
Aachener TSV Alemannia vs Rot-Weiss Essen 3:3
Tivoli, 27.862 Zuschauer, 3.Liga

Aachen – immer eine Reise wert? Grundsätzlich betrat ich den ‚Tivoli‘ ohne hohe Erwartungen. Die desaströse Heimbilanz der Gastgeber in der dieser Saison konnte mich jedenfalls nicht blenden. In den letzten dreißig Jahren gelang dem RWE in elf Spielen auf dem Tivoli gerade mal ein Sieg, dazu kamen abgezählte Punkteteilungen. Für die Alemannen ist dieses Spiel irgendwie wichtiger, als für den Deutschen Meister von 1955. Die Abneigung der Öcher Fans gegenüber denen der Roten ist ungleich größer als umgekehrt, das Spiel wird wie ein Derby behandelt. Aus rot-weisser Sicht ist es sicherlich auch eine Partie, in der es nicht nur um Punkte, sondern auch um viel Prestige geht, dennoch genießt der Kick aber keinen überhöhten Stellenwert. Das scheint sich eben auch auf dem Rasen abzulichten, ist aber möglicherweise nur ein hilfloser Erklärungsversuch, warum sich die Schwarz-Gelben schon beinahe als Angstgegner offenbaren. Tatsache ist, dass die Alemannischen aktiven Angestellten mehr zu brennen scheinen, als jene in Rot und Weiss. Auf dem Papier ging der RWE als klarer Favorit in diese Partie. Dass die Spieler diese Rolle nicht umsetzen konnten, war bereits nach fünf Minuten klar. Nach einer schönen Doppelpass-Kombi zwischen dem starken Gindorf und Stürmer Schroers stand es früh 1:0 für die Heim-Elf. Förderte nicht unbedingt das Selbstvertrauen des Gäste-Teams, dass danach seine Rolle bei dieser Veranstaltung suchte. Doch da Golz-Ersatz Wienand den zweiten Treffer für die Aachener vereiteln konnte und Mizutas Direktabnahme von der Strafraumgrenze ins Netz fand, stand es zur Halbzeit der ersten Spielhälfte überraschend remis. Hätte Sicherheit geben können. Bleibt aber der zweite Konjunktiv von ‚Haben‘ und die Partie veränderte sich. Nicht!
Bei den Rot-Weissen war derjenige, der den Ball hatte, die ärmste Sau, weil sich kaum jemand für ein Abspiel anbot oder schlicht nicht in der Lage war, den Raum dafür öffnen. Aber ein Maß an Selbstüberschätzung gehörte wohl auch dazu, dass der RWE aufgrund vieler individueller Fehler, aus denen Ballverluste entstanden, meist den Gegenspielern hinterherlief. Hatte vor dem ersten Treffer Mizuta leichtfertig den Ball verloren, schaffte es Brumme ein paar Minuten vor dem Pausenpfiff ebenso. Zunächst erkämpfte er sich stark den Ball, verlor diesen aber wieder, weil er den Zeitpunkt für das Abspiel verpasste. Einen Steilpass und einen Lupfer aus verdammt schwierigem Winkel später führte die Alemannia erneut. Was auch immer in der Kabine besprochen wurde – es war 18 Sekunden nach dem Wiederanpfiff Makulatur. Der RWE hatte Anstoß, gab den Ball aber sofort ab. Einen Steilpass in die Aachener Spitze wollte Alonso abgrätschen, was aber nur zu einer Verlängerung des Passes geriet und Schroers sagte frei vor Wienand mit seinem zweiten Tor ‚Dankeschön‘. Nun wurde es hart, erst recht, da die Roten in keiner Sekunde das kämpferische Niveau der Gastgeber erreichten. Warum eigentlich nicht? Wenn es nicht läuft, kann man doch zumindest auf physischer Ebene alles reinwerfen.
Eigentlich konnte es jetzt nur noch heißen, das Visier hochzuklappen, aber die Eier hatten weiterhin die Alemannen. Man darf auch die Frage stellen, warum Coach Koschinat wieder nicht frühzeitig reagierte. Woher kommt die Hoffnung, dass die Mannschaft plötzlich den Schalter umlegt? Dazu fällt mir das (nicht eindeutig) Albert Einstein zugeordnete Zitat ein „Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun und dabei andere Ergebnisse zu erwarten“. Die Einwechslung von Bouebari für einen heute überforderten Brumme hätte ich gern früher gesehen. Es ist nicht so, dass die Hausherren, den RWE pausenlos in die Defensive drängten, aber auf Essener Seite ging im Spielaufbau und offensiv gar nichts, annähernd jede getroffene Entscheidung war falsch. Auch Wienand, der Golz schon oft stark vertreten hatte, strahlte keine Sicherheit aus, ohne dabei aber grobe Fehler zu machen. Die Aachener hatten die Kontrolle, schalteten schnell um, kombinierten flüssig und kochten den vermeintlichen Favoriten mit intensiver und couragierter Spielweise ab. Alles deutete auf einen hochverdienten Heimsieg hin. Eigentlich war es die gleiche Scheiße wie im Vorjahr, nur mit völlig anderer Ausgangslage.
20 Minuten vor dem Ende wechselte Koschinat dann den Game-Changer ein, allerdings wusste das zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Dickson Abiama, auf den letzten Drücker im Winter-Transferfenster aus Kaiserslautern ausgeliehen, erzielte mit einem humorlosen Strahl mit dem rechten Fuss aus 20 Metern aus dem Nichts fünf Minuten vor dem regulären Ende den Anschluss. Die Gastgeber mussten ihrer kraftraubenden Spielweise längst Tribut zollen, die Leistungsträger waren ausgewechselt worden und nun machte sich Unruhe in der Hintermannschaft breit. Vier Minute nach seinem ersten Treffer war Abiama Nutznießer einer schlecht verteidigten Freistoßflanke in der Aachener Box. Die Abwehr bekam die Murmel nicht geklärt, Abiama nutzte sein kurzes Schusszeitfenster mit dem Linken und lochte zum Ausgleich ein. Fußball ist ungerecht. Mir persönlich war das aber noch nicht genug. Die Alemannen waren platt und psychisch angeschlagen. Acht Minuten Nachspielzeit gab es und mit mutigem Spiel nach vorn, hätte man eventuell die Ungerechtigkeit noch komplett machen können. Aber die Roten zogen es vor, den Ball erst einmal zu kontrollieren und es gab nur noch zaghafte Versuche in Richtung des gegnerischen Tores. Gemessen an dem bis kurz zuvor präsentierten Geholze vielleicht auch keine ganz falsche Idee, um nicht doch noch selber den spielentscheidenden Fehler zu produzieren. So blieb es beim Remis. Zum Leben zu wenig, aber zum Sterben zu viel, daher bleibt der RWE dran an der Spitzengruppe. Will man sich da oben aber noch richtig reinbeißen, müssen mal ein paar Dreier am Stück produziert werden. Ich bleibe gespannt, aber nicht angespannt.










