Dienstag, 09.06.2020, 21:05

ungarn

Budapest Honvéd FC vs Fehérvár FC 1:1

Uj Hidegkutu Nándor Stadion, 645 Zuschauer, Nemzeti Bajnokság I

200609honved-mtk

Knapp drei Monate lag das Hobby nun Corona-bedingt brach. Um den Monatswechsel Mai/Juni wagten dann Ungarn und Serbien als erste Länder wieder, Fußballspiele mit Zuschauern unter Auflagen stattfinden zu lassen. Zunächst schenkt ich dem keine großen Beachtung aber dann reiften erste Überlegungen und ich erwischte mich immer wieder dabei, die Spielpläne zu studieren und Flüge zu checken. Nachdem dann in Serbien das Halbfinale gelost wurde und dabei die Begegnung zwischen Partizan und Zvezda herauskam, wurde alles konkreter und ich bastelte mir einen kleinen Trip nach Ungarn und Serbien zusammen. Fliegen war letztlich aber keine echte Option. Zwar waren die Flugpreise trotz der engen Frist teilweise noch erstaunlich erträglich, aber zum einen war ich im Zweifel ob man als Flugpassagier an den Flughäfen nicht doch mit durch Kontrollen bedingten ernsteren Widrigkeiten rechnen musste und zum anderen konnte ich mich noch nicht mit dem Gedanken anfreunden für längere Zeit einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, denn davon bin ich ja schon nach 15 Minuten im Supermarkt endgenervt von der Maultüte. Sollten sich allerdings nach und nach – zumindest innereuropäisch – mehr und mehr Möglichkeiten ergeben, das Hobby zu pflegen, werde ich mich damit wohl arrangieren (müssen). Also fiel die Wahl auf das Auto, welches einem natürlich ein Maximum an Flexibilität verleiht. Abgesehen davon waren einige wenige Angehörige der Bewegung bereits eine Woche vorher schon in diese Richtung unterwegs und aus diesem Grunde war klar, dass man trotz noch nicht eingestellter CoVid-Grenzkontrollen die Landesgrenzen recht easy passieren konnte. In den drei Tagen bis zum Start-Zeitpunkt entschied ich mich ungefähr zehn Mal für und wieder gegen die Tour, da ich nicht unbedingt ein Fan von überlangen Autofahrten bin. Dass Ungarn letztlich entschied, schon ab dem 07. Juni die Grenzen für EU-Bürger generell wieder zu öffnen, half mir aber bei der Entscheidungsfindung.
Letztlich drückte ich der Herzdame aber am Montag-Abend eine Abschiedskuss auf die Stirn, setzte mich in die Mühle und eibelte los. Als ich dann Frankfurt passiert hatte, war wohl auch die letzte Gefahr gebannt, doch noch umzukehren und so langsam sprang das Reise-Modul an und erste Vorfreude kam auf. Dazu waren die Straßen leer und entspannt ging es Richtung Südost. Zwischen Nürnberg und Regensburg suchte ich mir ein Plätzchen, um ein wenig Nachtruhe zu halten und nach vier Stunden erstaunlich ruhigen und recht erholsamen Schlafs, ging es gegen sechs Uhr in der Frühe in aller Ruhe weiter. Weder Österreicher noch Ungarn interessierten sich dann für die einreisenden Autofahrer. Grundsätzliche Verpflichtungen wie das Tragen von Mund-Nasen-Schutz im ÖPNV, Supermärkten, öffentlichen Gebäuden etc gelten in Ungarn und Serbien genau wie in Deutschland. Gegen 13:00 Uhr traf ich bei bestem Sommerwetter in Budapest ein. Da ich es noch nie zur Zitadelle hinaufgeschafft habe, war dieses das erste Ziel und von dort oben hat man wirklich einen gewaltigen Blick auf die Stadt und ihre Ausmaße. Danach ging es zum nahe dem abendlichen Spielort gebuchten Hotel und ruhte mich ein wenig von der langen Fahrt aus. Das Abendessen nahm ich im Restaurant des Hotels mit Blick auf die Straße ein. Das Wetter war komplett umgeschlagen, es kübelte wie aus Eimern und ich machte mir ernsthaft Sorgen, ob der Rasen im Stadion diese Wassermassen so einfach wegstecken würde. Mut machte wiederum, dass die Ungarn ihre Liga ja mit Gewalt durchkloppen wollen und eine Absage daher wohl annähernd ausgeschlossen war.
Zu Fuß machte ich mich auf zum ‚Uj Hidegkuti Nandor Stadion‘, der erst vier Jahre alten Spielstätte des MTK Budapest. Vorher stand an gleicher Stelle das alte Stadion von MTK, ein betagtes, kultiges Rund mit typisch osteuropäischer Charakteristik. Aber warum MTK? Honved baut derzeit ein neues Stadion und nutzt das Stadion von MTK als Ausweich-Spielort. Grund dafür ist sicherlich eine Vereinbarung zwischen beiden Clubs, denn während des Neubaus des MTK-Stadions nutzte der Verein das alte ‚Bozsik Josef Stadion‘ von Honved für die Austragung der Heimspiele. Das ‚Uj Hidegkuti‘ ist ein Stadion mit eigenem Charakter an dem sich die Geister scheiden. Von außen ist es nur schwer als Fußballstadion zu identifizieren. Tribünen existieren nur auf den Geraden. Hinter den Toren bauen sich blanke Betonwände auf, was zwar irgendwie eine etwas sterile Atmosphäre verleiht, aber dennoch gefiel mir der Bau gar nicht so schlecht und dieser ist mit seinen 5.300 Plätzen ja auch eine optimale Lösung für einen eher kleinen Club wie MTK. Die aktiven Gruppen Honveds und von den Gästen aus Fehervar bezogen Stellung in den äußeren Blöcken der Gegentribüne. Das Konzept zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Publikum in Ungarn sieht vor, dass nur Stadien ausschließlich mit Sitzplätzen genutzt werden dürfen oder eben nur die Blöcke mit Sitzplätzen vergeben werden dürfen. Weiterhin darf nur jeder vierte Platz besetzt werden, was hier so geregelt wurde, dass immer drei nebeneinander liegende Sitze mit Flatterband abgesperrt wurden. Das ist natürlich kein unüberwindbares Hindernis, wie sich auch zeigte, denn die aktiven Jungs, etwa 50 Mann bei den Gästen und 80 Mann auf Heimseite standen dicht beieinander. Auf den übrigen Plätzen klappte die Beachtung des Abstandsgebotes dagegen halbwegs gut, vereinzelt trugen die Zuschauer auch Masken.
In Fehervar scheint man die YouTube-Videos aus Argentinien genauestens studiert zu haben, denn die aus dem Away-Bereich herüber schallenden Melodien hört man eigentlich nur in Lateinamerika. Der Honved-Mob war da schon bodenständiger unterwegs. Die Akustik des Stadions ist jedenfalls nicht übel, denn die Gesänge schepperten in der Hütte recht ordentlich und auch ziemlich konstant. Auch in Ungarn hat man den Fußballsport offenbar vermisst und nun richtig Bock drauf. Jedoch – aufgrund der grundsätzlichen Beschränkungen und der Tatsache, dass Honved für die restlichen Heimspiele der Runde nur noch die Dauerkartenbesitzer ins Stadion lässt, war die Zuschauerzahl natürlich überschaubar. Die Gäste gingen bereits nach vier Minuten in Führung und verpassten es diese auszubauen, als der Honved-Schnappix einen Elfmeter entschärfte. Noch vor dem Seitenwechsel glichen die Gastgeber aus, was auch schon das finale Resultat bedeutete. Hilft weder den Gastgebern, noch den Gästen, die ja 1985, damals noch als Videoton Székesfehérvár, in den UEFA-Cup-Finalspielen gegen Real Madrid standen und nach 0:3-Heimniederlage im Hinspiel sogar noch einen 1:0-Achtungserfolg im Estadio Bernabéu feiern durften. Nach dem Kick war ich schnell wieder zurück im Hotel und zwei Bier-Längen später dann auch im Reich der Träume.