
Panetolikos vs PAE Aris 0:1
Stadio Panetolikou, 1.755 Zuschauer, Super Liga
Was war das wieder für ein Drama mit diesem Wochenende – Griechenland ist und bleibt einfach eines der unberechenbarsten Fußballländer Europas! Um die Weihnachtszeit wurde der Plan zu dieser Reise geschmiedet, da ich mit dem alten Nikolaidis-Stadion von Panathinaikos noch ein Thema offen hatte. Auch dazu gibt es eine Geschichte. Als ich die alte Rammelbude vor ziemlich exakt elf Jahren besuchen wollte, hatte der griechische Verband die ‚Super League-Spiele‘ des anvisierten Spieltages kurzfristig abgesetzt. Der Grund waren wiederholte Ausschreitungen und als i-Tüpfelchen eine Schlägerei zwischen Funktionären von Panathinaikos und Olympiakos während einer Sitzung des Liga-Vorstandes. Dit is Griechenland! Griechenland wäre aber nicht Griechenland, wenn die Absetzung nicht kurz vor dem Wochenende wieder rückgängig gemacht worden wäre, allerdings wurde nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit gekickt. Wir fuhren am Spieltag trotzdem zum Stadion, um uns mal ein Bild vom Geschehen zu machen. Die dort aufgestellte Großbildleinwand, mit der man die Fans am Spiel teilhaben lassen wollte, war aber leider nur eine Kleinbildleinwand. Vor Ort gemachte einheimische Bekanntschaften nahmen uns mit auf das Dach eines heruntergekommenen Wohnblocks hinter der Haupttribüne, von dem wir versuchten, einen Blick ins Stadion zu werfen. Völlig sinn- und erfolgsbefreit, dafür aber wenigstens lebensgefährlich, erst recht nach und bei dem Genuss einiger bewusstseinserweiternder Getränke. Verdiente sich aber immerhin einen Eintrag in das persönliche Geschichtsbuch.
Da Panathinaikos – oder PAO, wie der Club nach seinem Kürzel genannt wird – nun aber an einem neuen Stadion werkelt, das mittelfristig fertig sein wird und da das gute alte ‚Nikolaidis‘ dann Geschichte ist, war es endgültig an der Zeit, die alte Scharte mal auszuwetzen. Dieses Wochenende bot für den Sonntag die attraktive Konstellation am späten Nachmittag PAO beim Kräftemessen mit Kifisia, dem leider unattraktiven Gegner aus der Athener Agglomeration, zu beobachten und am Abend dann das Topspiel zwischen AEK und Olympiakos zu besuchen. Es stellte sich heraus, dass weitere bekannte Gesichter der Bewegung dasselbe vorhatten, was einen unterhaltsamen Trip in Aussicht stellte. Für den Samstag hatte ich mich mit Exil-‚Grieche‘ Tim aus Thessaloniki, der beruflich in Athen zu tun hatte, für den Besuch des Auswärtsspieles von Aris bei Panetolikos in Agrinio verabredet. Nachdem die Flüge gebucht waren, ‚glänzte‘ Tim dann mit der Information, dass dem Topspiel eine Verlegung drohte. Malakka! Das war jedoch kurz danach wieder vom Tisch, dafür war nun aber das Heimspiel von PAO im ‚Nikolaidis‘ in Gefahr, da der Rasen schwächelte und deshalb ein Ausweichen ins Olympiastadion im Raume stand. Wat ein Stress!
Erste Hürde war aber die Kartenbeschaffung für das AEK-Spiel. Tickets gab es mit Verkaufsbeginn nur ab 60 Euro. In einer kurzen Phase, in der Tickets für knapp über 50 Euro erhältlich waren – immer noch mehr als genug – war ich leider verhindert und als ich zuschlagen wollte, waren diese vergriffen und es gab nur noch einzelne Plätze für 90(!) Euro. Absolut keine Option! Kurz darauf wurde dann ‚sold out‘ gemeldet. Aber irgendwie kommt man ja immer rein und die einfachste Option aus dieser Kategorie zog auch unproblematisch. Es dauerte dann bis in die Woche vor dem Spiel, dass PAO durch die Öffnung des Vorverkaufes erahnen ließ, dass die Partie am angestammten Spielort stattfinden würde. Damit war nun endlich alles klar. Allerdings nur für wenige Stunden. Dann wurde Fußball-Griechenland über seine Grenzen hinaus durch die Meldung geschockt, dass sieben Fans von PAOK Saloniki auf dem Weg zum Europapokal-Spiel in Lyon bei einem verheerenden Frontalaufprall ums Leben kamen. Ein achter Anhänger verstarb in den Tagen nach dem Unglück. Der Verein und der griechische Verband versuchten daraufhin eine Verlegung des Spieles zu erreichen. Die – sorry, und nein, nicht sorry! – gottverdammte, dreckige UEFA-Mafia dachte aber natürlich nur ans Geschäft und lehnte ab. Nur meine leidlich gute Erziehung verbietet mir, UEFA-Obergauner Ceferin und seinen Motherfucker-Funktionärs-Schergen, die nicht einen Funken Anstand in ihren verknitterten Leibern tragen, ein ähnliches Schicksal zu wünschen, wie den PAOK-Jungs.
Die Griechen sind ein stolzes Volk und fühlten sich zurecht abserviert. Als Folge stand eine Aussage des Sportministers im Raum, als Zeichen der Kondolenz und des Respekts, den gesamten Spieltag der ‚Super League‘ abzusagen. Moralisch hätte ich dafür Verständnis gehabt, aber natürlich traf diese Meldung bis ins Mark. Soweit die Vorgeschichte. Eine letzte, kleine Unsicherheit blieb noch, als ich am Freitagmorgen mit dem Kranich über Frankfurt nach Athen reiste, aber die Anzeichen für ein Stattfinden des Spieltages verdichteten sich. Und ohne dass der Absage-Idee jemals eine öffentliche Absage erteilt wurde, war dem dann auch so. Am Freitag in Athen eingetroffen, ereignete sich nicht mehr vielm, außer dem Verzehr eines landestypischen Abendessens und ein paar Bieren im Kreise der Angereisten. Am Samstag-Morgen machten wir uns dann zu zweit auf den Weg nach Agrinio im Westen des Landes, während sich der Rest der Reisegruppe bei Spielen im Großraum Athen vergnügte. Drei Golfe ging es entlang, zunächst den Saronischen, den jenen von Korinth und schließlich den Golf von Patras. Als ob die Autobahn-Maut nicht schon teuer genug war, waren wir auf dem Hin- wie auf dem Rückweg zu blöde, die fette Brücke zu meiden, welche den Golf von Korinth vom offenen Meer trennt, und stattdessen die parallel verkehrende Autofähre zu nutzen. Anstatt nur 14 Euro für die Fähr-Überfahrt schlug die Unfähigkeit mit 32 Euro zu Buche – herzlichen Dank.
Agrinio liegt irgendwo im Nichts zwischen dem Panetoliko-Gebirge, welches dem Fußballverein seinen Namen spendet, und dem Ionischen Meer. Der Panetolikos Gymnnastikos Filekpaideftikos Syllogos, so heißt der Club mit vollem Namen, bei dem der griechische Fußball- und Volksheld Angelos Charisteas, Torschütze des Siegtreffers bei dem EM 2004 in Portugal, seine Karriere ausklingen ließ, ist ein Fußballclub ohne Ansprüche, der damit zufrieden sein dürfte, in der höchsten Spielklasse mitmischen zu dürfen und das inzwischen als langjähriger Teilnehmer. Gäste-Anhänger waren für diese Partie offiziell nicht erlaubt. Das ist ja eh ein schwieriges Thema bei den Hellenen. Bei den Spielen der großen Vereine untereinander sind Gäste-Fans eh tabu, da der Grieche an sich seine Emotionen in Stresssituationen nicht unter Kontrolle bekommt. Anders ist es, wenn die ‚Kleinen‘ zu den ‚Großen‘ reisen und umgekehrt. Dann kommt es zu Einzelfall-Entscheidungen. Zunächst obliegt dem gastgebenden Verein den Daumen zu heben oder zu senken, das letzte Wort hat meist die örtliche Polizei-Institution. Bei Vereinen, deren Fanszenen sich wohlgesonnen sind, geht das oft durch. Dieses ist bei den heute aufeinandertreffenden Clubs der Fall. Allerdings befindet sich das Stadion in Agrinio in einer Umbauphase, die noch nicht final abgeschlossen ist. Zwar ist der Ausbau der Gästeblock-beherbergenden Gegentribüne prinzipiell fertig, jedoch nicht der Innenausbau dieser, so dass es aktuell keinen ausgewiesenen Away-Bereich gibt. Für knapp drei Dutzend Aris-Anhänger wurde daher auf der Haupttribüne ein kleiner Bereich abgetrennt und von der Staatsmacht gesichert, so dass zumindest ein symbolischer Gäste-Haufen anwesend war.
Das Stadion besteht aus drei Tribünen – Haupttribüne, Gegentribüne und einer trapezförmigen Hintertor-Tribüne, mit einer etwas gewagten Dachkonstruktion. Hinter dem anderen Tor befindet sich lediglich der Kabinentrakt, mehr Platz ist dort schlicht nicht vorhanden. Hinter dem Tor haben die ‚Warriors of Gate 6‘ ihren Platz. Etwa 80 Leute waren unter optischer Zuhilfenahme von drei größeren Schwenkern bemüht, ihre Mannschaft anzufeuern. Die Aris-Leute hatten ein paar kleinere Lappen an der Balustrade befestigt und sangen während des ganzen Spieles, sehr inbrünstig wirkte das aber nicht. Mag auch am bescheidenen Spiel gelegen haben. Panetolikos dezimierte sich bereits nach gut 20 Minuten selbst durch einen Platzverweis nach VAR-Überprüfung. Von einer personellen Überlegenheit der Gäste merkte man aber rein gar nichts. Bei einem äußerst schwachen Spiel-Niveau blieben Torchancen auf beiden Seiten Mangelware. Erst zehn Minuten vor dem Ende erzielte Aris den Treffer des Tages, als bei den Gastgebern die Kräfte schwanden. Der Rückweg nach Athen war wenig spektakulär und nach Ankunft verzogen wir uns für den Tagesabschluss noch für ein Stündchen in einer nahe an der Unterkunft liegenden Bar.



















