Essen – Sa., 14.03.2026, 14:00

Rot-Weiss Essen vs FC Erzgebirge Aue 4:2

Stadion an der Hafenstraße, 16.537 Zuschauer, 3.Liga
Der FC Erzgebirge Aue ist im Grunde weder für den glorreichen RWE noch für mich ein hervorzuhebender Gegner und dennoch – ich will es jedoch nicht überhöhen – war dieses Spiel ein leidlich besonderes. Und zwar einzig und allein bedingt durch die Trainerpersonalie, denn der Mann an der Linie der ‚Schachter‘ heiß seit einigen Wochen Christoph Dabrowski, der bekanntermaßen vor dem aktuellen RWE-Coach Uwe Koschinat zweieinhalb Jahre für das sportliche Geschehen an der Hafenstraße verantwortlich war. Mit Dabrowski als RWE-Trainer wurde ich nie warm. Von Anfang an nicht. Zu dröge und emotionslos wirkte der Mann auf mich. Auch eine leidlich erfolgreiche zweite Drittliga-Spielzeit, welche durchaus mit einem Aufstieg hätte enden können, was aber nach meiner Meinung eben durch Dabrowskis Coaching erfolgreich verhindert wurde, konnte mich nicht davon ablenken, schon frühzeitig für eine Veränderung auf dieser Position zu plädieren. Auch rhetorische Schwächen und immer gleich lautende Statements und Pressekonferenzen bekräftigten mich in der Meinung, dass der Mann nicht der richtige für diese Aufgabe ist. Als er dann kurz vor knapp endlich von seiner Aufgabe entbunden wurde, hielt ich es für möglich, dass er nie wieder einen Posten ab der Dritten Liga aufwärts bekommt. Aber ähnlich wie erfolglose Fußballer fällt ja auch erfolgloseste Übungsleiter immer wieder auf die Füße und finden einen neuen Job. Und so traf die Vereinsführung des FC Erzgebirge Ende Januar im Zuge des einsetzenden Negativlaufes eine verhängnisvolle Entscheidung, setzte Jens Härtel vor die Tür und verpflichtete eben Dabrowksi.
Zu diesem Zeitpunkt hatten die Erzgebirgler einen Punkt Rückstand auf das rettende Ufer. Vor dem heutigen Aufeinandertreffen, sechs Spiele später, sind es deren acht. Bei zwei Remis und zuletzt vier Niederlagen ist das Team unter Dabrowksi noch sieglos und inzwischen seit neun Spielen insgesamt ohne dreifachen Punktgewinn. Es geht dem Verein also nicht gut, der Abstieg droht. Dass sich Dabrowski vor dem Spiel sehr wohlwollend über seinen Ex-Club RWE äußerte, konnte mich nicht davon abhalten, im Stadion spaßeshalber „Dabro raus“ zu schreien. Ich zweifle nicht daran, dass er ein guter Typ ist. Sein Talent als Trainer halte ich aber für stark begrenzt, insbesondere was Motivationsfähigkeiten und mentale Stärke angeht, und nach meiner bescheidenen Meinung hat er den Deutschen Meister von 1955 in seiner Entwicklung nur aufgehalten und nicht nach vorne gebracht. Dem FC Erzgebirge stand also das Wasser bereits bis zum Hals. Dennoch rafften sich etwas mehr als 200 Anhänger zum 500 Kilometer-Trip quer durch die Bananenrepublik auf. Die Ultra-Szene der Sachsen ist seit einigen Monaten im Block nicht mehr optisch erkennbar, sondern verschwimmt mit der Masse der normalen Anhänger. Grund dafür ist, dass wichtige Zaunbanner der Gruppen unter fragwürdigen und bis heute nicht aufgeklärten Umständen verloren gingen. Neue Fahnen wurden nicht gefertigt, da steht der Ultra-Kodex im Weg, und so war der Gästeblock nicht nur dünn besiedelt, sondern auch dünn beflaggt. Zumindest die akustische Unterstützung wurde aber fortgeführt.
Die Westkurve eröffnete mit einer Choreo im zentralen Bereich der Tribüne. Hinter einem Zaunbanner mit der Aufschrift ‚Das Chaos im Herzen‘ waren rot-weiße Bänder bis ganz oben in den Block gespannt worden, was eine Spur an die Optik südamerikanischer Kurven erinnerte. Dazwischen gab es ein Durcheinander aus Doppelhaltern, Fahnen, Konfetti und Wurfrollen zu sehen, eben ein Chaos. Koschinat schickte eine etwas veränderte Elf ins Spiel. Die im zweiten Durchgang in Hoffenheim sehr agile Achse mit Bouebari und Brumme auf links wurde gewählt, Müsel rutschte für den gesundheitlich angeschlagenen Gjasula ins Team. Außerdem kehrte Golz nach seiner auskurierten Knieverletzung zurück. Nach etwas durchwachsenem Beginn nahm die Partie dann ordentlich Fahrt auf. Nach einer ersten Chance für Aue übernahm der Deutsche Meister von 1955 langsam die Regie. Brumme und Müsel scheiterten noch, aber der Letztgenannte sollte kurz darauf erfolgreich sein. Eine abgewehrte Brumme-Freistoßflanke wurde von der Auer Defensive nicht konsequent genug geklärt. Alonso machte den Ball von außen wieder scharf und dann bekamen die Lila-Weißen die Murmel nicht aus dem Sechzehner. Über den Kopf von Reisig landete das Ding bei Müsel, der völlig beschissen mit dem Rücken zum Tor stand und das Spielgerät daher einfach aus gut sieben Metern mit der Hacke Richtung Tor beförderte. Fand der Ball wohl gut, denn dieser rollte in aller Ruhe am überraschten Auer Torwart-Ur-Gestein Männel vorbei ins lange Eck.
Das sollte der Auftakt für wilde zehn Minuten sein. Erneut klärten die Veilchen eine Flanke nicht konsequent. Brumme nahm die Kirsche in halblinker Position 30 Meter vor dem Tor auf und legte quer auf Hofmann, der viel Zeit hatte um Maß zu nehmen und das Leder in die linke obere Triangel des Gästegehäuses zu befördern. Was für eine Fackel! Der junge Leihspieler des 1.FC Nürnberg hat ja einen harten und präzisen Schuss. Außerdem ist er als Verteidiger laufstark, bissig und dennoch mit Offensivdrang ausgestattet. Wird schwer, den Jungen bei seinem aktuellen Aufwärtstrend vom ‚Glubb‘ loszueisen. Damit nicht genug. Männel hatte den Ball nach einem abgefangenen RWE-Angriff eigentlich sicher, wollte das Spiel schnell machen und beförderte das Ei dann aber kurz auf einen Verteidiger knapp hinter die Strafraumgrenze. Der arme Kerl geriet direkt in die Zange aus zwei Roten, die ihm die Murmel wegspitzelten. Marek Janssen nahm sich des herrenlosen Spielgerätes barmherzig an, drehte sich kurz und zirkelte es per No-Look-Schlenzer über Männel ins Netz. Nun versank die Kurve wirklich im Chaos. Spiel entschieden? Eher nicht. Drei-Tore-Führungen gegen Abstiegskandidaten können in dieser Liga trügerisch sein. Dem war auch so. Völlig unerwartet kamen die Gäste in der Nachspielzeit der ersten Hälfte durch einen abgefälschten Schuss zum Anschluss.
Und weil Dabrowski auf zwei Positionen die richtigen Wechsel vornahm und der RWE im zweiten Durchgang überhaupt nicht an den Terror aus Durchgang eins anknüpfen konnte, wurde es nochmal eng. Nach einer Stunde köpfte Bär zum sich inzwischen abzeichnenden Anschluss ein, was das Selbstvertrauen der Rot-Weissen nicht förderte. Der RWE fand offensiv gar nicht mehr wirklich statt und Golz verhinderte die totale Katastrophe mit einem Wahnsinns-Reflex. Aus kurzer Distanz parierte er einen Kopfball eines Auers. Vom ausgestreckten Arm des Torhüters prallte die Kirsche dann unkontrolliert auf den Fuß des Stürmers und eierte von dort an den linken Außenpfosten. Da hatte die Murmel schon ziemlich schief ins Tor gelünkert. Dass es zum Ausgleich nicht kam, lag letztlich an der Unvollkommenheit der Gäste-Offensive. Der RWE fing sich dann langsam und Mizuta erlöste seinen Verein eben mit einem klassischen Mizuta-Treffer. Von Abiama im Strafraum bedient, fackelte er nicht lange und jagte die Kugel aus 15 Metern in die Maschen. Damit war die Biene endgültig im Stock und den Holzmicheln nun der Mut genommen. Der Anhang der Lila-Weißen hatte den organisierten Support nach dem dritten RWE-Treffer übrigens bereits eingestellt. Der Rapport am Zaun nach dem Abpfiff fiel dennoch moderat aus, im Geiste scheint sich das Umfeld schon mit dem Abstieg abgefunden zu haben. Anders sieht es bei den Roten aus, die nun auf Platz Drei wieder fett im Aufstiegsgeschäft sind.