Liberec – So., 09.04.2023, 10:15

FC Slovan Liberec B vs FK Letohrad 6:1

Mestský stadion, 100 Zuschauer, Divize C
Der ausgewählte Vormittags-Kick wurde im alten städtischen Stadion von Liberec angestoßen. Bis Ende der 70er Jahre spielte die erste Mannschaft des FC Slovan in diesem betagten Rund, heutzutage tritt nur noch die Zweitvertretung dort an. An den Stehrängen nagt unübersehbar der Zahn der Zeit, was der Spielstätte natürlich den Charme vergangener Zeiten verleiht. Das Spiel war einseitig und frühzeitig entschieden, eine dieser Veranstaltungen, deren Ende ich entgegenfiebere. Ein steter kühler Wind zog einem durch die Klamotten und es gab kein Catering und keine geöffnete Gastronomie. Ein Grund, warum ich in Tschechien nicht gerne Heimspiel von Zweitvertretungen besuche. Trotz der durchaus ansehnlichen Spielstätte war ich, wie vermutlich auch die böse vermöbelten Gäste, daher dankbar, als der Spielleiter zum letzten Male in die Pfeife blies.

Dresden – Sa., 08.04.2023, 14:00

SG Dynamo Dresden vs Rot-Weiss Essen 2:1

Rudolf-Harbig-Stadion, 30.699 Zuschauer, 3.Liga
Der rot-weisse Tross machte sich zahlreich nach Elbflorenz auf, denn Dynamo auswärts war nach Jahren der Regionalliga-Tristesse schon ein besonderer Gegner. Erstaunlich stadionnah konnten wir parkieren und genauso erstaunlich unbehelligt Richtung Gästeblock latschen. Wir waren zwar zivil unterwegs, aber der ewig gestrige Ottonormal-Ossi wittert den verhassten Wessi ja eigentlich zehn Kilometer gegen den Wind. Die Essener Ultra-Fraktion hatte einige Kartons Einmal-Ponchos in den Vereinsfarben im Gepäck. Sauber geteilt in eine obere rote und eine untere weisse Hälfte sah das gut aus. Außerdem waren die Jungs wohl im Baumarkt einkaufen und mit Beginn des zweiten Durchgangs wurden mittels einer abenteuerlichen Kunststoffrohr-Konstruktion die Buchstaben R-W-E in entsprechender Größe als Kirsche auf der Poncho-Torte serviert. Das ‚W‘ war für dieses Vorhaben allerdings ein zu komplizierter Buchstabe und knickte beim Aufrichten ab. Aktion also eher weniger gelungen, aber es kann ja nicht alles funzen im Leben. Die Dynamo-Kurve zeigte eine schöne Choreo bestehend aus der Stadt-Silhouette als Blockfahne, Freiräume wurden oberhalb mit gelben, unterhalb mit schwarzen Pappen ausgefüllt. Als I-Tüpfelchen war zentral eine Straße zu sehen, auf der ein Trabbi langsam nach unten fuhr. Die Botschaft am Zaun „Willst Du nach Dresden rein, muss Dein Verein Dynamo sein“ las sich etwas plump, aber insgesamt war das natürlich eine schöne Aktion.
Ich hatte nicht erwartet, dass wir von der Elbe etwas mitnehmen und wurde nicht enttäuscht. Dynamo war spielbestimmend, die Roten verteidigten aber recht solide. Eine eher kleine Unachtsamkeit kurz vor der Mittellinie war aber dann die Einleitung zum Führungstreffer für die Gastgeber. Alonso, der einen unglücklichen Tag erwischt hatte verschätzte sich anschließend im Luftkampf, der Ball flog über Freund und Feind hinweg, setzte einmal auf und Arslan, der Dynamo-Torschütze vom Dienst,öhe  lies sich die Chance nicht entgehen und traf, wie man schöner kaum treffen kann, nämlich per Fallrückzieher. Der Druck blieb allerdings weiter moderat, aber nach einem Missverständnis zwischen Schnapper Golz und dem mittlerweile beinahe traditionell schwachen, hölzernen Rechtsverteidiger Sponsel lachte ein Dresdner als Dritter und schob die Murmel zum zweiten Treffer ein. Da Kutschke aber in Golz reingerasselt war, erkannte der wenig souveräne Referee das Tor nicht an. Schwein gehabt – ich hätte den Treffer schon allein als Strafe für die Dämlichkeit gegeben. Wenig später war aber dann der Dynamo-Schnapper der große Gönner. Schon im Hinspiel hatte dieser den RWE-Treffer begünstigt, als er den heraneilenden Young anschoss, heute bereitete er das Tor sogar mustergültig vor. Seinen Querpass auf den Außenverteidiger konnte Berlinski abfangen und den Ball dann ins leere Tor befördern. Guter Mann! Also der Dynamo-Tormann, nicht Berlinski.
Nach dem Pausentee ging es dann aber konstant nur in eine Richtung. Zwar hatte Eisfeld noch die Chance zur Essener Führung, die das Spiel auf den Kopf gestellt hätte, aber das änderte nichts am Einbahnstraßen-Fußball. Nach etwas mehr als einer Stunde zeigte das auch die Anzeigetafel, nachdem die Gastgeber erneut in Führung gegangen waren. Wiederum war Alonso der Unglücksrabe, als er einen Ball zu kurz nach außen klärte. Die folgende Flanke führte zur Dynamo-Hütte. Der Sieg geriet nie mehr in Gefahr, fiel eher zwei, drei Tore zu niedrig aus. Kurz vor dem Ende verlor der RWE noch Rother durch Platzverweis nach Tätlichkeit. Zwar war dieser von Arslan durch einen absichtlichen Tritt auf den Fuß provoziert worden, dennoch sollte Rother sich da kontrollieren können, aber dieser ist ja auch ein Spielertyp der immer unter Strom steht. Die Provokation durch Arslan war dem schwachen Schiedsrichter entgangen, grundsätzlich handelte es sich ebenfalls um eine Tätlichkeit. Das Regelwerk sieht für genau diesen Fall vor, dass dann im Nachgang noch Sanktionen ausgesprochen werden können. Der DFB verzichtete darauf – unverständlich und ein schlechtes Zeichen an mögliche Nachahmer, zumal sich Arslan als wenig hell in der Birne zeigte und sich im Interview für seine unsportliche Aktion rühmte. Einen Kreuzbandriss und zehn Tage blutigen Durchfall soll er erleiden, der Schuft!
An der Niederlage hätte weder ein ausbleibender Platzverweis für Rother und erst recht keine nachträgliche Sperre für Arslan etwas geändert. Zu dominant waren die Dynamos. Dafür hatte ausnahmsweise nicht einmal Star-Trainer Dabrowski eine Mitschuld, auch wenn frühere Wechsel dem Spiel sicher nicht geschadet hätten. Knapp 2.500 RWE-Fans ließen sich die Laune nicht verderben und konnten sich mehr als einmal gut Gehör verschaffen. Es gab immer wieder ruhige Minuten auf Heimseite, da die Findungsphase vor dem nächsten Gesang oder Schlachtruf immer wieder etwas Zeit erforderte. Das ist ja eh so ein ostdeutsches Ding, da liegt wohl schon zu große Nähe zum polnischen Support-Stil vor. Eigentlich kokettieren ja auch gerade die ostdeutschen Kurven mit ihrem DDR-Image und der Abgrenzung zum Westen der Republik. Deutlich häufiger wurde das aber heute von rot-weisser Seite bemüht, was ich ermüdend bis peinlich fand. Kann man zwar mal machen und sollte man nach meiner Meinung auch nicht zu bierernst nehmen, aber das sah die Essener Ultra-Fraktion wohl anders.  Auf dem Rückweg zum Auto wurden wir noch Zeuge, wie ein junger Essener Fan um einen RWE-Pullover erleichtert wurde – nach geltender Rechtsprechung ist das übrigens kein Szene-Delikt, sondern schlicht und ergreifend Raub. Im Osten gehen die Uhren halt anders und wer sich darüber im Klaren ist, erreicht die Heimat auch wieder unversehrt.

Ústí nad Labem – Sa., 08.04.2023, 10:15

TJ Strekov vs TJ Slavoj Bohusovice 1:10

Fotbalové hriste TJ Strekov, 70 Zuschauer, I.B trida Ústecký kraj skupina A
Am Vorabend war ich im Dunstkreis von Prag mit einem Teil meiner RWE-Leute zusammengetroffen, die das Spiel bei Dynamo zu einer kleinen Tschechien-Tour ausbauten. Auf dem Weg gen Dresden bot sich nun diese Ansetzung als Warm-up an. Strekov ist ein Ortsteil von Usti nad Labem, zu Deutsch Aussig an der Elbe. Gespielt wurde drittklassig auf regionaler Ebene des Ustecky kraj, insgesamt ist das siebtklassig. Der Platz in Strekov, der deutsche Name lautet Schreckenstein, hat einen etwas speziellen, angestaubten Charme und bietet mit der hoch auf einem Felsen thronenden Burg Strekov eine reizvolle Kulisse. Einen Grill suchten wir vergeblich und nachdem wir zunächst befürchteten, dass es auch keinen Getränkeverkauf hab, entdeckten wir im völlig verbauten Warmgebäude eine total schrullige Vereinskneipe, die wirkte wie eine Mischung aus Wohnzimmer und Versammlungsort einer Partisaneneinheit. Sportlich war der Wert der Veranstaltung überschaubar, aber die Atmosphäre, welche durch den Rahmen entstand, wertete das Gesamterlebnis abslout auf. Die Gastgeber waren in diesem Spiel chancenlos und gingen völlig unter. Da die Groundhoppingpolizei, die für mich als Fußballtouristen ja sowieso nicht zuständig ist, nicht vor Ort war, verließen wir den Kick zwanzig Minuten vor dem Ende, um die Anreise zum Main Event nicht unnötiger Hektik auszusetzen.

Znojmo – Fr., 07.04.2023, 10:30

1.SC Znojmo FK vs FC Velké Mezirící 2:1

Mestský stadion v Horním parku, 320 Zuschauer, Moravskoslezská fotbalová liga
Am Morgen des Karfreitag fuhr ich mit dem Zug von Breclav nach Znojmo. Der Fußballverein aus Znaim, so der deutsche Name der Stadt in Südmähren, schaffte es vor gut zehn Jahren für eine Saison in die höchste Spielklasse. Tat dem Club wohl nicht gut, denn danach ging es runter bis auf drittklassiges Niveau, wo der Verein aktuell auch in argen Abstiegsnöten ist. Umso wichtiger war ein Sieg gegen den direkten Kontrahenten. Sah auch gut aus, was die Gastgeber machten, aber Chance um Chance wurde vergeben, bis der Ball nach einer halben Stunde dann endlich mal einschlug. Sehr zur Freude der exakt zehn ‚Okurkari‘, die sich ab und an zur Anfeuerung ihres Teams aufrafften. ‚Gurken‘ bedeutet das tschechische Wort Okurkari, was aber keine Selbstironie ist, sondern einen Bezug zur Gurkenproduktion, für welche die Region um Znojmo bekannt ist. Die Gäste rafften sich im zweiten Durchgang zu mehr Aktivität auf und spielten nun ordentlich mit. Belohnt wurden die Bemühungen mit dem Ausgleich per Foulelfmeter. Das rief die Znojmonesen wieder auf den Plan, die nun offensiv ausgerichtet druckvoll nach vorne spielten, eine Torgelegenheit nach der anderen kreierten, aber einfach die Bude nicht trafen. Hinten waren die Gastgeber dafür anfällig für Konter, aber was die Gastmannschaft da vorm Tor ablieferte, war noch übler. Allein drei Male wurde ein Stürmer in Überzahlsituationen freigespielt, schob die Kirsche dann aber am eigentlich leeren Tor vorbei –  das hatte schon was von Comedy. Und bestraft wurde es auch noch, denn in der Nachspielzeit bekam die Heimmannschaft einen Strafstoß zugesprochen, der sicher verwandelt wurde. Die drei wichtigen Punkte gegen den Abstieg wurden natürlich frenetisch gefeiert und elf Spieler bedankten sich dann noch bei ihren zehn Fans. Eine Eigenart des Stadions sind die klappbaren Flutlichmasten, erforderlich damit die historische Silhouette der Stadt nicht gestört wird, ähnlich wie in Babelsberg. Der Winkel der Haupttribüne ist übrigens mit der steilste, den ich je in einem Stadion gesehen habe.

Dunajská Luzná – Do., 06.04.2023, 17:00

OFK Dunajská Luzná vs SK Tomasov 0:0

Futbalový stadión Jozefa Straku, 120 Zuschauer, IV. liga Bratislavský futbalový zväz
Nach Rückgabe des Mietwagens am Budapester Flughafen, brachte mich der Flixer nach Bratislava und die Regionalbahn von dort noch fünf Stationen raus nach Dunajska Luzna. Vom kleinen Bahnhof aus war es noch ein gutes Stück Fußweg, aber auf die Sekunde war ich zum Anstoß im kleinen Stadion. Der Aufwand war für ein Spiel der vierten slowakischen Liga insgesamt natürlich hoch, aber um am heutigen Tage ein Spiel sehen zu können, war es auf dem Weg nach Norden die einzig sinnvolle Option – soweit man hier diesen Begriff hier noch nutzen darf. Das Stadion zeigte sich mit zwei gemauerten Tribünen auf der einen und zwei Stahlrohr-Kunststoff-Modulen auf der anderen Seite ganz brauchbar. Auch das Spiel war erstaunlich gut anzuschauen. Fehlende Tore und der kalte Wind machten das ganze dennoch zu einer zähen Angelegenheit und ich war dankbar als endlich der Schlusspfiff ertönte. Nach dem Spiel nahm ich denselben Weg zurück nach Bratislava und von dort den Eurocity Budapest-Praha bis zum Nachtlager im tschechischen Breclav.

Subotica – Mi., 05.04.2023, 18:45

FK Spartak Subotica vs FK Crvena Zvezda 1:4

Gradski Stadion, 2.500 Zuschauer, SuperLiga
Auf meiner im Hinterkopf befindlichen To-do-Liste stand auch der alte Ranz-Kabachel im nordserbischen Subotica, wo am heutigen Abend die Roten Sterne aus der Hauptstadt zu Gast waren. Beim Rundgang durch die Altstadt rasselte ich beinahe direkt in den Gäste-Corteo. Zvezda hat ja fast überall im Land seine Fans und die großen Gruppen rund um die ‚Delije‘ fahren auch überall hin mit, so dass auch heute der Away-Sektor gut gefüllt war. Die ‚Blue Marines‘ der Gastgeber betraten das Stadion erst zur zehnten Minute, da hatten sie schon die frühe Zvezda-Führung nach fünf Minuten und den überraschenden Ausgleich ihres Teams nur zwei Minuten später verpasst. Der designierte Meister zeigte sich nur kurz irritiert, schüttelte sich und brachte die Partie bei den vom Abstieg bedrohten Spartakianern sicher nach Hause. Eine Bengal-Show durfte bei den Gästen, die von einigen Freunden von Spartak Moskau unterstützt wurden, natürlich auch nicht fehlen. Ich mag Zvezda ja prinzipiell und ich mag auch das Land Serbien. Die politische Einstellung der ‚Delije‘ und des Großteils des serbischen Volkes geht mir aber kolossal auf den Sack. Eine mitten in Europa beheimatete Nation, die Russland näher ist als Europa, stößt bei mir auf wenig Verständnis. Aber lassen wir das… insgesamt jedenfalls ein solider Auftritt der Sterne-Kurve, allerdings wurde eher ein Standardprogramm abgespult. Auch die etwa 80 Leute in der Heimkurve unterstützen ihre Mannschaft konsequent, hatten aber gegen die rot-weiße Übermacht natürlich wenig zu bestellen.

Arad – Di., 04.04.2023, 19:00

UTA Arad vs FC U Craiova 1948 1:0

Stadion Francisc Neuman, 6.000 Zuschauer, Cupa Romaniei Viertelfinale
Der Flug war insgesamt ruhig, die Zwischenlandung in Cotonou nervte aber etwas, dort stiegen Dutzende Muselmane auf dem Weg nach Mekka ein. Die waren wohl auch das erste Mal in einem Flieger – unfassbar, wie lange es dauerte bis endlich mal alle saßen. Ich konnte ganz gut pennen, gelingt mir in der Luft auch nicht oft. Ein wenig verspätet in Cotonou gestartet, war ich besorgt, dass es in Istanbul bei nur einer Stunde Transfer-Zeit für den Anschluss nach Budapest knapp werden würde. Wir landeten dann eine halbe Stunde vor der planmäßigen Ankunftszeit, aber es dauert ohne Übertreibung 25 Minuten bis wir endlich an einem Terminalfinger andockten. Einfach alles zu groß dort. Ausstieg an Gate F6, weiter ging es von A4D, einen weiteren Weg durchs Terminal gibt es kaum an diesem Flughafen-Monster. Passte aber letztlich. Nach dem Einstieg in den Ground-Transfer-Bus fuhren wir einmal um den ganzen Riesen-Komplex herum und starteten vom Flugfeld vor Terminal G, direkt benachbart zu F, wo ich ausgestiegen war. This is Africa? Nein, this is natürlich Turkey, aber da läuft ja auch manches anders.
In Budapest wurde schnell der Mietwagen übernommen und ab nach Rumänien. Etwas knapp wurde es doch. Um zwanzig nach sechs checkte ich in die Unterkunft ein, zog mich schnell um und fuhr die kurze Strecke zum Stadion, das ich zehn Minuten vor Anpfiff betrat. Unfassbar kalt war es bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, ich hatte zwar lange Sachen für die letzte Woche der Tour eingepackt, aber auf arktische Verhältnisse war ich natürlich nicht vorbereitet. UTA hat vor einigen Jahren ein neues Stadion bekommen, welches an selber Stelle wie sein Vorgänger erbaut wurde. Mit vier unverbundenen Tribünen und gewölbten Dächern hebt es sich deutlich vom klassischen Stadionbau ab. Pokal-Viertelfinale war angesagt. Beim Gastverein ist die Entstehungsgeschichte kompliziert, wie so oft im rumänischen Fußball. Als der FC Universitatea Craiova vor knapp zehn Jahren aufgelöst wurde, gründeten sich mit CSU Craiova und dem FC U Craiova 1948 zwei Nachfolge-Vereine, die beide die Geschichte des alten Clubs für sich beanspruchen. Beide Vereine werden vernünftig supportet, welcher Club nun den höheren Anspruch auf die Historie besitzt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Gäste waren keine angereist. Ich hatte zwar auch nicht mit einem vollen Block gerechnet, aber das überhaupt niemand kam, überraschte mich doch. Es liegen zwar unbequeme über Landstraßen zu bewältigende 400 Kilometer zwischen beiden Städten, die unter der Woche an den Kräften zehren, aber in einem fortgeschrittenen Pokal-Wettbewerb hatte ich schon einige Away-Sups erwartet. Die Heimkurve war aber auch ohne Gegner gut aufgelegt und zog als Intro eine Choreo hoch, die sich mit der Vereinsgründung befasste. Dahinter wurde Pyro gezündet, welches nach und nach das ganze Stadion einnebelte. Sah gut aus. Der Support war danach überraschend gut und laut, vor allem wenn die Gegengerade mit einstieg. Die gebogene Dachkonstruktion schien die Akustik auch noch zu verbessern. Der FC U war zunächst das aktivere Team, aber UTA konnte nach einem Konter früh in Führung gehen und das Spiel danach ausgeglichen gestalten. Die besseren Chancen blieben auf Seiten der Gastgeber, welche aber ungenutzt blieben, was das Ergebnis jedoch nicht mehr negativ beeinflusste. Ein durchaus verdienter Sieg für UTA.

Yamoussoukro – So., 02.04.2023, 16:00

ASEC Mimosas vs Rivers United FC 1:0

Stade de Yamoussoukro, 4.000 Zuschauer, CAF Confederation Cup Gruppenphase
„Seid morgen früh um 7:00 Uhr hier, dann könnt ihr Tickets kaufen“ war am Vortag die Info, als ich nach Ankunft am Vortag schon mal Plätze für den Bus nach Yamoussoukro kaufen wollte. Liest sich einfach, war für uns mit nur zehn Worten Französisch-Wissen aber natürlich ein Akt der Geduld die Info zu verstehen. Ungeklärt blieb ob der Bus nun um 7:00 Uhr fährt, was ich aufgrund benannter Information vermutete, oder um 8:00 Uhr, gemäß Aussage des UTB-Facebook-Menschen – der Facebook-Support funktionierte tatsächlich gut – den ich vorab mit Fragen gequält hatte. Wir waren vorsichtshalber in der Morgendämmerung um halb sieben da, die Lösung lautete dann Abfahrt um 7:30 Uhr. Ich hatte befürchtet, dass für die 140 Kilometer locker vier bis fünf Stunden fällig seien, aber obwohl die Strecke über Nebenstraßen teils abenteuerliche Schlaglöcher im Angebot hatte, in die beinahe der ganze Bus reinpasste, machte der Fahrer, der einen Anzug trug und damit bestgekleidete Person im vollbesetzten Fahrzeug war, einen exzellenten Job und lieferte uns nach weniger als drei Stunden am Ziel ab. Erneut stellte sich die Übernachtungs-Frage und da uns in Gagnoa ein Flyer darauf hingewiesen hatte, dass es auch in Yakro, wie die Stadt hier kurz genannt wird, ein Aho-Hotel gibt, steuerten wir dieses an. Dort war auch die günstigste Zimmerkategorie zu haben und so buchten wir zwei Räume für je 15.000 Einheiten des Westafrika-Gerümpel.
Yakro hatte in den 50er Jahren nur 500 Einwohner, ist bis heute auf 400.000 Menschen angeschwollen, wurde 1983 zur Hauptstadt und hat touristisch sogar einiges im Angebot. Da die Zeit etwas dahingegangen war, blieb für uns nur noch der Besuch der Pflicht-Attraktion. Die Basilika ‚Notre Dame de la Paix‘ ist dem Petersdom im Vatikan nachempfunden. Durch das aufgesetzte Kreuz erreicht die durch Papst Johannes Paul II. geweihte Kirche sogar etwas mehr Höhe als das Vorbild, hat allerdings deutlich weniger Fassungsvermögen. Dennoch wirkt das auf einem riesigen Gelände am Stadtrand in die Steppe gepflasterte Bauwerk einfach nur surreal. Italienischer Marmor und französisches Glasmosaik wurden verbaut. Präsident Houphouet-Boigny verweist stolz darauf, die Kosten von 200 Mio Euro aus dem eigenen Geldsäckel bezahlt zu haben, aber woher die Staatsoberhäupter Afrikas ihr Vermögen ziehen, ist ja auch ein offenes Geheimnis. Frecherweise erntete der Wohltäter völlig überraschend Kritik für diesen Protzbau, da viele Institutionen die Kohle im Sozialhaushalt besser angelegt sahen.
Wir schnappten uns ein Taxi und ein Polizist stieg einfach mit ein, da sein Ziel am Wege lag. Unnötig zu erwähnen, dass er sich nicht an den Fahrtkosten beteiligte. Das ‚Stade de Yamoussoukro‘ war das Fahrtziel, wo das Confederation Cup-Spiel zwischen den ASEC Mimosas und den nigerianischen Gästen von Rivers United stattfand. Amicale Sportive des Employés de Commerce bedeutet das Club-Kürzel – Sportverein für kaufmännische Angestellte. Vor diesem letzten Gruppenspiel waren beide Teams bereits für das Viertelfinale qualifiziert, es ging nur noch um den Gruppensieg. Das 20.000 Zuschauer fassende Stadion wurde erst vor wenigen Jahren fertiggestellt und wird einer der Spielorte des Afrika-Cup im kommenden Januar sein. Es liegt am Stadtrand, wobei dieser eigentlich schwer zu definieren ist, denn die gesamte Stadt wurde sehr großzügig geplant und erscheint vom Grundmuster her mit breiten, teils sechsspurigen Straßen fast wie eine sozialistische Metropole. Meine Erwartung von überschaubaren etwa 4.000 Zuschauern wurde erfüllt. Da das ‚Stade Robert Champroux‘ in Abidjan für internationale Spiele nicht ausreicht, muss ASEC die internationalen Spiele hier im Exil absolvieren, aber der Verein hat im ganzen Land seine Fans.
Ein Dutzend Gästefans machte trommelnd und trompetend auf sich aufmerksam. Die ASEC-Kurve sah da schon deutlich besser aus. Es bildete sich ein ganzer Block von Aktiven mit voller Kapelle und drei verteilt stehenden Megafon-Leuten. Die Rhythmen und Gesänge klangen natürlich ungewohnt, haben mir aber richtig gut gefallen. ‚Le mur jaune‘ nennt sich die Kurve – ‚die gelbe Wand‘. Von hier haben die Dortmunder also den Namen ihrer Tribüne geklaut! Die kaufmännischen Angestellten gingen schon in der zweiten Minute in Führung – der Treffer des Tages, was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnten. Das Spiel war attraktiv und schnell und sogar die theatralische Schauspielerei hielt sich in Grenzen. Bis auf die letzten zehn Minuten war ASEC das bessere Team und landete einen verdienten Sieg. Für die Schlussphase begaben wir uns hinter den Stimmungsblock, aus nächster Nähe war das alles noch unterhaltsamer. Nach dem Schlusspfiff feierten wir noch die Mannschaft und begaben uns dann auf Schusters Rappen – natürlich wurde für die 4.000 Leute außer ein paar Taxen kein Transport angeboten – zusammen mit der ganzen Karawane zurück in die Stadt und verzehrten in einem Restaurant ein paar Fleischspieße. Unweit davon ließen wir uns dann in einer Bar nieder und schnallten uns am letzten Abend ganz ordentlich einen um.
Schön, dass diese Nacht ein wenig mehr Schlaf drin war. Der für 11:00 Uhr gebuchte Bus fuhr schon um halb elf los oder hatten wir einfach einen früheren betreten? Wird man nie mehr herausfinden. Die Strecke zwischen Abidjan und Yakro ist durchgehend mindestens zweispurig ausgebaut, die Fahrzeit wurde mit drei Stunden angegeben. Grundsätzlich waren wir auch nach drei Stunden in Abidjan, dann wurde es aber wild und für die letzten 500 Meter benötigten wir im tagsüber völlig chaotischen Adjamé eine halbe Stunde und das ist nicht übertrieben. Minibusse, Taxen, Lkw, Busse fuhren ohne Plan durcheinander, jeder war nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Dazwischen wuselten unzählige Verkäufer, Träger und Kunden hin und her, es ging immer nur Meter für Meter voran. Ich bewunderte den Fahrer für seine Geduld und vor allem für die Fähigkeit, das unübersichtliche Gefährt auf engstem Raum millimetergenau unfallfrei zu manövrieren. Diese Situation war beispielhaft dafür, warum der Kontinent einfach nicht vorankommt. Logisches Denken, Reflexion und nachhaltige Planung bleiben allzu oft auf der Strecke. Warum tun sich die Busgesellschaften das krasse Durcheinander in diesem Stadtteil jeden Tag an? Die Busunternehmen müssen raus da, es muss dezentralisiert werden, damit würde viel Zeit und dadurch auch Geld gespart, aber dann wäre es halt auch nicht Afrika. Wir ließen uns in die gewohnte Hood chauffieren, durften dankbarer Weise unser Gepäck im Hotel in Marcory lassen, aßen ein Hühnchen und tranken voller Wehmut noch zwei, drei finale Biere in der Stammbar der Vortage. Dann hieß es Abschied nehmen und wir nutzten ein letztes Mal Yango. Daniels Air France-Flug ging eine Stunde vor meinem. Turkish Airlines hob dann etwas verspätet gegen 22::00 Uhr mit mir gen Bosporus ab. Au revoir, Afrique. Schön war es, ich mag Dich und Dein geordnetes Chaos, aber zugegeben reicht es nach zwei Wochen auch erst mal wieder.