Essen – Sa., 14.05.2022, 14:00

Rot-Weiss Essen vs Rot-Weiss Ahlen 2:0

Stadion an der Hafenstraße, 16.650 Zuschauer, Regionalliga West
Was für ein Wahnsinns-Tag! Und was haben wir uns diesen Tag Jahr für Jahr herbeigesehnt! 14 Jahre ist es her, dass der glorreiche RWE nach einem skandalträchtigen Spiel die Qualifikation für die eingleisige Dritte Liga verpasste. Und wirklich niemand hätte damals erwartet, dass es bis zum heutigen Tage dauern würde, bis der Deutsche Meister von 1955 wieder mindestens drittklassig spielen würde. Als ich morgens aufstand, verspürte ich keinerlei Nervosität. Eigentlich ungewöhnlich, da mich mein Verein in den letzten Jahren zum Pessimisten umgeschult hat. Aber es war ganz klar – wenn die Truppe mit der Einstellung aus der Vorwoche auf den Platz geht, brauchte man vor nichts und niemandem Angst haben. Mit der Gattin fuhr ich mit dem Bus zu Kumpel Malo. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich es das letzte Mal erlebt habe, dass an jeder, aber wirklich jeder Haltestelle irgendwer im RWE-Trikot zustieg. Mit nem Stauder in der Hand näherten wir uns zu Fuß der Hafenstraße und das erinnerte an alte Zeiten. Schon geil, was da los war. Die berühmte Kreuzung belebt wie lange nicht, das Hafenstübchen total belagert, aus dem Stadion drangen schon eine Stunde vor dem Spiel lautstarke Gesänge. Gänsehaut bei 24 Grad, das machte Bock auf mehr!
Auch im Stadion hielt sich meine Nervosität in Grenzen, die Vorfreude auf das, was erreicht werden konnte, überwog deutlich. Die Bude war natürlich unter aktuellen Bedingungen ausverkauft, das Knistern lag in der Luft, man spürte, dass nur ein Funke nötig war und die Hütte fliegt auseinander. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele Bekannte ich getroffen habe, mit wem ich alles gequatscht habe, es war einfach eine großartige Atmosphäre rund um dieses Spiel. Die Ultra-Fraktion hatte eine aufwändige Choreo über zwei Tribünen auf die Beine gestellt, die auch optimal funktionierte. Sah wohl gut aus, die Bilder zeigten es nachher, ich war halt selbst mit darunter und konnte nur mühsam ein Foto schießen. Von allen Seiten wurde Bier ran geschleppt, wer zum Bierstand aufbrach, fragte gar nicht mehr, sondern brachte mit, so viel er tragen konnte. Der Durst war groß und am Ende vielleicht sogar zu groß.
Die Bedingungen waren klar. Von einem Sieg ausgehend, durfte Preußen Münster sein Spiel maximal zwei Tore höher gewinnen und dann wären die Roten dennoch aufgestiegen. Von Sekunde eins an herrschte dann exzellente Stimmung. Es war laut, es war brachial, es war euphorisch. Die 100 Mann aus Ahlen waren nur eine Randnotiz, wurden nie gehört. Die Roten brauchten zehn Minuten, um ins Spiel zu kommen. Der Beginn war sehr nervös, aber die Kulisse gab dem Team spürbar Sicherheit und dann nahm das rot-weisse Schiff den richtigen Kurs auf. Es ging nur noch in Richtung Gäste-Tor und nach einer knappen halben Stunde war es dann soweit, Harenbrock nickte eine Flanke von Kefkir zur Führung ins Tor. Ausrasten, Ekstase, Ausnahmezustand, die Hafenstraße kochte! Als dann kurz vor dem Seitenwechsel durchsickerte, dass die Preußen zurückliegen, gab dieses zusätzliche Sicherheit. Ich kann zum weiteren Spielverlauf gar nicht mehr viel schreiben, befand mich ein wenig wie in einem Tunnel, natürlich hatte auch das gute Zeug von Jacob Stauder seinen Anteil daran. Tormaschine Engelmann köpfte nach einer Stunde zur 2:0-Führung ein und danach gab es noch mindestens ein halbes Dutzend weitere gute Chancen, während die Gäste nicht einen Hauch von Torgefahr ausstrahlten. Der Schlusspfiff kam für mich irgendwie aus dem Nichts und der RWE hatte das große Ziel erreicht – dass die Preußen ihr Spiel noch in einen Sieg gedreht hatten, fiel nicht mehr ins Gewicht.
Ich fühlte mich völlig überwältigt, wusste gar nicht so richtig wohin mit mir. Der ersehnte, große Moment, auf den man sich ja so sehr gefreut hatte, war irgendwie schwer zu greifen, ich hatte Mühe, mich zu fokussieren. Prinzipiell begreife ich die RWE-Spiele ja recht sachlich und hatte nicht erwartet, dass mich dieser ganze geile Scheiß noch einmal so emotional verschlingen würde. So kann man sich in sich selbst täuschen. Eigentlich wurde erst in diesem Moment bewusst, welche Bedeutung dieser Aufstieg, für den Verein, für die Stadt und seine Menschen hat! So nebensächlich Fußball ja auch ist, so wichtig ist er doch! Den Platzsturm sparten wir uns – man wird ja nicht jünger – und schauten uns die Geschichte und die Übergabe des Meisterpokals durch den Verbands-Fuzzi etwas benommen von der Tribüne aus an. Zwischendurch zog ich mich mal allein in die oberste Sitzreihe zurück und versuchte zu begreifen, was hier gerade passiert war und weiter passiert. Das hat mich an das DFB-Pokalfinale in Berlin 1994 erinnert, das übrigens auf den Tag genau 28 Jahre zurücklag, denn nach diesem ja leider verlorenen Spiel brauchte ich auch erst einmal ein paar Minuten für mich allein. Irgendwann – das Zeitgefühl war längst verloren gegangen – machten wir uns in aller Ruhe auf den Heimweg.
Ich war nicht mehr in der Lage, den Fan-Marsch in der Innenstadt oder irgendwelche Feierlichkeiten wo auch immer mitzumachen. Ich war fix und alle vom Erlebten und bekam auch zu Hause die Gedanken nur mühsam sortiert. Irgendwie ging dieser Nachmittag viel zu schnell vorbei, ich hatte richtig Mühe, alles aufzusaugen. Diese paar Stunden, die man sich seit Jahren sehnlichst gewünscht hatte, hätten eigentlich Tage dauern müssen, um dem Erlebnis gerecht zu werden. Ich kam daheim nicht mal mehr auf die Idee, mir noch ein Bier aufzuknipsen. Was für eine Saison! Kein Böllerwurf mit Punktverlust am Grünen Tisch, keine Störfeuer aus Münster, keine Unruhen um entmachtete Mannschaftskapitäne, kein Trainerwechsel kurz vor Saisonende und auch nicht die schon fast traditionelle Schwächephase im März konnten den RWE letztlich vom Weg abbringen. Nun also nicht mehr Homberg, nicht mehr Wegberg oder Rödinghausen, sondern Mannheim, Halle und München. Tschüss Schweineliga, hoffentlich auf Nimmerwiedersehen! Die Zeiten, sich von irgendwelchen Dorf-Deppen provozieren lassen zu müssen, sind hoffentlich für immer vorbei. Ich habe gar keine großen Erwartungen, sehne mich nicht nach Zweiter Liga oder gar Bundesliga. Mein Wunsch war es immer, meinem Verein einfach wieder Deutschlandweit hinterher fahren zu können, statt jedes Jahr dieselben kurzen Wege bemühen zu müssen. RWE ist wieder auf der großen Fußball-Landkarte zu finden und der Fußballgott möge gnädig sein, dass sich das nie mehr ändert. Nur der RWE!!!