Stadion auf der Waldau, 5.360 Zuschauer, Regionalliga Südwest
Vor fast 30 Jahren war ich zum bisher einzigen Mal in Stuttgart-Degerloch. Damals verbrachten wir das Wochenende bei der Freundin eines Kumpels in Mainz und reisten von dort zum Auswärtsspiel des glorreichen RWE auf die Waldau. Mit dem Einser Golf-Cabrio des Mädels fuhren wir zu sechst(!) ins Schwabenland. Es war früh im Jahr und die Dame nutzte das sonnige Wetter um offen zu reisen. Bei sechs Fahrzeug-Insassen saß einer im Kofferraum und es war reines Glück, dass wir nach Ankunft nicht dessen steifgefrorene Leiche aus dem Heck bergen mussten. Leck mich am Arsch, das war ja schon auf der Rückbank arschkalt. Ich weiß auch gar nicht, warum ich mir so lange Zeit gelassen habe, mal wieder nach Degerloch zurückzukehren. Eigentlich ist das der Fußball, den ich mag. Ein einfaches, reines Fußballstadion ohne viel Schnickschnack, zwei gedeckte Geraden, zwei ungedeckte Hintertor-Tribünen. Natürlich, der Haupttribüne ist irgendwann mal ein Businessbereich zugelaufen, ohne diesen geht es heutzutage ja nicht mal mehr in der Regionalliga, zumindest wenn der Nutzer des Stadions ambitioniert ist. Aber sonst ist das der Fussi, der noch nicht komplett vom Kommerz und Marketing versaut worden ist und die ‚Blauen‘ sind auch nicht kaputtzubekommen, schaffen es, sich trotz der erdrückenden Übermacht aus Bad Cannstatt in der Stadt zu behaupten und haben ihr Stammpublikum nie verloren. Allerdings ist der Stadtteil Degerloch, in dem sich das Stadion befindet und welcher zusammen mit den umliegenden Orten das Haupt-Einzugsgebiet Kickers-Anhänger ist, auch nicht so richtig Stuttgart, sondern eine ganz eigene Hood.
Die guten Zeiten unterm Fernsehturm sind aber lange vorbei. Dass der Club seit jeher im Schatten des in der Region alles überstrahlenden VfB steht, ist kein Geheimnis. Um den Dekadenwechsel der 80er in die 90er Jahre kam der Stadtteilverein dem Platzhirschen aber verdammt nah und schaffte es zwei Male in die Bundesliga. Beide Ausflüge endeten allerdings mit dem umgehenden Wiederabstieg. Es ging dann über die Jahre mit kurzzeitigen Höhenflügen runter bis in die Oberliga und die Blauen mussten sich bis zur Rückkehr auf Regionalliga-Ebene etwas gedulden. In vier Jahren wurde der Verein drei Mal Vizemeister ehe im fünften Jahr der Aufstieg erreicht wurde. Beinahe wäre dann der Durchmarsch in Liga Drei gelungen, am letzten Spieltag leistete man sich aber den entscheidenden Aussetzer. Es gibt Parallelen beim heutigen Gegner, zumindest in jüngerer Vergangenheit, denn eine Bundesliga-Historie kann dieser nicht vorweisen. Der VfR Aalen war bis Ende der 90er Jahre überregional nicht in Erscheinung getreten, qualifizierte sich dann aber für die Regionalliga und schließlich für die eingleisige dritte Liga. Von dort ging es dann sogar für drei Spielzeiten in die zweithöchste Spielklasse, eher der Verein den Rückwärtsgang einlegte und sich schlussendlich in der Oberliga wiederfand. Der erste Versuch zumindest die Regionalliga wieder zu erreichen schlug noch fehl, aber im vergangenen Sommer wurde der Aufstieg dann souverän erreicht. Und es läuft aktuell mehr als gut, denn VfR belegt momentan den Platz an der Sonne. Das hat natürlich auch die Szene beflügelt, die zahlreich an den Neckar reiste. Insgesamt fanden sich circa 400 Leute um einen etwa 150 Personen starken aktiven Block im Gästesektor ein. Die Ultras hatten sechs große, gleichgestaltete schwarz-weiße Schwenker aufgezogen, was ein gutes Bild ergab.
Im Fan-Block der Kickers waren etwa 200-250 Köpfe aktiv, so dass dem Topspiel ein angemessener Rahmen verliehen wurde. Auch im Kickers-Block gab es ein schönes Schwenkfahnen-Bild zu sehen. Die Gastgeber waren bemüht, die Kontrolle zu übernehmen, verkrampften und verhedderten sich aber irgendwie in diesen Ambitionen. Zwar waren die Stuttgarter das aktivere Team, aber die Gäste wirkten irgendwie abgezockter und sie blieben vor allem ruhig und geduldig. Viele Torraumszenen gab es auf beiden Seiten nicht zu sehen, einem Treffer am nächsten waren zunächst die Kickers, das Aluminium rettet den VfR. Und auch nach dem Seitenwechsel benötigten die Gäste die Hilfe des Torgestänges, um die Null zu halten, denn ein Kickers-Schuss von der Sechzehner-Linie klatschte an die Querlatte. Das rächte sich, denn wenige Minuten später erzielten die Aalener den Treffer des Tages. Alle Bemühungen brachten dann nichts mehr, die Gastgeber fanden keine Lösungen und der VfR vergab seine Konterchancen fahrlässig. Die Kickers müssen daher den Kontakt zur Tabellenspitze ein wenig abreißen lassen, während die Gäste diese behaupten konnten.