Darmstadt – So., 20.04.2025, 13:30

SV Darmstadt 98 vs Hannoverscher SV 1896 3:1

Stadion am Böllenfalltor, 17.810 Zuschauer, 2. Bundesliga
Der Sportverein Darmstadt 98 war bis in die 90er Jahre eigentlich so eine Art ewiger Zweitligist, abgesehen von einer Handvoll Ausbrüchen nach unten und oben, die alle jeweils nur eine Saison währten. Mitte der 90er gab es dann einen Bruch, denn mit dem Abstieg in die damals noch drittklassige Oberliga Hessen, avancierte der Verein, ebenfalls mit einjährigen Unterbrechungen, zum dauerhaften Drittligisten ehe gegen Ende der ersten Dekade des neuen Jahrtausends mehrere Spielzeiten in der viertklassigen Regionalliga gebucht wurden. Nachdem Aufstieg in die inzwischen geschaffene Dritte Liga wurde es dann turbulent und abwechslungsreich. In einer dramatischen Relegation gegen die Bielefelder Arminia konnte nach 30 Jahren die Zweite Liga wieder erreicht werden, die lediglich für den direkten Durchmarsch in die Bundesliga genutzt wurde. Dort war nach zwei Saisons wieder Schluss und prinzipiell stellen die ‚Lilien‘ nun wieder das dar, was sie in früheren Zeiten auszeichnete – den ewigen Zweitligisten.
Das ‚Bölle‘ kannte ich von einem früheren Besuch nur im historischen Gewand, dem klassischen Mehrzweck-Outfit mit Laufbahn, einer überdachten Haupttribüne und ungedeckten Rängen in den Kurven sowie auf der Gegenseite. Durch die recht niedrigen Kurven und einer hoch ansteigenden Gegengerade hatte das Rund ein eigenes Gesicht. Vor zehn Jahren begann dann der sukzessive Umbau des Stadions und heute ist vom alten baulichen Zustand nichts mehr übrig, die Spielstätte wurde in ein modernes reines Fußballstadion verwandelt. Zuletzt wurde die Haupttribüne neu errichtet, schon davor die Hintertor- und Gegentribüne(n) an das Spielfeld herangezogen und überdacht neu erbaut. Lediglich die alten Flutlichtmasten werden weiterhin genutzt. Als letztes Relikt und Erinnerung an das alte Stadion wurden die Stehränge der Nordkurve hinter der neuen Nordtribüne in Teilen erhalten. Für die Gestaltung am und um das Stadion wurde der Ultra-Szene offenbar weitgehend freie Hand gewährt. Viele Graffiti verpassen der Bude eine Identität und einen hohen Wiedererkennungswert – auch wenn die Vereinsfarben ja etwas anstrengend sind, kann man das nur gut finden.
Während die Gastgeber noch ein bisschen was Zählbares brauchten, um den Klassenerhalt final zu sichern, hatten die Norddeutschen trotz eines Negativlaufes noch immer die Chance, zumindest den Relegationsplatz um den Aufstieg zu erreichen. Die Sechsundneunziger hatten den Gästeblock ausverkauft und starteten mit einer Fähnchen-Choreo in den Clubfarben, Treue beschwörenden Zaunbannern und einem zentral präsentierten historischen Vereinswappen vom Beginn des 19. Jahrhundert in die Partie. Den Führungstreffer nach gerade einmal 30 Sekunden werden daher die Wenigsten im Away-Sektor gesehen haben. Auch nicht, dass die Kirsche nur eine Minute später beinahe wieder im Netz hinter Ex-Nationalschnapper Zieler einschlug, der dieses aber mit einer starken Parade verhindern konnte. Dann nahm auch der niedersächsische HSV endlich am Spiel teil und erkämpfte sich ein ertragloses Übergewicht. Die ‚Lilien‘ zeigten sich nach dem Seitenwechsel verbessert. Die Teams neutralisierten sich in ihren Bemühungen und die Partie verkrampfte. In der Schlussphase wurden die Gäste dann für ihre Bemühungen endlich belohnt und erzielten den Ausgleich. Nur, um mit der nächsten Aktion direkt wieder einen Treffer zu schlucken. Der anschließende Brechstangen-Fußball brachte nichts mehr ein, außer einem Foulelfmeter für die Gastgeber, mit dem diese die Punkte endgültig auf die Habenseite zogen.

Sandhausen – Sa., 19.04.2025, 14:00

SV Sandhausen vs Rot-Weiss Essen 0:2

Hardtwaldstadion, 4.348 Zuschauer, 3.Liga
Mit der Mission, den Klassenerhalt endgültig in trockene Tücher zu bringen, ging die Reise, ungewohnt aus Richtung Süden kommend, in den Rhein-Neckar-Kreis, zum abgeschmierten Aufstiegs-Anwärter nach Sandhausen. Studiert man die Tabelle, wie sich diese vor dem Hinspiel in der ersten Halbserie zeigte, sieht man den SVS mit 24 Punkten an der Spitze stehen. In den 19 seitdem absolvierten Liga-Spielen holten die Schwarz-Weißen sagenhafte sechs Zähler, was das Team auf den drittletzten Platz in höchste Abstiegsgefahr abrutschen ließ. Der Kick gegen den nach drei Siegen in Folge mit ganz breiter Brust anreisenden glorreichen RWE war also wahrscheinlich die letzte Patrone, um den Super-GAU zu vermeiden. 1.350 Rote hatten den Weg angetreten und waren bester Laune. Was man von der kleinen Szene der Gastgeber nicht behaupten konnte. Während der ersten zehn Spielminuten blieb der Fanblock leer. Die Geduld der Gruppe war offensichtlich aufgebraucht, denn Zaun prangte über die gesamte Breite des Blocks ein Transparent mit den fetten Lettern „Unser Support angepasst an Eure Leistung“. Kaum war der Block gefüllt, stand es auch schon 1:0 für den glorreichen RWE. Dabei hatten die Gastgeber durchaus couragiert begonnen und hätten durch einen exzellent getretenen Freistoß, den Golz noch stark an die Querlatte lenkte, beinahe die Führung erzielt.
Dann spielte aber Moustier nach einem tollen Solo-Lauf im richtigen Moment Safi frei, der das Streitobjekt allein vor dem gegnerischen Torwart eiskalt versenkte. Das war für die Jungs in den schönsten Trikots der Welt offenbar der Game-Changer, denn fortan spielte nur noch der RWE. Die Sandhäuser Szene ließ sich davon nicht beeindrucken oder war es halt schon gewohnt, stattdessen rechnete man mit der Vereinsführung ab und wies auf die hohe Personalfluktuation der letzten Jahre hin. Man neigt ja gern dazu die kleine, zwischen den Übermächten aus Karlsruhe, Mannheim und, ja, leider auch Hoffenheim eingeklemmte Szene zu belächeln, aber letztlich gehört diese nun seit Jahren zur deutschen Fußball-Landkarte dazu. Mit sämtlichen Aktionen war es aber vorbei, als der aufgerückte Eitschberger nach etwas mehr als einer halben Stunde etwas glücklich den Ball behaupten konnte und diesen dann mit dem schwächeren Linken und viel Effet aus achtzehn Metern ins Tor beförderte. Dieser Treffer zog nicht nur der Sandhäuser Mannschaft endgültig den Zahn, sondern auch der Motivation ihrer Anhänger, die den Support fortan ganz einstellten.
Im zweiten Durchgang spielte weiter nur noch der RWE, von Abstiegskampf war bei den Gastgebern nichts zu sehen, diese zeigten sich völlig verunsichert und konsterniert. Da aber bei den Gästen die letzte Konsequenz fehlte, wurden nur wenige Möglichkeiten kreiert. In der Schlussphase hätte es dann nach klarem Foul an Martinovic noch Strafstoß geben müssen. Der Referee hatte beste Sicht auf die Szene und ließ dennoch weiterspielen, man hatte beinahe den Eindruck, dass er Mitleid mit den Gastgebern hatte. Die kamen dann auf der Gegenseite noch zu ihrer einzigen Torchance der zweiten Hälfte, aber Golz zeigte sein Können. Der Rest war Party in Rot und Weiss, denn diese drei Zähler dürften endgültig den Klassenerhalt bedeuten. Noch lange nach dem Schlusspfiff und nachdem die Mannschaft schon in der Kabine war, feierte der Gästeblock weiter. In meiner romantischen Vorstellung hatte ich vor Wochen gehofft, dass in Sandhausen bereits der Klassenverbleib besiegelt werden kann. Dass es dazu kam, ist eine absolute Energieleistung von Trainerteam und Mannschaft in den letzten Wochen und nach der desaströsen Hinrunde ist diese nicht hoch genug zu bewerten. So bleibt der Showdown am letzten Spieltag erspart und es kann einigermaßen frühzeitig für die neue Saison geplant werden.

Dijon – Fr., 18.04.2025, 19:30

Dijon FC Cote-d’Or vs FC Villefranche Beaujolais 2:0

Stade Gaston Gérard, 5.123 Zuschauer, Championnat National
Die Woche nach dem Spiel in Auxerre wurde beherrscht von Schlossbesichtigungen. Wir schauten uns die beeindruckenden Paläste von Chambord, Chenonceau, Amboise, Chambord und Blois und auch die Altstadt von Tours an. Zwar ist das nicht meine Leidenschaft, aber ich begegne solch geschichtsträchtigen Häusern durchaus mit Interesse. Da sich der Adel in der Renaissance vermehrt im Loire-Tal niederließ, wurde dort im 16. Jahrhundert der Großteil der französischen Politik gemacht und Paris hatte beinahe provinziellen Status. Chenonceau ist nach Versailles übrigens das meistbesuchte Schloss Frankreichs.
Hin und her hatte ich überlegt, welche Partie an diesem Freitag auf der beginnenden Rückreise es werden sollte. Bis mein saarländischer Leibarzt ankündigte, mit drei Bekannten die Drittliga-Partie in Dijon anzusteuern. Die Chance auf ein Wiedersehen war ein angemessener Grund ebenfalls das Aufeinandertreffen des Tabellenvierten und der abstiegsbedrohten Gäste zu besuchen. Das ‚Stade Gaston Gerard‘ hat schon bessere Zeiten erlebt. Nach vielen Jahren, die überwiegend in der Zweitklassigkeit verbracht wurden, stieg der Dijon Football Club Cote-d’Or in die Ligue 1 auf, konnte sich dort fünf Jahre halten und wurde dann aber nach der vorletzten Saison zügig in das drittklassige ‚Championnat National‘ durchgereicht. Nach einem undankbaren vierten Platz steht man aktuell wieder auf ebenjenem, konnte aber mit dem heutigen verdienten Sieg noch die theoretische Chance auf den Aufstieg wahren, der Abstand zum Dritten beträgt aber drei Spieltage vor Schluss annähernd unaufholbare acht Punkte. Das Stadion wurde in den vergangenen Jahren sukzessive erneuert und lediglich die alte Haupttribüne steht noch. Die Konstruktion welche die Dächer der freistehenden Tribünen verbindet, verleiht der Spielstätte einen eigenen Stil. Auf der Nordtribüne sammelten sich im Unterrang hinter dem Tor gut 100 aktive Supporter, die ihre Mannschaft dauerhaft unterstützten.

Auxerre – So. 13.04.2025, 20:45

AJ Auxerre vs Olympique Lyonnais 1:3

Stade de l’Abbé Deschamps, 17.511 Zuschauer, Ligue 1
Frankreich – ein Land, das mich aus verschiedenen Gründen irgendwie nie richtig abgeholt hat und mit dessen Einwohnern ich nicht warm werde. Im Widerspruch dazu gab es dort schon diverse Besuche, obwohl man auch in Sachen Fußball nur selten eine richtig gute Vorstellung auf den Rängen erwarten darf. Da die historisch interessierte, verehrte Frau Gemahlin aber nach einem Besuch der bedeutendsten Schlösser des Loire-Tales verlangte, bot sich an, auf dem Hinweg zwei Spielorte zu besuchen, die mich interessierten. So sollte das erste Ziel Montargis sein, wo die Spielstätte des örtlichen Vereins über eine schmucke Tribüne mit zwei markanten Ecktürmen verfügt. Schon ein Stadion, welches sich vom unterklassigen Einheitsbrei abhebt, so dass mich auch das Spiel der zweithöchsten Regionalklasse des Departments Centre-Val de Loire nicht vom Besuch hätte abhalten können. Die Vorab-Recherche bestätigte, dass der Verein seine Spiele im Stadion austrägt. Die vereinseigene Homepage und der Facebook-Auftritt waren wenig aussagekräftig, aber der Gegner wies das Stadion ebenso als Spielort aus, wie die Seite des Fußballverbandes. Beim Eintreffen eine halbe Stunde vor dem Kick-Off konnte ich das Unheil aber schon erahnen. Verblasste Linien, fehlende Eckfahnen und hochgehängte Netze waren ein untrügliches Zeichen. Der Verein hatte kurzfristig entschieden, dass Spiel nach den trockenen letzten Tagen auf dem gesichtslosen Kunstrasen-Nebenplatz auszutragen, um den Naturrasen des Stadions zu schonen. Auch wenn ich mich in solchen Fällen immer bemühe, die Situation anzunehmen, weil man eh nicht die Macht hat, etwas zu ändern, kann der Hass ja in diesem Augenblick kaum größer sein. Es half alles nichts, es ging weiter nach Auxerre, einer unauffälligen Kleinstadt und Hauptstadt des Departements Yonne.
Ohne es wirklich begründen zu können, hegte ich unterschwellig den Wunsch, dort mal aufzuschlagen. Mit dem Spiel gegen Lyon war einer der attraktiveren Gegner der Liga zu Gast. Die Heimkurve zeigte im Oberrang eine Zettel-Choreografie in den Vereinsfarben. Im Unterrang wurde mit Doppelhaltern der Schriftzug „Ultras Auxerre 1990“ gezeigt, der in den äußeren Bereichen von auf Folienbahnen gedruckten Segmenten des Vereins- und des Gruppenwappens flankiert wurde. Die etwa 600 angereisten Gäste präsentierten im Unterrang eine Schalparade und teilten den Oberrang mittels Stab-Luftballons in die Vereinsfarben. Abgelöst wurde das Schauspiel von einer schönen Bengal-Show. Den Gastgebern gehörten die ersten Minuten, bevor der Favorit das Spiel ausgeglichen gestalten konnte. Torchancen blieben für Auxerre selten, während die Gäste dann zu einigen Möglichkeiten kamen. Eine absolut verrückte Situation gab es schon nach zehn Minuten, als der Ball im vierten(!) Nachschuss endlich im Tor lag, dieses aber aufgrund eine Abseitsposition dann zurückgenommen wurde.
Nach dem Seitenwechsel dauerte es nicht lange, bis die Murmel endlich regulär und mittlerweile verdient für OL ins Netz fand und nach einer Stunde Spielzeit stellten die Lyonnais durch einen schön herausgespielten Treffer auf 2:0. Mit dem Anschluss eine Viertelstunde vor Ende keimte noch einmal Hoffnung für Auxerre auf, die durch Nationalstürmer und Ex-Gunner Lacazette aber kurz darauf wieder pulverisiert wurde. Die Bauweise des kleine, engen ‚Abbé Deschamps‘ mit seinen voneinander autarken Tribünen, ist für mich persönlich der Inbegriff eines Fußballstadions. Der Nachteil dieses Stils ist leider, dass zu viel Atmosphäre durch die offenen Ecken entweicht, das kenne ich von der Hafenstraße nur zu gut. Die Stimmung empfand ich dennoch als überdurchschnittlich. Die ‚Ultras Auxerre‘ waren gut unterwegs und auch die Gäste waren in Top-Form. Insgesamt habe ich eh den Eindruck gewonnen, dass sich die Support-Situation in Frankreich in den vergangenen Jahren zum positiven verändert hat, auch wenn immer noch genügend Luft nach oben ist.

Essen – Sa., 12.04.2025, 14:00

Rot-Weiss Essen vs FC Erzgebirge Aue 4:2

Stadion an der Hafenstraße, 17.307 Zuschauer, 3.Liga
Der Schacht war mal wieder zu Gast an der Hafenstraße. Während der glorreiche RWE nach zuletzt zwei Siegen einen riesigen Schritt in Richtung Klassenerhalt gemacht hat, ist die Entwicklung im Erzgebirge rückläufig, denn bei nur einem Sieg gingen vier der letzten fünf Spiele verloren. Um noch mal ernsthaft in Abstiegsgefahr zu geraten, hat die BSG Wismut wohl schon zu viele Punkte gesammelt, aber der psychologische Moment lag ganz klar auf Seiten der Roten, weshalb ich so entspannt wie lange nicht mehr an die Hafenstraße reiste. Die Rot-Weissen sorgten dann dafür, das mein Blutdruck auf vertretbarer Höhe verblieb und bestimmten das Spiel eigentlich von Beginn an, allerdings ohne den Holzmicheln zunächst ernsthaft gefährlich zu werden. Das geschah dann nach etwa 20 Minuten in Person des neuen Publikumslieblings Tom Moustier, der einen nach einer Freistoß-Flanke in den Sechzehner den zu kurz abgewehrten Ball im Strafraum mit Mach Drei an Freund und Feind aus zehn Metern zur Führung in die Maschen jagte und damit endlich sein erstes Tor für den Deutschen Meister von 1955 erzielte. Ziemlich aus dem Nichts kamen die Gäste aber zehn Minuten später zum Ausgleich, als eine Flanke von rechts lang und länger wurde und schließlich von einem Schachter mit der Brust über die Linie gedrückt wurde.
Der RWE ließ sich nicht beirren, machte einfach weiter und kam durch einen berechtigten Elfmeter nach Foul an Arslan mit dem Pausenpfiff zur erneuten Führung. Der Gefoulte, aktuell in Topform und Seele des rot-weissen Angriffsspiels, verwandelte selbst und gewohnt sicher. Nach etwas mehr als einer Stunde erhöhte ebenjener auf 3:1. Nach einem weiten Einwurf von Moustier – die Dinger sind echt absolute Waffen – kam die Kirsche in den Rückraum zu Arslan, der aus 20 Metern einen Strahl in den unteren linken Torwinkel abfeuerte. Moustier – nach Arslan aktuell wohl der wichtigste Mann im Feld- wurde noch von Dabrowski aus der Reserve von Hannover 96 geholt und versauerte anschließend auf der Bank. Für mich ein weiterer Nachweis für die fachliche ‚Eignung‘ von Dabrowski, aber das ist Schnee von gestern, auch der noch gültige Vertrag wurde in dieser Woche endlich aufgelöst.  Damit war die Wiese eigentlich gemäht, aber in eben jenem Gefühl des nur scheinbar sicheren Sieges, wurden die Roten in der Deckung fahrlässig und nach einem Ecken-Geschwader, schlug die Murmel im vierten Versuch dann zum Anschlusstreffer im Netz hinter Jakob Golz ein. So richtig verpasste dieses Tor den Süd-Sachsen aber nicht mehr den notwendigen Elan, um noch etwas Zählbares auf die Habenseite zu ziehen. Stattdessen durfte der eingewechselte Voufack, an dessen Leistungen man ja man oft verzweifelt, der aber – wenn auch selten – mal wirklich gute Sachen macht, nach einem schön gespielten Konter drei Minuten vor dem Ende endlich seinen Premierentreffer in einem Punktspiel für den RWE erzielen.
Damit war ein hochverdienter Sieg in einem unterhaltsamen Spiel endgültig besiegelt und mit nun 46 Zählern ist der Ligaverbleib nach einer desaströsen Hinrunde zum Greifen nah. Während die pickepackevolle Westkurve wieder eine ordentliche Vorstellung zum Besten gab, war der Blick in den Gästeblock etwas enttäuschend, denn nur etwa 400 Erzgebirgler hatten sich eingefunden. Das kam mir für die eigentlich optimale Anstoßzeit etwas wenig vor. Man mag darüber streiten, ob nun der Negativ-Lauf der Lila-Weißen die Leute von einer Auswärtsfahrt abhielt oder ob eben genau diese Situation, in der das Team ja die Unterstützung mehr brauch denn je, die Anhänger mobilisieren sollte. Diejenigen, welche den natürlich weiten Weg auf sich genommen hatten, positionierten sich kompakt im oberen Bereich des Blockes und hauten raus, was ging. Ich hoffe, die Mannschaft hält die Klasse, da ich die bisher erlebten Fahrten nach Aue als angenehm empfand und sich von dort als positiver Nebeneffekt natürlich auch immer der Grenzübertritt über den Klobasa-Äquator anbietet.

Essen – So., 06.04.2025, 19:30

Rot-Weiss Essen vs FC Hansa Rostock 2:1

Stadion an der Hafenstraße, 18.600 Zuschauer, 3.Liga
Nach zuletzt nur einem Punkt aus drei Spielen war der glorreiche RWE gut beraten, mal wieder einen Dreier einzufahren. Mit der Kogge aus dem Mecklenburger Norden stellte sich dafür eine schon recht hohe Hürde in den Weg, aber in dieser perversen Liga hat ja eine Favoritenstellung auch wenig Aussagekraft, denn üblicherweise ist keine Mannschaft in irgendeinem Spiel chancenlos, zumal der Deutsche Meister von 1955 noch immer eines der besten Rückrunden-Teams ist. Apropos Meister 1955 – die Meisterschaft jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal und anlässlich dessen lief die Truppe in einem an das Hemd des Meister-Jahres angelehnten Sonder-Trikot auf. Das schien aber zunächst eher schwer auf den Schultern der elf Mannen im rot-weissen Dress zu lasten, denn die Hanseaten übernahmen nach kurzem Abtasten die Regie und brachten die Gastgeber mit schnellen wie präzisen, kurzen Pässen in Verlegenheit. Eine schlecht verteidigte Ecke endete dann im verdienten frühen Führungstreffer. Dass nur ein Rot-Weisser eine kurz ausgeführte Ecke unterbinden soll, ist ja schon ambitioniert, wenn sich dem ausführenden Spieler aber gleich zwei Mitspieler kurz anbieten, ein Ding der Unmöglichkeit. Natürlich kam es zur kurzen Ausführung, der Ballempfänger zog in in die Mitte vor den Sechzehner, in dem sich ebenso unerklärlicher Weise alle anderen Rot-Weissen eingeigelt hatten und der Ex-Rote und Aufstiegsheld Harenbrock verlängerte den Distanzschuss mit der Hacke ins Tor. Abgesehen von einem ersten Aufreger im Rostocker Sechzehner, als der Hansa-Keeper in höchster Not gegen Arslan klären konnte, ging es erst mal munter weiter in Richtung des Tores von Jakob Golz. Bis Arslan nach zwanzig Minuten ein schlechtes Zuspiel in der Hansa-Hintermannschaft abfing und im Eiltempo in Richtung des Hansa-Tores stürmte, anstatt den mitgelaufenen Safi zu bedienen, noch einen Verteidiger aussteigen ließ und das Spielgerät dann trocken zum Ausgleich versenkte.
Gegen elf Rostocker wäre die Aufgabe eventuell trotzdem unlösbar geblieben, aber nach einer halben Stunde erfuhr die Partie eine radikale Wendung. Nach einer Ecke und Befreiung per langem Hub, schmiss Safi seinen Turbo an und erlief den langen Ball zeitgleich mit einem Hansa-Verteidiger an der Mittellinie. Beide setzten den Körper ein, Safi war dabei standhafter. Der Rostocker kam ins Straucheln, stolperte Safi als letzter Mann in die Hacken und brachte diesen zu Fall, was folgerichtig Platzverweis bedeutete. Maximal unglücklich, aber regelgerecht. Um 180 Grad gewendet lief das Spiel fortan in Richtung Rostocker Tor. Hansa verzeichnete überhaupt keinen Abschluss mehr, die Roten versuchten es dagegen aus allen Lagen, aber die Schüsse kamen zu unplatziert oder wurden vom Kogge-Schlussmann Uphoff entschärft. Als mir langsam der Glaube schwand, dass es zum Sieg gereichen könnte, auch weil dem rot-weissen Spiel der Schwung etwas abhanden gekommen war, entschied der Referee zehn Minuten vor Schluss auf Handelfmeter nachdem ein Rostocker Spieler den Ball aus kurzer Distanz an den Oberarm bekam. Über diese Entscheidung lies sich letztlich streiten, denn die Armbewegung schien nicht sehr unnatürlich. Ich verbuche das unter der vielbemühten ausgleichenden Gerechtigkeit, denn schon in Durchgang Eins hätte es nach Foul an Arslan einen Strafstoß geben müssen. Der Letztgenannte verwandelte gewohnt sicher und die nun folgenden Angriffsbemühungen der Hansa blieben aufgrund der zahlenmäßigen Unterlegenheit weitgehend ungefährlich.
Während die Heimbereiche prallgefüllt waren, konnten im Away-Bereich Lücken festgestellt werden. Das lag nicht daran, dass der Hansa keine Sitzplätze zur Verfügung gestellt worden waren, um Beschädigungen am Inventar auszuschließen. Dass auch kein einziges Banner am Zaun hing, machte nur zu deutlich, dass etwas nicht stimmte. Die Staatsmacht hat in einer groß angelegten, im Vorfeld … ähem … angeblich nicht geplanten, Aktion, die aktive Szene, die mit Privat-Fahrzeugen anreiste, auf einer Zufahrtsstraße gestoppt und einer Kontrolle unterzogen. Dass diese Kontrolle entsprechend viel Zeit in Anspruch nahm, dass sich diese bis weiter über den Spielbeginn hinauszog, war sicherlich ein Teil der Strategie. Bei Kontrollen von einigen Fahrzeugen wurden dann völlig überraschend sogenannte Schutzbewaffnung, Sturmhauben, Pyrotechnik und Betäubungsmittel festgestellt. Die betroffenen Personen erhielten Platzverweise, worauf sich die gesamte Szene Ultra-üblich solidarisch erklärte und entschied, nach Rostock zurückzukehren. Natürlich handelt es sich um Straftatbestände, aber ich erkläre mich dennoch nicht mit der Aktion einverstanden. Es ist unstrittig, dass Ultra-Szenen und erst recht die ostdeutschen Szenen, immer hart am Konflikt mit dem Rechtsstaat kratzen und auch Grenzen überschreiten. Dennoch passt die Aktion in die übertriebene Kriminalisierung von Leuten mit Fußball-Bezug und nach meiner bescheidenen Meinung haben wir in unserer ‚Vorzeige-Republik‘ aktuell mit ganz anderen Sorgen zu hadern, wo die Kraft und Energie der Ordnungsorgane viel nötiger gebraucht würde. So blieb der Gästeblock stimmungsarm und rieb sich eher an ein paar Provokateuren im Nachbarblock auf der Gegengeraden auf. Ultra hin oder her, ohne Ultra herrscht Stimmung halt nur bedingt. Der Auftritt der Westtribüne war mindestens solide, lag manchmal über dem Durchschnitt und in der Schlussphase wurde es zusammen mit den Sitzplatzbesuchern richtig laut. Hoffe, dafür gibt die Mannschaft auch in den kommenden Heimspielen einen Grund.

Hamm – So., 06.04.2025, 15:00

Südener SV Hamm vs VfL Kamen II 2:0

Jahnstadion, 100 Zuschauer, Kreisliga A Unna/Hamm
Das ‚Jahnstadion‘ zu Hamm hat seit Jahren kein Punktspiel mehr erlebt. Das Stadion erfährt primäre Nutzung durch die Leichtathletikabteilung der Hammer Eintracht. Des einen Vereines Leid ist des anderen Fußballtouristen Freud, denn der Südener SV kann sein Hauptspielort ‚Friesen-Kampfbahn‘ aufgrund massiver Maulwurf-Invasion aktuell ebenso wenig bespielen, wie die Anlage am Südpark, deren Sozialtrakt nach einem Wasserrohrbruch unbenutzbar ist. Die Chance, von der man nicht exakt weiß, wie viele Spiele diese andauert, wollte also genutzt werden, denn da dem ‚Jahnstadion‘ ein Fußballclub nie fest zugeordnet war, sondern dieses nur gelegentlich als Ausweichspielstätte oder für Testspiele genutzt wurde und wird, ist es fraglich, wann sich die Möglichkeit wieder bietet. Das Stadion ist eine klassische Mehrzweckanlage. Eine Gerade wird über die volle Länge von einer gedeckten Tribüne aus Beton und Stein flankiert. Die gegenüberliegende Seite und zur Hälfte auch die Südkurve bieten drei grasbewachsene Stufen. Dass diese Stehanlagen früher bis zur Krone des Naturranges reichten, ist noch deutlich erkennbar. Jedoch sind diese Bereiche eingezäunt, daher nicht nutzbar und werden stattdessen der Natur überlassen. Natürlich konnten einige bekannte Gesichter der Bewegung, die zum Teil auch eine weite Anreise in Kauf genommen hatten, begrüßt werden, so dass der auf überschaubarem Niveau abgehaltene Kreisliga-Kick großenteils verquatscht wurde.

Avellino – So., 30.03.2025, 19:30

US Avellino 1912 vs Benevento Calcio 2:1

Stadio Partenio-Adriano Lombardi, 9.500 Zuschauer, Serie C Girone C
Nach dem Spiel in Quarto kehrte ich zunächst nach Scampia zurück, um mir die ‚Vele di Scampia‘ aus nächster Nähe anzusehen, einem der wichtigsten Drehorte der schon angesprochenen Netflix-Mafia-Serie ‚Gomorrha‘. Bei den ‚Vele‘, ins Deutsche übersetzt: Die Segel von Scampia, handelt es sich um einen markanten aus mehreren Blöcken bestehenden Wohnkomplex in charakteristischer Form, welche an Segel erinnert. Als bedeutendes Projekt des sozialen Wohnungsbaus wurden die Gebäude in den 60er und 70er Jahren errichtet, aber nicht instandgehalten, weshalb die Substanz schnell verkam. Schon ab Ende der 90er wurden erste Familien umgesiedelt und drei der sieben Gebäude abgerissen. Die verbliebenen Blöcke entwickelten sich zum Problemviertel, in dem der Handel und Konsum von Drogen blühten. Freiwerdende Wohnungen wurden von illegal in Italien lebenden Menschen okkupiert. 2019 beschloss die Stadtverwaltung den Abriss weiterer drei Gebäude, lediglich ein Block soll bestehen bleiben und saniert werden. Mittlerweile wurden die Häuser geräumt und von einem hohen Bauzaun umgeben. Die ‚Vele‘ sind nun ein zauberhafter, leider nicht besuchbarer Lost Place, da das Gelände annähernd lückenlos mit viel Personal von einem Sicherheitsdienst überwacht wird. Dennoch beeindruckend, sich diese Kolosse mit den recht einzigartigen Verbindungsbrücken zwischen den Wohneinheiten einmal aus der Nähe anzusehen.
Natürlich sollte die Tour noch eine gute Partie auf höherem Niveau enthalten. Die faszinierende Spielstätte in Avellino hatte ich schon mehrfach ins Auge gefasst, aber den Besuch nie realisiert. Die US Avellino spielt nach langer Zeit mal wieder eine richtig gute Saison, ist Tabellenführer der C-Gruppe der Serie C und empfing Benevento zum Derby. Der befürchtete Gäste-Ausschluss bewahrheitete sich wenige Tage vor dem Spiel, leider sind Gäste-Verbote in der Süd-Gruppe der dritten italienischen Liga inzwischen eher die Regel als die Ausnahme. Eine erwartbar heiße und gut aufgelegte ‚Curva Sud‘ der Gastgeber sollte das aber hoffentlich mehr als ausgleichen. Der Vorverkauf für dieses Spiel startete, während ich noch in Liberia weilte. Das betagte Stadion fasst zwar eigentlich an die 30.000 Zuschauer, ist aber nur noch für deren 10.000 zugelassen, da viele Bereiche aufgrund der brüchigen bejahrten Bausubstanz nicht mit voller Auslastung nutzbar sind. Ein schnelles Sold-out hatte ich dennoch nicht erwartet und wurde eines Besseren belehrt, denn nur wenige Stunden dauerte es, bis alle Tickets vergriffen waren. Ein Bitt-Schreiben per Email an den Verein wurde negativ beschieden, sodass dieses Spiel wohl ohne mich stattfinden sollte. Als Alternative bot sich die Partie der Serie B zwischen Salernitana und Palermo an. Im ‚Stadio Arechi‘ in Salerno war ich zwar schon, aber diese Aufwartung liegt lange zurück, das Stadion ist eine Bombe und Palermo versprach zudem einen ordentlichen Gäste-Mob, denn der Club ist in der Fremde normalerweise well-supported. Dennoch war ich mit dieser Variante irgendwie unzufrieden, sodass ich entschied all-in zu gehen und auf gut Glück nach Avellino zu fahren.
Das ‚Stadio Partenio – Adriano Lombardi‘ wurde bewacht wie eine Festung, so dass ein reinmogeln unmöglich zu sein schien. Also sprach ich mal am Ticketschalter vor und nach einigen blumigen Erklärungen und einer Träne im Knopfloch, kam plötzlich Bewegung in die Geschichte und einige Minuten später hielt ich tatsächlich ein Ticket für die Gegengerade in den Händen. Mille Grazie, Raggazi und Raggazine! Ich umrundete die Bude erst einmal und man kann dabei in die Geschichte der Ultra-Szene beinahe an jeder Ecke eintauchen. Das Stadion ist irgendwo in den 80ern oder 90ern hängengeblieben, einfach ein Traum für Nostalgiker. Zwanzig Minuten vor Anpfiff huschte ich dann hinein. Während die Curva Sud mit den Ultras der ‚Lupi‘ schon prallgefüllt war, herrschte in der Curva Nord, in der sich auch der ‚Settore Ospiti‘ befindet, natürlich gähnende Leere. Abgesehen von einem an die Haupttribüne grenzenden Block, in dem ein Fanclub mit der Bezeichnung ‚Avellino Curva Nord Diversamente Insuper Abili‘ seine Heimat hat. Dabei handelt es sich um Personen, welche körperlich oder geistig benachteiligt sind und der Block erstrahlte zum Einlauf der Teams sogar im Schein von einigen Fontänen und Blink-Bengalos.
In der Curva Sud, dem Epizentrum der Avellino-Ultras hing nur ein einziges Banner an der Balustrade des Oberrangs mit dem Satz „Solo chi osa puo‘ scrivere la storia… Avanti Avellino“, was soviel bedeutet wie „Nur wer etwas wagt kann Geschichte schreiben… Auf geht’s Avellino“. Was dann über neunzig Minuten folgte war Musik in den Ohren, denn die Kurve lieferte eine akustisch wertvolle Dauervorstellung mit nur wenigen Schwächephasen. Auch optische Merkmale wurden mit wiederkehrenden Pyro-Einlagen geboten. Auf dem Rasen entwickelte sich ein gut anzuschauender Schlagabtausch auf Augenhöhe. Die Gäste aus dem nahen Benevento hatten nicht vor, den Gastgebern die Punkte einfach so zu überlassen und hatten als aktueller Fünfter der Tabelle auch noch alle Chancen, einen Platz für die Playoff-Phase zu erreichen. Kurz nach dem Seitenwechsel gingen die ‚Lupi‘ in Führung und brachten das Rund noch mehr in Wallung. Die Gäste glichen aber eine Viertelstunde später aus. Die Grün-Weißen ließen sich jedoch nicht beirren und erarbeiteten sich ein Übergewicht, welches eine Viertelstunde vor Schluss im erneuten Führungstreffer mündete. Benevento kam dann kaum noch gefährlich in die Box der Gastgeber, die den Sieg in der Kurve mit ihren Anhängern frenetisch feierten. Ich klopfte mir noch selber feste auf die Schulter, die Anreise gewagt zu haben und machte mich in Ruhe auf ins Nachtquartier.