Essen – Sa., 12.04.2025, 14:00

Rot-Weiss Essen vs FC Erzgebirge Aue 4:2

Stadion an der Hafenstraße, 17.307 Zuschauer, 3.Liga
Der Schacht war mal wieder zu Gast an der Hafenstraße. Während der glorreiche RWE nach zuletzt zwei Siegen einen riesigen Schritt in Richtung Klassenerhalt gemacht hat, ist die Entwicklung im Erzgebirge rückläufig, denn bei nur einem Sieg gingen vier der letzten fünf Spiele verloren. Um noch mal ernsthaft in Abstiegsgefahr zu geraten, hat die BSG Wismut wohl schon zu viele Punkte gesammelt, aber der psychologische Moment lag ganz klar auf Seiten der Roten, weshalb ich so entspannt wie lange nicht mehr an die Hafenstraße reiste. Die Rot-Weissen sorgten dann dafür, das mein Blutdruck auf vertretbarer Höhe verblieb und bestimmten das Spiel eigentlich von Beginn an, allerdings ohne den Holzmicheln zunächst ernsthaft gefährlich zu werden. Das geschah dann nach etwa 20 Minuten in Person des neuen Publikumslieblings Tom Moustier, der einen nach einer Freistoß-Flanke in den Sechzehner den zu kurz abgewehrten Ball im Strafraum mit Mach Drei an Freund und Feind aus zehn Metern zur Führung in die Maschen jagte und damit endlich sein erstes Tor für den Deutschen Meister von 1955 erzielte. Ziemlich aus dem Nichts kamen die Gäste aber zehn Minuten später zum Ausgleich, als eine Flanke von rechts lang und länger wurde und schließlich von einem Schachter mit der Brust über die Linie gedrückt wurde.
Der RWE ließ sich nicht beirren, machte einfach weiter und kam durch einen berechtigten Elfmeter nach Foul an Arslan mit dem Pausenpfiff zur erneuten Führung. Der Gefoulte, aktuell in Topform und Seele des rot-weissen Angriffsspiels, verwandelte selbst und gewohnt sicher. Nach etwas mehr als einer Stunde erhöhte ebenjener auf 3:1. Nach einem weiten Einwurf von Moustier – die Dinger sind echt absolute Waffen – kam die Kirsche in den Rückraum zu Arslan, der aus 20 Metern einen Strahl in den unteren linken Torwinkel abfeuerte. Moustier – nach Arslan aktuell wohl der wichtigste Mann im Feld- wurde noch von Dabrowski aus der Reserve von Hannover 96 geholt und versauerte anschließend auf der Bank. Für mich ein weiterer Nachweis für die fachliche ‚Eignung‘ von Dabrowski, aber das ist Schnee von gestern, auch der noch gültige Vertrag wurde in dieser Woche endlich aufgelöst.  Damit war die Wiese eigentlich gemäht, aber in eben jenem Gefühl des nur scheinbar sicheren Sieges, wurden die Roten in der Deckung fahrlässig und nach einem Ecken-Geschwader, schlug die Murmel im vierten Versuch dann zum Anschlusstreffer im Netz hinter Jakob Golz ein. So richtig verpasste dieses Tor den Süd-Sachsen aber nicht mehr den notwendigen Elan, um noch etwas Zählbares auf die Habenseite zu ziehen. Stattdessen durfte der eingewechselte Voufack, an dessen Leistungen man ja man oft verzweifelt, der aber – wenn auch selten – mal wirklich gute Sachen macht, nach einem schön gespielten Konter drei Minuten vor dem Ende endlich seinen Premierentreffer in einem Punktspiel für den RWE erzielen.
Damit war ein hochverdienter Sieg in einem unterhaltsamen Spiel endgültig besiegelt und mit nun 46 Zählern ist der Ligaverbleib nach einer desaströsen Hinrunde zum Greifen nah. Während die pickepackevolle Westkurve wieder eine ordentliche Vorstellung zum Besten gab, war der Blick in den Gästeblock etwas enttäuschend, denn nur etwa 400 Erzgebirgler hatten sich eingefunden. Das kam mir für die eigentlich optimale Anstoßzeit etwas wenig vor. Man mag darüber streiten, ob nun der Negativ-Lauf der Lila-Weißen die Leute von einer Auswärtsfahrt abhielt oder ob eben genau diese Situation, in der das Team ja die Unterstützung mehr brauch denn je, die Anhänger mobilisieren sollte. Diejenigen, welche den natürlich weiten Weg auf sich genommen hatten, positionierten sich kompakt im oberen Bereich des Blockes und hauten raus, was ging. Ich hoffe, die Mannschaft hält die Klasse, da ich die bisher erlebten Fahrten nach Aue als angenehm empfand und sich von dort als positiver Nebeneffekt natürlich auch immer der Grenzübertritt über den Klobasa-Äquator anbietet.

Essen – So., 06.04.2025, 19:30

Rot-Weiss Essen vs FC Hansa Rostock 2:1

Stadion an der Hafenstraße, 18.600 Zuschauer, 3.Liga
Nach zuletzt nur einem Punkt aus drei Spielen war der glorreiche RWE gut beraten, mal wieder einen Dreier einzufahren. Mit der Kogge aus dem Mecklenburger Norden stellte sich dafür eine schon recht hohe Hürde in den Weg, aber in dieser perversen Liga hat ja eine Favoritenstellung auch wenig Aussagekraft, denn üblicherweise ist keine Mannschaft in irgendeinem Spiel chancenlos, zumal der Deutsche Meister von 1955 noch immer eines der besten Rückrunden-Teams ist. Apropos Meister 1955 – die Meisterschaft jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal und anlässlich dessen lief die Truppe in einem an das Hemd des Meister-Jahres angelehnten Sonder-Trikot auf. Das schien aber zunächst eher schwer auf den Schultern der elf Mannen im rot-weissen Dress zu lasten, denn die Hanseaten übernahmen nach kurzem Abtasten die Regie und brachten die Gastgeber mit schnellen wie präzisen, kurzen Pässen in Verlegenheit. Eine schlecht verteidigte Ecke endete dann im verdienten frühen Führungstreffer. Dass nur ein Rot-Weisser eine kurz ausgeführte Ecke unterbinden soll, ist ja schon ambitioniert, wenn sich dem ausführenden Spieler aber gleich zwei Mitspieler kurz anbieten, ein Ding der Unmöglichkeit. Natürlich kam es zur kurzen Ausführung, der Ballempfänger zog in in die Mitte vor den Sechzehner, in dem sich ebenso unerklärlicher Weise alle anderen Rot-Weissen eingeigelt hatten und der Ex-Rote und Aufstiegsheld Harenbrock verlängerte den Distanzschuss mit der Hacke ins Tor. Abgesehen von einem ersten Aufreger im Rostocker Sechzehner, als der Hansa-Keeper in höchster Not gegen Arslan klären konnte, ging es erst mal munter weiter in Richtung des Tores von Jakob Golz. Bis Arslan nach zwanzig Minuten ein schlechtes Zuspiel in der Hansa-Hintermannschaft abfing und im Eiltempo in Richtung des Hansa-Tores stürmte, anstatt den mitgelaufenen Safi zu bedienen, noch einen Verteidiger aussteigen ließ und das Spielgerät dann trocken zum Ausgleich versenkte.
Gegen elf Rostocker wäre die Aufgabe eventuell trotzdem unlösbar geblieben, aber nach einer halben Stunde erfuhr die Partie eine radikale Wendung. Nach einer Ecke und Befreiung per langem Hub, schmiss Safi seinen Turbo an und erlief den langen Ball zeitgleich mit einem Hansa-Verteidiger an der Mittellinie. Beide setzten den Körper ein, Safi war dabei standhafter. Der Rostocker kam ins Straucheln, stolperte Safi als letzter Mann in die Hacken und brachte diesen zu Fall, was folgerichtig Platzverweis bedeutete. Maximal unglücklich, aber regelgerecht. Um 180 Grad gewendet lief das Spiel fortan in Richtung Rostocker Tor. Hansa verzeichnete überhaupt keinen Abschluss mehr, die Roten versuchten es dagegen aus allen Lagen, aber die Schüsse kamen zu unplatziert oder wurden vom Kogge-Schlussmann Uphoff entschärft. Als mir langsam der Glaube schwand, dass es zum Sieg gereichen könnte, auch weil dem rot-weissen Spiel der Schwung etwas abhanden gekommen war, entschied der Referee zehn Minuten vor Schluss auf Handelfmeter nachdem ein Rostocker Spieler den Ball aus kurzer Distanz an den Oberarm bekam. Über diese Entscheidung lies sich letztlich streiten, denn die Armbewegung schien nicht sehr unnatürlich. Ich verbuche das unter der vielbemühten ausgleichenden Gerechtigkeit, denn schon in Durchgang Eins hätte es nach Foul an Arslan einen Strafstoß geben müssen. Der Letztgenannte verwandelte gewohnt sicher und die nun folgenden Angriffsbemühungen der Hansa blieben aufgrund der zahlenmäßigen Unterlegenheit weitgehend ungefährlich.
Während die Heimbereiche prallgefüllt waren, konnten im Away-Bereich Lücken festgestellt werden. Das lag nicht daran, dass der Hansa keine Sitzplätze zur Verfügung gestellt worden waren, um Beschädigungen am Inventar auszuschließen. Dass auch kein einziges Banner am Zaun hing, machte nur zu deutlich, dass etwas nicht stimmte. Die Staatsmacht hat in einer groß angelegten, im Vorfeld … ähem … angeblich nicht geplanten, Aktion, die aktive Szene, die mit Privat-Fahrzeugen anreiste, auf einer Zufahrtsstraße gestoppt und einer Kontrolle unterzogen. Dass diese Kontrolle entsprechend viel Zeit in Anspruch nahm, dass sich diese bis weiter über den Spielbeginn hinauszog, war sicherlich ein Teil der Strategie. Bei Kontrollen von einigen Fahrzeugen wurden dann völlig überraschend sogenannte Schutzbewaffnung, Sturmhauben, Pyrotechnik und Betäubungsmittel festgestellt. Die betroffenen Personen erhielten Platzverweise, worauf sich die gesamte Szene Ultra-üblich solidarisch erklärte und entschied, nach Rostock zurückzukehren. Natürlich handelt es sich um Straftatbestände, aber ich erkläre mich dennoch nicht mit der Aktion einverstanden. Es ist unstrittig, dass Ultra-Szenen und erst recht die ostdeutschen Szenen, immer hart am Konflikt mit dem Rechtsstaat kratzen und auch Grenzen überschreiten. Dennoch passt die Aktion in die übertriebene Kriminalisierung von Leuten mit Fußball-Bezug und nach meiner bescheidenen Meinung haben wir in unserer ‚Vorzeige-Republik‘ aktuell mit ganz anderen Sorgen zu hadern, wo die Kraft und Energie der Ordnungsorgane viel nötiger gebraucht würde. So blieb der Gästeblock stimmungsarm und rieb sich eher an ein paar Provokateuren im Nachbarblock auf der Gegengeraden auf. Ultra hin oder her, ohne Ultra herrscht Stimmung halt nur bedingt. Der Auftritt der Westtribüne war mindestens solide, lag manchmal über dem Durchschnitt und in der Schlussphase wurde es zusammen mit den Sitzplatzbesuchern richtig laut. Hoffe, dafür gibt die Mannschaft auch in den kommenden Heimspielen einen Grund.

Hamm – So., 06.04.2025, 15:00

Südener SV Hamm vs VfL Kamen II 2:0

Jahnstadion, 100 Zuschauer, Kreisliga A Unna/Hamm
Das ‚Jahnstadion‘ zu Hamm hat seit Jahren kein Punktspiel mehr erlebt. Das Stadion erfährt primäre Nutzung durch die Leichtathletikabteilung der Hammer Eintracht. Des einen Vereines Leid ist des anderen Fußballtouristen Freud, denn der Südener SV kann sein Hauptspielort ‚Friesen-Kampfbahn‘ aufgrund massiver Maulwurf-Invasion aktuell ebenso wenig bespielen, wie die Anlage am Südpark, deren Sozialtrakt nach einem Wasserrohrbruch unbenutzbar ist. Die Chance, von der man nicht exakt weiß, wie viele Spiele diese andauert, wollte also genutzt werden, denn da dem ‚Jahnstadion‘ ein Fußballclub nie fest zugeordnet war, sondern dieses nur gelegentlich als Ausweichspielstätte oder für Testspiele genutzt wurde und wird, ist es fraglich, wann sich die Möglichkeit wieder bietet. Das Stadion ist eine klassische Mehrzweckanlage. Eine Gerade wird über die volle Länge von einer gedeckten Tribüne aus Beton und Stein flankiert. Die gegenüberliegende Seite und zur Hälfte auch die Südkurve bieten drei grasbewachsene Stufen. Dass diese Stehanlagen früher bis zur Krone des Naturranges reichten, ist noch deutlich erkennbar. Jedoch sind diese Bereiche eingezäunt, daher nicht nutzbar und werden stattdessen der Natur überlassen. Natürlich konnten einige bekannte Gesichter der Bewegung, die zum Teil auch eine weite Anreise in Kauf genommen hatten, begrüßt werden, so dass der auf überschaubarem Niveau abgehaltene Kreisliga-Kick großenteils verquatscht wurde.

Avellino – So., 30.03.2025, 19:30

US Avellino 1912 vs Benevento Calcio 2:1

Stadio Partenio-Adriano Lombardi, 9.500 Zuschauer, Serie C Girone C
Nach dem Spiel in Quarto kehrte ich zunächst nach Scampia zurück, um mir die ‚Vele di Scampia‘ aus nächster Nähe anzusehen, einem der wichtigsten Drehorte der schon angesprochenen Netflix-Mafia-Serie ‚Gomorrha‘. Bei den ‚Vele‘, ins Deutsche übersetzt: Die Segel von Scampia, handelt es sich um einen markanten aus mehreren Blöcken bestehenden Wohnkomplex in charakteristischer Form, welche an Segel erinnert. Als bedeutendes Projekt des sozialen Wohnungsbaus wurden die Gebäude in den 60er und 70er Jahren errichtet, aber nicht instandgehalten, weshalb die Substanz schnell verkam. Schon ab Ende der 90er wurden erste Familien umgesiedelt und drei der sieben Gebäude abgerissen. Die verbliebenen Blöcke entwickelten sich zum Problemviertel, in dem der Handel und Konsum von Drogen blühten. Freiwerdende Wohnungen wurden von illegal in Italien lebenden Menschen okkupiert. 2019 beschloss die Stadtverwaltung den Abriss weiterer drei Gebäude, lediglich ein Block soll bestehen bleiben und saniert werden. Mittlerweile wurden die Häuser geräumt und von einem hohen Bauzaun umgeben. Die ‚Vele‘ sind nun ein zauberhafter, leider nicht besuchbarer Lost Place, da das Gelände annähernd lückenlos mit viel Personal von einem Sicherheitsdienst überwacht wird. Dennoch beeindruckend, sich diese Kolosse mit den recht einzigartigen Verbindungsbrücken zwischen den Wohneinheiten einmal aus der Nähe anzusehen.
Natürlich sollte die Tour noch eine gute Partie auf höherem Niveau enthalten. Die faszinierende Spielstätte in Avellino hatte ich schon mehrfach ins Auge gefasst, aber den Besuch nie realisiert. Die US Avellino spielt nach langer Zeit mal wieder eine richtig gute Saison, ist Tabellenführer der C-Gruppe der Serie C und empfing Benevento zum Derby. Der befürchtete Gäste-Ausschluss bewahrheitete sich wenige Tage vor dem Spiel, leider sind Gäste-Verbote in der Süd-Gruppe der dritten italienischen Liga inzwischen eher die Regel als die Ausnahme. Eine erwartbar heiße und gut aufgelegte ‚Curva Sud‘ der Gastgeber sollte das aber hoffentlich mehr als ausgleichen. Der Vorverkauf für dieses Spiel startete, während ich noch in Liberia weilte. Das betagte Stadion fasst zwar eigentlich an die 30.000 Zuschauer, ist aber nur noch für deren 10.000 zugelassen, da viele Bereiche aufgrund der brüchigen bejahrten Bausubstanz nicht mit voller Auslastung nutzbar sind. Ein schnelles Sold-out hatte ich dennoch nicht erwartet und wurde eines Besseren belehrt, denn nur wenige Stunden dauerte es, bis alle Tickets vergriffen waren. Ein Bitt-Schreiben per Email an den Verein wurde negativ beschieden, sodass dieses Spiel wohl ohne mich stattfinden sollte. Als Alternative bot sich die Partie der Serie B zwischen Salernitana und Palermo an. Im ‚Stadio Arechi‘ in Salerno war ich zwar schon, aber diese Aufwartung liegt lange zurück, das Stadion ist eine Bombe und Palermo versprach zudem einen ordentlichen Gäste-Mob, denn der Club ist in der Fremde normalerweise well-supported. Dennoch war ich mit dieser Variante irgendwie unzufrieden, sodass ich entschied all-in zu gehen und auf gut Glück nach Avellino zu fahren.
Das ‚Stadio Partenio – Adriano Lombardi‘ wurde bewacht wie eine Festung, so dass ein reinmogeln unmöglich zu sein schien. Also sprach ich mal am Ticketschalter vor und nach einigen blumigen Erklärungen und einer Träne im Knopfloch, kam plötzlich Bewegung in die Geschichte und einige Minuten später hielt ich tatsächlich ein Ticket für die Gegengerade in den Händen. Mille Grazie, Raggazi und Raggazine! Ich umrundete die Bude erst einmal und man kann dabei in die Geschichte der Ultra-Szene beinahe an jeder Ecke eintauchen. Das Stadion ist irgendwo in den 80ern oder 90ern hängengeblieben, einfach ein Traum für Nostalgiker. Zwanzig Minuten vor Anpfiff huschte ich dann hinein. Während die Curva Sud mit den Ultras der ‚Lupi‘ schon prallgefüllt war, herrschte in der Curva Nord, in der sich auch der ‚Settore Ospiti‘ befindet, natürlich gähnende Leere. Abgesehen von einem an die Haupttribüne grenzenden Block, in dem ein Fanclub mit der Bezeichnung ‚Avellino Curva Nord Diversamente Insuper Abili‘ seine Heimat hat. Dabei handelt es sich um Personen, welche körperlich oder geistig benachteiligt sind und der Block erstrahlte zum Einlauf der Teams sogar im Schein von einigen Fontänen und Blink-Bengalos.
In der Curva Sud, dem Epizentrum der Avellino-Ultras hing nur ein einziges Banner an der Balustrade des Oberrangs mit dem Satz „Solo chi osa puo‘ scrivere la storia… Avanti Avellino“, was soviel bedeutet wie „Nur wer etwas wagt kann Geschichte schreiben… Auf geht’s Avellino“. Was dann über neunzig Minuten folgte war Musik in den Ohren, denn die Kurve lieferte eine akustisch wertvolle Dauervorstellung mit nur wenigen Schwächephasen. Auch optische Merkmale wurden mit wiederkehrenden Pyro-Einlagen geboten. Auf dem Rasen entwickelte sich ein gut anzuschauender Schlagabtausch auf Augenhöhe. Die Gäste aus dem nahen Benevento hatten nicht vor, den Gastgebern die Punkte einfach so zu überlassen und hatten als aktueller Fünfter der Tabelle auch noch alle Chancen, einen Platz für die Playoff-Phase zu erreichen. Kurz nach dem Seitenwechsel gingen die ‚Lupi‘ in Führung und brachten das Rund noch mehr in Wallung. Die Gäste glichen aber eine Viertelstunde später aus. Die Grün-Weißen ließen sich jedoch nicht beirren und erarbeiteten sich ein Übergewicht, welches eine Viertelstunde vor Schluss im erneuten Führungstreffer mündete. Benevento kam dann kaum noch gefährlich in die Box der Gastgeber, die den Sieg in der Kurve mit ihren Anhängern frenetisch feierten. Ich klopfte mir noch selber feste auf die Schulter, die Anreise gewagt zu haben und machte mich in Ruhe auf ins Nachtquartier.

Quarto – So., 30.03.2025, 11:00

ASD Quarto 2012 vs ASD San Felice Gladiator 1912 2:2

Stadio Comunale di Quarto Castrense Giarrusso, 200 Zuschauer, Eccelenza Campania Girone A
Der folgende Vormittag bot mehrere Optionen für den Spielbesuch. Ich entschied mich für Frocalcio gegen Ercolanese, ein Spiel der Eccelenza, der höchsten regionalen Spielklasse, da mindestens die Gäste über eine stabile Ultra-Fraktion verfügen und das ‚Stadio Augusto Bisceglia‘ ein schön abgeranztes Ambiente versprach. Das Online-Portal ‚Tuttocampo‘ informiert hervorragend über den Amateur-Fußball und benennt auch meist verlässlich den jeweiligen Spielort. Man mag es an meiner gewählten Formulierung erahnen – ich unterlag natürlich dem Anfängerfehler, den Austragungsort nicht anderweitig zu überprüfen und stand vor verschlossenen Türen. Der nachgeholte Check ergab dann den korrekten Spielort nur wenige Kilometer entfernt. Dort ein paar Minuten nach Anstoß eingetroffen, bot sich eine triste Kunstrasen-Stahlrohr-Kulisse, die mich umgehend in Richtung des Alternativ-Spiels im westlich von Neapel gelegenen Quarto aufbrechen ließ. Dort traf ich natürlich hoffnungslos verspätet ein, aber auf die fragilen Regeln, welche die Bewegung unserem Hobby in früheren Jahren auferlegt hat, gebe ich ja eh nichts. Eben weil es ein Hobby ist und Hobbys vertragen keine Regeln. Letztlich bescheißt man sich ja auch eh nur selber. So durfte ich zumindest noch 60 Minuten der Eccelenza-Partie verfolgen. Die ASD Quarto 2012 ist einer der linksorientierten Clubs der Metropol-Region Neapel. 15 bis 20 Personen machten sich verbal für den Club stark und einige bekannte Melodien aus dem Antifa-Lager drangen an mein Tinnitus-geplagtes Ohr. Das Stadion ist eine unspektakuläre Anlage mit Laufbahn und einer einzelnen, ungedeckten Tribüne, die mit Graffiti von der Szene farblich aufgehübscht wurde. Gegen den favorisierten Gegner, im vergangenen Sommer aus der Serie D abgestiegen, konnten die abstiegsbedrohten Gastgeber unter großem Einsatz kurz vor Spielschluss einen späten Punkt sichern.

Napoli – Sa., 29.03.2025, 18:30

Stella Rossa Duemilasei vs ASD Interpianurese 3:2

Stadio Comunale Antonio Landieri, 40 Zuschauer, Prima Categoria Campania Girone B
Durch die heraufbeschworene Zeitknappheit vor der vergangenen Partie musste ich die dringend notwendige Betankung des Miet-Vehiculums vernachlässigen. Die Internet-Recherche ergab, dass die vom Bordcomputer angezeigte Restkraftstoffmenge zum Erreichen der nächsten Tankstelle genügen sollte. Dem Computer war aber nicht bekannt, dass noch ein Höhenzug und die dadurch bedingte Steigung bezwungen werden wollte, was das Spritvolumen gefährlich zusammenschrumpfen ließ. Buchstäblich mit den letzten Tropfen Benzin im Tank rollte ich an die ersehnte Zapfsäule heran. Auf dem Weg zum zweiten Spiel des Tages checkte ich kurz in die Unterkunft ein und musste mich dann mit dem dichtem Verkehr der Metropolregien Napolis herumärgern, so dass ich erneut auf den letzten Drücker im ‚Stadio Antonio Landieri‘ eintraf, welches eingerahmt von hohen Wohnblöcken im Problem-Stadtteil Scampia liegt. Konsumenten der Netflix-Serie ‚Gomorrha‘ ist Scampia als sozialer Brennpunkt und Drogensumpf bekannt, was aber eben auch der Realität entspricht. Scampia ist ein Hotspot der ‚Camorra‘, ein von brutalen Wohnklötzen beherrschtes Viertel, in dem viele illegale, vor allem dem Roma-Volk zuzurechnende Menschen leben. Weiterhin ist eine Jugendarbeitslosigkeit von über 60% die beste Basis, um junge Menschen in die Strukturen von verbrecherischen Banden zu treiben. Der Namensgeber des Stadions wurde im Alter von 27 Jahren infolge einer Verwechslung von Handlangern der Camorra irrtümlich ermordet.
Das Spiel auf landesweit siebtklassigem Niveau war mäßig gut, aber spannend. Leider war der Regen zurückgekehrt, was es im Verbund mit unangenehm durch das Gewand pfeifendem Wind zu einer ungemütlichen Angelegenheit werden ließ. Die Halbzeitführung der Roten Sterne konnten die Gäste im zweiten Durchgang drehen. Nachdem der Torschütze zum 1:0 dann einen Elfmeter zum Ausgleich vergab, traf er in den Schlussminuten dann noch doppelt zum Sieg und avancierte damit zum ‚Man of the match‘. Und natürlich bejubelt vom unübersehbar dem linken Spektrum zugewandten Anhang, was ja auch schon der Vereinsname vermuten lässt. Etwa zwanzig Personen unterstützten ihre Mannschaft nach Kräften, was von den umliegenden vielgeschossigen Häusern ordentlich zurückschallte. Auch eine schöne Pyro-Aktion wurde während der ersten Hälfte eingestreut. Nach einer absolut genialen Pizza – auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole, aber die in Italien servierten Pizzen sind mit dem zähen aus billigem Mehl gekneteten Gelumpe, das unsere indischen und arabischen Zuwanderer in den deutschen Schnellpizzerien lieblos zusammen matschen nicht im Ansatz zu vergleichen – zog ich mich in mein beheiztes Refugium zurück.

Montepertuso – Sa., 29.03.2025, 15:00

ASD San Vito Positano vs Pompei Soccer 2:1

Stadio Comunale Vittorio de Sica, 100 Zuschauer, Promozione Campania Girone B
Nur gute 30 Stunden nach der Rückkehr aus Afrika hieß es schon wieder „Leinen los!“. Die Reise nach Bari war ursprünglich gar nicht als Fußball-Trip geplant, die Entwicklung nach der Buchung führte aber letztlich dazu, dass die Reise zu einer solchen wurde – dieses weiter auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Da mich die Ansetzungen im Raum Bari nicht so abholten, verwirklichte ich die lange gehegte Idee in Kampanien mal ein paar unterklassige Spiele zu besuchen, denn dort werden ja viele Clubs von kleinen Ultra-Szenen unterstützt. Das Spiel in Monterpertuso nahe Positano bot zudem eine Spielstätte mit brachialer Gebirgskulisse, eines der wenigen Stadien, die auf meiner nicht sehr umfangreichen Must-have-Liste stehen, denn prinzipiell hat mein Weg ja keine strikte Linie, stattdessen lasse ich mich weitestgehend von meinen Launen treiben. Ein weiterer Positiv-Aspekt dieser Wahl war die Anfahrt entlang der malerischen Amalfi-Küste. Das heißt, hätte es sein sollen, denn in der benötigten Fahrzeit hatte ich mich deutlich geirrt. Auf der engen, kurvigen Küstenstraße regiert nicht die Langsamkeit, sondern die Hyper-Langsamkeit. Das Konglomerat aus begrenzten fahrerischen Fähigkeiten und der offensichtlichen Terminfreiheit der anderen Verkehrsteilnehmer nötigte mich schließlich zu einigen ‚The fast and the furios‘-haften Überholmanövern, um das Ziel pünktlich zu erreichen, was schließlich auch gelang. Leider war das Wetter nicht wohlgesonnen, so dass sich die Aura dieser wunderschönen Gegend nicht vollends entfalten konnte, aber auch regnerisches, wolkenreiches Wetter kann ja in gebirgigen Regionen eine Wirkung haben.
Mit Spielbeginn ließ der Regen nach und hörte wenig später ganz auf. Zur angesprochenen Kulisse rund um die Spielstätte braucht man nicht viel erläutern, die Bilder erübrigen jede Beschreibung. Das tiefgelegene Spielfeld vermittelt zudem den Eindruck einer Arena aus der Zeit des römischen Reiches, so dass man eher darauf wartet, dass die Löwen eingelassen werden, anstelle zweier Fußball-Teams. Die aus einem guten Dutzend Teenagern bestehende Anhängerschaft ließ Rauchsäulen in den Vereinsfarben in den beinahe windstillen Himmel aufsteigen und unterstützte die Mannschaft dann mehr oder weniger ausdauernd unter Anleitung eines Jung-Capos und eines Trommlers, der offensichtlich noch in der Lernphase ist. Der Support konnte mit den visuellen Rahmenbedingungen also nicht mithalten, aber der Wille war erkennbar. Immerhin ließ die Heimmannschaft ihre jugendlichen Fans über einen durchaus verdienten Dreier jubeln. Die Partie der zweithöchsten Regional-Spielklasse, landesweit sechstklassig, war unerwartet technisch anspruchsvoll und besser anzusehen, als manche Veranstaltung auf höherem Niveau.

Mills Center – Mo., 24.03.2025, 16:00

Liberia vs São Tomé e Príncipe 2:1

Samuel Kanyon Doe Sports Stadium, 8.000 Zuschauer, WM-Qualifikation Gruppenphase
Um Viertel nach fünf war die Nacht vorbei und unser Fahrer Bobby stand überpünktlich schon vor 6 Uhr mit seinem vom Leben gezeichneten Toyota Camry vor dem Hotel-Tor. In der gerade aufkommenden Dämmerung starteten wir über weiterhin gute Straßen durch den Tropenwald, der nach einer regenreichen Nacht von Dunstschwaden durchzogen wurde. Einige Checkpoints gab es zu passieren, an denen es wie auf der gestrigen Fahrt immer wieder zur Krötenwanderung kam. Die Kröten unseres Chauffeurs wanderten in die Jackentaschen zwielichtiger Halunken, welche die Straße dann freigaben. Ein System das schwer zu durchschauen ist. Zwar mögen die Checkpoints offiziell sein, von den Mokeln die dort regierten, wirkte indes keiner so und offener kann Korruption ja auch kaum ablaufen. An diesem ständigen, gegenseitigen, in der Gesellschaft beinahe wie selbstverständlich akzeptierten Handaufhalten, bei dem ein Pfuscher den nächsten Mauschler bescheißt, scheitert am Ende ein ganzer Kontinent. Zwanzig Minuten vor Schrankenöffnung kamen wir im Grenzort Jendema an und nutzen die Zeit für ein kleines Frühstück. Dann ging es weiter zu den Grenz-Checkpoints. Auf Sierra Leonischer Seite mussten wir den Wagen nicht mal verlassen, die Grenz-Mafia ist gut genug organisiert, so dass irgendein Schmierlappen unaufgefordert den Gang zum Schalter für ein paar Leones übernahm. Die Liberianer nahmen es schon genauer. Zunächst ging die Fahrt über die ‚Mano River Bridge‘ und unmittelbar dahinter notierte Big Mama in ihrer wurstpellenartigen Uniform in einer kleinen Baracke die Ausweis-Daten. Weiter ging es zum Immigration-Desk, wo der ganze Kram erneut notiert und dann der Einreisestempel in den mit dem güldenen Adler geschmückten, weinroten Staatsangehörigkeitsbezeuger gerammelt wurde. Next Stop Zollkontrolle. Ein überalterter Beamter mit dem Blick eines Crystal Meth-Konsumenten ließ sich teilnahmslos unsere getragene Unterwäsche vorführen und dann war das Grenz-Gekasper nach insgesamt knapp 20 Minuten auch schon erledigt. Ich liebe es und hier war es ja auch echt easy, da gibt es an anderen Landesgrenzen des Planeten deutlich mehr Stress zu bewältigen. In der Vergangenheit sah es hier wohl auch anders aus, aber nachdem ein Influenzer ein Video auf Youtube veröffentlicht hatte, wurde wohl Personal ausgetauscht und der Korruption zumindest an diesem Grenzübergang Einhalt geboten.
Nach ein paar Kilometern erfuhren wir noch mal eine Prüfung des Einreisestempels, damit auch keiner einfach so durchrutscht und dann ging es weiter nach Monrovia. Liberia zeigte sich wenig überraschend genauso grün wie Sierra Leone. Der Zustand der Straßen konnte dagegen nicht mit denen Sierra Leones mithalten. Die ersten 60-70 Kilometer waren noch ähnlich gut, dann verwandelte sich die Route aber in eine Teppich aus tiefen Schlaglöchern und teilweise fehlte der Asphalt sogar auf mehreren hundert Metern komplett, so dass regelmäßig in das unbefestigte Bankett neben der Straße ausgewichen wurde, da dieses teilweise einfach angenehmer zu befahren war. Normaler Ausstiegsort in Monrovia ist der ‚Duala Market‘, ein unübersichtlicher Ameisenhaufen, der für Auswärtige schwer zu durchschauen ist. Dieses Chaos ersparten wir uns, indem wir Bobby baten uns gegen einen kleinen zusätzlichen Obolus bis zur Unterkunft in der östlichen Peripherie der Stadt zu bringen. Das bedeutete, die knapp zwei Millionen Einwohner starke Metropole komplett zu durchqueren, was aufgrund der Verkehrslage deutlich mehr als eine Stunde dauerte, bis wir am ‚Tropicana Beach Resort‘ eintrafen, in dem auch der über Ghana angereiste Teil der Reisegruppen abgestiegen war. Das Resort direkt am Meer stellte sich als durchaus brauchbar heraus. Die offene See hatte eine schöne Brandung, leider wird vom Baden im Meer abgeraten, da wie an der ganzen Küste des guineischen Golfes gefährliche Strömungen herrschen. Beinahe sinnbildlich für diesen Kontinent. Die Zeit reichte noch, um zwei Biere durch die von der Fahrt vollgestaubten Kehle zu senden und dann mussten wir zum Stadion aufbrechen. 
Der Zufall wollte es, dass gerade zwei arabisch aussehende Typen in ihr Auto stiegen, libanesische Expats wie sich herausstellte, die uns freundlicherweise entgegen ihrer Zielrichtung die etwa fünf Kilometer zum Stadion fuhren. Das Stadion liegt nicht direkt in Monrovia sondern in Mills Center, einem der Orte, die mit Monrovia zu einer Metropolregion zusammengewachsen sind. Als wir Bleichgesichter dort aufschlugen war natürlich wieder Voll-Alarm. Der Ticketverkauf gestaltete sich unübersichtlich, da dieser über mehrere fliegende Händler lief, und einer hatte natürlich bessere Tickets als der andere. In solchen Situationen tue ich ja immer bewusst desinteressiert und gehe erstmal einige Meter zur Seite, bis sich der Blutdruck der anwesenden beruhigt hat und wähle dann einen unaufdringlichen Verkäufer. Wenn man einen jungen Hund vom Züchter kauft, soll man ja auch nicht den nehmen, der sofort angerannt kommt und nach Aufmerksamkeit sucht. Für zehn US-Dollar erwarben wir VIP-Tickets, die für den überdachten Bereich der Haupttribüne gültig waren. Wir umrundeten das Stadion und trafen in einer Bar auf dem Stadiongelände mit den Gefährten zusammen, die bereits am Samstag eingetroffen waren, bevor wir die betagte Schüssel betraten. Das ‚Samuel Kanyon Doe Stadium‘ ist noch ein Stadion alter afrikanischer Schule. Eine Laufbahn haben ja die meisten großen Stadien Afrikas, auch die neu erbauten, wofür ja in der Regel die Chinesen zuständig sind.
Dieser Oldschool-Ground wurde zwar nicht von diesen erbaut, aber zumindest soweit aufgemöbelt, dass es vom afrikanischen Verband die Zulassung für die Durchführung von Pflicht-Länderspielen erhielt. Ellen Johnson Sirleaf, eine ehemalige Präsidentin Liberias, soll einmal gesagt haben, die Chinesen seien in Afrika so stark, weil Europa nicht präsent ist. Das dürfte großenteils stimmen, denn die europäischen Länder sind zu zögerlich und zu passiv, um in Afrika Einfluss zu gewinnen und haben den Kontinent längst an China und ja inzwischen zum Teil auch an Russland verloren. Gut besucht war die Veranstaltung erst einmal nicht, was wir auch nicht erwartet hatten. Schon das Heimspiel gegen Tunesien am letzten Mittwoch war – da allerdings eher überraschend – schwach besucht. Da dieses verloren ging und die WM-Hoffnungen Liberias damit einen satten Dämpfer erfahren hatten, war nun heute auch nicht mit dem großen Run zu rechnen. Vielleicht 4-5.000 Besucher hatten sich im weiten Rund eingefunden. Kurz nach Spielbeginn setzte sich plötzlich die Meute aus dem Nachbarblock in Bewegung und überkletterte  den recht hohen Maschendrahtzaun zur Haupttribüne, was kurzzeitig etwas Sorge bereitete, aber die Leute wollten offenbar einfach nur auf den überdachten Bereich, sei es um die Perspektive zu verbessern oder Schutz vor drohendem Unwetter zu haben. Die Aufregung hatte sich noch gar nicht ganz gelegt, als nach vier Minuten eine erste Flanke in den Sechzehner der Gäste segelte, welche vom Torwart zu kurz abgewehrt wurde und dann aus wenigen Metern per Fallrückzieher ins Netz fand.
Toller Start und das schien den Mob vor den Stadion-Toren zu beflügeln, denn diesem gelang es das von nur einer Handvoll Polizisten gesicherte Haupt-Tor aufzudrücken und so verdoppelte sich die Zuschauerzahl innerhalb weniger Minuten. Die ‚Lone Stars‘, wie das Nationalteam genannt wird, blieben dran und erhöhten nach einer halben Stunde. Mit dem Halbzeitpfiff konnten die Insulaner verkürzen und zogen dem liberianischen Elan damit den Stecker. Die zweite Hälfte war dann sehr ausgeglichen, nie wirklich gut, aber spannend, da die Insel-Freaks ein paar Mal den Ausgleich auf dem Schlappen hatten. Soweit ich das beurteilen konnte, denn Pascal, Jonny und ich hatten dem Bierangebot der fliegenden Händler angemessen zugesprochen, was wiederum den Blick etwas trübte. Jedenfalls brachten die ‚Lone Stars‘ den Sieg über die Zeit und dürfen nun doch noch ein wenig von einer erfolgreichen, aber wenig wahrscheinlichen WM-Qualifikation träumen. Nach dem Kick steuerten wir eine Bretterbuden-Bar gegenüber dem Stadiongelände an. Da machte sich dann das während des Spieles gezeigte Konsumverhalten etwas bemerkbar und ich bin rückblickend etwas stolz, nicht vom Moto-Taxi gesegelt zu sein, welches mich zurück zum ‚Tropicana‘ beförderte. Mit mitgebrachten Kaltgetränken nahm der Abend dann so seinen weiteren Lauf.
Den Dienstag nutzten Pascal und ich, um in die ‚Altstadt‘ Monrovias zu fahren, die anderen hatten dieses bereits am Sonntag erledigt. Der Ausflug war recht zeitraubend, für die 20 Kilometer benötigten wir verkehrsbedingt mehr als eine Stunde. Vor allem verstanden wir am Umsteigepunkt nicht so ganz, wie die Nummer läuft und profitierten letztlich vom Lift eines Pickup-Fahrers irgendeiner Organisation, der uns die Mitnahme anbot. Liberia ist neben Äthiopien der einzige afrikanische Staat, der nie kolonialisiert wurde. Es gab zwar zuerst portugiesische, später US-amerikanische Einflussnahmen, aber schon Mitte des 19. Jahrhunderts erklärte das Land seine Unabhängigkeit. Im ‚alten‘ Monrovia findet man noch ein paar Bauten kolonialer Architektur, wirklich viel zu sehen gibt es aber nicht. Erster Anlaufpunkt war das Nationalmuseum, danach schlörten wir einfach durch die Straßen, denn das wirklich spannende ist ja eigentlich die Beobachtung des afrikanischen Lebens und das Gewusel und Gezeter auf den Märkten. Zurück in der Unterkunft standen die Zeichen dann auf Abschied.
Ein Genosse war bereits in aller Frühe abgereist, Jonny und Pascal taten dies am späten Nachmittag, während mein Leibarzt und ich noch bis in den frühen Nachmittag des Folgetages verweilten, das Resort aber nicht mehr verließen. Der Flughafen liegt weit außerhalb, vom ‚Tropicana‘ waren es gute 60 Kilometer, die mit dem Sammel-Taxi über bescheidene Infrastruktur mehr als eine Stunde in Anspruch nahmen. Gute drei Stunden vor dem Abflug trafen wir ein, was sich als äußerst sinnvoll erwies, denn der Internet-Anschluss des Airports war zusammengebrochen und alle Daten für die Bordkarten und Gepäck-Badges mussten manuell eingegeben werden, was ein gepflegtes Voll-Chaos bedeutete. Mit deutlich mehr als einer Stunde Verspätung hoben wir gemeinsam mit dem beinahe kompletten Kader der Nationalmannschaft Sao Tomés ab, deren Spieler ja zum Großteil in Portugal aktiv sind, die meisten in der dritten und vierten Liga. Dank verkürztem Zwischenstopp in Abidjan und weil der Captain den Schubhebel etwas mehr durchdrückte, landeten wir mit weniger als einer Stunde Verspätung in Brüssel. Nachdem Spurt meines Lebens und nötigem Druck auf das Personal am Gate des Anschluss-Fluges, der im System schon geschlossen war, für mich aber noch einmal geöffnet wurde, saß ich schweißgebadet im Flieger nach Frankfurt und schloss schließlich zur Mittagszeit die Haustür auf, um die verehrte Gattin in die Arme zu schließen.