Rijeka – Sa., 26.09.2026, 19:17

HNK Rijeka vs 1.FC Union Berlin 0:1

Stadion Kantrida, 8.500 Zuschauer, Testspiel
2013 reiste ich für ein Wochenende nach Kroatien, um ein Spiel im traumhaft gelegenen ‚Stadion Kantrida‘, benannt nach dem gleichnamigen Stadtteil von Rijeka, und am Folgetag den kroatischen Clasico zwischen Hajduk und Dinamo zu besuchen. Bei strahlendem Sonnenschein gelandet, kippte schnell das Wetter. Während in Split aufgrund sintflutartiger Regenfälle an Fußball letztlich überhaupt nicht zu denken war, wurde in Rijeka am Vorabend noch angestoßen. Allerdings hatte es begonnen zu schneien, was vermutlich viele potentielle Stadiongänger abhielt und der Szenerie die Atmosphäre raubte. Letztlich sah ich einen traurigen Kick gegen einen uninteressanten Gegner vor knapp 1.000 Zuschauern im Schneetreiben. Dass es dabei nicht bleiben konnte war klar. Also nahm ich mir eine Rückkehr vor, aber 2015 verließ der HNK Rijeka dann Kantrida und zog um nach Rujevica. Das sollte eigentlich eine Übergangslösung sein, um in Kantrida einen Um- oder Neubau des in die Jahre gekommenen Stadions zu ermöglichen. Der Leser ahnt es schon – passiert ist in Kantrida seitdem überhaupt gar nichts. Das Stadion wird aktuell durch den Zweitligisten aus dem benachbarten Opatija genutzt, der nur wenige Anhänger dorthin locken kann. Der HNK Rijeka ist dort schon lange nicht mehr aufgelaufen.
Zufällig schnappte ich vor ein paar Wochen auf, dass Union Berlin in der Länderspielpause nach Rijeka reisen würde, um dem Karriere-Ende von Damir Kreilach, einem verdienten Spieler, der für beide Clubs lange Jahre aufgelaufen ist, einen würdigen Rahmen zu verleihen. Als Spielort wurde das Stadion Kantrida auserkoren, so dass der HNK Rijeka zum ersten Mal seit gut sechs Jahren wieder dort antreten sollte, was vom Publikum natürlich gut angenommen wurde. Das Stadion gibt es – natürlich nicht in der heutigen Bauweise – an dieser Stelle schon weit über 100 Jahre. Erbaut wurde es in einem alten Steinbruch direkt an die Felswand angelehnt. Nicht weit hinter der Haupttribüne auf der anderen Seite brandet die Adria an die kroatische Küstenlinie. Die Organisation dieser Veranstaltung oblag übrigens der ‚Armada‘, der großen Ultra-Gruppierung des Vereins, welche den Anstoß auf die ungewöhnliche Uhrzeit 19:17 Uhr festlegte. Kreilach, bei beiden Vereinen zeitweise Team-Kapitän, hatte bei Union die Rückennummer 19 und in Rijeka die Nummer 17 inne. Die Spielzeit wurde auf 87 Minuten festgesetzt, angelehnt an das Gründungsjahr 1987 der Armada. Die Gäste hatten ihr Kontingent von 850 Karten ausverkauft, weitere Unioner hatten sich mit Tickets für die Haupttribüne eingedeckt. Die flache Gegentribüne war der einzige Bereich, der nicht geöffnet wurde, ansonsten füllte sich das Stadion ordentlich.
Nach dem offiziellen Teil, in dem die Führungsmitglieder der Ultra-Gruppen beider Teams Geschenke an Kreilach überreichten, gehörte das Intro zunächst den Berlinern. Am Zaun prangte ein dickes ‚Eisern Union‘-Banner mit der ergänzenden Aufschrift in Kreilachs Muttersprache „Und vergiss niemals…“, darunter wurde der Hauptprotagonist dieses Abends als Fußballgott gefeiert. Der Block zeigte eine Zettel-Choreo, wobei die einzelnen Zettel Kreilachs Rückennummer 19 zeigten. Schließlich wurde eine Blockfahne hochgezogen, welche Kreilachs Konterfei im Union-Trikot zeigte. Das Zünden von einigen Fackeln rundete die Aktion ab. Die Armada ließ sich eine Viertelstunde Zeit und legte dann umso heftiger los. Zunächst wurde die Kurve mittels Zettel-Choreo in Blau getaucht. Dann wurde eine Blockfahne hochgezogen, die jubelnde Fans hinter einem vermummten ‚Armadisten‘ zeigte, und dazu Pyrotechnik in allen Variationen abgebrannt. Blauer und weißer Rauch stieg in den Himmel, weiße und rote Fackeln wurden gezündet, Blinker erleuchteten die Dunkelheit. Und auf der Tartanbahn gingen unfassbar fette Böller hoch, die explodierten wie Silvesterraketen. Krank. Damit war dann auch alles erlaubt, ständig brannte es rechts oder links, und in der Heimkurve rumste auch noch ab und an wieder mal ein Böller. Vom Spiel bekam ich kaum was mit.
Aber das war ja auch nicht der primäre Grund der Anreise, der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Union durch ein frühes Tor mit dem kleinstmöglichen Sieg-Resultat gewann. Die wenigen Phasen in denen ich aufs Spiel achtete, erweckten auch nicht den Eindruck eine rassige Angelegenheit zu verpassen. Mitte der ersten Hälfte zeigte der Gästeblock Spruchbänder mit der Aufschrift „Samo je jedno mjesto vas dom – povrotak na Kantridu“, was so viel heißt wie „Es gibt nur einen Ort der Deine Heimat ist – Rückkehr nach Kantrida“. Schöne Aktion, die vom kroatischen Publikum natürlich mit Applaus bedacht wurde. Nach dem Abpfiff ließ sich Kreilach noch von den beiden Kurven feiern. Der erste Gang führte zur Armada und vermutlich jeder außerhalb der Kurve dachte wohl: „Bitte keine Kracher mehr einsetzen!“. Ein solcher explodierte dann aber mitten in der Kurve und durch den Schreck, möglicherweise auch die Druckwelle, flogen die unmittelbar dort stehenden Leute durcheinander. Aber auf dem Balkan gehen die Pyro-Uhren anders, wirklich aufgeregt hat es keinen, für meinen Geschmack ist es das klare Überschreiten einer Linie, das geht gar nicht, zumal sich auch viele Kinder in der Kurve aufhielten. Zurück in der City verzog ich mich mit einer 2-Liter-Granate ‚Ozujsko‘ ins Apartment und ließ die feurige Nummer Revue passieren.