Essen – So., 02.11.2025, 16:30

Rot-Weiss Essen vs 1.FC Schweinfurt 05 2:1

Stadion an der Hafenstraße, 17.507 Zuschauer, 3.Liga
Mit dem 1.FC Schweinfurt 05 hatte der glorreiche RWE eine vermeintlich leichte Aufgabe vor der Brust. Zumindest auf dem Papier. Jahrelang versuchten die Mainfranken der Regionalliga Bayern zu entkommen, setzten dabei auf professionelle Strukturen und Profi-Spieler. Und scheiterten. Jahr für Jahr. Was schließlich dazu führte, dass vor zwei Jahren die Reißleine gezogen und das Ziel 3.Liga ad acta gelegt wurde. Fortan setzte der Verein auf Amateurspieler mit Bezug zur Region. Das schien mit etwas Verzögerung befreiend zu wirken. Die ‚Schnüdel‘, so der offizielle Spitzname des Vereins, rauschten durch die letzte Spielzeit und standen recht früh als Aufsteiger fest. Diesen Schwung konnte der Club allerdings überhaupt nicht in die neue Saison retten. Gegen den Tabellenletzten, der nur ein Spiel gewann und alle anderen verlor, der den schlechtesten Sturm und die schlechteste Abwehr der Liga stellt, war ein ungefährdeter, stressfreier Heimsieg lästige Pflicht. Und genau das macht so ein Spiel ja so undankbar, weil alle – auch diejenigen, die es abstreiten – im Hinterkopf ja eigentlich nur mit der Höhe des Sieges beschäftigt sind. Aber in dieser Liga gibt es keine einfachen Spiele und vermeintlich schwache Gegner sind für die aktuelle Mannschaft sowieso Gift, weil sie dann selber das Spiel gestalten muss, was bisher nicht unbedingt eine Stärke war. Schnelles Umschaltspiel lässt sich gegen einen tiefstehenden Gegner nun mal nicht praktizieren, aber genau das ist ja ein Trumpf der Roten. Ein Spiel selber zu gestalten, bleibt aber noch ein Lernprozess für das Team. Zu oft reißt der Faden, was mit ein Grund für die schon mehrfach angesprochene mangelnde Konstanz ist.
Für die Bewertung der heutigen Leistung muss ich aber Coach Uwe Koschinat ins Boot holen, von dem ich prinzipiell eine gute Meinung habe. Kritisieren möchte ich generell einen überhöhten Hang zur Rotation bei den Aufstellungen. Koschinat rechtfertigt dieses mit Verwies auf Belastungssteuerung. Ich habe eher den Eindruck, dass er es den nominellen Leistungsträgern irgendwie recht machen und jedem zu Einsatzzeiten verhelfen will. Nach meiner Meinung behindert dieses aber nicht nur die Bildung einer echten Stammformation, sondern auch dass sich eine Formation richtig einspielen kann. Zudem fehlte in der heutigen Startaufstellung ein echter möglichst groß gewachsener Mittelstürmer, denn aufgrund der Vorzeichen war eine erhöhte Präsenz im Gäste-Strafraum und damit sicherlich ein erhöhtes Maß an hohen Bällen zu erwarten. Dass der offenbar überschätzte Mause dieser nicht sein würde oder gar konnte, war einigermaßen klar. Der aus Meppen verpflichtete Janssen, der bei seinen wenigen Einsätzen auf sich aufmerksam gemacht hatte, erfüllte das Anforderungsprofil aber perfekt. Verzichtet wurde auf diese Option dennoch, stattdessen Safi wieder in die Spitze beordert. Auch die offensive Reihe mit Obuz, Arslan und Mizuta dahinter geht sicher nicht als Kopfballmaschinerie durch.
So führten zehn (in Worten: zehn!) Ecken in der ersten halben Stunde zu nicht einem gefährlichen Abschluss. Stattdessen hatte Obuz den Schlussmann der ‚Schnüdel‘ nach wenigen Minuten geprüft, danach passierte trotz drückender Überlegenheit des glorreichen RWE wenig, zu umständlich waren die Angriffsaktionen. Müsel erzielte dann gut zehn Minuten vor dem Seitenwechsel nach klugem Zuspiel von Obuz endlich die Führung. Was Sicherheit geben sollte, veränderte das Spiel unerwartet. Die Roten blieben noch einige Minuten am Drücker, dann wurde die Mannschaft vom Main wurde plötzlich mutig und sichtbar. Ein Lattenkracher von Ex-RWE-Chancentod Endreß hätte schon den Ausgleich besiegeln können, kurz darauf wurde dies aber mittels berechtigtem Handelfmeter erledigt. Alonso war der Unglücksrabe mit der viel bemühten unnatürlichen Armhaltung, die aber in den meisten Fällen aufgrund des Bewegungsablaufes eben doch natürlich ist. Aber so ist halt die Regel. Kurz nach Wiederanpfiff machten die Gäste mit einem Kopfball an den Pfosten direkt wieder auf sich aufmerksam. Das Spiel zeigte sich nun ausgeglichen, die ‚Schnüdel‘ wirkten dabei aber einem möglichen Tor näher, auch weil die ‚zweiten Bälle‘ in der Mehrzahl bei den Schweinfurtern landeten. Nach zwanzig Minuten der zweiten Hälfte wechselte Koschinat offensiv und brachte unter anderem den angesprochenen Janssen. Dass dieser nur fünf Minuten benötigte, um mit einem satten Schuss von der Strafraumgrenze die erneute Führung zu erzielen, war ein Wink mit dem Zaunpfahl. Nach meinem Gefühl hat der Stoßstürmer mal eine Chance über einen längeren Zeitraum verdient.
Der Treffer weckte bei den Bayern die restlichen Kräfte. Diese suchten ihr Heil nun endgültig in der Offensive und kamen unterstützt durch haarsträubende individuelle Fehler in der rot-weissen Defensive zu zwei, drei Überzahlsituationen, die aber miserabel ausgespielt wurden. Daher geriet der Sieg nur bedingt in Gefahr und die Punkte blieben an der legendären Hafenstraße. Das Gebotene hatte die Erwartungen bestätigt. Jedes Spiel in Liga Drei ist schwer und gerade ein Spiel gegen ein Team aus dem Keller muss einfach nur gewonnen werden. Die Bilanz gegen den FCS05 bleibt lupenrein – es war der fünfte Sieg in bisher fünf Spielen gegeneinander. Eine andere Statistik weist aus, dass der RWE im Vergleich zu den Kontrahenten die drittwenigsten Chancen in dieser Drittliga-Spielzeit kreiert. Mich würde daher auch mal der Wert der Effektivität interessieren, denn nun erzielte 23 Treffer sind ja auch kein so schlechter Wert. Die mitgereisten 250 Gäste-Anhänger bedachten ihr Team für eine couragierte Leistung zurecht mit Applaus. Mir ist dieser Verein nicht unsympathisch und ich würde ihm den Klassenerhalt gönnen, jedoch erscheint dieser schon jetzt unerreichbar. Bleibt noch zu klären, wo der Spitzname ‚Schnüdel‘ seinen Ursprung findet. Vor Beginn der industriellen Produktion von Fußbällen, wurden diese noch von Hand gefertigt. Eine echte Schweinsblase wurde in das vernähte Leder gestopft und dieses am Lufteinlass der Blase besonders fest verschnürt. Diese Stelle wurde im fränkischen Sprachgebrauch als Schnüdel bezeichnet. Da es ein Schweinfurter Bürger und auch Vereinsmitglied des 1.FC 05 war, der den Schnüdel in den 20er Jahren durch ein richtiges Ventil ersetzte, war der Spitzname des Vereins geboren.