Athen – So., 01.02.2026, 15:00

GS Apollon Smirnis vs AO Trachonon Alimou 2:0

Stadio Georgios Kamaras, 400 Zuschauer, A-EPS Athen Gruppe 2
Das zweite Spiel des Tages lag einen etwas mehr als halbstündigen Fußmarsch entfernt, der uns über die Stadtgrenze zurück nach Zentral-Athen führte. Es blieb noch genügend Zeit, um unterwegs in einem Grillrestaurant einzukehren und sich für den weiteren Tagesablauf zu stärken. Neues Spiel aber dieselbe Liga wie beim vorherigen Kick. Apollon Smyrnis, benannt nach dem Sonnengott, ist ein Club mit einer vor allem in der etwas jüngeren Zeit recht bewegten Geschichte. Vor 30 Jahren spielte der Club gar im Europapokal und stand im griechischen Pokalfinale. Danach ging es innerhalb weniger Jahre bergab bis in die vierte Liga, aber dann auf ebensolche Weise wieder hoch bis in die Super League. Nach ein bisschen Auf und Ab stieg der Club im ersten Corona-Jahr letztmalig in die höchste Spielklasse auf, danach ging es im freien Fall wieder hinab bis in die höchste Regionalklasse. Dort scheint nun der erneute Turnaround stattzufinden, denn Tabellenführer Apollon empfing an einer verdammt engen Spitzengruppe den Dritten der Rangliste. Mit einem verdienten Heimsieg konnte der Platz an der Sonne behauptet werden.
Eine aktive Gruppe von 30-35 Leuten hält dem Verein auch in den Niederungen des griechischen Ligasystems die Treue und machte Stimmung und auch einige pyrotechnische Elemente wurden in gasförmige Stoffe aufgelöst. Das deutlich in die Jahre gekommene Stadion ist natürlich eine Wucht, leider war nur die Haupttribüne geöffnet, so dass ein ausgiebiges Herumschleichen nicht möglich war. Es handelt sich um eine U-Form, wie es in Griechenland erstaunlich häufig der Fall ist, bedeutet also, dass hinter einem Tor der Ausbau fehlt. Beim ‚Georgios Kamaras‘ steht hinter der Ausbau-losen Seite eine Sporthalle. Das Stadion gammelt in aller Ruhe vor sich hin. Irgendwer stellt Geld für eine Infrastruktur bereit und dann wird diese solange benutzt, bis sie kaputt ist. So erklärte Tim mir einmal die hiesige Verhaltensweise. Wirklich kaputt ist das Stadion natürlich noch lange nicht, aber es gibt natürlich schon einige Stellen, die sich über eine Sanierung freuen würden. Der Bauch der Haupttribüne beherbergt eine traumhafte Stadionkneipe, die mit vielen Holzelementen beinahe an einen britischen Pub erinnert. Nach dem Schlusspfiff mussten wir uns zügig zum nächsten Kick aufmachen, das Zeitpolster war eng und wurde durch unfähig herumirrende Uber-Fahrer unangenehm verknappt.

Nea Ionia – So., 01.02.2026, 11:30

PAO Alsoupoli vs Irakleio AE 1:0

Dimitiko Stadio Nea Ionia, 100 Zuschauer, A-EPS Athen Gruppe 2
Wie die erste Nacht war auch die zweite zu kurz, aber Schlaf wird auf  den Touren ja eh überbewertet. Der Sonntag sollte es in sich haben, zumindest in Blickrichtung Fußball. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass der glorreiche RWE heute seinen 119. Geburtstag feierte, sondern dass vier Spiele auf dem Zettel standen und vorher wollte noch der Schlüssel des Miet-Vehikulums zurückgegeben werden. Obwohl ich das Hobby ja schon einige Monde pflege, kann ich gar nicht sagen, ob ich schon mal vier Spiele an einem Tag geschaut habe. In Tschechien vielleicht mal? In Buenos Aires bin ich jedenfalls aufgrund eines unzuverlässigen Taxista mal am Vierer des Todes gescheitert. Den Opener machte diese Partie der höchsten Regionalliga Athens. Super League und Super League 2 organisieren sich selbst durch entsprechende Liga-Verbände, die ‚Gamma Ethniki‘, die dritte Liga, wird durch den griechischen Fußballverband geleitet. Darunter gibt es dann unzählige, gleichgestellte regionale Verbände, die jeweils ihren Spielbetrieb organisieren. Alsoupoli nutzt das Stadion des Drittligisten Nea Ionia, dessen Ultra-Gruppe die Stadion-Mauer mit einem fetten Graffiti versehen hat. Nea Ionia gehört schon nicht mehr zu Zentral-Athen, sondern ist eine eigene (Vor-)Stadt. Die Gastgeber gingen als Tabellenschlusslicht in die Partie, was sie unabhängig vom Endergebnis auch bleiben sollten. Die Gäste aus der unmittelbar benachbarten Vorstadt Irakleio hatten sich den Verlauf der Veranstaltung sicherlich anders vorgestellt, nach 90 Minuten hatte die Alsoupolis nämlich den erst zweiten Sieg der Saison unter Dach und Fach. Kurz nach Anpfiff öffnete sich der Wolkendecke und wir konnten den Warm-up bei Sonnenschein und einer Büchse Bier in aller Ruhe genießen.

Agrinio – Sa., 31.01.2026, 17:00

Panetolikos vs PAE Aris 0:1

Stadio Panetolikou, 1.755 Zuschauer, Super League
Was war das wieder für ein Drama mit diesem Wochenende – Griechenland ist und bleibt einfach eines der unberechenbarsten Fußballländer Europas! Um die Weihnachtszeit wurde der Plan zu dieser Reise geschmiedet, da ich mit dem alten Nikolaidis-Stadion von Panathinaikos noch ein Thema offen hatte. Auch dazu gibt es eine Geschichte. Als ich die alte Rammelbude vor ziemlich exakt elf Jahren besuchen wollte, hatte der griechische Verband die ‚Super League-Spiele‘ des anvisierten Spieltages kurzfristig abgesetzt. Der Grund waren wiederholte Ausschreitungen und als i-Tüpfelchen eine Schlägerei zwischen Funktionären von Panathinaikos und Olympiakos während einer Sitzung des Liga-Vorstandes. Dit is Griechenland! Griechenland wäre aber nicht Griechenland, wenn die Absetzung nicht kurz vor dem Wochenende wieder rückgängig gemacht worden wäre, allerdings wurde nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit gekickt. Wir fuhren am Spieltag trotzdem zum Stadion, um uns mal ein Bild vom Geschehen zu machen. Die dort aufgestellte Großbildleinwand, mit der man die Fans am Spiel teilhaben lassen wollte, war aber leider nur eine Kleinbildleinwand. Vor Ort gemachte einheimische Bekanntschaften nahmen uns mit auf das Dach eines heruntergekommenen Wohnblocks hinter der Haupttribüne, von dem wir versuchten, einen Blick ins Stadion zu werfen. Völlig sinn- und erfolgsbefreit, dafür aber wenigstens lebensgefährlich, erst recht nach und bei dem Genuss einiger bewusstseinserweiternder Getränke. Verdiente sich aber immerhin einen Eintrag in das persönliche Geschichtsbuch. 
Da Panathinaikos – oder PAO, wie der Club nach seinem Kürzel genannt wird – nun aber an einem neuen Stadion werkelt, das mittelfristig fertig sein wird und da das gute alte ‚Nikolaidis‘ dann Geschichte ist, war es endgültig an der Zeit, die alte Scharte mal auszuwetzen. Dieses Wochenende bot für den Sonntag die attraktive Konstellation am späten Nachmittag PAO beim Kräftemessen mit Kifisia, dem leider unattraktiven Gegner aus der Athener Agglomeration, zu beobachten und am Abend dann das Topspiel zwischen AEK und Olympiakos zu besuchen. Es stellte sich heraus, dass weitere bekannte Gesichter der Bewegung dasselbe vorhatten, was einen unterhaltsamen Trip in Aussicht stellte. Für den Samstag hatte ich mich mit Exil-‚Grieche‘ Tim aus Thessaloniki, der beruflich in Athen zu tun hatte, für den Besuch des Auswärtsspieles von Aris bei Panetolikos in Agrinio verabredet. Nachdem die Flüge gebucht waren, ‚glänzte‘ Tim dann mit der Information, dass dem Topspiel eine Verlegung drohte. Malakka! Das war jedoch kurz danach wieder vom Tisch, dafür war nun aber das Heimspiel von PAO im ‚Nikolaidis‘ in Gefahr, da der Rasen schwächelte und deshalb ein Ausweichen ins Olympiastadion im Raume stand. Wat ein Stress!
Erste Hürde war aber die Kartenbeschaffung für das AEK-Spiel. Tickets gab es mit Verkaufsbeginn nur ab 60 Euro. In einer kurzen Phase, in der Tickets für knapp über 50 Euro erhältlich waren – immer noch mehr als genug – war ich leider verhindert und als ich zuschlagen wollte, waren diese vergriffen und es gab nur noch einzelne Plätze für 90(!) Euro. Absolut keine Option! Kurz darauf wurde dann ‚sold out‘ gemeldet. Aber irgendwie kommt man ja immer rein und die einfachste Option aus dieser Kategorie zog auch unproblematisch. Es dauerte dann bis in die Woche vor dem Spiel, dass PAO durch die Öffnung des Vorverkaufes erahnen ließ, dass die Partie am angestammten Spielort stattfinden würde. Damit war nun endlich alles klar. Allerdings nur für wenige Stunden. Dann wurde Fußball-Griechenland über seine Grenzen hinaus durch die Meldung geschockt, dass sieben Fans von PAOK Saloniki auf dem Weg zum Europapokal-Spiel in Lyon bei einem verheerenden Frontalaufprall ums Leben kamen. Ein achter Anhänger verstarb in den Tagen nach dem Unglück. Der Verein und der griechische Verband versuchten daraufhin eine Verlegung des Spieles zu erreichen. Die – sorry, und nein, nicht sorry! – gottverdammte, dreckige UEFA-Mafia dachte aber natürlich nur ans Geschäft und lehnte ab. Nur meine leidlich gute Erziehung verbietet mir, UEFA-Obergauner Ceferin und seinen Motherfucker-Funktionärs-Schergen, die nicht einen Funken Anstand in ihren verknitterten Leibern tragen, ein ähnliches Schicksal zu wünschen, wie den PAOK-Jungs.
Die Griechen sind ein stolzes Volk und fühlten sich zurecht abserviert. Als Folge stand eine Aussage des Sportministers im Raum, als Zeichen der Kondolenz und des Respekts, den gesamten Spieltag der ‚Super League‘ abzusagen. Moralisch hätte ich dafür Verständnis gehabt, aber natürlich traf diese Meldung bis ins Mark. Soweit die Vorgeschichte. Eine letzte, kleine Unsicherheit blieb noch, als ich am Freitagmorgen mit dem Kranich über Frankfurt nach Athen reiste, aber die Anzeichen für ein Stattfinden des Spieltages verdichteten sich. Und ohne dass der Absage-Idee jemals eine öffentliche Absage erteilt wurde, war dem dann auch so. Am Freitag in Athen eingetroffen, ereignete sich nicht mehr vielm, außer dem Verzehr eines landestypischen Abendessens und ein paar Bieren im Kreise der Angereisten. Am Samstag-Morgen machten wir uns dann zu zweit auf den Weg nach Agrinio im Westen des Landes, während sich der Rest der Reisegruppe bei Spielen im Großraum Athen vergnügte. Drei Golfe ging es entlang, zunächst den Saronischen, den jenen von Korinth und schließlich den Golf von Patras. Als ob die Autobahn-Maut nicht schon teuer genug war, waren wir auf dem Hin- wie auf dem Rückweg zu blöde, die fette Brücke zu meiden, welche den Golf von Korinth vom offenen Meer trennt, und stattdessen die parallel verkehrende Autofähre zu nutzen. Anstatt nur 14 Euro für die Fähr-Überfahrt schlug die Unfähigkeit mit 32 Euro zu Buche – herzlichen Dank.
Agrinio liegt irgendwo im Nichts zwischen dem Panetoliko-Gebirge, welches dem Fußballverein seinen Namen spendet, und dem Ionischen Meer. Der Panetolikos Gymnnastikos Filekpaideftikos Syllogos, so heißt der Club mit vollem Namen, bei dem der griechische Fußball- und Volksheld Angelos Charisteas, Torschütze des Siegtreffers bei dem EM 2004 in Portugal, seine Karriere ausklingen ließ, ist ein Fußballclub ohne Ansprüche, der damit zufrieden sein dürfte, in der höchsten Spielklasse mitmischen zu dürfen und das inzwischen als langjähriger Teilnehmer. Gäste-Anhänger waren für diese Partie offiziell nicht erlaubt. Das ist ja eh ein schwieriges Thema bei den Hellenen. Bei den Spielen der großen Vereine untereinander sind Gäste-Fans eh tabu, da der Grieche an sich seine Emotionen in Stresssituationen nicht unter Kontrolle bekommt. Anders ist es, wenn die ‚Kleinen‘ zu den ‚Großen‘ reisen und umgekehrt. Dann kommt es zu Einzelfall-Entscheidungen. Zunächst obliegt dem gastgebenden Verein den Daumen zu heben oder zu senken, das letzte Wort hat meist die örtliche Polizei-Institution. Bei Vereinen, deren Fanszenen sich wohlgesonnen sind, geht das oft durch. Dieses ist bei den heute aufeinandertreffenden Clubs der Fall. Allerdings befindet sich das Stadion in Agrinio in einer Umbauphase, die noch nicht final abgeschlossen ist. Zwar ist der Ausbau der Gästeblock-beherbergenden Gegentribüne prinzipiell fertig, jedoch nicht der Innenausbau dieser, so dass es aktuell keinen ausgewiesenen Away-Bereich gibt. Für knapp drei Dutzend Aris-Anhänger wurde daher auf der Haupttribüne ein kleiner Bereich abgetrennt und von der Staatsmacht gesichert, so dass zumindest ein symbolischer Gäste-Haufen anwesend war.
Das Stadion besteht aus drei Tribünen – Haupttribüne, Gegentribüne und einer trapezförmigen Hintertor-Tribüne, mit einer etwas gewagten Dachkonstruktion. Hinter dem anderen Tor befindet sich lediglich der Kabinentrakt, mehr Platz ist dort schlicht nicht vorhanden. Hinter dem Tor haben die ‚Warriors of Gate 6‘ ihren Platz. Etwa 80 Leute waren unter optischer Zuhilfenahme von drei größeren Schwenkern bemüht, ihre Mannschaft anzufeuern. Die Aris-Leute hatten ein paar kleinere Lappen an der Balustrade befestigt und sangen während des ganzen Spieles, sehr inbrünstig wirkte das aber nicht. Mag auch am bescheidenen Spiel gelegen haben. Panetolikos dezimierte sich bereits nach gut 20 Minuten selbst durch einen Platzverweis nach VAR-Überprüfung. Von einer personellen Überlegenheit der Gäste merkte man aber rein gar nichts. Bei einem äußerst schwachen Spiel-Niveau blieben Torchancen auf beiden Seiten Mangelware. Erst zehn Minuten vor dem Ende erzielte Aris den Treffer des Tages, als bei den Gastgebern die Kräfte schwanden. Der Rückweg nach Athen war wenig spektakulär und nach Ankunft verzogen wir uns für den Tagesabschluss noch für ein Stündchen in einer nahe an der Unterkunft liegenden Bar.