Tagesziel und Nachtquartier war Dunajska Streda. Natürlich nicht ganz grundlos. Jahrelang hatte ich mir vorgenommen das ethnisch belastete Duell zwischen dem DAC mit dem unpopulären Gründungsdatum und dem SK Slovan aus der Hauptstadt zu besuchen. Einmal war ich nah dran, damals scheiterte ich an einem verspäteten Flug und überfüllten Landstraßen. Danach stand der Kick mehrfach auf der Liste, das Vorhaben wurde aber letztlich nicht umgesetzt. Es dauerte bis in den Februar dieses Jahres, bis der Wunsch endlich Realität wurde. Dass es nun bereits zu einem Re-Visit kam, war natürlich dem Zufall geschuldet, dass dieses Spiel eben an diesem Wochenende stattfand. Den Kick nicht mitzunehmen, war aber absolut keine Option. Ungarn gegen Slowakei lautet die Spielpaarung eigentlich. 75 Prozent der Einwohner der Stadt und der umliegenden Region sind ungarischer Abstammung und diese machen auch keinen Hehl daraus, welchem Land sie sich eigentlich zugehörig fühlen, während der Slovan-Anhang ja slowakisch-nationalistisch eingestellt ist. Von Dunajska Streda spricht in der Stadt auch kein Mensch. Dunaszerdahely ist der ungarische Name der Stadt, der sich auch hinter dem D des Vereinskürzels verbirgt. Das Vorhaben, vor dem Spiel wenigstens hier einen der begehrten roten Fettschläuche zu ergattern, scheiterte am zu späten Erscheinen am mir vom ersten Besuch bekannten, außerhalb des Stadiongeländes liegenden Grills. „Klobasa sold out“ lautete die Antwort auf meine Bestellung. Welch ein Schlag in die leere Magengrube. Die Absicht, das Catering-Angebot im Stadion wahrzunehmen, scheiterte an der Notwendigkeit, eine ‚DAC-Card‘ erwerben zu müssen, kein anderes Zahlungsmittel wurde akzeptiert. Dieses ehemals fortschrittliche System ist doch inzwischen völlig überholt. Na dann eben nicht.
Die DAC-Kurve eröffnete mit einer guten Aktion. Eine gemalte Choreo wurde unter das Dach gezogen. Diese zeigte den mit DAC-Schal behangenen Gargamel, der zwei Schlümpfe mit Slovan-Wappen am Wickel hatte. „Folyton ezek az atkozott törpök!“ ärgerte er sich auf Ungarisch. „Es sind immer diese verdammten Zwerge“ heißt es übersetzt. Rechts und links der Choreo stieg blauer und gelber Rauch auf. Der ausverkaufte Gästebereich blieb ohne optische Aktion. Wie auch während des gesamten Spieles. Da hatte ich mir mehr erhofft, denn im Februar war dort ganz gut Ballett. Auf dem Grün stellte sich die Situation ebenfalls anders dar, denn im Winter hatte der Hauptstadt-Club die Partie noch souverän gewonnen. Heute gab es einen recht offenen Schlagabtausch mit Vorteilen für die Gastgeber zu sehen. Die erste Hälfte blieb allerdings in den Strafräumen blass, aber im zweiten Durchgang agierten die Ungarn zunehmend dominanter. Dennoch lief alles auf ein torloses Remis raus, da beste Möglichkeiten in der Gefahrenzone kläglich ausgespielt wurden. Die sehenswerteste Aktion war eine sehr schöne Volleyabnahme per Seitfallzieher, die erst im Aluminium ihren Meister fand. War ein schöner Strahl, ich vermute der Pfosten zittert heute noch. Gute zehn Minuten vor dem Ende passierte es dann doch und es musste schon ein recht glücklicher Treffer für die Führung herhalten, denn dem Slovan-Schnapper rutschte ein eigentlich harmloser Abschluss über die Fingerspitzen in die Maschen. In der Nachspielzeit machten die Gastgeber dann den Deckel drauf und gewannen endlich wieder ein Länderspiel, nachdem sämtliche vier Aufeinandertreffen in der Vorsaison an die Slowakei gingen.
Futbalovy stadion OSK Smolenice, 100 Zuschauer, 8.Liga Oblastny futbalovy zvaz Trnava skupina B
Also ich würde ja behaupten, ich habe bei der Reiseplanung schon einiges erlebt, aber die Entstehung dieser zweiwöchigen Reise ist schon etwas speziell. Eigentlich war ursprünglich ein interkontinentales Ziel angedacht, Südamerika sollte es nach vielen Jahren mal wieder werden. Da aber durchaus bestimmte Spiele in den internationalen Wettbewerben das zentrale Gerüst stellen sollten, musste abgewartet werden. Das stellte sich als letztlich als positiv heraus, da bei der verehrten Frau Gemahlin ein paar gesundheitliche Probleme auftraten, die nicht nur die Planung beeinträchtigten, sondern auch die Wahl eines Zieles außerhalb Europas mit einem dann erforderlichen Langstreckenflug massiv in Frage stellten. Also wurde braingestormt, was denn so innerhalb Europas in Frage käme. Der Balkan und generell Europas Südosten sind immer eine gerne bereiste Region, so dass sich die Suche bald auf Rumänien konzentrierte. Auf der Zielgeraden wurde aber noch einmal abgebogen und schlussendlich die Slowakei auserkoren. In diesem Land war ich noch nicht weit über Bratislava und Umland hinausgekommen und der Wunsch sich mal deutlich intensiver mit diesem von wunderschöner Natur geprägtem Flecken zu beschäftigen, war eh schon länger vorhanden. Klar, dass auch König Fußball nicht zu kurz kommen sollte. Also wurden drei Tage vor Abreise erstaunlich günstige Flüge gebucht und die Tour zusammengezimmert, was sogar recht entspannt ablief.
Nach vormittäglicher Ankunft in Bratislava und Übernahme des Mietwagens wurde zunächst ‚Cachitcky Hrad‘ angesteuert. Die Burg liegt ungefähr auf der Hälfte Strecke von Bratislava nach Zilina. Üblicherweise haben alte Burgen eine wechselhafte Geschichte hinter sich, so auch dieses zur Ruine verfallene Gemäuer aus dem 13. Jahrhundert. Die interessanteste Bewohnerin war sicherlich die ungarische Gräfin Elisabeth Bathory um das Jahr 1600. Angeblich hat die Bathory vielfach junge Frauen foltern lassen und anschließend ermordet. Der Sage nach soll sie im Blut der Jungfrauen gebadet haben, mit dem festen Glauben daran, dadurch den eigenen Körper zu verjüngen. Nach der Erstürmung der Burg durch ein konkurrierendes Adelsgeschlecht wurde Bathory als Hexe verurteilt und in einer Kammer der Burg eingemauert, wo sie wenige Jahre später starb. Realistische Aussagen von Zeitzeugen lassen eher auf eine konstruierte, politisch motivierte Anschuldigung schließen, aber die Sage ist natürlich die spannendere Geschichte.
Im Anschluss ging es dann in die Niederungen des slowakischen Liga-Fußballs. In Smolenice gibt es einen Sportplatz aus der Kategorie ‚Scenic Grounds‘ zu bestaunen. Über der kleinen Tribüne ragt das Smolenicky Zamo‘, das Schloss Smolenice aus den Baumwipfeln. Eine knapp dreistellige Zahl an Zuschauern fand sich zu diesem Kick auf achtklassiger Ebene der slowakischen Ligen-Pyramide ein, der wie aus dem Lehrbuch aufzeigte, wie eine Mannschaft trotz 90-minütiger Dominanz ein Spiel verlieren kann. Nach dem frühen Führungstreffer der Gäste rollte Angriff auf Angriff auf deren Tor, aber Pfosten, Latte, ein gut aufgelegter Schnapper und breit gestreutes Unvermögen verhinderten den Ausgleich. Belohnt wurde das kollektive Angriffsversagen mit dem entscheiden Gegentor kurz vor Schluss. Leider wurde kein Grill befeuert. Da liegen die Slowaken gegenüber ihrem tschechischen Bruder-Volk deutlich im Hintertreffen. Die Klobasa-Dichte ist stark ausbaufähig.
Sportplatz Brühl-Heide, 450 Zuschauer, Kreisliga A Rhein/Erft
Ein Spiel hatte der Fußball-Tag noch zu bieten. Ich weiß gar nicht, wann ich in Deutschland zuletzt mal drei Spiele an einem Tag gesehen habe. In Brühl bei Köln, vorrangig bekannt durch den Freizeitpark ‚Phantasialand‘ wurde um Kreisliga-Punkte gekämpft. Nicht klar war uns vorher, dass sich dabei um ein Lokal-Derby handelte, sodass sich eine recht ordentliche Zuschauerkulisse bildete. Befeuert wurde der Reiz der Partie dadurch, dass sich beide Clubs in den vergangenen Jahrzehnten lediglich ein einziges Mal im Pokal über den Weg liefen. Während die Viktoria nämlich so eine Art ewiger B-Ligist ist, oder war, denn im Sommer gelang der Aufstieg, ist der SC Brühl eher an höhere Ligen gewöhnt, spielte lange Jahre in Ober- und Landesliga eher vor ein paar Spielzeiten der Niedergang bis in die A-Liga einsetzte, aus der sich der Verein nochmal für eine Saison befreien konnte, aber im Sommer wieder den Gang hinab auf Kreisebene antreten musste. Daher traten die Gäste favorisiert an, wurden dieser Rolle aber selten gerecht. Spätestens im Nieselregen des zweiten Durchgangs hatten sie dem Kampfeswillen der Gastgeber nicht mehr viel entgegenzusetzen, was die Viktoria getreu ihres Vereinsnamens in der Schlussminute zum Sieg nutzte. Der zweite Teil des Vereinsnamens bezieht sich auf eine frühere Kohlefabrik, welche die vor Ort gewonnene Braunkohle in Briketts formte. Deren Mitarbeiter gründeten diesen Verein, um ihre Fußballleidenschaft im geregelten Spielbetrieb ausleben zu können.
Von Helmut Schön sein Sportpark zum unmittelbar angrenzenden Gäste-Eingang der Blech-Arena des SV Wehen waren es nur 50 Meter Fußweg. In der Theorie. Die Ordnungsbehörden waren aber verstrahlt genug, das Tor dorthin „aus Sicherheitsgründen“ verschlossen zu halten. Stattdessen musste die vielleicht 20 Rot-Weissen, die das Jugendspiel geschaut hatten, um das Stadion herumlaufen und damit an der Heimkurve vorbei. Wer sich so eine hirnverbrannte Grütze ausdenkt, kämmt sich morgens auch mit dem Vorschlaghammer. Naja, die Wehener Szene ist nicht für Problemverhalten bekannt und Konfliktpotential gibt es zwischen den beiden Vereinen eh nicht. Sollte für die Wehen-Ultras die Idee hinter dem Besuch des Jugendspiels gewesen sein, sich auf das Spiel der ersten Mannschaft einzustimmen, ging das schief. Als die Mannschaften einliefen, waren in der Kurve noch nicht einmal die Schwenkfahnen verteilt, geschweige denn ausgerollt. Vielleicht war man auch mit dem Saisonstart bei zwei Niederlagen und sieben Gegentoren nicht ganz einverstanden, da der Verein ja großspurig den Aufstieg als Ziel ausgerufen hatte. Aus dem Pott waren 1.500 Rot-Weisse angereist. Besondere optische Aktionen blieben aus, der Support war aber über 90 Minuten laut und ansprechend. Ich hatte einen Platz auf der Geraden im Heimbereich eingenommen, da ich den Gästebereich in Wiesbaden nicht mag. Die Bande der Gastgeber habe ich genau einmal bewusst vernommen, als der RWE-Capo seine Leute mal eine Minute verschnaufen ließ. Natürlich hinkt aber auch das Kräfteverhältnis, da der aktive Anhang des SV Wehen ja nur um die 100 Leute umfasst.
Gegen eine zwar kurzfristig noch durch erfahrene Leute verstärkte aber insgesamt verunsicherte Gastgeber-Mannschaft übernahmen die Roten sofort die Spielkontrolle. Der RWE erarbeitete sich im ersten Durchgang einige Möglichkeiten, bis auf ein Beinahe-Eigentor war aber der richtige Hundertprozenter nicht dabei, respektive wurde die finale Entscheidung im Strafraum falsch getroffen. Bis auf einen Distanzschuss waren die Gastgeber überhaupt nicht zu sehen, der Deutsche Meister von 1955 hatte alles im Griff. Das sollte sich in Hälfte zwei ändern. Zunächst machten die Roten weiter wie zuvor, leider auch genauso harmlos im Abschluss. Nach einer Stunde Spielzeit wurde die Partie dann eine andere. Die Gastgeber waren nun wacher und mutiger, wirkten frischer und kreierten Chancen. Diese wurden auch immer gefährlicher und schlussendlich konnten sich die Rot-Weissen bei ihrem Schlussmann Golz bedanken, der den Punkt dann mehrfach festhielt. So geht die Punkteteilung letztlich wohl in Ordnung. Mit mehr Kreativität und Effektivität im ersten Durchgang wäre ein Sieg sicher möglich gewesen, aber die Mannschaft ist vom Prädikat ‚Top-Team‘ noch weit entfernt. Noch 41 Punkte bis zum Klassenerhalt!
Den Auftakt in einen fußballreichen Tag machte die U19-DFB-Pokal-Partie zwischen dem SV Wehen und dem HSV. Angesetzt wurde die Partie im schönen Stadion des ‚Helmut-Schön-Sportpark‘ unmittelbar angrenzend an den nicht ganz so schönen Wellblechpalast der Profi-Mannschaft des SV Wehen. Auch wenn beinahe die gesamte Autobesatzung in diesem Stadion schon ein Spiel gesehen hatte, einigten wir uns auf den Besuch, da es ja prinzipiell ein nettes Warm-up vor dem anschließenden Spiel des glorreichen RWE bildete. Vor vielen Jahren hatte ich dort schon einmal den tatsächlichen Heimverein SV Wiesbaden spielen sehen, aber das Stadion ist ansehnlich genug, dass man auch noch ein weiteres Mal aufschlagen kann. Zugegeben zweifelte ich dann doch noch an der Entscheidung, aber als mich einen Tag vor dem Spiel ein ortsansässiger alter Bekannter unserer Bewegung kontaktierte, den ich lang nicht getroffen hatte, und der seine Anwesenheit bei diesem Spiel ankündigte, erfuhr dieser Spielbesuch eine deutliche Wertsteigerung. So wurde die Veranstaltung zur Nebensache und natürlich komplett verlabert. Überraschend hatte sich die aktive Szene des SV Wehen eingefunden, um den Nachwuchs zu unterstützen. Die Jungs und Mädels zogen das auch beinahe über die gesamte Spielzeit durch, das hat grundsätzlich meinen Respekt. Für den HSV zeigten sich drei Gestalten optisch erkennbar am Rande einer Kurve. Getreu dem Motto ihrer Zaunfahne waren diese aber vornehmlich mit dem Verzehr hopfenhaltiger Getränke beschäftigt. Ihre Mannschaft benötigte auch keine Unterstützung und stellt die Zeichen mit einer überlegenen Vorstellung und daraus resultierender Drei-Tore-Führung bereits zum Seitenwechsel auf Sieg. Diese Führung stellte sich dann jedoch schnell als trügerisch heraus, denn in den ersten fünf Minuten nach Wiederanpfiff verkürzten die Gastgeber auf ein Tor Unterschied. Der Ausgleich war danach in einem offenen Schlagabtausch durchaus möglich, die Norddeutschen machten aber wenige Minuten vor dem Ende alles klar.