden dürfte es in diesem Stadtteil allerdings anders zugehen. Adjamé scheint ein einziges riesiges Marktviertel zu sein. Viele Straßen sind unbefestigt. Überall stehen dicht an dicht Shops und Stände, Träger versuchen sich den Weg zu Bahnen und dazwischen stehen und fahren liefernde Lkw, zum Teil große Sattelschlepper. Die Szenerie kann man kaum in Worte fassen. Warum in aller Welt sich ausgerechnet dort ebenfalls auf einer unbefestigten Straße, wo alles durcheinander rennt und fährt, wo es viel zu eng für große Reisebusse ist, die Busunternehmen niedergelassen haben, kann man wohl nur mit Afrika erklären. Die Fahrer haben es aber drauf, rangieren sicher und geduldig. Wir kauften beim erwählten Anbieter UTB schon mal unsere Tickets für den kommenden Morgen bei einer pfiffigen jungen Dame, die etwas Englisch sprach und uns der Einfachheit halber in ihr Büro bat, statt uns am wuseligen, engen Schalter abzufertigen und sahen dann zu, dass wir da weg kamen.
Der Linienbus brachte uns einen großen Teil des Weges zurück, dann müsste Yango helfen, sonst wäre der wichtigste Termin des Tages nicht mehr möglich gewesen. Im ‚Stade Robert Champroux‘ trafen sich zwei Zweitligisten zum Meisterschafts-Duell. Spielerisch war es gar nicht schlecht anzusehen, der Keeper von Lianfiara erwies seinem Team aber einen Bärendienst, in dem er nach abgefangenen Bällen immer wieder den Kontakt zum Gegner suchte. Der letzte Kontakt noch vor der Halbzeit war dann einer zu viel, denn da rammte er einem Gegenspieler den Ellenbogen ins Gesicht. Folgerichtig gab es den roten Karton zu sehen und Elfmeter. Zu diesem Zeitpunkt stand es bereits 1:0 für die nun in Überzahl agierenden Jungs von Ouragahio. Auch der erste Treffer war per Strafstoß gefallen und die erste Aktion des nun gerade eingewechselten Ersatz-Schnappers war es, die Kirsche aus dem Netz zu pflücken und so ging es beim Stand von 2:0 in die Pause. Wie so oft konnte die zahlenmäßig überlegene Elf diesen Vorteil nicht entscheidend nutzen. Stattdessen erzielten die Gäste eine Viertelstunde vor dem Ende noch den Anschluss, für den Ausgleich reichte es aber nicht mehr. Beim Publikum lagen teilweise die Nerven blank – schon geil, wie die manchmal ausrasten, wenn wieder was nicht geklappt oder der Schiri ne vermeintliche Fehlentscheidung getroffen hat. Das Stadion ist nichts Besonderes und bietet annähernd identische überdachte Tribünen auf den Geraden. In den Kurven fehlt jeder Ausbau. Ein Großteil der Spiele der ersten und zweiten Liga wird dort aktuell ausgetragen. Auch ASEC absolviert seine Liga-Spiele dort aufgrund des besagten Umbaus des eigentlichen Heim-Grounds. Heute Abend gab es mal Hähnchen mit Pommes und bevor wir wieder in die vertraute Bar abglitten, gönnte ich mir eine Rasur beim libanesischen Barber, der diesen Auftrag aber nicht zu meiner vollen Zufriedenheit ausführte. Da habe ich in arabischen Ländern schon bessere Dienstleistungen erfahren.

Lomé – Di., 28.03.2023, 19:00

Togo vs Burkina Faso 1:1

Stade de Kégué, 17.000 Zuschauer, Qualifikation CAN Gruppenphase
Frühes Aufstehen um 6:00 Uhr war heute angesagt. Der HiWi des Vermieters begleitete uns zum Abfahrtsort der Sammeltaxen in Richtung Togo und half uns bei den Verhandlungen, faire Geste. Eine passende Direktverbindung war kurzfristig zum fairen Preis nicht zu finden, daher entschieden wir uns erstmal bis zur Grenze zu fahren. Nach wenigen Kilometern fing die Karre an zu stottern und wir rollten rechts ran. Der Fahrer verschwand wortlos und kam erst nach geraumer Zeit wieder, im Schlepptau einen Jungen mit einer Literflasche Benzin, dass man alle paar hundert Meter am Straßenrand erwerben kann. Weiter ging es, aber dass dieses mit einem Liter Benzin nicht lange gut gehen würde, war offensichtlich. Nicht für den routinierten Fahrer, der auch keine Anstalten machte, eine Tankstelle anzusteuern. Es kam also was kommen musste und mit der Begründung, dass sein Fahrzeug defekt sei, schmiss er alle raus. Defekt war hier aber wohl nur der Fahrer selbst, hielt aber zumindest ein anderes Fahrzeug an, in das wir umstiegen. Schräge Sache, aber am Ende war es egal, denn Mehrkosten hatten wir keine.
An der Grenze angekommen tauschten wir Geld für das Visum und latschten los. Die Abwicklung war prinzipiell problemlos, kein Vergleich mit anderen, deutlich zwielichtigeren Grenzen auf diesem Planeten. Da aber ein Ausreise- und ein Einreiseformular ausgefüllt werden mussten, das Prozedere der Visaausstellung selbst einige Zeit in Anspruch nahm und man noch drei Male die Gelbfieberimpfung nachweisen musste, dauerte die ganze Geschichte eine gute Stunde. Am Platz für die Abfahrten der Sammeltaxen nach Lomé war dann großes Yalla-Yalla. Als wir dann endlich in einem Wagen saßen, konnte es eigentlich losgehen. Wenn denn der Verfasser nicht so clever gewesen wäre, ein Foto vom Polizei-Checkpoint an der Ausfahrt des Platzes machen zu wollen. Zum meiner Entschuldigung sei gesagt, dass ich die abgerissenen Gestalten nicht als Polizisten erkannt hatte. Jedenfalls sprang der Obermokel auf, wie von der Tarantel gestochen, so schnell hatte der sich vermutlich in seinem ganzen Leben noch nicht bewegt. War jedenfalls keine gute Idee von mir, denn generell muss man in Afrika ja vorsichtig mit dem Fotografieren sein. In stolzer Funktion des Parkplatz-Oberaufsehers verlangte er nach meinem Telefon, dass ich widerwillig aus der Hand gab. Das Foto hatte ich noch schnell gelöscht, er suchte wahrscheinlich nach dem Ordner der gelöschten Bilder, scheiterte aber an der Sprachbarriere. Seiner Aufforderung das Handy auf französische Sprachführung umzustellen, konnte ich nicht nachkommen, weil ich die Einstellung schlicht nicht fand, das musste ich nicht einmal schauspielern. Irgendwann verlor der Generalfeldmarschall dann die Geduld und gegen eine Standpauke und eine reuevolle Entschuldigung, ließ er von mir ab. Noch mal gut gegangen, sowas kann auch in stundenlangem Verhör und fetter Geldstrafe oder auch noch deutlicher enden.
Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt trafen wir in Lomé ein. Die Stadt hat etwas mehr als eine Millionen Einwohner und ist damit wie Cotonou für eine afrikanische Großstadt beinahe überschaubar. Mit dem Moto ging es die letzten Kilometer zum kurzfristig gebuchten Hotel, das sich als… nennen wir es mal ‚zweckmäßig’… herausstellte. Wasser war gerade abgestellt, was aber egal war, da die Toilettenspülung eh nicht funktionierte. Da wir den einzigen anderen verfügbaren Twin Room abgelehnt hatten, durften wir der Einfachheit halber das Bad des benachbarten freien Doppelzimmers nutzen. Nachts lief immer wieder eine laute Pumpe an und mit Sonnenaufgang gegen sechs Uhr gingen auf der benachbarten Baustelle die Arbeiten los. Erholsamer Schlaf wurde so insgesamt etwas zur Glückssache. Die noch offene Tagesaufgabe war der Weg zum Fußballverband, um die Eintrittskarten-Frage zu klären. Das unweit vom Verbandsgebäude liegende Nationalstadion sahen wir uns bei der Gelegenheit auch schon mal an. Den Nachmittag verbrachten wir dann in einer Strandbar, speisten in einem ordentlichen Restaurant und begaben uns noch für zwei Bier in eine Straßenbar.
Den Spieltag ließen wir locker angehen, da der Kick ja erst am Abend stattfand. Gegen Mittag starteten wir einen Rundgang durch das Marktviertel zur Cathédrale du Sacré-Coeur, der Herz-Jesu-Kathedrale, einem Überbleibsel deutscher Kolonialvergangenheit. Von dort spazierten wir in Ruhr weiter zum Place de l’Indépendance mit dem Unabhängigkeitsdenkmal. Und damit waren dann auch beinahe alle Sehenswürdigkeiten abgeklappert. Zum weiteren Rumlatschen war es auch wieder viel zu heiß, daher verbrachten wir die Zeit bis zum Aufbruch im klimatisierten Zimmer. Gegen 17:00 Uhr fuhren wir mit dem Moto zum Stadion und setzten uns noch auf ein Bier in eine Bar, bevor wir eine gute Stunde vorm Spiel das ‚Stade de Kégué‘ betraten. Dem Mehrzweckstadion mit seinen farblich schön abgestuften Sitzen wurde auf den Geraden jeweils ein Oberrang aufgesetzt, was eine gute Optik entstehen lässt. Als 40 Minuten vor dem Anpfiff der Strom ausfiel und das eingeschaltete Flutlicht ausging, kam kurz Sorge auf, denn ohne Licht wäre natürlich nicht angestoßen worden, aber wenig später war der Saft wieder da. Die Anzeigetafel erinnerte dennoch eher an das alte Testbild der ARD nach Sendeschluss. Das Stadion füllte sich erst spärlich, doch wie in Afrika üblich kamen im Laufe der ersten Halbzeit immer mehr Leute, so dass das Rund sich noch über die Hälfte füllte. Ähnliche Vorzeichen wie wenige Tage zuvor in Benin, denn als Tabellenletzter empfing Togo die Mannschaft aus dem benachbarten Burkina Faso zum ‚Derby‘. Einige hundert Burkiner waren mitgereist und feierten im Gästeblock eine gute Party. Manche waren gar mit dem Bus die knapp 1.000 Kilometer angereist, auf afrikanischen Straßen beinahe eine Weltreise.
Auf Heimseite versammelte sich auch ein Trommel- und Piepenmob und gab alles für das Vaterland. Auf dem Rasen nahmen die punktlosen Togoer das Heft in die Hand, um das aufgebrachte Fußballvolk zu befrieden, das aufgrund der schlechten Tabellensituation in den sozialen Medien freien Eintritt für das Spiel gefordert hatte, doch nach einem Stellungsfehler gerieten die Gastgeber früh in Rückstand. Der verdiente Ausgleich ließ aber nicht lange auf auch warten und bis zum Seitenwechsel war das Spiel auch gut anzuschauen. Nach der Pause war der Faden dann aber gerissen und die Partie entwickelte sich zum Gebolze. Die Burkiner wollten nicht mehr, den Togoern fehlten die Mittel. Es blieb beim Remis, was beim Publikum nur begrenzte Begeisterung hervorrief. Den Gästen reichte der Punkt dagegen bereits für die Qualifikation, was die destruktive Spielweise in der zweiten Hälfte erklärte. Bei diesem Spiel sahen wir auch erstmals einige andere Weißbrote, die klar der Bewegung zuzuordnen waren, denn durch auffällige Foto-Prozeduren waren diese leicht zu identifizieren. Da halte ich ja wenig von, ungeniert in verschiedenen Posen reißerisch rumzuknipsen, ich versuche mich da eher unauffällig zu bewegen. Na, wer’s braucht. Nach dem Spiel nahmen wir auf halbem Wege eine Pizza zu uns, die nicht ganz so meinen Geschmack fand und nach schneller Durchreise auch frühzeitig wieder um Entlassung bat. Glücklicherweise ist mein Innenleben ja recht stabil, so dass ich, wie in diesem Falle auch, am Folgetag keine weiteren Probleme hatte. Da ich am nächsten Morgen zeitig los musste, führte der Weg eh direkt ins Hotel und recht zeitig in die Waagerechte.

Cotonou – So., 26.03.2023, 16:00

AS Police Républicaine vs Jeunesse Sportive de Ouidah 0:0

Stade René Pleven d’Akpakpa, 180 Zuschauer, Ligue Pro de Football du Bénin
Am Sonntag-Morgen musste mal etwas Wäsche gewaschen werden. Da die Waschmaschine des Apartments den Dienst verweigerte, gelang dieses letztlich über den Vermieter, der mutmaßlich in Frankreich residiert, respektive seinen Handlanger vor Ort. Nach Frühstück und etwas Gammelei im Apartment machten wir uns erst mittags auf und überquerten die Lagune de Cotonou, das ist die Verbindung zwischen dem Golf von Guinea und dem Lac Nokoué, in den Stadtteil Enagnon. An einem wenig bevölkerten Strandabschnitt mit in Bau befindlicher Promenade ließen wir uns auf zwei Kaltgetränke in einer einfachen Bar nieder. Die Mittagsstunden eigneten sich wenig für irgendwelche Aktionen, da die Sonne dann im Zenit steht und erbarmungslos vom Himmel brutzelte. Von dort war es nur ein kurzer Moto-Ritt zum ‚Stade Rene Pleven‘, wo die Erstliga-Partie zwischen Association Sportive Police und Jeunesse Sportive Ouidah über die Bühne ging. Der benachbarte Stadtteil sah wenig einladend aus, was hervorragend zu dieser unfassbaren afrikanischen Ranzbude passte. Alles gammelte vor sich hin, vom Zaun war nicht mehr viel übrig und auch das afrikanische Recycling-Verhalten passte hervorragend in dieses Szenario. Ein selbsternannter Ordner machte es sich dann noch zur Aufgabe ein paar Jugendliche zu terrorisieren. Hatte aber wohl auch nicht mehr alle beisammen, der Kollege. Das Spiel war wieder eine Katastrophe, so dass das auf dem Sandplatz hinter der Gegentribüne stattfindende Spiel der vierten Liga teils mehr Interesse auf auch zog, als die zermürbenden Schauspieleinlagen auf dem abgefressenen Kunstrasen. Torlos ging es zu Ende und wenn der Referee nicht abgepfiffen hätte, hätten sie wohl noch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag versucht, einen Treffer zu erzielen. In einer Rooftop-Bar speisten wir zu Abend und begaben uns dann für ein Abschiedsgetränk in unser Stammlokal.

Avrankou – Sa., 25.03.2023, 16:00

Sobemap FC vs Aziza FC 1:2

Stade Omnisports d’Avrankou, 160 Zuschauer, Ligue 2 de Football du Bénin Poule C-D
Am Freitag wurde nach dem Frühstück in Form von Spaghetti mit scharfer Tomatensoße noch etwas im Apartment gegammelt, bevor wir mit Moto-Minibus-Kombi nach Abomey-Calavi fuhren. Vom dortigen kleinen Hafen am Lac Nokoue, dem großen See, die sich unmittelbar hinter Cotonou ausbreitet, starten die Touren in die Pfahlbautenstadt Ganvie. Wir entschieden uns für eine Piroge mit kleinem Außenborder für 8100 CAF, der Guide ist im Preis inbegriffen. Gutgläubige Traveller-Affen werden dann im Boot wohl gern mal vom Guide um eine Phantasie-Zusatzgebühr erleichtert, mein mit 175 Ländern gewaschener Reiseleiter machte aber von Anfang an unmissverständlich klar, dass der Hase mit uns anders läuft. Nach etwa 20 Minuten Überfahrt vorbei an traditionellen Fischzuchten erreicht man dann die Stelzen-Stadt, in der etwa 25.000 Menschen leben. Es gibt dort alles, es was es auf dem Festland auch gibt, also Supermärkte, Restaurants, ein Hotel, Frisöre, Müllabfuhr, Moschee, Kirchen, Schulen, sogar einen Fußballplatz. Was fehlt ist eine Kanalisation, wie die körperliche Entsorgung gelöst wird, kann sich jeder selber denken. Nach gut zwei Stunden ist der Spaß dann vorbei, es sein denn der Außenborder zickt rum, dann hat man noch etwas mehr Aufenthalt….
Die Wartezeit bis zur Abfahrt des Mini-Busses, der uns nach Cotonou zurückbringen sollte, vertrieben wir uns mit dem Beobachten des Straßenlebens und des Verkehrs. Ich kann mich an dem afrikanischen Treiben nicht satt sehen, finde das spannend und kurzweilig, damit könnte ich Stunden zubringen. Latenten Rassismus erlebt man in Westafrika auch. Ist man im Osten des Kontinent der ‚Mzungu‘, bekommt man hier schon mal ein „Hey, le blanc“ zugerufen, ist zwar vermutlich selten wirklich böse gemeint, aber wir fingen irgendwann an, mit „Hey, le noir“ zu antworten. Zurück in Cotonou steuerten wir den ‚Plage Fidjrossè‘ an. Attraktion des breiten Strandes ist ein altes Flugzeug, eine Lockheed TriStar, die vor einigen Jahren auf dem Airport Cotonou ausgemustert und schließlich von einem Geschäftsmann gekauft und an den Strandabschnitt unweit des Flughafens befördert wurde, mit dem Ziel, ein Restaurant daraus zu machen. Diese Absicht ist bis heute der Status Quo, auf die mögliche Besichtigung der Maschine verzichteten wir und begaben und zu einem großen Einkaufszentrum, in dem sich auch einige Geldautomaten befinden, denn die Bar-Reserven gingen zur Neige.
Mit dem Geldabheben ist es in Afrika ja so eine Sache. Entweder sind die Automaten defekt oder es ist kein Geld drin. Manchmal ist aber auch der Kunde zu blöd. Bedingt durch eine noch sehr neue Kreditkarte, kam ich mit meinen Pin-Nummern durcheinander. Die Fehlermeldung nach mehreren Versuchen war dennoch unverständlich, also zogen wir weiter. Als wir an einer Bank vorbeikamen, versuchte ich wieder mein Glück, hatte inzwischen auch die korrekte Pin parat. Davon ließ sich der Automat aber nicht beeindrucken. Ich hörte nur noch ein elektronisches Schmatzen und weg war das gute Stück Plastik im schlechten Tausch gegen eine Quittung, welche den Einzug der Karte bestätigte. Wie der mich nun irgendwie hämisch angrinsende Automat die Karte, musste ich den Sachverhalt erstmal verdauen. Zwar reise ich immer mit mehreren Kreditkarten, aber ganz so geil war die Aussicht, eine Karte in Benin zurückzulassen dennoch nicht. Da die Bank selbst schon geschlossen war, mussten die Hoffnungen in den Folgetag gesetzt werden. Zum Essen ging es nun in ein arabisches Restaurant und danach wieder in unsere Hood.
Erste Aktion am Samstag war natürlich, den Ort des Schreckens von Vorabend aufzusuchen. Dem Mitarbeiter hinter dem Schalter wurde das Desaster geschildert und er verschwand in den Automaten-Raum, um nach einer Minute ohne Karte wiederzukommen. Das Kartenfach war bereits geleert und die Karte wahrscheinlich in die Zentrale verbracht wurden, so seine Aussage. Diese sei aber am Samstag geschlossen, aber er wolle etwas versuchen. Dann fing er wild an zu telefonieren, verschwand nach einigen Minuten durch die Hintertür und kam wenig später mit meiner Karte zurück. Schräge Sache, war mir aber egal. Ohne meinen Betreuer wäre das aufgrund der Sprachbarriere wohl deutlich komplizierter geworden, da war ich meinem Reisegenossen wieder hochgradig dankbar! Beruhigt konnte nun zum Frühstück übergangen werden und danach liefern wir den zum Strand parallel verlaufenden Boulevard entlang, an dem sich Ministerien, gute Hotels und Botschaften befinden, bis zum Place de l’Amazone. Dort befindet sich seit 2019 eine 30 Meter hohe Bronze-Statue, die an das Volk der Dahomey erinnert, dem überdurchschnittlich viele weibliche Kämpfer angehörten.
Von der XXL-Amazone fuhren wir mit dem Moto zurück zur Unterkunft, wo wir uns kurz sortierten und dann ging es auch schon weiter zur Busstation von ‚Nonvi‘, die uns wieder nach Porto Novo beförderten. Die letzte Etappe zum Ziel ‚Stade de Avrankou‘ war wieder dem Moto-Manne vorbehalten. Die letzten zwei, drei Kilometer führte die Strecke nur noch über rote Sandpisten, dass man meinen konnte, das Stadion liegt mitten im Busch. Vor einigen Jahren hatte der Fußballverband ein Sanierungsprogramm für 22 Stadien aufgelegt, jenes in Avrankou ist eines davon. Auf einer der Längsseiten des Kunstrasens befindet sich eine rechte große Tribüne, die den einzigen Ausbau der weitläufigen, von Palmen gesäumten Anlage darstellt. Das Spiel der Abstiegsrunde der ersten Liga war dann deutlich besser anzusehen als das Drittliga-Getrümmer vom Donnerstag. Das Problem der Afrikaner bleibt aber die Verwertung von Torchancen. Als Ausgleich wurden wie üblich reichlich Verletzungen vorgetäuscht, was ziemlich ermüdend war. Die medizinische Abteilung brachte jedenfalls mit Abstand die größte Laufleistung auf den Rasen. Drei Mal fand der Ball trotz der Abschlussschwäche den Weg ins Netz – für afrikanische Verhältnisse beinahe eine Torflut. Da die Biersuche in den wenigen umliegenden Shops erfolglos blieb, hätten wir uns schon früh auf die Tribüne begeben. Die knapp 500 Zuschauer waren, vom freien Eintritt angelockt, zu zwei Dritteln unter zwölf Jahren. Der weiße Mann wurde ungeniert kritisch bis erstaunt beäugt, aber in Ruhe gelassen. Eine in diesem Falle schwer nervtötende African-Style-Big-Band war natürlich auch anwesend. Zurück in Cotonou ließen wir uns erneut in einem arabischen Restaurant nieder und fuhren danach in unsere Meerjungfrauen-Bar zum Feierabend-Bier.

Porto Novo – Do., 23.03.2023, 16:00

AS Oussou Saka vs Tambours FC d’Adjarra 0:1

Stade Charles de Gaulle, 100 Zuschauer, Ligue 3 de Football du Bénin Zone Sud-Est
Der Donnerstag brachte uns einen Ausflug in die Hauptstadt Porto Novo, die in dieser Funktion allerdings nicht viel Wert hat, da beinahe sämtliche Ministerien ihren Sitz in Cotonou, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes, haben. Nach dem Frühstück ging es gegen 11:00 Uhr mit dem Moto zum Abfahrtspunkt der modernen Minibusse von ‚Nonvi‘. 1200 CAF war der Kurs für die einstündige Reise im klimatisierten Gefährt. Wenn man dann den Damm über den Yewa-Fluss quert, wird man von einer riesigen Bauruine begrüßt. Das sollte einmal ein Regierungsgebäude werden, aber der Statiker hat bei seinen Berechnungen geschlampt, daher wurde der Rohbau aufgegeben und gammelt nun vor sich hin. Unbewohnt ist der Bau aber nicht, denn Obdachlose verhindern den Leerstand. Am ersten großen Platz findet man dann eine begrenzt schöne Statue vor. König Toffa wird hier gezeigt, der Ende des 19. Jahrhundert den zweifelhaften Vertrag mit der Kolonialmacht Frankreich schloss. Unser erster Weg führte zum Stadion, kurz die Ansetzung bestätigen lassen, dann spazierten wir bei sengender Hitze durch das Marktviertel zur ‚Grand Mosque‘, die sich in einem alten Koloniegebäude befindet. Die Moschee wird als bunteste Moschee Westafrikas bezeichnet. War sie bestimmt auch mal, aber die in früheren Jahren sicherlich leuchtenden Farben blättern von den Außenwänden ab, wie in den kommenden Tagen vermutlich die Haut von meinen vor sich hin kokelnden Armen. Neben der alten steht auch noch die große neue Moschee.
Viel mehr gibt die Stadt nicht her, also ging es zurück Richtung Stadion, wo wir die Zeit bis zum Spiel in einer Cafeteria verbrachten, es war auch einfach wieder viel zu heiß unter der Sonne Afrikas. Im ,Stade Charles de Gaulle‘ verzogen wir uns unters Tribünendach und wurden Zeuge eines unfassbaren Drittliga-Gestolpers. Kaum ein vernünftiger Spielzug kam zustande, kaum ein Pass fand sein Ziel, die wenigen Torchancen wurden kläglich vergeben. Der Treffer des Tages konnte folgerichtig nur durch einen Elfmeter fallen. Das Spielfeld passte sich dem sportlichen Niveau an. Grasbüschel zeigten sich überall auf dem Platz, der an einigen Stellen gar nicht erst gemäht worden war, mehr hatte diese Veranstaltung aber auch nicht verdient. Die kleine Gruppe mit Vuvuzelas und Schlaginstrumenten hat das bescheidene Niveau jedenfalls nicht gestört. Das ‚Charles de Gaulle‘ ist ein weiteres Rund, welches früher als Nationalstadion fungierte. So ganz schlau wurde ich aus der Anlage nicht, denn während der Platz verwahrlost, ist der Zaun drumherum flatschneu, die Sitzschalen zwar von der Sonne ausgeblichen, aber intakt, und die Dachkonstruktion sieht auch saniert aus. Mit dem Taxi Colectif, dem Sammel-Taxi, fuhren wir für 500 CAF, etwa 80 Euro-Cent, zurück nach Cotonou zur Meerjungfrau in das Stamm-Lokal.

Cotonou – Mi., 22.03.2023, 17:00

Bénin vs Rwanda 1:1

Stade de l’Amtitié Général Mathieu Kérékou, 22.500 Zuschauer, Qualifikation CAN Gruppenphase
Die Notwendigkeit, den Resturlaub aus dem vergangenen Jahr nehmen zu müssen und der Wunsch nach einer Reise in ferne Regionen, führte nach Westafrika. Die Pandemie hatte meine interkontinentale Reiselust in letzter Zeit nachhaltig ausgebremst, gerade einmal ein neues Land hatte ich in den vergangenen beinahe vier Jahren erobert. Die Länderspiel-Phase mit den Quali-Spielen zum Afrika-Cup kam gelegen, denn wenn man auf dem wohl chaotischsten Kontinent der Welt Terminsicherheit haben möchte, kommt man an internationalen Ansetzungen kaum vorbei. Meinen Leibarzt aus dem Saarland konnte ich für zwei Drittel der Tour als Mitreisenden gewinnen. Als willkommener Nebeneffekt machte es das vor Ort auch einfacher, denn in allen Zielländern wird Französisch gesprochen und damit hat der Doktor als Muttersprachler natürlich keine Probleme.
Turkish Airlines wurde der Air Carrier meinte Vertrauens. Keine schlechte Wahl, in meinem persönlichen Ranking der beste bisher genutzte Anbieter noch deutlich vor den ganzen überbewerteten Arabern. Die Flieger sind top ausgestattet und der Service lässt auch wenig Wünsche offen. Montag-Vormittag ging es ab Düsseldorf los, mit Umstieg auf dem unfassbar großen neuen Airport in Istanbul, eigentlich deutlich außerhalb von Istanbul, erreichte ich Cotonou, die circa 700tausend Einwohner starke Hauptstadt Benins. Beim Landeanflug in der Dunkelheit war links das nur 125 Kilometer entfernte Lagos in Nigeria, mit knapp 16 Mio Einwohnern in der Metropolregion die zweitgrößte Stadt Afrikas hinter Kinshasa im Kongo, als riesiger leuchtender Fleck deutlich auszumachen. Um Mitternacht empfingen mich kuschelige 30 Grad und der zwei Stunden vor mir über Paris eingeschwebte Mediziner. Schnell als erster an den Immigration-Schalter gestürmt und mit dem vorher gebuchten E-Visum war die Einreise in wenigen Minuten erledigt. Mit dem Moto-Taxi fuhren wir zum gebuchten Apartment und dann reichte es noch für die ersten Begrüßungs-Beninoise, ganz leckeres Gebräu, vielleicht etwas zu seicht im Abgang, in einer Bar nur 100 Meter vom Apartment entfernt.
In der Bude war es verdammt warm und sowohl in der AirCon als auch im Ventilator waren die Lager schon genug ausgeschlagen um deutlich zu geräuschvoll zu arbeiten. Wurde also irgendwann in der Nacht abgeschaltet und nach eh viel zu kurzer Nacht wachte ich ziemlich durchgerappelt wie ein Thunfisch im eigenen Saft auf. Kurz darauf gab es auch den ersten Stromausfall, der Saft war aber nach kurzer Zeit schon wieder da. Nach kurzem Frühstück in der Bar vom Vorabend, in der wir in den nächsten Tagen Stammkunden wurden, war direkt die zweite Dusche fällig – leck mich am Arsch war das heiß, der weißgelbe Kernreaktor brannte hier nahe am Äquator erbarmungslos vom Himmel. Mit dem Moto-Taxi machten wir uns auf zum Marchè Dantokpa. Das Moto ist als Verkehrsmittel unverzichtbar, einen öffentlichen Nahverkehr gibt es über einige fahrplanfreie Minibusse hinaus nicht, Taxen sieht man wenige, ebenso wie abgezählte TukTuks, daher werden die Straßen von Motos geflutet. Das für den Passagier kein Helm zur Verfügung gestellt wird, ist das sicherlich prinzipiell nicht ganz ungefährlich, aber der Straßenverkehr läuft bei allem Durcheinander auf seine Art erstaunlich gesittet ab. Auf die Motos wird Rücksicht genommen, der PKW hat die schwächere Position, nur Busse und LKW sind stärker. Dank der Verhandlungsruhe meines Mitreisenden zahlten wir nie mehr als den reellen Preis, der innerhalb der Stadt zwischen 300 und 500 westafrikanischen Franc (650 CAF = 1 EUR) liegt.
Der Marché Dantokpa ist ein ganzes Viertel, das afrikanischer nicht sein könnte. In einem unglaublichen Gewusel aus Ständen, Geschäften und fliegenden Händlern gibt es nichts, das man nicht kaufen könnte. Schönes Gemokel garniert mit einem Potpourri aus Gerüchen, die meist wenig erfreulich waren, aber der Nerv-Faktor hielt sich in Grenzen, angelabert wurden wir wenig. Zu Fuß ging es weiter zum Place de l’Etoile Rouge, was einfach nur ein abgewracktes Denkmal in einem Kreisverkehr ist, welches ein Relikt aus der in den 70er und 80er Jahren währenden marxistisch-leninistischen Ära des Landes ist. In einem kleinen Restaurant am Kreisel gab es leckeres Rindfleisch mit scharfem Gemüse und Reis und dann ging es weiter mit dem Moto zum Nationalstadion, um die Eintrittskarten-Frage für den nächsten Tag zu klären. Von dort fuhren wir dann zurück zum Apartment für die dritte Dusche des Tages und zum Abendessen in unsere Bar des Vertrauens.
Da die vorherige Nacht ziemlich kurz war, schaffte ich es trotz Geräuschkulisse von draußen und Hitze und Helligkeit im Raum, bis halb zehn zu schlafen. Das war schon Luxus, gelingt mir selten. Nachts hatte es stark geregnet, daher schien die Luft zunächst etwas weniger heiß. Nach einem späten Frühstück in unserer angestammten Bar relaxten wir noch etwas im Apartment, bevor wir gegen 15:00 Uhr zum ‚Stade de l’Amitie General Mathieu Kerekou‘ aufbrachen. Dort herrschte 90 Minuten vor dem Spiel schon ordentliches Getümmel, denn der Verband gewährte freien Eintritt für dieses wichtige Spiel. Benin war nach zwei Spielen Letzter der Quali-Gruppe und brauchte dringend einen Sieg, um die Chance auf die Qualifikation zu wahren. Mit diesem Ziel war erst wenige Tage zuvor der deutsche Afrika-Trainerfuchs Gernot Rohr verpflichtet worden. Im Internet hatten einige lokale Stammesfürsten ihre Gefolgschaft aufgerufen, das Team zu unterstützen, was aber alles nicht half die 35.000er Bude wirklich vollzumachen – gute 22-23.000 Zuschauer werden es am Ende gewesen sein. Wir nahmen Plätze im gepolsterten Bereich auf der Haupttribüne ein. Schöne Sache war dann, dass die Hymnen nicht abgespielt werden können, da mal wieder der Strom ausgefallen war. Das brachte einige Zuschauer ziemlich auf die Kokospalme, die Mannschaften wussten sich aber zu helfen und sangen ihre Hymne einfach selbst.
Die Gastgeber zeigten dann zu Beginn viel zu viel Respekt vor dem Gegner, was dieser zu einigen schnellen Angriffen nutzte. Nach einem stark gespielten Ball in die Spitze, lag dieser dann im Nachschuss im Netz. Das schien dann der Wachmacher für die Gastgeber gewesen zu sein. Bis auf einen Schlenzer an die Querlatte kam von den Ruandern nix mehr und die Mannschaft Benins riss das Spiel mehr und mehr an sich. Nach dem Seitenwechsel wurde es dann spätestens nach einer frühen Ampelkarte gegen Ruanda zum Spiel auf ein Tor. Dieses war auch insgesamt gar nicht übel anzusehen, das hatte ich gar nicht erwartet. Es wurde aber eine unfassbare Zahl an Torchancen vergeben und so musste erst der angeschlagene und daher nicht von Beginn an auflaufende Star des Teams, Steve Mounié, in die Partie kommen, damit zehn Minuten vor Ende endlich der Treffer für die Gastgeber fiel, der ein schönes Ausrasten des Pöbels zur Folge hatte. Schade, dass dann nicht noch der mehr als mögliche Siegtreffer nicht mehr gelang, dann wäre der Mob wohl richtig abgegangen.
Eine schöne Geschichte gibt es zum Rückspiel. Der afrikanische Verband CAF versucht seit einiger Zeit  die nationalen Verbände dazu zu bewegen, die Stadion-Infrastruktur für die internationalen Spiele zu verbessern, damit man zum Beispiel beim Toilettengang nicht mehr knöcheltief in der Scheiße steht. Das geht auf diesem Kontinent natürlich nur in Form von Verboten, weshalb viele Länder ihre Heimspiele aktuell auf neutralen Böden austragen müssen. Das ausgewählte Stadion in Ruanda war eigentlich zugelassen, aber eine gute Woche vor dem Spiel gefiel der CAF dieses dann doch nicht mehr. Aufgrund der knappen Frist wurde daher einfach bestimmt, dass auch das Rückspiel in Cotonou ausgetragen wird. Starke Sache, wenn man bedenkt, welche Logistik dahintersteckt, da zum Beispiel die in Europa beschäftigten Spieler, also beinahe alle, ihre Heimflüge sicherlich schon gebucht hatten. Daher wehrte sich der ruandische Verband und das Spiel wurde dann letztlich ohne Zuschauer in Kigali ausgetragen. Afrika, ick hör Dir trapsen! Nach dem Spiel gönnten wir uns in einer Bar am Stadion noch ein paar Kaltgetränke, ehe wir Richtung Unterkunft aufbrachen und an einem schmierigen Straßengrill mit zu lauter Afro-Mucke ein zähes Gummi-Hähnchen aßen. Der Abend klang dann in der Stamm-Bar aus. Den Namen unserer Bedienung haben wir dann auch mal erfragt, um das Eis zu brechen. Arielle hieß sie, erinnerte aber eher wenig an eine Meerjungfrau…

Essen – So., 19.03.2023, 15:00

DJK Adler-Union Frintrop vs Sportfreunde Niederwenigern 0:2

Sportanlage am Wasserturm, 600 Zuschauer, Landesliga Niederrhein Gruppe 3
Heute zog es mich wieder zum schönsten Wasserturm der Welt, denn das Topspiel der Landesliga zwischen Tabellenführer Adler und den aus der Oberliga abgestiegenen Sportfreunden aus dem Hattinger Ortsteil Niederwenigern stand an. Und der Turm platzte aus allen Nähten. Circa 600 Leute klemmten sich um den engen Platz, um das nächste Kapitel des Wunders vom Wasserturm zu sehen. Aber die Gäste machten einen fetten Strich durch die Rechnung. Die Sportfreunde waren von der ersten Sekunde an hellwach, spielten bissig und mit unheimlich höher Laufbereitschaft. Der frühe Führungstreffer durch einen schönen Distanzschuss nach nur zwei Zeigerumdrehungen spielte Ihnen natürlich in die Karten, aber die erste Hälfte ging so oder so an die Hattinger. Folgerichtig fiel auch noch der zweite Treffer vor der Pause, wobei der Adler-Schnapper leider keine gute Figur machte. Nach dem Seitenwechsel waren dann auch die Adler endlich drin in der Partie, aber leider wurden die Möglichkeiten zum Anschluss nicht genutzt und die Gäste blieben weiter gefährlich, so dass man am Ende einen verdienten Auswärtssieg diagnostizieren musste. Dennoch war das Werbung für den Besuch am Wasserturm und alle, die dieses intensive, schnelle, ansehnliche Spiel gesehen haben, sollten das zum Anlass für ein Wiederkommen nehmen.