
MSV Duisburg vs Rot-Weiss Essen 1:2
MSV-Arena, 27.719 Zuschauer, Niederrheinpokal Finale

Das Finale um den Verbandspokal stand an und es sollte (leider) ein denkwürdiges werden. Da sich die Wege mit dem Un-Verein aus der verbotenen Stadt seit mittlerweile mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr gekreuzt haben, sind die Zebras inzwischen zum Erzrivalen 1B aufgestiegen. Dementsprechend heiß waren beide Seiten auf dieses Spiel, sodass in den Verkaufsphasen beider Vereine binnen kürzester Zeit sold out vermeldet werden durfte. Knapp 28.000 Leute besuchten dieses Spiel. Aus Sicherheitsgründen mussten beinahe 4.000 Plätze leer bleiben, was dann leider doch große Lücken auf den Tribünen bedeutete. Ein Derby zwischen dem MSV und den glorreichen Roten ist nie ein normales Spiel, sondern immer besonders, erst recht in einem Finale. Heute sollte es leider auf unerfreuliche Art noch ‚besonderer‘ werden. Das Intro zur Partie war noch mehr als würdig. Die Nordkurve ließ eine große, detailliert gemalte Blockfahne herunter, deren Motiv einen älteren MSV-Fan vor der Haupttribüne des alten Wedaustadions zeigte, untermalt von einem Banner am Zaun mit Titel „Smells like teen spirit“, was vermutlich auf die ‚Wiederauferstehung‘ des Vereins nach dem letztjährigen Abstieg und der dadurch entfachten Euphorie abzielte. Im Gästebereich wurde eine einfache Choreo aus roten Folien im Oberrang und deren weissen im Unterrang und darüber mittig das Vereinswappen präsentiert. An Balustrade und Zaun prangte in großen Lettern „Der Schreck vom Niederrhein, das bist nur Du allein“. Ausführung eher Note drei minus, denn da der Away-Sektor nicht gleichmäßig belegt war, weil die Sitzplätze nicht genutzt wurden, da alle RWE-Anhänger standen und zusammenrückten, wurde die Blockfahne mit dem Wappen zunächst nicht richtig strammgezogen. Manche Leute zeigten sich einfach zu dämlich oder wehrten sich sogar unverständlicherweise gar dagegen.
Die MSV-Kurve um Kohorte, PGDU und Co stellte dann kurze Zeit nach dem Anpfiff aus unersichtlichem Grunde den Support ein, während auf rot-weisser Seite munter weiter gesungen wurde. Das war letztlich der Auslöser, dass nach dem Spiel mehr darüber diskutiert wurde, warum, wann und wie lange der Gästeblock supportet hat oder nicht, als über das Spiel selbst. Im Oberrang der Nordkurve hatte es einen medizinischen Notfall mit Reanimationsmaßnahmen gegeben. Naturgemäß dauerte es eine ganz Weile bis das im Gästebereich auf der anderen Seite des Stadions ankam, zumal die RWE-Ultra-Szene ja ihrerseits mit der Anfeuerung beschäftigt war. Einigen im Stadion dauerte das zu lange, weshalb der Vorwurf im Raume steht, die RWE-Ultras hätten den Vorfall ignoriert. Eine angemessene Durchsage der Stadionregie hätte für Klarheit sorgen können, denn sicherlich waren auch große Teile der Zuschauer in den Heimbereichen irritiert, zudem hätte der Schiedsrichter das Spiel für die Dauer des Rettungseinsatzes auch unterbrechen können. Nachdem also die Information durchgesickert war, wurde auch im Away-Sektor der Support eingestellt. Für eine gute Viertelstunde herrschte nun weitgehend kollektives Schweigen, bis nach etwa einer halben Stunde Spielzeit dann Applaus im Duisburger Publikum aufbrandete, ein offensichtliches Zeichen, dass die Situation entschärft wurde, sich die Lage für den Betroffenen verbessert hatte.
Die RWE-Szene entschied sich daher, die Anfeuerung wieder aufzunehmen, in der Nordkurve war kurz zu beobachten, dass man sich ebenfalls zum Support rüstete, die Fahnen wurden aus- dann aber wieder eingerollt und das Schweigen fortgesetzt, diese Entscheidung blieb aus der Perspektive von der anderen Seite uneindeutig. Kurz vor dem Ender der Halbzeitpause meldete sich endlich der Sprecher und gab bekannt, dass die betroffene Person ins Krankenhaus transportiert wurde, leider ist dieser im Laufe der folgenden Nacht dann aber verstorben, was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen konnte. Die für ihren straffen Politik- und Ethikkodex bekannte Ultra-Szene der Zebras blieb auch während des zweiten Durchgangs stumm, eine Entscheidung, die es zu respektieren gilt, aber eben eine individuelle, subjektiv getroffene. Das normale Publikum raffte sich ab und an zu altbekannten Schlachtrufen und Gesängen auf, während von rot-weisser Seite durchgängig supportet wurde. Die Durchsage des Sprechers über den Abtransport des Patienten ins Krankenhaus suggerierte natürlich, dass die Person nun gut versorgt ist, über eine offenbar weiterhin bestehende Lebensgefahr war nichts bekannt. Von Seiten der MSV-Fans wird der RWE-Szene nun vorgehalten, sich ungerührt vom Schicksal des Patienten gezeigt zu haben, es wird fehlendes Fingerspitzengefühl und Empathielosigkeit vorgeworfen.
Unnötig angeheizt wurde diese Diskussion im TV-Interview unmittelbar nach Spiel durch MSV-Trainer Didi Hirsch, der sich durch das Schweigen der eigenen Kurve und die daraus resultierend dominanten RWE-Fans um den Heimvorteil gebracht sah und den Gäste-Fans deshalb Respektlosigkeit vorwarf. Entschuldigend sei angeführt, dass Hirsch aufgrund des gerade erst beendeten Spiels sicherlich noch emotionsgeladen war, jedoch schafften es dagegen einige MSV-Anhänger schnell, die Situation sachlich und ehrlich einzuordnen. Weiterhin ist mir kein Gesetz bekannt, welches vorschreibt, dass man den Support einstellen muss, wenn jemand im Stadion medizinisch behandelt werden muss, auch nicht wie lange die Stille durchzuhalten wäre. Es geht hier natürlich um Ethik und Moral und, ja klar, auch um Respekt das ist sicherlich richtig. Auch mit der rot-weissen Brille auf der Nase maße ich mir aber an, die Situation reell einschätzen zu können, da ich ja nun selbst den Eindruck aus dem Away-Sektor mitgenommen habe. Und so hat sich der rot-weisse Anhang nach meiner Einschätzung anhand der erhaltenen Informationen korrekt verhalten. Dass die Duisburger Ultra-Szene, die am näher am unglücklichen Geschehen positioniert war und daher natürlich auch kurzfristiger an eindeutige Informationen gekommen sein dürfte, sich entschied, auch die übrige Spielzeit auf den organisierten Support zu verzichten, darf nicht als Maßstab für die Entscheidung der RWE-Szene dienen. Zumal das unorganisierte Publikum des MSV, wie schon erwähnt, ebenfalls Anfeuerung von sich gab.
Sportliche rückte der Kick durch die unglücklichen Geschehnisse etwas in den Hintergrund und das Spiel konnte die Erwartungen aufgrund der Gesamtumstände nicht erfüllen. Als ob es der Wettergott vorher schon wusste, versank der Nachmittag auch noch im Duisburger Schnürregen. Klar, wir brauchen den Regen, aber der kommt ja auch immer dann, wenn er eben nervt. Die ersten zehn Minuten gehörten den Mannen in Rot und Weiss, ehe MSV-Sturmführer Sussek durch eine Einzelaktion das Selbstvertrauen bei den Gastgebern weckte. Mit Leidenschaft und Kampf schafften es die Gastgeber nun, die individuelle Unterlegenheit auszugleichen, während der RWE zwar den Ballbesitz hatte, im Spielaufbau aber zu gemächlich unterwegs war, um die Meidericher zu gefährden. Nach nicht mal zwanzig Minuten nahm ein Duisburger nach einem abgewehrten Eckball aus bestimmt 25 Metern Maß und hätte die Kirsche rechts am Tor vorbeigejagt. Meuer hielt aber seine Rübe in den Schuss und lenkte die Murmel unhaltbar ins Tor, da Wienand gerade in die andere Ecke unterwegs war. Das Spiel änderte sich danach nicht, die Gastgeber warfen alles rein, während der RWE um Struktur bemüht war. Es gab kleinere Möglichkeiten auf beiden Seiten, zählbar wurde es aber erst in der Nachspielzeit der ersten Hälfte, als Gjasula eine Arslan-Flanke zum Ausgleich einnickte. Zu diesem Zeitpunkt sicherlich glücklich, unverdient war es aber nicht.
Nach dem Seitenwechsel drückten die etwas favorisierten Gäste dem Kick dann aber mehr den Stempel auf, kontrollierten die Partie. Lucas Brumme, der bis dahin noch nicht zu seiner Normalform gefunden hatte, flankte dann wenige Minuten nach Wiederanpfiff punktgenau auf Safi, der das Spielgerät gegen die Laufrichtung des MSV-Schnappers zur Führung ins Netz köpfte. In der Folge blieb der RWE der Regisseur des Spiels, der MSV konnte das Ruder zunächst nicht an sich reißen, erarbeitete sich aber dennoch Möglichkeiten. In der Schlussviertelstunde nahmen die Gastgeber mit dem Mute der Verzweiflung dann das Heft langsam in die Hand und waren dem Ausgleich nahe. Die größte Möglichkeit bot sich aber RWE-Kapitän Schultz, der zunächst MSV-Keeper Braune per Kopfball prüfte, den sich überraschend bietenden Nachschuss dann in Rücklage aus vier Metern über die Querlatte in den Regen jagte. Das war es dann und der Niederrheinpokal wanderte zum wiederholten Male an die Hafenstraße. Die Partie war eng, der Sieg ist dennoch nicht ganz unverdient, da der RWE das Spiel beinahe komplett kontrollierte, wenn auch in der ersten Hälfte auf überschaubarem Niveau. Die Siegerehrung wurde aufgrund der sensiblen Situation in die Katakomben der Haupttribüne verlegt, die Mannschaft stürmte danach aber mit dem Pokal in die Kurve um mit dieser zu feiern. Dass die Stadionregie die Musik dann möglichst laut aufdrehte, um die Feierlichkeiten bestmöglich zu stören, war dann auch weniger respektvoll. Eine aufgrund der traurigen Umstände denkwürdige Veranstaltung fand so ein begrenzt vergnügliches Ende.






















