Suhl – Sa., 31.10.2020, 14:00

1.Suhler SV 06 vs FSV 06 Eintracht Hildburghausen 2:1

Auestadion, 156 Zuschauer, Landesklasse Thüringen Staffel 3
Selbst die Hools aus Liverpool haben Angst vor Motor Suhl! Dass ich diese Nahtod-Erfahrung überhaupt machen durfte, hatte einzig und allein der alles beherrschende Virus zu verantworten. Zunächst zeichnete sich ab, dass immer mehr Kreise und Verbände den Spielbetrieb bereits aussetzen würden, obwohl die neuerlichen Beschränkungen erst ab Montag gelten sollten. Daher schien der Blick in die östlichen Regionen ratsam, da die Lage dort noch weniger instabil war und die Verbände gewillt schienen, das letzten Wochenende vor der staatlich angeordneten Amateursport-Pause für den Spielbetrieb zu nutzen. Ursprünglich sollte es dann heute zu Viktoria Berlin gehen, das Regionalliga-Spiel wurde aber wegen einer CoVid-Diagnose eines Spielers abgesagt. Kein Problem, denn mit dem Spiel des 1.FC Frankfurt/Oder war eine gute Alternative gegeben. Aber auch bei dessen Gegner wütete kurzfristig das Virus, was zur Spielabsage führte. Dann halt Blau-Weiß 90, immerhin ein ehemaliger Bundesligist, im schönen Volksparkstadion Mariendorf, dort war aber der Rasen unbespielbar und der Kunstrasenplatz der eigentlich genutzten Anlage des Vereins, auf den verlegt wurde, wenig attraktiv. Dazu sollte die Partie wegen des gefährlichen Gegners Hansa Rostock unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Wohlgemerkt der zweiten Mannschaft des FC Hansa!! Paranoia alléz! Also musste wohl oder übel, die Richtung geändert, und andere Bundesländer in die Verlosung genommen werden. Anker Wismar schien attraktiv, aber in der Gegend bot sich bei eventueller plötzlicher Absage keine vernünftige Alternative. Sachsen schien die Lösung zu sein, aber die Kickers Markkleeberg mussten ohne Zuschauer auskommen, das örtliche Gesundheitsamt wollte es so. Bei Frischauf Wurzen wäre das bestimmt anders, dachte ich, aber das war auch nur meine Meinung, denn auch hier waren keine Besucher erlaubt. Das alles konnte online eruiert werden – immerhin.
Tief in Thüringen, einem der wenigen nicht ganz so stark von Infektionen betroffenen Landstriche, wurde ich dann fündig. Beim 1.Suhler SV 06 wurde ohne große Aufregung die angesetzte Landesklasse-Partie geplant. Nebenbei hätte es bei nicht zu später Absage brauchbare Alternativen gegeben. Der Suhler SV ist der Nachfolgeverein des DDR-Clubs BSG Motor Suhl, der es Mitte der 80er Jahre gar für eine Saison in die DDR-Oberliga schaffte. Ein One-Hit-Wonder im Tasmania Berlin-Style. Mit nur fünf Punkten und einem Sieg aus 26 Spielen stiegen die Thüringer sang- und klanglos wieder ab. Die BSG gehörte übrigens dem Motorenwerk Simson, in dem das DDR-Kult-Moped ‚Schwalbe‘ hergestellt wurde. Nach der Wende nahm die Betriebssportgemeinschaft den Nahmen 1.Suhler SV 06 an, den der Verein schon vor dem zweiten Weltkrieg trug. Dessen Auestadion ist in der DDR-Zeit hängen geblieben. Unverkennbare Merkmale des nostalgischen Rundes sind die noch funktionstüchtige alte Anzeigetafel, die antiquierte Lautsprecheranlage und der charakteristische Sprecherturm. Auch die verwitterten Stufen erzählen DDR-Fußballgeschichte. Auf ihre eigene Art zeigt sich eine wundervolle Spielstätte. Bis vor wenigen Jahren türmte sich hinter einer der Geraden ein utopisch monströser Plattenbau-Riese auf, der dem Stadion eine ganz spezielle Kulisse gab, der aber rückstandslos (und auch rücksichtslos) abgerissen wurde. Dass der Bau weggerissen wurde, hat sicherlich auch mit dem Einwohnerschwund der Stadt zu tun. Im Vergleich zur Vorwendezeit hat Suhl gerade mal noch knapp 60% seiner Einwohner. Die Gegend – so schön sie landschaftlich auch ist – gehört zu den strukturschwachen der Republik.