Großaspach – Sa., 02.05.2026, 16:30

VfB Stuttgart U21 vs Rot-Weiss Essen 6:1

Sportpark Fautenhau, 3.350 Zuschauer, 3.Liga
Es gab keine Ausreden mehr, heute musste alles rein in die Waagschale wenn die Chance, den Aufstieg aus eigener Kraft zu erreichen nicht aus der Hand gegeben werden sollte. Aber wenn man glaubt, man hat mit dem Verein seines Herzens schon alles erlebt, wird man von Zeit zu Zeit doch noch eines Besseren belehrt. Auf alle Eventualitäten eingestellt, übertraf dieses Spiel alle Szenarien, die so im Kopf herumgeisterten – eigentlich war ich auf alles Denkbare vorbereitet. Eine recht schwache Saison der Schwaben konnte mich nicht täuschen, die Mannschaft ist durchaus stark besetzt. Die Roten übernahmen dann aber sofort die Spielkontrolle, ließen den Ball sicher laufen. Im gegnerischen Sechzehner fehlte aber die Präsenz, weil die VfB-Reserve konzentriert verteidigte und die Räume clever eng machte. Die nominellen Gastgeber in ihrem selbst gewählten Exil in Andrea Bergs Heimat, dem Stadion der SG Sonnenhof,  versuchten über schnelle Konter gefährlich zu werden, erste Warnschüsse wurden aber geblockt oder verfehlten das Ziel. Die wenigen Versuche des RWE waren allesamt zu ungestüm und ungenau. Mitte der ersten Hälfte nahm das Schicksal dann seinen Lauf. Der für den (wieder mal) gelbgesperrten Gjasula agierende Reisig brachte Sessa knapp an der Strafraumgrenze, aber eben innerhalb dessen dämlich und ungestüm zu Fall. Der Gefoulte trat selber an. Golz, der ja eigentlich nie auch nur ansatzweise suggeriert, mal einen Elfer zu halten, war dann am gut geschossenen Ball dran, konnte den Einschlag aber nicht verhindern.
Das machte sichtbar etwas mit der Mannschaft, die Verunsicherung war nun greifbar. Mizuta hatte zwar die Chance zum Ausgleich, der VfB-Schlussmann hielt aber stark. Es war zu spüren, dass die Elf in Rot und Weiss nun gehemmt agierte, auch wenn das Bemühen sicherlich nicht abzusprechen war. Dem Team ist durch die jüngste Ergebnis-Entwicklung aber jegliches Selbstvertrauen abhanden gekommen. Das größte Manko ist jedoch, dass die Truppe einfach nicht aus ihrer Haut kommt. Ein Spitzenteam ist in der Lage – und die aktuellen Kontrahenten aus Cottbus und Duisburg können das – in ausweglosen Situationen, jegliche taktische Ausrichtung und alle guten Manieren abzulegen und mit dem Herz in der Hand einfach Gas zu geben und den Instinkten zu folgen. Diese aktuelle RWE-Mannschaft kann das nicht. Es sind sicherlich alles gute Fußballer, aber es fehlt Wut und Feuer, in scheinbar ausweglosen Lagen mit dem Rücken zur Wand ums Überleben zu kämpfen. Das ist auch der entscheidende Faktor, warum es am Ende wahrscheinlich nicht reichen wird. Dabei blieb der RWE das aktivere Team, aber eben völlig ineffizient. Dem Gegner wurde dagegen kurz vor der Halbzeitpause noch mal zu viel Raum gewährt und Sessa dankte es mit seinem zweiten Treffer, indem er die Kirsche aus über zwanzig Metern ins lange Eck zirkelte. Nichts zu halten für Golz, aber zu dieser Situation darf es ja gar nicht erst kommen!
Interessant übrigens, dass die VfB-Spieler bei den Toren kaum Freude zeigten, als ob es sich um ein Trainingsspiel handelte. Mitleid mit den Roten wird es kaum gewesen sein, da kann man schon eher glauben, dass es den Profi-Reserven eh scheißegal ist, ob sie siegen oder verlieren, es geht ja auch irgendwie um nix für diese überflüssigen Liga-Teilnehmer. Nun hingen die Trauben natürlich umso höher. Vermutlich wird sich Coach Uwe für Durchgang Zwei auch irgendwas überlegt haben, zu sehen war davon aber nichts. Blutleer ergaben sich die Roten in ihr Schicksal, welches nun zum völligen Debakel geriet. Spätestens mit dem dritten Gegentor zehn Minuten nach Wiederanpfiff war die Nummer endgültig durch. Sämtliche vier Gegentore des zweiten Durchgangs ähnelten sich, die RWE-Defensive war den schnellen Kontern durch fehlendes Stellungsspiel überhaupt nicht gewachsen und wirkte wie festgebunden. Golz war die ärmste Sau, sah sich vier Mal allein einem heranrauschenden Stürmer gegenüber. Arevalo, ein junger technisch starker Spanier, der perspektivisch für die erste Mannschaft verpflichtet wurde, netzte gleich drei Mal ein. Einmal wurde dieser brillant unterstützt durch einen verheerenden Rückpass von Kapitän Schulz, der sich seiner Aufgabe in den vergangenen Spielen nicht mehr gewachsen zeigt. Der einzige RWE-Treffer von Potocnik in der Nachspielzeit war natürlich nicht mehr interessant.
Es war auf eine Art beeindruckend, wie die Mannschaft in so einem wichtigen Spiel in sich zusammenfallen konnte. Die Abwehr war quasi nicht mehr existent, es ist schwer nachzuvollziehen, was da passiert ist. Knapp 3.000 mitgereiste Fans stellten die Unterstützung dann nach dem vierten Treffer ein. Unmut wurde geäußert, Beleidigungen blieben aus, vereinzelt wurden Sinnlos-Gesänge angestimmt, eine nachvollziehbare Reaktion mancher enttäuschter Anhänger. Das Team kam nach dem Schlusspfiff schweren Schrittes und durchaus nicht angstbefreit in die Kurve, die Szene zeigte aber eine gute Reaktion und versuchte die Truppe etwas aufzubauen. Der Capo holte die völlig zerstörten und recht weit vor dem Block stehenden Spieler an den Zaun und beschwor den Zusammenhalt für die verbleibenden Partien. Alles anderes wäre auch der finale Todesstoß gewesen. Wenn noch irgendwie das Wunder – und das wäre es ja nun – geschafft werden soll, geht es nur gemeinsam. Der Glaube ist nicht mehr da, aber es ist erst vorbei wenn es vorbei ist.