Sonntag, 12.07.2020, 17:00

litauen

FK Zalgiris Vilnius vs FK Suduva Marijampole 4:0

LFF stadionas, 1.000 Zuschauer, A Lyga

200712zalgiris-suduva

Der heutige Weg führte in die Hauptstadt Vilnius. Vorher strebten wir aber den Schlenker über Trakai mit seiner beeindruckenden Wasserburg an, einem der sehenswertesten Bauwerke des Landes. Dazu verließen wir irgendwann die Autobahn und weiter ging es über Land. Der Bordcomputer unseres gemieteten Dacia Duster, dem Statussymbol für alle die kein Statussymbol brauchen, zeigte noch 80 Kilometer Reichweite bei zu fahrenden 55 Kilometern an. Okay, Dacia ist natürlich die Günstig-Marke des französischen… *hust*… ‚Createur d’Automobile‘. Aber dass bei einer neuwertigen Karre mit gerade mal 3700 Kilometern auf der Uhr einfach mal einen ganzen Tag die Klima ausfällt oder sich nach einem Tankvorgang die digitale Füllanzeige nicht aktualisiert, ist schon eine pikante Randnotiz. Dass aber ab 50 Kilometeren Restreichweite, diese einfach nur noch in Form von drei Strichen, also „—“ angezeigt wird, brachte mich aber etwas auf die Palme. Welcher Vollidiot hat sich denn diesen Scheißdreck ausgedacht?! ‚Createur d’Schrotthaufen‘ würde wohl besser passen! Dass ich die Tankstellen-Dichte außerhalb der litauischen Großstädte, wo die Besiedlung ja auch zugegebenermaßen dünn ist, völlig unterschätzt habe, ist natürlich mein Ding. So rollten wir mit dem gefühlt letzten Tropfen Sprit an die Zapfsäule. Der Wasserburg Trakai winkten wir dann einmal nett zu und fuhren weiter nach Vilnius. Völlig überfüllt der Spot. Damit hatte ich selbst an einem Sonntag nicht gerechnet. Parkraum ist im gleichnamigen Ort auch knapp, weshalb einem alle paar Meter Omma oder Oppa mit selbstgemalten blauen P-Schildern vor die Motorhaube springen, um einen zum Parken in deren Vorgarten zu animieren. Dessen spärliche Quadratmeter werden zum Stundenpreis mit der Absicht vermietet, die vermutlich nicht allzu üppige litauische Rente aufzubessern. So schauten wir uns also lieber die schöne Altstadt von Vilnius an und aßen in Ruhe ein spätes Mittagsmahl, bevor wir uns auf zum LFF stadionas bewegten.
In diesem stand ich vor zehn Jahren schon mal. Damals fand aber etwas Entscheidendes nicht statt, nämlich ein Fußballspiel. Heute wurde zum Topspiel geladen – der Verfolger Zalgiris empfing den Tabellenführer und Meister der letzten Spielzeiten, FK Suduva aus Marijampole, zum Tanz. Beim gestrigen Spiel war ich mit einem Schweizer Angehörigen unserer Bewegung ins Gespräch gekommen, der von einem Online-Vorverkauf zu berichten wusste. Abends hatte ich dann die Eingebung, einfach mal zwei Tix auf Verdacht zu sichern – bei einem Kurs von je EUR 2,70 eine überschaubare Investition. Für litauische Verhältnisse herrschte dann am Stadion ein reger Andrang. Da ich der Meinung war, dass die Online-Tickets nur in der Printversion Gültigkeit erlangten, stellten wir uns etwa 40 Minuten vor Kick-off an der noch geschlossenen – kam mir einigermaßen merkwürdig vor – Biglietteria an. Ich habe ja auch immer gern ein Original-Ticket und unser Vordermann war zuversichtlich, dass der Verkauf bald startet. Tat er nicht. Schließlich kam ein Ordner angelatscht und klärte die auf gut 60-70 Leute angewachsene Warte-Crowd auf, dass es keine Tageskasse mehr geben wird. Da die Online-Tickets auch auf dem Handy gültig waren, wie ich dann feststellte, war das für uns unproblematisch. Im Gegensatz zu den Mitwartenden, die nun hektisch das Smartphone zückten und den Online-Shop nach Tix durchforsteten. Die Scanner am Drehkreuz sind wohl aus russischer Produktion, denn die Registrierung der Barcodes nahm in etwa so viel Zeit in Anspruch, wie die Reise von Vilnius nach Moskau mit der russischen Staatsbahn. Egal – zehn Minuten vor Beginn des Spektakels waren wir drin. Erster Akt war die Übergabe des Autoschlüssels an meine Herzdame, denn die Bierbuden waren geöffnet. Danach wurde kurz Hopping-Koryphäe Teamchef abgegrüßt und ein kleines Quätschken gehalten. Die Schlange vor den zwei halbwegs funktionierenden Scannern (von knapp zehn um das gesamte Stadion) nahm bedrohliche Ausmaße an, wie wir über die unbebaute Hintertor-Seite beobachteten. Diese Bedrohung erkannten wohl auch die Verantwortlichen, denn die Tore wurden geöffnet und es durfte nun einfach jeder rein, ob mit Ticket oder ohne. Auch Litauen ist und bleibt halt Osteuropa.
So waren dann letztlich gut 1.000 Leute im Stadion, davon wohl insgesamt 50 oder 60 aus Marijampole, von denen sich ein Dutzend zu einem kleinen Stimmungsblock formierte. Den gab es auch auf Heimseite mit gut 50 Personen. Zalgiris ist der einzige Club Litauens, der über eine nennenswerte Szene verfügt. Die Jungs im Eckblock hinter dem Tor taten in ihrem Rahmen das Mögliche und unterstützen ihr Team über die gesamte Spielzeit nach Kräften. Auf der Gegengerade positionierte sich auch eine Gruppe, welche anflaggte und ab und an zart mitsupportete. Nach dem ersten Tor wurden gar ein paar dünne Rauchtöpfe in den Vereinsfarben gezündet. Pyro-Hölle Vilinius! Grund zur Freude hatten die Heim-Fans ausreichend, denn Zalgiris – das zu Sowjet-Zeiten elf Saisons in der russischen Elite-Liga mitspielte – zerlegte den bis heute ungeschlagenen und souveränen Tabellenführer regelrecht und packte diesem vier Eier ins Nest. Ein verdienter Sieg, vielleicht etwas zu hoch, aber bitter nötig, um der Saison wieder einen Hauch Spannung zu gönnen, denn Suduva war vor dieser Veranstaltung schon acht Punkte enteilt. Das LFF stadionas ist das Stadion des litauischen Fußballverbandes, welches aktuell auch für die Spiele des Nationalteams genutzt wird. Es ist ein reines Fußballstadion mit einer teilweise gedeckten Haupttribüne und zwei weiteren unüberdachten Tribünen. Eine Hintertorseite ist unbebaut. Der fußballerische Teil unseres Trips war damit beendet. Wir verbrachten noch zwei Tage im wunderschönen Masuren, bevor es von Szymany wieder zurück in den Pott ging.