Brandenburg an der Havel – Sa., 17.06.2023, 15:00

BSG Stahl Brandenburg vs FSV Babelsberg 74 1:1

Stadion am Quenz, 827 Zuschauer, Landesliga Nord
Die BSG Stahl Brandenburg ist nach wie vor ein ordentliches Brett in der DDR-Fußball-Ostalgie. Das Dasein des Clubs ist in den letzten Jahren allerdings etwas verblasst, denn wie so viele Ost-Clubs hat die BSG Stahl die Wende nicht gut überstanden. Als BSV Stahl – abgetrennt vom Stammverein – qualifizierte sich der Verein zumindest für die 2.Bundesliga, stieg aus dieser aber nach nur einer Saison ab. Da sich das ebenfalls im Niedergang befindliche Stahlwerk als früherer Träger und Sponsor zurückzog, ging es auch für den Fußballverein immer weiter bergab. Das führte bis in die Zahlungsunfähigkeit, was letztlich die Auflösung zur Folge hatte. Traditions-Clubs gehen aber selten vollkommen zugrunde und so wurde mit dem FC Stahl ein unmittelbarer Nachfolger aus der Taufe gehoben. Mittlerweile wurde der Name wieder in BSG Stahl geändert. Seine beste Phase erlebte der Club in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, als die Qualifikation für den UEFA-Pokal gelang. In der zweiten Runde war aber schon Schluss gegen den IFK Göteborg, der ja in der betreffenden Saison den Pokal sensationell gegen Dundee United gewann – eine Finalpaarung, die heutzutage kaum noch möglich ist. Sämtliche Höhen und Tiefen überdauert hat das wundervolle ‚Stadion am Quenz‘ in unmittelbarer Nähe des alten Stahlwerk-Geländes. Leider wurde das schöne, alte Oval vor einigen Jahren seiner Flutlichtmasten beraubt, aber auch so versprüht es noch den Charme des alten DDR-Fußballs. Leider sind diese Spielstäten ja massiv vom Aussterben bedroht, umso schöner, dass es noch vereinzelte Perlen gibt. Im das Stadion umgebenden Viertel findet sich übrigens eine sehr schöne Graffiti-Landschaft.
Seit seiner Neugründung befindet sich die BSG Stahl in ständigem Auf und Ab zwischen sechstklassiger Verbands- und siebtklassiger Landesliga, in welcher sich der Verein seit einigen Jahren festhängt. In der aktuellen Saison lief es aber bisher sehr gut und zwei Spieltage vor Saisonende bekleidete der Verein den Platz an der Sonne. Mit einem Heimsieg im letzten Heimspiel der Saison sollte das Fundament für den Aufstieg gefestigt werden und die ordentliche Kulisse von über 800 Zuschauern fand sich mit hohen Erwartungen ein. Eine starke Zahl für einen Landesligisten. Negativ aufgefallen sind mir allerdings überproportional viele Gestalten, die ihren Rechtsextremismus auf T-Shirts oder direkt auf der Haut offen zur Schau trugen. Da tritt das oft bemühte ‚rechte‘ Problem des Bundeslandes Brandenburg wohl offen zu Tage. Ich gestehe ja jedem Bürger seine politische Meinung zu. Extremismus – egal ob nach rechts oder links – ist aber verwerflich und hat für mich auch nichts mit politischem Interesse oder Engagement zu tun. Dieses würde erfordern, sich kritisch, differenziert und konstruktiv mit Themen auseinanderzusetzen, anstelle nur plump agitatorisch und populistisch zu argumentieren, einfach nur gegen alles zu sein oder Angst und Missmut verbreiten zu wollen. Schade, dass der Verein, diesen Leuten eine Plattform bietet, indem er ihnen Zutritt gewährt.
Die BSG verfügt immer noch über eine aktive Szene, die für dieses Spiel eine Choreo vorbereitet hatte. Ein überdimensionaler Wimpel wurde unter das Tribünendach gezogen und dazu etwas Rauch in den Vereinsfarben in den Himmel entlassen. Die Mannschaft zeigte sich davon angetan und ging früh in Führung, was möglicherweise trügerische Sicherheit verlieh. Die Stahlkocher versäumten es dann das Ergebnis auszubauen, auch ein Elfmeter wurde verschossen. Dennoch war die BSG Stahl zur Halbzeit aufgestiegen, da es im parallelen Spiel des Verfolgers Fortuna Babelsberg noch torlos stand. Als die Gäste nach einer Stunde relativ unerwartet den Ausgleich erzielten, zog das dem bis dato recht kreativen Spiel der Gastgeber den Stecker. Die BSG versuchte nun die erneute Führung zu erzwingen, wurde dabei aber ungenau und packte das Brecheisen aus. Gute Einschussmöglichkeiten gab es dennoch, diese wurden aber teils dramatisch vergeben und es blieb beim Remis. Ernüchterung machte sich nach dem Schlusspfiff im Stadion breit, da bekannt wurde, dass der direkte Kontrahent sein Spiel durch zwei späte Treffer gewonnen hatte und dadurch die BSG von der Tabellenspitze verdrängte. Dennoch war das ein sehr ansprechender Fußballnachmittag.

Dessau-Roßlau – Fr., 16.06.2023, 18:30

SV Dessau 05 vs 1.FC Bitterfeld-Wolfen 0:0

Stadion am Schillerpark, 261 Zuschauer, Verbandsliga Sachsen-Anhalt
Während sich in Westdeutschland der Fußball schon weitestgehend in die Sommerpause verabschiedet hatte, wurde im Osten der Republik noch fröhlich um die letzten zu vergebenen Punkte gekickt. Also machte ich für ein Wochenende noch mal rüber und stationierte mich in Dessau, wo auch am heutigen Freitag das erste Spiel der kleinen Reise angestoßen wurde. Das Stadion am Schillerpark ist für einen Verbandsligisten schon eine recht ansehnliche Spielstätte, die sich als reines Fußballstadion mit einer überdachten Haupttribüne und Stehtraversen rundherum präsentiert. Zum Derby stellten sich die Gäste aus dem nahen Bitterfeld-Wolfen vor, es ging allerdings für beide Teams nur noch um die Ehre. Das Spiel war gar nicht so schlecht anzusehen, allerdings gingen beide Mannschaften fahrlässig mit ihren Torgelegenheiten um, so dass auf beiden Seiten am Ende die schnöde ‚Null‘ stand. Dennoch war es eine recht muntere Partie. Munter wurde es auch nach dem Spiel am Ausgang, wo sich Anhänger beider Clubs ein kleines Scharmützel lieferten. Gefühlt aus dem Nichts war aber auch schon die Staatsmacht mit einigen Beamten am Ort des Geschehens und eine Person wurde in Gewahrsam genommen. So ganz beruhigte sich die Lage aber nicht, und dass ich die Geschichte voyeuristisch mit dem Smartphone filmte, gefiel der Stasi-Truppe auch nicht sonderlich, so dass ‚freundlich gebeten‘ wurde, zu gehen. Da ich im Alter ja etwas weiser geworden bin, kam ich der ‚Bitte‘ natürlich nach, um weiteres Aufsehen zu vermeiden.

Lanchkhuti – So., 11.06.2023, 17:00

FC Guria Lanchkhuti vs FC Rustavi 2:0

Stadioni Evgrapi Shevardnadze, 150 Zuschauer, Meore Liga
Für den letzten vollen Tag hatten wir uns noch einen ganz speziellen Ort aufgehoben. Wir fuhren nach Zqaltubo, ehemals einer der bedeutendsten Kurorte der Sowjetunion. Mit dem Niedergang dieses erzwungenen Staaten-Konstruktes setzte auch in Zqaltubo der Verfall ein und es entwickelte sich über die Jahre ein einzigartiger riesiger Lost Place. Ein gutes Dutzend Sanatorien, einige einfache Hotels und Kureinrichtungen gammeln seitdem weitestgehend unberührt vor sich hin. Einige der Sanatorien wurden durch Wohnungslose okkupiert, viele davon Geflüchtete aus den abtrünnigen Landesteilen Abchasien und Südossetien, denen von der georgischen Regierung Wohnungen in Aussicht gestellt, diese aber nie verwirklicht wurden. Die Stadt soll als Kurort aber wiederbelebt werden. Einige der alten Prachtbauten wurden bereits an Investoren veräußert, es tut sich allerdings bisher wenig. In der weitläufigen Kurpark-Anlage sind zwei der Bäder nach wie vor aktiv. Sanierungsarbeiten an den Heilanstalten sind lediglich am Sanatorium Tbilisi im Gange, andere aber bereits eingezäunt, was deren Besichtigung etwas schwieriger gestaltete. Aber letztlich geht es ja immer irgendwie, natürlich unter Abwägung des Risikos. Wir schauten uns das prächtige Sanatorium Shakhtiori, das Gelati, Metalurgist, Medea und Imereti an. Teilweise mussten selbsternannte Wärter – die einen freundlich, andere weniger freundlich – umschifft werden. Außerdem mühten wir uns, in den ‚bewohnten‘ Häusern den dort unter teils zweifelhaften Bedingungen hausenden Personen ihre Ruhe zu lassen und mieden diese Bereiche, einerseits um unnötigen Ärger zu vermeiden, aber viel mehr um diesen vom Schicksal gestraften Menschen gegenüber Respekt zu zeigen. Einrichtungsgegenstände sind in den Gebäuden nicht viele zu finden, aber diese bieten dennoch fantastische Motive mit alten Speise- und Konzertsälen, Theatern, gemusterten Tapeten, völlig intakten Stuckdecken. Glanzpunkt war der mächtige Kronleuchter in der Empfangshalle des Sanatorium Metalurgist. Allein ist man in den wenigsten Häusern. Man trifft immer wieder mal auf Gleichgesinnte, diese Begegnungen sind zum Glück aber doch selten, so dass die mystisch angehauchte Atmosphäre erhalten bleibt.
Nun hätte es mit einem Drittliga-Spiel im traumhaften alten Stadion in Tkibuli nahe Kutaisi die Kirsche auf der Fußballtorte geben sollen. Dort hatte der örtliche Verein seine Spiele zuletzt auch immer absolviert. Das Spiel an diesem Wochenende wurde jedoch aus ungeklärtem Grund auf eine lieblose Plastikwiese ohne Ausbau ins über 200 Kilometer entfernte Tbilisi verlegt. Völlig unglaublich, selbst in den Gurken-Ligen Georgiens ist man vor unsinnigen Verlegungen nicht mehr sicher. Das sich alternativ anbietende Spiel in Lanchkhuti war aber kein schlechter Ersatz. Auch dort befindet sich ein betagter alter Ground, dazu noch ein besonderer, denn das ‚Evgrapi Shevardnazse Stadioni‘ gilt als das erste reine Fußballstadion ohne Laufbahn auf damaligem sowjetischen Boden. Das korrodierte Portal und die monströse ausgediente Anzeigetafel sind zwei schöne Motive, ebenso wie der Tribünen-Traum in Rost. Zu Gast waren unsere Freund aus Rustavi, die wir ja zu Beginn der Woche bei einem Heimspiel bereits gesehen hatten. Auch heute wurde wieder ein Festival an vergebenen Torchancen geboten. Hüben wie drüben fehlte vor dem Tor einfach die Kaltschnäuzigkeit, wenn die ballführenden Spieler nicht schon vorher an der Selbstverliebtheit in ihr eigenes Spiel gescheitert waren. Guria war über weite Strecken die spielbestimmendene Mannschaft, was sich dann am Ende auch am Ergebnis ablesen ließ. Nach einem fantastischen, geselligen Abend mit zwei anderen Gästen mit italienischer Herkunft in unserer idyllischen, ländlichen Unterkunft, hatten wir am folgenden Tag noch die Möglichkeit uns die Bagrati-Kathedrale in Kutaisi anzusehen, bevor uns die Low-Cost-Airline unseres Vertrauens zurück in die Heimat brachte.

Khobi – Sa., 10.06.2023, 17:00

FC Kolkheti Khobi vs FC WIT Georgia 0:1

Paata Tatarishvili Tsentraluri Stadioni, 300 Zuschauer, Evronuli Liga 2
Weiter ging die Reise zunächst über die Georgische Heerstraße in den Norden des Landes ins nur noch 20 Kilometer von der russischen Grenze entfernte, auf 1700 Metern Höhe gelegene Stepantsminda. Um diesen Ort zu erreichen muss man den Dschwari-Pass auf fast 2400 Metern überwinden. Lange wird das nicht mehr notwendig sein, denn aktuell wird an einer Umgehung mit mehreren Tunneln und Brücken gearbeitet. Auf dem Weg machten wir Halt am Denkmal der russisch-georgischen Freundschaft, mit der es nicht mehr weit her sein dürfte, wenn ich die Meinungen des überwiegenden Teils der Georgier richtig deute. Stepantsminda war damals das einzige Ziel außerhalb der Hauptstadt, welches ich besuchte, und ich hatte es gut in Erinnerung. Anziehungspunkt dieser Region ist die Kirche ‚Gergetis Sameba‘, die auf einem Bergvorsprung noch einmal knapp 500 Meter höher liegt. Hier zeigte sich schon die Entwicklung, die Georgien erlebt. Vor zehn Jahren musste man sich unten im Ort noch in einen Jeep einmieten, um die Kirche über holprige Schotterwege zu erreichen, oder diese erwandern. Heute führt eine geteerte Straße auf den Berg hinauf. Während sich mir damals hinter der Kirche das wunderbare Bergpanorama bot, war jenes dieses Mal durch tiefhängende Wolken versperrt. Aber auch dieser Anblick hatte seinen Reiz. Nach Übernachtung in Stepantsminda schraubten wir uns über die Serpentinen zurück nach unten in Richtung Gori. Gori – da war doch was… es ist der Geburtsort von Iosseb Bessarionis dse Dshughashvili. Besser bekannt ist der Mann als Josef Stalin und unmittelbar neben seinem unscheinbaren Geburtshaus, das zum Schutz überdacht wurde, steht ein pompöses Museum, welches sein Leben und Wirken erklärt. Der persönliche Eisenbahnwagen des Stählernen hat auch Platz auf dem Gelände gefunden. Weiter ging es ins Nachtquartier nach Martvili, wo wir am nächsten Morgen zunächst den kleinen aber sehenswerten Canyon besuchten, in den sich das Flüsschen Abasha eingegraben hat, bevor wir wieder ins Gebirge hinauffuhren.
Oberswanetien war das Ziel und es sollte das Highlight der Reise sein und werden. Das Tagesziel war Mestia auf 1.500 Meter, wo wir für zwei Nächte unser Lager aufschlugen. Dieser 2.000 Einwohner starke Ort ist schon stark touristisch orientiert, von dort starten verschiedene Trecking-Touren ins Hochgebirge. Wie auf den meisten Strecken in den Tagen zuvor, regierte auch auf dieser Strecke wieder die Langsamkeit. Für die 180 Kilometer von Martvili nach Mestia benötigten wir ohne Stress, aber auch ohne zu Trödeln, mit ein paar wenigen Stopps gute fünf Stunden. Bis auf eine Autobahn ab Tbilisi Richtung Schwarzmeerküste, die aber auch erst in Teilstücken vollendet ist, gibt es in Georgien nur Landstraßen, die sich mal in besserem, mal in schlechterem Zustand offenbaren. Durch das Profil des Landes bestehen die meisten Straßen nur aus Kurven, man braucht also Geduld. Am Folgetag machten wir einen Tagesausflug nach Ushguli, 45 Kilometer von Mestia entfernt. Die letzten sechs oder sieben Kilometer Straße sind unbefestigt, man rumpelt über Stock und Stein. Von Mestia aus benötigt man gute eineinhalb Stunden für die Strecke und der Weg lohnt sich. Ushguli besteht aus vier Dörfern und das höchstgelegen befindet sich auf knapp 2.200 Metern. Obersvanetien ist bekannt für seine Wehrtürme, die sich in der Vergangenheit jeder Familienclan zum Schutz vor Angriffen baute. In Ushguli schnürten wir die Wanderschuhe und machten uns ein Stück auf den Weg in Richtung des Schara-Gletschers ohne das Ziel diesen erreichen zu wollen. Das Bergpanorama mit den bis über 5.000 Meter hohen Gipfeln war bei bestem Wetter fantastisch anzusehen.
Eigentlich hätte es von Ushguli über den 2.600 Meter hohen Zagari-Pass auf anderem Wege zurück in Richtung Kutaisi gehen sollen, aber die Sache war nicht zu Ende gedacht. Die Passstraße ist natürlich unbefestigt und vorausschauend hatten wir einen Subaru-Crossover-SUV mit guter Bodenfreiheit gebucht, aber der Juni ist für solche Abenteuer einfach noch zu früh und das hätte mir auch klar sein müssen. Schmelzwasser und Regenfälle machen den Pass ohne gute Offroadbereifung unbefahrbar. Unser allradbetriebener Japaner kletterte zwar tapfer nach Ushguli hinauf, aber wir folgten dann dem Rat der Einheimischen, die uns mit Blick auf die Bereifung vom geplanten Abenteuer abrieten. Also nahmen wir nach der zweiten Nacht in Mestia denselben Weg zurück, der ja auch sehenswert genug ist, um erneut befahren zu werden. Man passiert auch den Enguri-Staudamm, die mit 271 Metern Höhe aktuell siebtgrößten Talsperre weltweit. Ziel war Khobi, wo am heutigen Samstag um Zweitliga-Punkte gekickt wurde. Das Stadion ist Traum in verrostetem Stahl, leider wurde aber vor einigen Jahren die klapprige Tribüne in einer der Kurven abgerissen, die andere verfügte seit jeher nicht über Ausbau. Dennoch bleibt das Rund besonders. Es regnete bei Spielbeginn, daher suchten wir in diesem abgeranzten, bis auf einige Ehrenplätze unüberdachten Stadion nach einem Wetterschutz und fanden diesen neben ein paar Einheimischen auf einem Stahlbetongestell, das früher einmal die Anzeigetafel war. Ein paar hundert Leute waren am Spielgeschehen interessiert, vielleicht zwei Dutzend unterstützten das Team auch akustisch mit einer Trommel und einigen Vuvuzelas. Spielerisch war es ganz okay und die Gastgeber schafften es, den Gegner aus Tbilisi beinahe 90 Minuten in die Defensive zu drängen und reichlich Chancen herauszuspielen, um dann am Ende doch zu unterliegen, da das Gäste-Team seine einzige Chance zu nutzen wusste. Dabei war diese nicht einmal selbst herausgespielt. Ein zu kurz geratener Befreiungsschlag des Torwarts wurde etwa 35 bis 40 Mieter vor dem Tor gestoppt und mit einem langen Hub über den unglücklichen Schnappnix in die Maschen gehieft. So kann’s gehen.

Rustavi – Mo., 05.06.2023, 17:00

FC Rustavi vs SFC Shturmi 1:1

Stadion Poladi, 500 Zuschauer, Meore Liga
Als ich vor zehn Jahren die drei Kaukasus-Länder Georgien, Armenien und Aserbaidschan innerhalb einer Woche bereiste, also für die einzelnen Länder viel zu wenig Zeit überblieb, wurde mir schnell klar, dass ich mindestens nach Georgien noch mal zurückkehren würde, um dieses offensichtlich schöne Land genauer kennenzulernen. Dieser Zeitpunkt war nun gekommen und so ging es mit der verehrten Frau Gemahlin auf eine zehntägige Rundreise. Fußball sollte natürlich auch dabei sein, wenn auch nicht priorisiert. Bedingt durch die bald in Georgien beginnende U21-EM wurden dann noch kurzfristig Spieltage und Spielorte der obersten Spielklasse einem ordentlichen Roulette unterzogen, so dass jede Überlegung in Sachen Erstliga-Spielen obsolet wurde. Was nicht weiter tragisch war, denn bei den wenigsten Spielen in Georgien trifft man auf eine vierstellige Zuschauerzahl und ob man dann vor ein paar hundert Leuten eine Partie der ersten oder dritten Liga sieht, ist ja zu vernachlässigen. Zudem lauern die Stadionperlen eh auf unterklassigem Niveau, aber auch diesbezüglich sollte es noch Überraschungen geben. In Kutaissi weit nach der Geisterstunde gelandet, führte unser Weg nach kurzer Nacht zunächst durch das Tal des Flusses Kura bis nach Achalziche mit der Festung Rabati. Schon auf den ersten hundert Kilometern zeigte sich Georgien nicht nur von schönster Seite, sondern auch ständig Kühe auf der Fahrbahn. Wir lernten schnell, dass man auf den Straßen dieses Landes eher mit tiefenentspanntem Nutzvieh als mit irgendwelchen Verkehrs-Rowdies rechnen muss. Nach Übernachtung in Achalziche fuhren wir zunächst zur sehenswerten Höhlenstadt Wardsia. Von dort führte die Route durch das Hochland von Dschachaweti und Kvemo Kartli mit Stopp am Tsalka-Canyon, der von der beeindruckenden ‚Diamond Bridge‘ überspannt wird, und weiter bis nach Tbilisi, wo wir zwei Nächte verbrachten.
Das eröffnete die Möglichkeit ein Spiel der dritten Liga im nahen Rustavi, einem verblassten Schwerindustrie-Standort, aber noch immer viertgrößten Stadt des Landes, zu besuchen. Der FC Rustavi ist ein junger Verein, der erst 2015 gegründet wurde. Davor hieß der Platzhirsch FC Metalurg Rustavi, der aber eben in jenem Jahr aufgrund finanzieller Probleme aufgelöst wurde. Der neue Club steht in keinerlei direkter Beziehung zu Metalurg, nimmt aber natürlich dessen Platz ein und nutzt auch das Stadion des Vorgängervereins. Nicht viel anders liegt der Sachverhalt beim heutigen Gegner aus Sartichala. Das ‚Poladi Stadioni‘ – was übersetzt nichts anderes heißt als Stahl-Stadion und damit auf die montanindustrielle Vergangenheit der Stadt verweist – ist ein schönes altes Oval mit überdachter Haupttribüne und ungedeckter Gegengerade. Die Kurven bieten keinen Ausbau, was dem Erscheinungsbild nicht schadet. Mit ungefähr 500 Zuschauern besuchten dieses Spiel gut 450 mehr als ich erwartet hatte. Von den Anwesenden war etwa ein Fünftel den Gästen zuzurechnen, die als Tabellenführer angereist waren. Nachdem wir uns schattige Plätze am Rande der Haupttribüne gesucht hatten, wollte es der Zufall, dass sich ein paar supportwillige Gestalten in unserer direkten Nachbarschaft platzierten, um die Heim-Mannschaft zu unterstützen.
Der Capo wies seine fünf Getreuen genau an, wie sie sich aufzustellen hatten und gab alles. Im Laufe des Spiels gesellten sich mal mehr mal weniger Personen dazu, sodass die Gruppengröße zwischen sechs und dreißig meist jüngeren Köpfen variierte. Das Spiel war unerwartet gut anzuschauen. Rustavi konnte gegen den Favoriten den Rückstand aus Hälfte eins nach einer guten Stunde ausgleichen. Kurz darauf entstand nach einem eigentlich harmlosen Foulspiel eine Rudelbildung unter Beteiligung sämtlicher Aktiven, Ersatzspielern und beinahe des gesamten Funktionsteams. Ein herrliches minutenlang währendes Gerenne und Gezeter entstand, das natürlich auch in Handgreiflichkeiten mündete. Sehr kurzweilig das Ganze. Der Referee schaute sich alles in Ruhe an und schritt dann zur Tat. Sieben Verwarnungen, ein Mal Gelb-Rot und einen glatten Platzverweis in nur einer Situation hatte ich auch noch nicht erlebt. Dass die gelb-rote Karte einen bereits ausgewechselten Akteur traf, hatte natürlich noch einmal besonderen Stil. Rustavi hielt in Unterzahl das Remis gegen den Tabellenführer mit großem Kämpferherz. Die Herzdame schnappte sich hier auch schon den 32. Länderpunkt. Gar nicht so übel dafür, dass ihr Fußballinteresse ja doch etwas begrenzt ist.

Bersenbrück – Mo., 29.05.2023, 15:00

TuS Bersenbrück vs SC Spelle-Venhaus 3:0

Hasestadion, 3.100 Zuschauer, Niedersachsenpokal der Amateure Finale
Nach einem entspannten Wochenende bei meiner Schwester in Hamburg, steuerte ich auf dem Rückweg das Verbandspokalfinale der Amateure Niedersachsens an. Warum dieses aus dem Finaltag der Amateure herausgelöst wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Es ist schon eine gute Sache, dass der niedersächsische Verband seine beiden Startplätze in zwei Wettbewerbe unterteilt, einer ausgespielt nur von den Regionalliga- und Drittligavertretern und einer von den Amateurclubs ab Oberliga abwärts. Das eröffnet auch den ‚kleinen‘ Vereinen die Chance auf eine DFB-Pokal-Teilnahme. Für das Finale qualifiziert hatten sich die Oberligisten aus Spelle, der die Saison als Aufsteiger in die Regionalliga abgeschlossen hatte, und Bersenbrück, als Tabellenvierter auch nicht viel schlechter über die Ziellinie gegangen. Das ‚Hasestadion‘ platzte aus allen Nähten, war für diese Veranstaltung vor über 3.000 Zuschauern, davon etwa 600 aus Spelle, eigentlich nicht geeignet. Auf einer Längsseite gibt es drei Stufen, zusätzlich wurde eine temporäre Stahlrohr-Sitztribüne errichtet. Das reichte natürlich alles nicht aus, um sämtlichen Zuschauern einen ordentlichen Blick auf das Spielfeld zu ermöglichen. So standen die Leute ein Dreier- und Viererreihen ebenerdig um das Spielfeld oder versuchten sich mit mühsamen Halt auf dem Rasenwall hinter einem der Tore eine bessere Perspektive zu verschaffen. Dort hatten sich auch die aktiven Supporter beider Vereine platziert, vermutlich zumindest zum Teil dem lila-weißen VfL auf der einen und den blau-weißen Emsländern auf der anderen Seite zuzuordnen. Die Speller Jungs hatten eine kleine Choreo als Intro vorbereitet während die TuS-Anhänger wohl gern ein wenig mit Pyro rumhantiert hätten, sich aber klugerweise von der hinter ihnen positionierten Staatsmacht beeindrucken ließen. Dafür würde beim Platzsturm nach dem Abpfiff zaghaft ein wenig gezündelt. Die Gastgeber beherrschten den Gegner etwas überraschend von der ersten bis zur letzten Minute. Nach 2:0-Halbzeitstand war die Partie mit dem dritten Treffer früh in Durchgang zwei schon gelaufen, man hatte nie das Gefühl, das die Gäste noch einmal zurückkommen können.

Essen – Sa., 27.05.2023, 13:30

Rot-Weiss Essen vs SC Verl 2:2

Stadion an der Hafenstraße, 15.597 Zuschauer, 3.Liga
Letzter Spieltag ohne jeden Druck. Persönlich empfand ich es sehr angenehm, mal wieder ohne große Anspannung ein Spiel der Roten schauen zu können. Die Bude war trotz Ananas-Faktor wieder sehr gut gefüllt, auch aus Verl hatten sich zwei Busladungen und einige Privatfahrer eingefunden. Das Intro der etwa 30 Aktiven unter den Gäste-Fans bot dann etwas, dass es in der Millionen Jahre währenden Geschichte unseres Planeten im kleinen Verler Mob noch nicht gegeben hatte: Verl zündete!!! Als eine Schwenkfahne über der Gruppe ausgebreitet wurde, dachte ich noch „Die tun es doch nicht wirklich…“. Und doch… sie taten es! Als der Lappen weggezogen wurde, zündeten zwei mit Sturmhauben Vermummte eine Bengal- und eine Rauchfackel. Sensation im Hause Verl! Die Aktion hatte aber einige Schwachstellen. Bei Tageslicht entfalten Bengalos nicht die gewünschte Optik und bei nur zwei Pyro-Produkten kommt so oder so keine große Wirkung zustande. Nach dem Abbrennen verzog man sich wieder unter die Fahne um die Sturmhauben abzulegen. Bei einer kleinen Gruppe ist aber die Identifizierung der Delinquenten eine Leichtigkeit, wenn diese dieselben Klamotten am Körper tragen, wie vor der Aktion. Insgesamt also nicht zu Ende gedacht, die Nummer, und was folgte war der Zugriff durch das Ordnungspersonal, was ich persönlich einigermaßen scheiße fand. Sollen sie doch die beiden mickrigen Dinger abbrennen, da kann bei einer kleinen Anzahl Leute im Block kaum was passieren. Auf der anderen Seite gilt wiederum ‚Gleiches Recht (oder Unrecht) für alle‘. Daher war die Ahndung nur konsequent, zumal die Security eh nur als Befehlsempfänger fungiert und ausführt. Dennoch zolle ich den Jungs Respekt, dass sie auch aus einer kleinen Gruppe heraus mal gezündelt haben, auch wenn das offenbar mangels Erfahrung ein böses Ende nahm.
Das Spiel entwickelte sich als einigermaßen munterer Sommer-Kick, in dem die Roten tonangebend waren. Folgerichtig fiel der Führungstreffer nach einem schönen Schlenzer in den Knick durch Sandro Plechaty. Freute mich für den Jungen, der auf dem Weg zu alter Stärke scheint. Da kann der Treffer nur bei helfen. Leider versäumte es die glorreiche Elf von der Hafenstraße, das Ergebnis auszubauen. Das sah auch im zweiten Durchgang nicht großartig anders aus. Die Gäste versuchten aber etwas mehr Druck auszuüben, was zu guten Kontergelegenheiten für den RWE führte, die meistens ziemlich kläglich ausgespielt wurden. Die beinahe logische Folge war der Ausgleichstreffer nach einer guten Stunde Spielzeit, nachdem die rot-weisse Hintermannschaft in den kollektiven Sekundenschlaf gefallen war. Als sich nun dieses Remis langsam abzeichnete, konnten die Westfalen nach einem Freistoß per Kopfball sogar in Führung gehen. Die Stimmung im Stadion drohte nun zu kippen, die ersten sarkastischen Gesänge wurden angestimmt, aber in den Schlussminuten gelang Müsel dann doch noch der Ausgleich und so ging diese Spielzeit halbwegs versöhnlich aber farblos zu Ende. Ein wenig Leben könnte die Truppe dieser Spielzeit noch einhauchen, wenn das Finale des Niederrheinpokal gegen RWO am kommenden Samstag vor heimischer Kulisse erfolgreich gestaltet wird, bei dem ich nicht zugegen sein kann.
Die Stimmung passte sich insgesamt dem spannungsbefreiten Spiel an. Die ‚Freaks Ultras‘ hatten ein Spruchband zur Entscheidung, den wichtigsten Geldgeber des Vereins, ein Privatmann und gleichzeitig ehemaliger Besitzer eines Mode-Labels, in den Vorstand aufzunehmen, was insgesamt etwas undurchsichtig wirkt. Die ‚Vandalz‘ kritisierten mit ihrem Spruchband eine überzogene Durchsuchungsmaßnahme der Polizei bei Mitgliedern von Ultra-Szenen im Ruhrpott, bei der eine weibliche, unbeteiligte Person verletzt wurde. Nach dem Abpfiff wurden noch die Spieler verabschiedet, welche den Verein verlassen, was bei den Publikumslieblingen Kefkir, Engelmann und vor allem Herzenbruch sehr herzlich und würdig geriet. Vor allem Herze, der keinen neuen Vertrag bekam, ist ein menschlicher Verlust für das Team. Fußballerisch ist er sicherlich limitiert, aber als Typ umso wichtiger. Ich hoffe die neue sportliche Leitung findet die richtige Mischung. Eine aalglatte Truppe ohne Gesichter und Identifikationsfiguren verhieße nicht Gutes. Mir persönlich wäre dagegen es sehr recht gewesen, wenn unser Laiendarsteller auf der Trainerbank verabschiedet worden wäre, gerne auch ‚unherzlich‘ – dieser Wunsch geht bisher jedoch nicht in Erfüllung. Ich bleibe dabei, dass der Verein mit diesem Mann nicht nach vorne kommt. Gern lasse ich mich eines anderen belehren, jedoch fehlt mir der Glaube daran.

Dülmen-Merfeld – So., 26.05.2023, 15:00

Sportfreunde Merfeld vs SuS Stadtlohn 2:2

Sportanlage Rekener Straße, 350 Zuschauer, Bezirksliga Westfalen Staffel 11
Die gastgebenden Sportfreunde aus dem Dülmener Ortsteil Merfeld waren vor diesem Spiel Tabellenführer und wollten mit einem Sieg gegen den Tabellenvierten aus Stadtlohn dem Aufstieg einen großen Schritt näherkommen. Ein nicht ganz so einfaches Unterfangen, wie sich herausstellte, denn der SuS mühte sich in die Rolle des Spielverderbers zu schlüpfen. 350 Zuschauer bildeten eine würdige Kulisse für diese Bezirksliga-Veranstaltung, wobei ich insgeheim mit noch mehr Leuten gerechnet habe. Eine 20-köpfige Gruppe unterstützte die Sportfreunde sporadisch auch akustisch – hier dürfte der Schützenfest-bedingte Alkoholpegel ein antreibender Faktor gewesen sein. Die Gäste waren das zielstrebigere Team mit den besseren Möglichkeiten, nutzten diese aber nicht. Auf der anderen Seite konnten die Heimmannschaft eine schmeichelhafte 2:0-Halbzeitführung herausschießen, auch begünstigt durch einen zweifelhaften Foulelfmeter. Die Gäste steckten aber nicht auf und blieben weiter leicht überlegen. Das wurde im Laufe des zweiten Durchgangs mit dem Ausgleich belohnt. Nun waren die Sportfreunde aufgerüttelt und drängten in der Schlussphase auf den Siegtreffer, der aber nicht mehr gelang. Da sich Vorwärts Epe im Verfolgerduell beim SC Reken durchsetzen konnte, und nun punktgleich genau um ein Tor in der Differenz an den Sportfreunden vorbeizog, kommt es nun am kommenden, dem letzten Spieltag zum interessanten direkten Duell zwischen den Teams aus Epe und Merfeld. Ein echtes Endspiel also.