Essen – Sa., 30.10.2021, 14:00

Rot-Weiss Essen vs Aachener TSV Alemannia 2:1

Stadion Essen, 11.250 Zuschauer, Regionalliga West
Es läuft die fünfte Minute der Nachspielzeit, obwohl es nur drei geben sollte. Die vierte Ecke in Folge fliegt scharf getreten herein. Irgendwie bekommt Linksverteidiger Felix ‚Herze‘ Herzenbruch am Fünfer den Kopf an den Ball und dieser schlägt unten im langen Eck ein. In den nächsten Sekunden finde ich mich drei Sitzreihen weiter unten und vier weiter oben wieder und habe das Bedürfnis meine Freude mit jedem der um mich herum sitzenden Kumpel und Bekannten zu teilen. Lange nicht mehr solche Emotionen bei einem Tor verspürt, die einfach mal raus mussten. Selbst der späte Siegtreffer in Münster, der nun wirklich nicht übel gefeiert wurde, hat keine solche Eskalation geweckt. Dabei ist ja noch gar nichts gewonnen, aber momentan macht es einfach Bock, den RWE zu sehen. Viel zu oft im letzten Jahrzehnt wurden Siege und Niederlagen regungslos hingenommen, Tore hinten wie vorne nur oberfächlich registriert. Das vierte Remis in Folge drohte, womit der kleine Vorsprung, den die Roten erarbeitet hatten, endgültig aufgebraucht gewesen wäre. Der Deutsche Meister von 1955 startete gut in die Partie und ging früh durch Janjic in Führung. Auch danach ging es meist in Richtung des Aachener Tores. Aber die Alemannia war bemüht und checkte früh vor, womit die Roten sichtlich einige Probleme hatten. Mit dem Halbzeitpfiff glich der ATSV aus. Irgendwie unverdient und irgendwie doch verdient, weil die Aachener ihre bescheidenen Mittel mit Herzblut in die Waagschale schmissen.
Das Bild änderte sich nicht im zweiten Durchgang. Warum auch immer stellten die Gäste aber zehn Minuten vor Ende das eigentlich erfolgreiche Vorchecking, mit dem der rot-weisse Spielfluss immer wieder unterbrochen wurde, ein und verlegte sich auf das Halten des Remis. Ein Fehler. Damit begann eine druckvolle Schlussoffensive und das Ende ist bekannt. Auch psychologisch ist dieser Sieg, so wie er entstanden ist, absolut Gold wert und sollte Selbstvertrauen geben. Überhaupt ist eines in dieser Saison ganz anders – man darf den RWE nie abschreiben. Bis zur letzten Sekunde ist einfach alles möglich. Der Away-Bereich war mit gut 800 Gästen gut gefüllt, trotz der bescheidenen sportlichen Performance der Allemannia, die aber vor dem Spiel den Trainer ausgetauscht hatte und den altbekannten Fuat Kilic ein zweites Mal einstellte, der wiederum seine Mannschaft recht gut einstellte. Die Ultra-Szene der Schwarz-Gelben hatte es nicht ins Stadion geschafft. Die Gruppe war schon morgens von der Schmiere im Essener Stadtgebiet gestoppt und nach Personalienfeststellung nach Aachen zurückgeschickt worden. Sicher werden die Jungs nicht zum Sightseeing so früh angereist sein, aber eine derartige Behandlung, die ja kein Einzelfall ist, sondern quer durch jede Szene schon mal erlebt worden sein wird, stellt für mich den Rechtsstaat schwer in Frage. Die Unschuldsvermutung gilt definitiv nicht für Fußball-Fans. Einige der im Stadion anwesenden hatten am späten Gegentreffer schwer zu knabbern und schafften es, ein Fluchttor zum Spielfeld zu öffnen. Wenige Ordner und herbeieilende, etwas unvorbereitet wirkende Polizeikräfte unterbanden den halbherzig gestarteten Sturm in den Innenraum. In jeder Hinsicht war das ein Spiel, dass noch eine Weile in Erinnerung bleiben wird.